Dort saßen ebenfalls zwei Familien mit kleinen Kindern, nicht viel älter als mein Sohn. Einer der Familienväter, ein sportlicher Mann mittleren Alters, konnte sich nicht zurückhalten. Es brach nur so aus ihm heraus!
Solche Momente sind mir nicht unbekannt, meist tragen sie sich aber in der Innenstadt und nicht am Berg zu. Ignorieren ist für mich in so einem Fall keine Option. Menschen, die im offenen Raum so agieren, müssen mit Konsequenzen rechnen. Nach einem knappen Wortwechsel besann ich mich aber.
Ich überwand den Impuls, einfach nur zurückzuschimpfen, schnappte mir mein Glas und lud mich an den Tisch des Lästermauls ein. Das ist durchaus riskant, man weiß nicht, ob man es hier mit dem Ex-Chef des Schwarzen Blocks zu tun hat. Dem war nicht so. Der Herr reagierte sichtlich überrascht und nervös. Rasch merkte er aber, daß auch von mir keine Gefahr drohte, und zunächst widerwillig entfaltete sich ein halbstündiges Gespräch.
Rasch kam heraus, daß er keine Ahnung hat, wofür ich wirklich stehe. Als ich ihn bat, für seine massiven Anschuldigungen von Hetze, NS und Extremismus ein einziges Zitat oder eine Aktion zu bringen, folgte Schweigen.
Er kannte mich nur durch den Filter des Mainstreams. Schnell kam der Konter, daß ich nur hier und jetzt “so tue”, daß ich manipuliere und doch zugeben solle, wie extrem ich wirklich sei. Wie immer, wenn man nicht das erwünschte Klischee von Linken erfüllt, beginnt die Suche nach dem „verborgenen Nazi“.
Ich erklärte ihm, was mit Remigration gemeint ist, daß wir gewaltfreien, legitimen Aktivismus betreiben.
Daß unsere Gegner nicht Migranten, sondern jene Politiker sind, die diese Ströme zulassen. Als ich ihm den Satz sagte, den ich in fast jedem Vortrag und vielen Reden vorbringe, daß ich nämlich selbst, als junger Mann aus Afghanistan und Bangladesch, vermutlich selbst auch gerade auf dem Weg in den Westen wäre und diesen Leuten daher keinen Vorwurf mache, war er kurz sprachlos.
Seine Antwort führte dagegen zu kopfschüttelndem Gelächter meinerseits. Denn der Mann rief:
Dann geh doch endlich in ein ORF-Interview und sag genau das dort!
Dem Herren war offenbar nicht klar, daß ich seit Jahren nicht nur überall zensiert bin, sondern von Mainstreammedien wie ein Paria behandelt werde.
Tatsächlich stimmt das Meme des NPC (des Non-Player-Characters) weitgehend.
Es war, als würde man mit der „Zeit im Bild“ (das ist die Ösi-Tagesschau) sprechen. Wieder einmal wurde mir bewußt, wie effektiv die linke Strategie immer noch ist. Die reale Person wird zensiert und ausgesperrt, während zugleich eine dämonische Karikatur von ihr aufgeblasen wird. Wie hätte sich der Herr auch jemals ein unvoreingenommenes Bild machen können?
Seit Jahren wurden ihm nur zusammengeschnittene Hit-Pieces serviert, die ihn sichtlich radikalisiert hatten. Immer wieder brach ein ehrlicher Zorn aus ihm heraus: Leute wie Kickl und ich würden „die Gesellschaft spalten“, Leute „aufhetzen“ und ein Klima schaffen, in dem das Zusammenleben gar nicht funktionieren kann. Das ließ tief blicken.
Mein Gesprächspartner hatte eine leitende Position und kam aus dem etablierten Mittelstand. Sein gutes Auto – das sah ich, als wir uns nach dem Abstieg wieder begegneten – können sich die meisten meiner Bekannten nicht leisten.
Die „vielen ausländischen Freunde“, von denen er schwärmte, um meine Kritik des Multikulturalismus zu widerlegen, kommen notwendig aus derselben Klasse. Er begegnet von vornherein nur einer kleinen Auslese an Migranten, die diesen Aufstieg samt Assimilationsleistung geschafft haben. Dennoch merkt er, wie viele andere Linke, daß die Multikulti-Utopie außerhalb dieser kleinen Blase am Ende ist. Um mit dieser katastrophalen Tatsache und den eigenen Gewissensbissen mental fertig zu werden, geben Linke die Schuld für das Scheitern der Utopie oft den „bösen rechten Agenten“.
Strukturelle Probleme werden personalisiert. Multikulti scheitert nicht an sozialen und wirtschaftlichen Fakten, sondern wird nach dieser Lesart von „bösen Menschen sabotiert“. Hier findet statt, was auch in kleinen chiliastischen Sekten geschieht: Wenn das ersehnte Heilsziel ausbleibt, ist es die Schuld irgendwelcher „Ungläubiger“, die die Gemeinschaft sabotieren, weil sie nicht engagiert genug „mitglauben“.
Der geheime Glaube vieler Linker ist offenbar dieser: Wenn nur einen Tag lang alle Einheimischen intensiv an die „bunte und friedliche Gesellschaft“ glauben und auch die bösen Saboteure „Hass und Spaltung beenden“, ereignet sich eine politische Theophanie. Der Himmel öffnet sich, der Gott von Multikulti steigt hernieder und heilt alle Risse der ethnoreligiös gespaltenen Gesellschaft – und von fern klingt John Lennons Imagine. So kommt es mir zumindest vor.
So oder so versuchte ich, ein sinnvolles Gespräch zu führen und meine Punkte zu machen. Das entscheidende Argument war zugleich der Grund, warum ich mich auf das Gespräch einließ. Es braucht politischen Anstand. Wir können uns in der Sphäre des Politischen bei Demos, im Parlament oder in Netzdebatten messen und meinetwegen beflegeln.
Es braucht aber auch eine private Sphäre, in der ein Gentlemen’s Agreement herrscht, sich nicht, vor allem nicht vor den eigenen Kindern und nicht am Ostersonntag, heftig anzugehen. Das zumindest sah mein Gegenüber auch ein und entschuldigte sich für seine Beleidigungen – ohne natürlich meine Meinung zu übernehmen. Let’s agree to disagree. Insgesamt war er ein durchaus sympathischer Typ, scheinbar auch ein liebevoller und hart arbeitender Vater. Das allein war es mir aber wert.
Wichtig war mir auch, ihm klarzumachen, dass unsere Bewegung keine Bedrohung für ihn und seine Familie darstellt, wie er scheinbar ernstlich befürchtete. (Er hatte eine ausländische Frau. Sie war übrigens gar nicht feindselig, sondern eher desinteressiert und lud die ganze Runde am Ende auf einen Obstler ein, was fast einen Osterfrieden auslöste. Man merkt da auch, daß man immer noch in Österreich ist.)
In jedem Fall bleibt es wichtig, mit Menschen wie ihm zu reden. Umfragewerte und Trends auf X dürfen uns nicht täuschen. Diese Leute bleiben ein (mächtiger) Teil unserer Gesellschaft und werden nicht verschwinden. Sie sind ein Teil unseres Volkes und werden nicht verschwinden. Aber auch wir werden nicht weggehen. Man wird lernen müssen, miteinander umzugehen.
Wir dürfen daher nicht in unseren eigenen Echokammern stubenhocken gehen, sondern müssen wieder und wieder die Auseinandersetzung suchen. Das gelingt mal besser und mal schlechter, aber versuchen muß man es.
PS: Wer wissen will, warum dieser Impuls eher von Rechten ausgehen kann und wieso viele in Debatten mit Linken oft scheitern, muß Jonathan Haidt lesen.