von Götz Kubitschek –
Es ist da einer in jungen Jahren an die Front gegangen, ein Deutscher. Er hat sich auf die ukrainische Seite geschlagen, hat im Donbass gekämpft, gefroren, getötet, hat dort Männer sterben und weinen und bluten und zittern sehen, und als er noch einmal zurückkam, um zu essen, zu trinken, zu schlafen, zu baden und zu erzählen, da hieß es: »Er ist weiter als wir.« Nun ist er tot, eine Drohne (oder das, was sie abwarf) ist vor ihm explodiert. Als die Nachricht eintraf, hieß es: »Er war weiter als wir.«
Er ist, er war: Man kann diesen Satz, diese Behauptung, diese Vermutung als das Ergebnis von Wehmut oder gründlichem Nachdenken oder schlicht als Mitteilungsbedürfnis begreifen. Jedenfalls wurde er geäußert und galt gleich als gültig. Er wurde variiert und zu später Stunde noch einmal von einem so zusammenhangslos ausgesprochen, als sei er, gedanklich in Schützengräben, gerade erst auf diese Einordnung gestoßen. Das Interessante an der Sache ist dies: Niemand, der davon überzeugt ist, daß jener »weiter war als wir«, zog ihm jetzt nach, um den Abstand zu verringern und ähnlich weit zu gehen.
Es fiel einer, der, so sagte man mir, keine Romane mehr lesen wollte und dessen Hand leicht zitterte, wenn man genau hinsah. Aber keiner, der ihn kannte, weiß, ob er für sein Ich oder für ein Wir auszog. Es fiel vielleicht ein Übermensch. Oder es fiel ein Abenteurer. Es fiel einer vielleicht, weil er die Gelegenheit zum Krieg beim Schopfe griff. Oder hatte er einfach Ernst gemacht mit Europa und einer europäischen Identität, deren Tatbeweis er mit jedem Tag an der Front erbringen wollte, nicht bloß als Idee beschreiben?
Ist es verwunderlich, daß mich das so brennend interessiert? Wenn einer »weiter war als wir«, dann will man doch wissen, welche Leiter er erklomm und nach welchem Kompaß er marschierte, die paar Jahre lang. Es muß ein Ernst darin gewesen sein, etwas hatte ihn dazu gebracht. Was war das? Eine Theorie, ein Pflichtgefühl, eine Disposition, ein Drang?
Woran könnte sich abmessen, ob er »weiter war«? Und wenn er es gar nicht war? Auch gut. Denn das ist, aufs Ganze gesehen, naheliegend: auf der Farbskala menschlicher Möglichkeit nicht »weiter«, sondern ein eher seltener Ton. Also war sein Leben (Gottfried Benn hat es so ausgedrückt) »etwas allgemeine Gültigkeit mit Zeichen von Situationärem«. Dann wurde auch er (Benns Ton ist unverkennbar) »zu Tisch geführt von Genetik und Paläontologie, die Ouvertüre setzt ein, komponiert in Ultraschall, vorgetragen von Muschelbläsern!«
Ich muß gestehen: Ich lese das überhaupt nicht abschätzig oder ironisch, sondern bloß vegetativ, also beruhigend: Dies alles gibt es also. Nichts von »weiter« und »über«, aber eine kurze, kräftige Lebensspur, ein Ausreizen menschlicher Spannbreite, eines dieser »Zeichen, deutungslos«, einer für den Götterwind, für die Ausdruckswelt – rasch, plastisch, verdichtet gelebt, dann die Sekunde auf der Schwelle, und zack: »ein jedes Werden stand still«.
Aber nicht jeder liest das so, sondern denkt sich den jungen Mann als ein bißchen unvernünftig »aus heutiger Sicht«, natürlich, »wenn man das so sagen darf«. Darf man. Und deswegen konnte aus der Runde, die beisammensaß und sich sicher war, daß jener »weiter war als wir«, nach dem dritten Bier einer aufstehen, seinen Deckel ausgleichen und sagen: »Männer, ich muß dann wieder.« Und: »Morgen früh raus.« Und: »So eine Scheiße.«
Seltsam, nicht wahr, wie klar und unwiderlegbar der Unterschied ist zwischen denen, die genau beschreiben können, wie schlimm man frieren kann, und den anderen, die wirklich frieren. Es gibt einen sehr theoretischen Drang nach Manifesten, nach Formulierungen und Attributen, die Besonderheit vermuten lassen und denjenigen herausheben sollen, der sie in den Lückentext seines Lebens einsetzt. Zum Glück gibt es die Stillen im Lande, die das nicht nötig haben und auf den Gedanken erst gar nicht kommen, es sei da ein großes Wort neben ihre Tätigkeit zu stellen.
Jochen Klepper hat diesen Menschen ein schmales Bändchen gewidmet. Es heißt wiederum Die Stillen im Lande, von dort her kommt ja diese schöne Wendung, und es ist natürlich ganz vergessen. Seine Botschaft lautete: Wenn jeder um sich herum für Ordnung sorgt, zu einem Werk ansetzt und es auf Dauer zu stellen versucht, ist viel getan. Dieses Werk legitimiert das Wort, das vielleicht Verwendung fand und das denen, die Ernst machen, immer ein wenig zu groß vorkommen sollte.
Mit jedem Schritt, jeder Selbst-Aussetzung, jeder folgenreichen Lebensentscheidung ist jedenfalls mehr getan, als wenn da einer von einer neuen Zeit nur fabuliert, sich an der Neuordnung der Nation und des Kontinents selbst erregt und dann doch im Büro seine Stunden abmißt und in diese neue Zeit hinein vor allem sein eigenes Fortkommen entwickelt.
Es gibt dieses Gerede, dieses Geplane und Entwerfen, das Härten immer nur für andere vorhersieht, für unabdingbar hält. Das ist alles Gerede, ein geschicktes Vertuschen, und das merkt man, Leute, glaubt mir. Woran? Daran, daß die Architekten solcher Entwürfe sich selbst stets zur Nomenklatura rechnen und sich nicht aussetzen, nicht zusammenpacken und losziehen, nicht ihr Leben und eine Tat an die Stelle des großen Wortes setzen.
Wir müssen ehrlich zueinander sein und sollten das Gerede vom großen Umbau meistenteils unterlassen, auch das von der Revolutionierung der Verhältnisse und von der Erhabenheit des Gefühls, dabei zu sein und vorgedacht zu haben, wenn nun umgewälzt werde. Revolten, Wenden, ganz neue Ordnungen – die Wahrheit ist doch die: Wir halten und hören Reden über die totale Krise, die Aufhäufung von Krisen, über das Verschwinden der weißen Völker und ihres weltgestaltenden Selbstbewußtseins, hören und variieren und schlußfolgern – aber dann ist es doch so, als rauschte es durch uns hindurch, ohne etwas in Gang zu setzen; als sei es ein Spiel, ein Wortspiel, ein Gedankenspiel, eine Spielart, mit etwas umzugehen, das erkannt werden konnte, das durchaus zusetzt, durchaus.
Mehr aber auch nicht. Denn was wir Krise nennen, das hindert uns doch an gar nichts – nicht am Urlaub, nicht am Gemotze über zu spät serviertes Bier, nicht am Schlaf, am Neid, am ganzen wählerischen Gehabe, nicht an »Gewichtszunahme« (Benn).
Und weil das so ist und immer schon so war, und weil der Mensch dehnbarer ist als jeder Gummi, also sich etwas vormachen, etwas dramatisieren, etwas ignorieren kann, und umschichten und zurechtkommen und ertragen, wenn nicht die Krise ins völlig Unerträgliche, ins Ausgehungerte abkippt – weil das also immer schon so war, übt das Undramatische, das aus dem Studium großer Bögen Ablesbare, das im Pendelschwung Erwartbare seine unheimliche Herrschaft aus. Geologische Gelassenheit, Kalksteinstimmung, als herrschte noch immer das Pleistozän.
Nichts ist wirklich von Eile, alles Bedeutende kommt sowieso, tritt auf, rollt ab, findet seinen Ausdruck, im großen und ganzen ebenso wie in der kleinen Spanne. Was ahnte der junge Mann, warum entschied er so entschieden? Wann ist der historische Moment da, der je eigene und der große? Wann kommt es darauf an, wann wird man auf die Bühne gerufen, wann fällt das Stichwort? Wir wissen es nie, ahnen es nur. Und dann? Was sagen, wie gehen, wie auf‑, wie abtreten? Muß es immer lapidar sein?
»Gedenken wir jetzt«, wieder Benn,
des 2. 12. 1942, als die Zeiger der Meßinstrumente sich zitternd zu bewegen begannen, kleine Klötze von Uran mit angereichertem Uran 235 waren wie Briketts übereinandergeschichtet in der Halle des Sportpalastes der Universität Chikago, die Spaziergänger gingen ahnungslos darüber hin – also es war soweit, die Meßinstrumente brummten, aber Fermi, der Unerschütterliche, Leiter und Inaugurator des Neutronenbeschusses, der neue Gestalter mit der Erkenntnis von der Veste und dem Licht und dem Unterschied zwischen dem Wasser, Blockwart der zweiten Genesis, sagte die bekannten Worte: ›Erst laßt uns Essen gehen.‹
Als der Kontrafunk, dieses von dem Journalisten Burkhard Müller-Ullrich aufgesattelte Gegen-Radio, Mitte März in Berlin den tausendsten Tag seines Bestehens feierte, trat im Rahmen der Festveranstaltung auch der Publizist Raymond Unger auf. Er las aus seinem gerade erschienenen Roman KAI, sprich: KA‑I vor – den Prolog und einen Auszug aus einem Kapitel: dystopisch, mitten in der nächsten Stufe des Transhumanismus angesiedelt, hirnverändernde Nano-Impfungen, Beuge-Lager, Spritzenzwang.
In seiner kurzen Vorrede erklärte Unger, daß er den Handlungsraum gern seinem fiktionalen Talent, seiner Phantasie, seinem Vorstellungsvermögen zuschreiben würde. Jedoch sei das, was er niedergeschrieben habe, leider keine Erfindung, sondern eher ein Bericht über Verfahren, Pläne und Techniken, die unter Laborbedingungen bereits erprobt würden.
Im Saal: fast 800 Leute, darunter viele urteilssicher, eloquent, mit Widerstandspotential und dem eingeübten Vokabular der Corona-Jahre und aus Grenzwissenschaften. Aber: Nichts geschah. Man hörte sich’s an, und es entstand nach dieser als Gewißheit geäußerten Behauptung kein schockiertes, kein aufgeregtes Gemurmel, »was nun, wie weiter, wer weiß mehr?« Nichts dergleichen. Das ist doch interessant, oder? Was ist das für eine Stimmung? »Mag so sein«, oder: »Wissen wir eh schon«, oder »Heute dies, morgen das«?
Immerhin hat da jemand, Unger, der schon kluge Bücher schrieb, gesagt, man könne mittlerweile per Impfung Nano-Partikel so einspritzen, daß sie das Gehirn manipulierten. Wäre es da nicht angebracht, den Blockwart der dritten Genesis ausfindig zu machen und ihn zu fragen, ob er auch erst zum Essen gehen wolle, während sich in seinem Labor, an dem wir ahnungslos vorbeispazieren, schon mal Gehirne verändern?
Viele Menschen halten mittlerweile alles für möglich und finden keine Handhabe dagegen. Wie soll es auch anders sein? Was soll man folgern, welches große, radikale Konzept dem großen, radikalen Konzept der transhumanistischen Überschreitung, der dritten Genesis entgegenstellen?
Keinesfalls darf das Verhängnis dazu führen, daß wir von uns selbst immer weniger wissen. Vielleicht klingt das nun sehr nach Japan. Aber es ist nicht vor allem japanisch, kalten Händen eine sorgsam zubereitete Tasse Kaffee zu reichen und ein Stückchen danebenzulegen. Es kann in einer solchen Geste die ganze Welt liegen, zumal, wenn die Gegensätze groß sind. Nur von dort aus geht es weiter, das ist meine feste Überzeugung.
Es gibt die kleine Form und die große Form, und beiden gemeinsam ist, daß man jenseits aller Worte weiß, ob sie gelungen sind. Sie zu gestalten und gegen das Unförmige, Chaotische durchzusetzen, und gegen das, woran wir nicht kratzen können, immer wieder neu: Das ist der Anfang, das sind »die Zeichen von Situationärem«. Von dort aus muß es weitergehen, von dort her kann es enden.
Es kann bei der kleinen Form bleiben, es kann ins Erhabene gehen, es kann die Existenz verdichten, und danach kann es vorbei sein. Wir reden also über den Augenblick und über die ganze Gestalt, jedenfalls aber über Formung. Das ist schon alles, aber glaubt mir: Das ist viel. Habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, ob es verstanden werde, »weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.«