Kritik der Woche (79): Blender

Vor anderthalb Jahren haben wir einen (klar, subjektiven) Kanon der „besten deutschsprachigen Romane der letzten 100 Jahre“ erstellt. Das war einigermaßen schwierig, aber das Ergebnis war schlagend und ist von der Mainstream-Presse einigermaßen ratlos aufgegriffen und kommentiert worden. Hier ist die Liste.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Auch, weil in man­chen Jah­ren eine Hand­voll groß­ar­ti­ger Meis­ter­wer­ke erschie­nen war – und in ande­ren Jah­ren allen­falls bes­se­rer Durch­schnitt. Für das Jahr 2013 jedoch fiel die Ent­schei­dung leicht: Es war, kei­ne Fra­ge, Die Aben­teu­er des Joel Spa­zie­rer von Micha­el Köhlmeier.

Die­ses Buch ist nichts weni­ger als ein Meis­ter­werk der Erzähl­kunst, hin- und mit­rei­ßend von der ers­ten bis zur letz­ten Zei­le. So schrei­ben Kön­ner: ohne jedes Arbeits­ge­räusch, dabei span­nend, anspruchs­voll und enorm ein­falls­reich. Ver­stie­gen? Ja, das durch­aus, aber wie soll­te es anders gehen ange­sichts des laby­rin­thi­schen Daseins die­ses Prot­ago­nis­ten?

So schrieb ich damals. Und weiter:

Spa­zie­rer ist ein aus­ge­dach­ter Name. Als Kind hieß er erst András Fülöp, spä­ter And­res Phil­ip, kurz­zei­tig Robert Rosen­ber­ger, dann Ernst-Thäl­mann Koch, kein Tipp­feh­ler: Thäl­mann ist der zwei­te Teil des Vor­na­mens. »Spa­zie­rer« wur­de zur Iden­ti­täts­ver­schleie­rung von einem ver­trau­ten lin­ken Pfar­rer für gut befun­den: »Es ist nicht schlecht, wenn die Leu­te mei­nen, es sei ein jüdi­scher Name. Dann fra­gen sie nicht.…Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn du das Jüdi­sche mit einem jüdi­schen Vor­na­men betonst.«

Unser Held hat allen Grund, sei­ne Iden­ti­tät zu ver­heh­len. Er ist ein Mör­der und ein Lüg­ner. Ange­sichts des­sen – er hat zusätz­lich gedealt, er hat sich pro­sti­tu­iert, hat Ehen und Dut­zen­de Geset­ze gebro­chen– grenzt es an ein Wun­der, daß wir Hun­der­te Sei­ten mit ihm hof­fen und ban­gen. Sol­len wir Joel Spa­zie­rer einen schlech­ten Men­schen nen­nen? Fie­bern wir aus Mit­leid mit ihm? Nein, nein. Es ist viel komplizierter.

Genug der lan­gen Vor­re­de. Ich kann nicht wis­sen, ob Anke Engel­mann, 1966 gebo­ren in Wei­mar und noch heu­te dort lebend, den Joel Spa­zie­rer je las. In der DDR hat­te Frau Engel­mann zunächst als Thea­ter­de­ko­ra­teu­rin (Schau­spiel­haus Erfurt) gear­bei­tet, lern­te dann Möbel­pols­te­rin. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um und eige­nes Schrei­ben kamen viel später.

Engel­mann hat jeden­falls soeben einen ganz ähn­li­chen, (inklu­si­ve Mord, Lügen, Dro­gen) Schel­men- und Hoch­stap­ler ver­faßt, der aller­dings fast aus­schließ­lich in der DDR spielt.

Was für ein un- und außer­ge­wöhn­li­ches Buch! Das Bewußt­sein unse­res Erzäh­lers – Johan­nes Bohn – ist so beson­ders, daß er uns sein Leben ab Geburt erzäh­len kann.

Ihm war schnell klar, war­um sein Vater (fort­an: „Nenn­va­ter“) ihn so sehr haß­te, ihn bei­na­he absichts­voll ver­brüh­te als Klein­kind, und wes­halb die berüch­tig­te Wochenkrip­pe (Kind von Mon­tags­früh bis Frei­tag­abend in Fremd­be­treu­ung) DIE RETTUNG war vor den Schi­ka­nen des Nenn­va­ters: Weil der EIGENTLICHE Vater Bloch hieß, Ernst Bloch. (Die­ser Name kur­sier­te halt dau­ernd in den Eltern­ge­sprä­chen, daher war es ziem­lich klar.)

Nein, es gab kei­ne Bewei­se, aber Indi­zi­en, so vie­le Indi­zi­en, daß eigent­lich kein Zwei­fel bestehen konn­te. Han­nes (den bibli­schen Namen Johan­nes rasch abge­legt), ist von der wahr­haft fixen Idee, daß Ernst Bloch sein wah­rer Vater sei, völ­lig umtrie­ben. Es gelingt ihm im jugend­li­chen Alter, nach West­deutsch­land zu flie­hen. Nach Tübin­gen, wohin Bloch sich abge­macht hat­te. Eine äußerst unwahr­schein­li­che Flucht – aber sie gelingt auf ganz aben­teu­er­li­che Wei­se, näm­lich ermög­licht durch einen Patron aus dem Staatsapparat.

Seit­her, seit Jugend­al­ter also, ist Han­nes in den Fän­gen der Sta­si.  Der Tübin­gen-Trip endet frucht­los. Han­nes Bohn bringt es nicht übers Herz, Blochs lie­be Gat­tin apro­pos ihn, das mut­maß­lich außer­ehe­li­che Kind, anzusprechen.

Er reist ent­mu­tigt zurück ins Gefäng­nis namens DDR.

Es fol­gen Jahr­zehn­te der Sucht (Suff, Lie­be, alles). Mehr­fach lan­det Han­nes in Pfaf­fero­de (bei Mühl­hau­sen) in der Psy­cho­kli­nik. Daß unser Erzäh­ler unzu­ver­läs­sig und „nicht ganz dicht“ ist, hat sich da längst her­aus­ge­schält. Er ist nicht nur ein Wie­der­gän­ger von Köhl­mey­ers Joel, er ist auch eine Art For­rest Gump – wo auch immer in Thü­rin­gen etwas zeit­ge­schicht­lich Bedeut­sa­mes geschieht: Han­nes ist zufäl­lig mit von der Partie.

Nichts dar­an wirkt kon­stru­iert, Han­nes ist ein­fach vom Typus „am Puls der Zeit“. Han­nes ist als zwan­zig­jäh­ri­ger Her­um­trei­ber dabei, als im Mai 1978 die Volks­po­li­zei auf der „Inter­na­tio­na­len Gar­ten­bau-Aus­stel­lung“ in Erfurt Jugend­li­che zusam­men­knüp­pelt, die den ost­deut­schen (und deutsch­sin­gen­den) Blues-Musi­ker Ste­fan Die­s­tel­mann hören wollen.

Er steht in Ver­dacht, mit „June 78“ (gespro­chen: nicht „Dschun“, son­dern „June“) zu koope­rie­ren.  Han­nes ist dabei, als 1981 in Erfurt-Bisch­le­ben der Inter­zo­nen­zug von Düs­sel­dorf nach Glauch­au ent­gleis­te, mit zahl­rei­chen Toten.

Er hilft Wer­ner Tüb­ke, sein Bau­ern­kriegs­pan­ora­ma zu voll­enden. Hier ent­puppt sich auch Bohns eigent­li­ches, wun­der­ba­res Talent: Er wird zum hoch­pro­fes­sio­nel­len Kunstfälscher.

Er fälscht, was das Zeug hält. Das ist kein Kin­der­spiel: Du mußt die Tex­tu­ren ken­nen, darfst das his­to­ri­sche Blei­weiß nicht mit modi­schem Zink­weiß ver­wech­seln, du darfst die Holz­wurm­lö­cher nicht ver­nach­läs­si­gen.  Die­se Geschich­te, die gewiß kei­ne unkom­pli­zier­te ist, wird in kur­zen Sät­zen erzählt. Dar­an ist nichts manie­riert, es macht die Cho­se ein­fach wun­der­bar les­bar. Die Sachen sind, wie sie sind. Und sie sind oft grau­en­haft. Wie bei Joel Spa­zie­rer wird hier gelo­gen, gefälscht, gedealt und sogar gemordet:

Ich klopf­te an ihre Tür. Nie­mand reagier­te. Ich öff­ne­te. Sie sah grau­en­voll aus. Sie muß­te sich über­ge­ben haben: Blaukorn!

Han­nes Bohn ist dabei ein ähn­lich „sym­pa­thi­sches Mons­ter“ wie Köhl­mey­ers Möch­te­gern­ju­de. Er mäan­dert durch die Zei­ten, sel­ten fröh­lich, immer lei­den­schaft­lich, stets getrieben:

Rings­um lärm­te der Früh­ling. Trä­nen­los stier­te ich in den Strom, der trü­be und breit ange­schwol­len in sei­nem Bett tos­te. Schon hat­te ich das schmie­de­ei­ser­ne Gelän­der gepackt, schon ein Bein dar­über­ge­schwun­gen, als ich innehielt.

Han­nes Bohns Leben steht mehr­fach der­art auf Mes­sers Schnei­de. Er ist ein Getrie­be­ner, stets ver­folgt von den Scher­gen des Sys­tems, und doch agiert er, agi­tiert, liebt, haßt, ver­rät, ver­rät nicht, läßt Ver­hö­re sto­isch über sich erge­hen. Aller­dings (es gäbe bestimmt einen Dia­gno­se­schlüs­sel in psych­ia­tri­scher Hin­sicht) läßt er auch über­haupt nichts anbren­nen. Er star­tet durch als Kunst­fäl­scher. Und was für einer!

Am Ende ver­ga­lop­piert sich die­ser ful­mi­nan­te Roman lei­der ein wenig, er erhält hier einen etwas hys­te­ri­schen Dri­ve. Man muß es auch nicht gou­tie­ren, daß im Anhang alles „erläu­tert“ wird: Zah­len, Daten, Fak­ten. Es ist ein Auf­klä­rungs­wahn – als füg­te man einem Gedicht Fuß­no­ten bei. Aber was für eine groß­ar­ti­ge, ver­rück­te Geschichte!

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Anke Engel­mann: Blen­der, Roman, Berlin/Dresden: Voland & Quist 2026, 223 Sei­ten, 23 € – hier bestel­len

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (1)

Ein gebuertiger Hesse

11. April 2026 17:09

"Bleiweiß ... Zinkweiß ... Holzwurmlöcher" - manchmal braucht es nur ein paar Worte, die den Leser der Rezension sogleich in die Arme des Buches treiben.