Ein Ostererlebnis

Der Frühling ist, wie Rainer Maria Rilke sagt, „waldeigen, und kommt nicht in die Stadt“. Daher war ich am Ostersonntag mit Sohn und Bekannten im Wienerwald wandern. An der Hütte angelangt, genossen wir die Aussicht über das Wiener Becken und ein kühles Getränk, als es vom Nebentisch tiefste Schimpfwörter hagelte.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Dort saßen eben­falls zwei Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern, nicht viel älter als mein Sohn. Einer der Fami­li­en­vä­ter, ein sport­li­cher Mann mitt­le­ren Alters, konn­te sich nicht zurück­hal­ten. Es brach nur so aus ihm heraus!

Sol­che Momen­te sind mir nicht unbe­kannt, meist tra­gen sie sich aber in der Innen­stadt und nicht am Berg zu. Igno­rie­ren ist für mich in so einem Fall kei­ne Opti­on. Men­schen, die im offe­nen Raum so agie­ren, müs­sen mit Kon­se­quen­zen rech­nen. Nach einem knap­pen Wort­wech­sel besann ich mich aber.

Ich über­wand den Impuls, ein­fach nur zurück­zuschimp­fen, schnapp­te mir mein Glas und lud mich an den Tisch des Läs­ter­mauls ein. Das ist durch­aus ris­kant, man weiß nicht, ob man es hier mit dem Ex-Chef des Schwar­zen Blocks zu tun hat. Dem war nicht so. Der Herr reagier­te sicht­lich über­rascht und ner­vös. Rasch merk­te er aber, daß auch von mir kei­ne Gefahr droh­te, und zunächst wider­wil­lig ent­fal­te­te sich ein halb­stün­di­ges Gespräch.

Rasch kam her­aus, daß er kei­ne Ahnung hat, wofür ich wirk­lich ste­he. Als ich ihn bat, für sei­ne mas­si­ven Anschul­di­gun­gen von Het­ze, NS und Extre­mis­mus ein ein­zi­ges Zitat oder eine Akti­on zu brin­gen, folg­te Schweigen.

Er kann­te mich nur durch den Fil­ter des Main­streams. Schnell kam der Kon­ter, daß ich nur hier und jetzt “so tue”, daß ich mani­pu­lie­re und doch zuge­ben sol­le, wie extrem ich wirk­lich sei. Wie immer, wenn man nicht das erwünsch­te Kli­schee von Lin­ken erfüllt, beginnt die Suche nach dem „ver­bor­ge­nen Nazi“.

Ich erklär­te ihm, was mit Remi­gra­ti­on gemeint ist, daß wir gewalt­frei­en, legi­ti­men Akti­vis­mus betreiben.

Daß unse­re Geg­ner nicht Migran­ten, son­dern jene Poli­ti­ker sind, die die­se Strö­me zulas­sen. Als ich ihm den Satz sag­te, den ich in fast jedem Vor­trag und vie­len Reden vor­brin­ge, daß ich näm­lich selbst, als jun­ger Mann aus Afgha­ni­stan und Ban­gla­desch, ver­mut­lich selbst auch gera­de auf dem Weg in den Wes­ten wäre und die­sen Leu­ten daher kei­nen Vor­wurf mache, war er kurz sprachlos.

Sei­ne Ant­wort führ­te dage­gen zu kopf­schüt­teln­dem Geläch­ter mei­ner­seits. Denn der Mann rief:

Dann geh doch end­lich in ein ORF-Inter­view und sag genau das dort!

Dem Her­ren war offen­bar nicht klar, daß ich seit Jah­ren nicht nur über­all zen­siert bin, son­dern von Main­stream­m­e­di­en wie ein Paria behan­delt werde.

Tat­säch­lich stimmt das Meme des NPC (des Non-Play­er-Cha­rac­ters) weitgehend.

Es war, als wür­de man mit der „Zeit im Bild“ (das ist die Ösi-Tages­schau) spre­chen. Wie­der ein­mal wur­de mir bewußt, wie effek­tiv die lin­ke Stra­te­gie immer noch ist. Die rea­le Per­son wird zen­siert und aus­ge­sperrt, wäh­rend zugleich eine dämo­ni­sche Kari­ka­tur von ihr auf­ge­bla­sen wird. Wie hät­te sich der Herr auch jemals ein unvor­ein­ge­nom­me­nes Bild machen können?

Seit Jah­ren wur­den ihm nur zusam­men­ge­schnit­te­ne Hit-Pie­ces ser­viert, die ihn sicht­lich radi­ka­li­siert hat­ten. Immer wie­der brach ein ehr­li­cher Zorn aus ihm her­aus: Leu­te wie Kickl und ich wür­den „die Gesell­schaft spal­ten“, Leu­te „auf­het­zen“ und ein Kli­ma schaf­fen, in dem das Zusam­men­le­ben gar nicht funk­tio­nie­ren kann. Das ließ tief blicken.

Mein Gesprächs­part­ner hat­te eine lei­ten­de Posi­ti­on und kam aus dem eta­blier­ten Mit­tel­stand. Sein gutes Auto – das sah ich, als wir uns nach dem Abstieg wie­der begeg­ne­ten – kön­nen sich die meis­ten mei­ner Bekann­ten nicht leisten.

Die „vie­len aus­län­di­schen Freun­de“, von denen er schwärm­te, um mei­ne Kri­tik des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu wider­le­gen, kom­men not­wen­dig aus der­sel­ben Klas­se. Er begeg­net von vorn­her­ein nur einer klei­nen Aus­le­se an Migran­ten, die die­sen Auf­stieg samt Assi­mi­la­ti­ons­leis­tung geschafft haben. Den­noch merkt er, wie vie­le ande­re Lin­ke, daß die Mul­ti­kul­ti-Uto­pie außer­halb die­ser klei­nen Bla­se am Ende ist. Um mit die­ser kata­stro­pha­len Tat­sa­che und den eige­nen Gewis­sens­bis­sen men­tal fer­tig zu wer­den, geben Lin­ke die Schuld für das Schei­tern der Uto­pie oft den „bösen rech­ten Agenten“.

Struk­tu­rel­le Pro­ble­me wer­den per­so­na­li­siert. Mul­ti­kul­ti schei­tert nicht an sozia­len und wirt­schaft­li­chen Fak­ten, son­dern wird nach die­ser Les­art von „bösen Men­schen sabo­tiert“. Hier fin­det statt, was auch in klei­nen chi­li­as­ti­schen Sek­ten geschieht: Wenn das ersehn­te Heils­ziel aus­bleibt, ist es die Schuld irgend­wel­cher „Ungläu­bi­ger“, die die Gemein­schaft sabo­tie­ren, weil sie nicht enga­giert genug „mit­glau­ben“.

Der gehei­me Glau­be vie­ler Lin­ker ist offen­bar die­ser: Wenn nur einen Tag lang alle Ein­hei­mi­schen inten­siv an die „bun­te und fried­li­che Gesell­schaft“ glau­ben und auch die bösen Sabo­teu­re „Hass und Spal­tung been­den“, ereig­net sich eine poli­ti­sche Theo­pha­nie. Der Him­mel öff­net sich, der Gott von Mul­ti­kul­ti steigt her­nie­der und heilt alle Ris­se der eth­nore­li­gi­ös gespal­te­nen Gesell­schaft – und von fern klingt John Len­nons Ima­gi­ne. So kommt es mir zumin­dest vor.

So oder so ver­such­te ich, ein sinn­vol­les Gespräch zu füh­ren und mei­ne Punk­te zu machen. Das ent­schei­den­de Argu­ment war zugleich der Grund, war­um ich mich auf das Gespräch ein­ließ. Es braucht poli­ti­schen Anstand. Wir kön­nen uns in der Sphä­re des Poli­ti­schen bei Demos, im Par­la­ment oder in Netz­de­bat­ten mes­sen und mei­net­we­gen beflegeln.

Es braucht aber auch eine pri­va­te Sphä­re, in der ein Gentlemen’s Agree­ment herrscht, sich nicht, vor allem nicht vor den eige­nen Kin­dern und nicht am Oster­sonn­tag, hef­tig anzu­ge­hen. Das zumin­dest sah mein Gegen­über auch ein und ent­schul­dig­te sich für sei­ne Belei­di­gun­gen – ohne natür­lich mei­ne Mei­nung zu über­neh­men. Let’s agree to dis­agree. Ins­ge­samt war er ein durch­aus sym­pa­thi­scher Typ, schein­bar auch ein lie­be­vol­ler und hart arbei­ten­der Vater. Das allein war es mir aber wert.

Wich­tig war mir auch, ihm klar­zu­ma­chen, dass unse­re Bewe­gung kei­ne Bedro­hung für ihn und sei­ne Fami­lie dar­stellt, wie er schein­bar ernst­lich befürch­te­te. (Er hat­te eine aus­län­di­sche Frau. Sie war übri­gens gar nicht feind­se­lig, son­dern eher des­in­ter­es­siert und lud die gan­ze Run­de am Ende auf einen Obst­ler ein, was fast einen Oster­frie­den aus­lös­te. Man merkt da auch, daß man immer noch in Öster­reich ist.)

In jedem Fall bleibt es wich­tig, mit Men­schen wie ihm zu reden. Umfra­ge­wer­te und Trends auf X dür­fen uns nicht täu­schen. Die­se Leu­te blei­ben ein (mäch­ti­ger) Teil unse­rer Gesell­schaft und wer­den nicht ver­schwin­den. Sie sind ein Teil unse­res Vol­kes und wer­den nicht ver­schwin­den. Aber auch wir wer­den nicht weg­ge­hen. Man wird ler­nen müs­sen, mit­ein­an­der umzugehen.

Wir dür­fen daher nicht in unse­ren eige­nen Echo­kam­mern stu­ben­ho­cken gehen, son­dern müs­sen wie­der und wie­der die Aus­ein­an­der­set­zung suchen. Das gelingt mal bes­ser und mal schlech­ter, aber ver­su­chen muß man es.

PS: Wer wis­sen will, war­um die­ser Impuls eher von Rech­ten aus­ge­hen kann und wie­so vie­le in Debat­ten mit Lin­ken oft schei­tern, muß Jona­than Haidt lesen.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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