Auch, weil in manchen Jahren eine Handvoll großartiger Meisterwerke erschienen war – und in anderen Jahren allenfalls besserer Durchschnitt. Für das Jahr 2013 jedoch fiel die Entscheidung leicht: Es war, keine Frage, Die Abenteuer des Joel Spazierer von Michael Köhlmeier.
Dieses Buch ist nichts weniger als ein Meisterwerk der Erzählkunst, hin- und mitreißend von der ersten bis zur letzten Zeile. So schreiben Könner: ohne jedes Arbeitsgeräusch, dabei spannend, anspruchsvoll und enorm einfallsreich. Verstiegen? Ja, das durchaus, aber wie sollte es anders gehen angesichts des labyrinthischen Daseins dieses Protagonisten?
So schrieb ich damals. Und weiter:
Spazierer ist ein ausgedachter Name. Als Kind hieß er erst András Fülöp, später Andres Philip, kurzzeitig Robert Rosenberger, dann Ernst-Thälmann Koch, kein Tippfehler: Thälmann ist der zweite Teil des Vornamens. »Spazierer« wurde zur Identitätsverschleierung von einem vertrauten linken Pfarrer für gut befunden: »Es ist nicht schlecht, wenn die Leute meinen, es sei ein jüdischer Name. Dann fragen sie nicht.…Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn du das Jüdische mit einem jüdischen Vornamen betonst.«
Unser Held hat allen Grund, seine Identität zu verhehlen. Er ist ein Mörder und ein Lügner. Angesichts dessen – er hat zusätzlich gedealt, er hat sich prostituiert, hat Ehen und Dutzende Gesetze gebrochen– grenzt es an ein Wunder, daß wir Hunderte Seiten mit ihm hoffen und bangen. Sollen wir Joel Spazierer einen schlechten Menschen nennen? Fiebern wir aus Mitleid mit ihm? Nein, nein. Es ist viel komplizierter.
Genug der langen Vorrede. Ich kann nicht wissen, ob Anke Engelmann, 1966 geboren in Weimar und noch heute dort lebend, den Joel Spazierer je las. In der DDR hatte Frau Engelmann zunächst als Theaterdekorateurin (Schauspielhaus Erfurt) gearbeitet, lernte dann Möbelpolsterin. Literaturwissenschaftliches Studium und eigenes Schreiben kamen viel später.
Engelmann hat jedenfalls soeben einen ganz ähnlichen, (inklusive Mord, Lügen, Drogen) Schelmen- und Hochstapler verfaßt, der allerdings fast ausschließlich in der DDR spielt.
Was für ein un- und außergewöhnliches Buch! Das Bewußtsein unseres Erzählers – Johannes Bohn – ist so besonders, daß er uns sein Leben ab Geburt erzählen kann.
Ihm war schnell klar, warum sein Vater (fortan: „Nennvater“) ihn so sehr haßte, ihn beinahe absichtsvoll verbrühte als Kleinkind, und weshalb die berüchtigte Wochenkrippe (Kind von Montagsfrüh bis Freitagabend in Fremdbetreuung) DIE RETTUNG war vor den Schikanen des Nennvaters: Weil der EIGENTLICHE Vater Bloch hieß, Ernst Bloch. (Dieser Name kursierte halt dauernd in den Elterngesprächen, daher war es ziemlich klar.)
Nein, es gab keine Beweise, aber Indizien, so viele Indizien, daß eigentlich kein Zweifel bestehen konnte. Hannes (den biblischen Namen Johannes rasch abgelegt), ist von der wahrhaft fixen Idee, daß Ernst Bloch sein wahrer Vater sei, völlig umtrieben. Es gelingt ihm im jugendlichen Alter, nach Westdeutschland zu fliehen. Nach Tübingen, wohin Bloch sich abgemacht hatte. Eine äußerst unwahrscheinliche Flucht – aber sie gelingt auf ganz abenteuerliche Weise, nämlich ermöglicht durch einen Patron aus dem Staatsapparat.
Seither, seit Jugendalter also, ist Hannes in den Fängen der Stasi. Der Tübingen-Trip endet fruchtlos. Hannes Bohn bringt es nicht übers Herz, Blochs liebe Gattin apropos ihn, das mutmaßlich außereheliche Kind, anzusprechen.
Er reist entmutigt zurück ins Gefängnis namens DDR.

Nichts daran wirkt konstruiert, Hannes ist einfach vom Typus „am Puls der Zeit“. Hannes ist als zwanzigjähriger Herumtreiber dabei, als im Mai 1978 die Volkspolizei auf der „Internationalen Gartenbau-Ausstellung“ in Erfurt Jugendliche zusammenknüppelt, die den ostdeutschen (und deutschsingenden) Blues-Musiker Stefan Diestelmann hören wollen.
Er steht in Verdacht, mit „June 78“ (gesprochen: nicht „Dschun“, sondern „June“) zu kooperieren. Hannes ist dabei, als 1981 in Erfurt-Bischleben der Interzonenzug von Düsseldorf nach Glauchau entgleiste, mit zahlreichen Toten.
Er hilft Werner Tübke, sein Bauernkriegspanorama zu vollenden. Hier entpuppt sich auch Bohns eigentliches, wunderbares Talent: Er wird zum hochprofessionellen Kunstfälscher.
Er fälscht, was das Zeug hält. Das ist kein Kinderspiel: Du mußt die Texturen kennen, darfst das historische Bleiweiß nicht mit modischem Zinkweiß verwechseln, du darfst die Holzwurmlöcher nicht vernachlässigen. Diese Geschichte, die gewiß keine unkomplizierte ist, wird in kurzen Sätzen erzählt. Daran ist nichts manieriert, es macht die Chose einfach wunderbar lesbar. Die Sachen sind, wie sie sind. Und sie sind oft grauenhaft. Wie bei Joel Spazierer wird hier gelogen, gefälscht, gedealt und sogar gemordet:
Ich klopfte an ihre Tür. Niemand reagierte. Ich öffnete. Sie sah grauenvoll aus. Sie mußte sich übergeben haben: Blaukorn!
Hannes Bohn ist dabei ein ähnlich „sympathisches Monster“ wie Köhlmeyers Möchtegernjude. Er mäandert durch die Zeiten, selten fröhlich, immer leidenschaftlich, stets getrieben:
Ringsum lärmte der Frühling. Tränenlos stierte ich in den Strom, der trübe und breit angeschwollen in seinem Bett toste. Schon hatte ich das schmiedeeiserne Geländer gepackt, schon ein Bein darübergeschwungen, als ich innehielt.
Hannes Bohns Leben steht mehrfach derart auf Messers Schneide. Er ist ein Getriebener, stets verfolgt von den Schergen des Systems, und doch agiert er, agitiert, liebt, haßt, verrät, verrät nicht, läßt Verhöre stoisch über sich ergehen. Allerdings (es gäbe bestimmt einen Diagnoseschlüssel in psychiatrischer Hinsicht) läßt er auch überhaupt nichts anbrennen. Er startet durch als Kunstfälscher. Und was für einer!
Am Ende vergaloppiert sich dieser fulminante Roman leider ein wenig, er erhält hier einen etwas hysterischen Drive. Man muß es auch nicht goutieren, daß im Anhang alles „erläutert“ wird: Zahlen, Daten, Fakten. Es ist ein Aufklärungswahn – als fügte man einem Gedicht Fußnoten bei. Aber was für eine großartige, verrückte Geschichte!
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Anke Engelmann: Blender, Roman, Berlin/Dresden: Voland & Quist 2026, 223 Seiten, 23 € – hier bestellen

Ein gebuertiger Hesse
"Bleiweiß ... Zinkweiß ... Holzwurmlöcher" - manchmal braucht es nur ein paar Worte, die den Leser der Rezension sogleich in die Arme des Buches treiben.