Damit stellten sie sich in die große Geschichte, die der Satz zitiert: den Fall der Mauer. Er enthält in seiner Hybris einen Großteil der Probleme, die zum Sturz Orbáns geführt haben, aber auch jener Probleme, vor denen Ungarn nun steht.
Die Geschichte ist offen, Prognosen sind wohlfeil, aber so viel kann man wohl sagen: Wenn die Partei Tisza mit ihrem Führer Péter Magyar nicht liefert, dann droht Ungarn ein politisches Vakuum, das im schlimmsten Fall zum Kollaps führen kann. (So gesehen muß man Tisza Glück wünschen und ein gewisses Vertrauen aussprechen.)
Denn die einzige valide Gegenkraft ist und bleibt der Fidesz. Der steht aber vor einer existentiellen Krise und wird in den nächsten Monaten um seine Existenz kämpfen müssen.
Die erste Frage wird sein, wie man mit Orbán, Herz, Seele und Hirn der Partei, umgehen wird, wie er sich selbst verhält. Macht er Platz, tritt er zur Seite oder wird er an seinem Stuhl kleben? Beide Szenarien sind stark risikobehaftet.
Wird man ihn stürzen müssen, wird es ein Schisma, den Vatermord geben? Und wer soll ihm folgen? Öffentlichkeitswirksam traten bisher nur Péter Szijjártó und Gergely Gulyás auf, Außenminister und Kabinettsminister ihres Zeichens.
Der charismatischere Szijjártó wird – das hat Magyar in seiner Siegesrede schon deutlich gemacht – wegen seiner Beziehungen zu Rußland untersucht und wohl verklagt werden, der einschläfernde Bürokratentyp Gulyás hat weit weniger Appeal, und die meisten anderen Granden der Partei sind durch ihre Verstrickungen verbraucht. Es bräuchte einen Charismatiker aus der zweiten oder dritten Reihe, der jetzt seinen Hut in die Arena wirft und riskiert, lebendig zerrissen zu werden …
Man kann sich das Ausmaß der Orbán-Sattheit, des Frustes, Hasses und Spottes in weiten Teilen der Bevölkerung kaum vorstellen, freilich durch einen Orbán-Kult am anderen Spektrum komplementiert. Tatsache aber ist: Viele Menschen haben nicht Péter Magyar gewählt, sondern Orbán abgewählt. Daß er weg ist, war die Hauptsache, womit die Leerstelle gefüllt wird, weniger wichtig.
Die Rechte tut sich schwer mit solchen Zugeständnissen, denn sie hat in Orbán immer eine idealisierte Figur gesehen und wollte sich lieber die eigenen Vorstellungen bestätigen, als der Realität ins Auge zu schauen, eine Strategie im übrigen, die auch den Fidesz in den Abgrund geführt hat. Man sprach von einer „kulturellen Hegemonie“, meinte, daß Orbáns Lektüre Gramscis schon ein Verdienst sei und ließ sich von entsprechenden Think Tanks das Gewünschte aufsagen.
Aber ob Orbán Gramsci tatsächlich gelesen hat, bleibt wohl eher ein Gerücht, viel wahrscheinlicher ist es, daß ihn seine Spindoktoren mit den entsprechenden Parolen versorgten. Bei alldem hat die Neue Rechte übersehen, daß es die „kulturelle Hegemonie“ nie gegeben hat, außer in den Vertretern dieser Theorie selbst. Sie ist in der Nacht zu Montag krachend gescheitert – die Auswirkungen auf die Theoriebildung müssen verstanden werden!
Damit man nicht falsch versteht: Orbán war ein Ausnahmepolitiker, ein Vollblutpolitiker, ein politisches Tier, wie es sie heute kaum noch gibt. Aber vier aufeinanderfolgende Wahlperioden haben ihn sichtbar dick und selbstsicher gemacht – weshalb Magyars Forderung zum Nationalfeiertag am 15.3., die Wahlperioden auf zwei zu beschränken ein weiterer Pluspunkt für ihn war. Man kann Orbán jetzt studieren, wie man Churchill oder Kissinger oder de Gaulle studiert. Selbst wenn er hinter Gittern landen sollte.
Intrinsische Gründe dafür gibt es genügend, und sie haben ganz wesentlich zu seiner Niederlage beigetragen. Die Korruption an erster Stelle, die Propaganda an zweiter. Beide sind systemisch, haben den realen Orbánismus lange getragen und sich letztlich gegen ihn gewendet. Mit sehr langen Vorlaufzeiten. Schon die Wahl vor vier Jahren oder die letzten Regional- und Europawahlen hätten alle Warnlichter zum Erglühen bringen müssen, wenn noch Leben in der Fidesz-Bewegung gewesen wäre. Sie hatten die große Unzufriedenheit signalisiert, die im Volke herrschte und der nur eine wählbare Opposition fehlte, um sie zum Ausdruck zu bringen.
Vor vier Jahren scheiterte die Clownskoalition um Péter Márki-Zay – alle in ihr vereinten Parteien wurden seither pulverisiert, auch die „Demokratische Koalition“ um Klára Dobrev und Ehemann Ferenc Gyurcsány, einst mächtige Sozialdemokratie, ist nun komplett zerstört worden. Es gibt in Ungarn derzeit keine nennenswerte politische Linke, auch wenn das Budapester Milieu das hergäbe – das muß man verstehen!
Die Korruption in Ungarn ist systemisch – ich wiederhole das als Merksatz! Auch für das System Orbán war es die Nabelschnur. Über Vorteils- und Schuldkomplexe wurde Loyalitäten und Abhängigkeiten bis in das gesellschaftliche Kapillarsystem hinein geschaffen.
Es ist aber nicht sein Alleinstellungsmerkmal, sondern die Korruption hat sich nur von den Kommunisten auf die Sozialdemokraten und weiter auf Fidesz vererbt und wenn man die alten ungarischen Autoren wie Mór Jokai, Kálmán Mikszáth oder Zsigmond Kemény liest, dann wird einem deutlich, daß dieses Phänomen der ungarischen Gesellschaft ebenso tief eingeschrieben ist wie der Ukraine oder Rußland.
Zwar hat sich Magyar den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben, und seine ersten Schritte dürften sich auch dagegen wenden, doch ist die Wahrscheinlichkeit groß – je länger er an der Macht ist, umso wahrscheinlicher –, daß auch seine Partei in die Strukturen übergleiten wird. Vieles wird davon abhängen, wie die bisherigen Strukturen reagieren werden: werden sie kooperieren oder in den Überlebenskampfmodus wechseln?
Selbiges gilt für die medialen Verstrickungen. Während – nur als anekdotische Evidenz – den gestrigen Wahlkampf auf den regierungstreuen Kanälen M1Híradó und hír.tv nur wenige tausend Zuschauer verfolgten, klebten bei den oppositionellen Sendern Partizán und Telex jeweils 200000 Leute an den Bildschirmen via YouTube. Seit Jahren wird das Staatsfernsehen von den meisten Ungarn ignoriert und lächerlich gemacht, so wie man sich in der DDR über die Aktuelle Kamera oder den Schwarzen Kanal erheiterte. Aber niemand schien die Diskrepanz in Regierungskreisen noch wahrnehmen zu wollen, stattdessen ergötzt man sich an den angeblichen Erfolgen.
Auch Orbáns Plakat-Kampagnen unterlagen diesem Paradox. Vor ein paar Jahren war Soros auf jedem Plakat zu sehen, aber kein Ungar interessierte sich für einen Milliardär, der nur noch gebrochen Ungarisch sprach und angeblich das Schicksal der Welt, Europas und vor allem Ungarns bestimmen sollte. Dann wurde Soros gegen die EU-Bürokratie ersetzt oder Selensky und fast immer in parodistischer, herabwürdigender Facon.
Die Ungarn – zumindest die, die nicht am Fidesz-Tropf hingen – lachten nur darüber. Man muß freilich den Vorteil genießen, unter ihnen zu leben, mit ihnen zu sprechen, um das sehen zu können, denn sie sind seit langem eher scheu und gebückt, wenn es um Politik geht. Magyar war nun der lebende Beweis dafür, daß man gegen die Macht aufstehen kann, ohne zusammengestaucht zu werden.
Magyar hat das jetzt geändert! Mit dem Mann aus dem eigenen Establishment konnte der verknöcherte Apparat nichts anfangen. Man verfolgte die alten Soros-Leyen-Selensky-Strategien, war nicht mehr in der Lage, die neue Qualität des Phänomens zu erkennen und verfiel in die alten Herabwürdigungsmuster, die Magyars Auftritt aber doch nur bestätigten.
Und als Orbán in seiner Rede zum ungarischen Nationalfeiertag 2025 seine Gegner als „poloskák“, als Wanzen bezeichnete, da ging ein Murren durchs Land – das Wort machte Karriere und wurde auch gestern eifrig zitiert.
Nicht etwa, daß Magyar zimperlich mit seinem Gegner umging, aber wer den Staatsmann gibt, der muß sich auch staatsmännisch gebärden. Das ist Orbán erst gestern wieder gelungen, als es zu spät war, als er zerknirscht seine krachende Niederlage vor der Nation eingestehen mußte – was es wert ist, werden wir sehen.
Magyar hat den gebeugten Ungarn das Rückgrat wieder geradegebogen, vor allem den jungen. Während Orbán eine dunkle Kampagne führte, von unmittelbar bevorstehendem Krieg gegen Rußland und Untergang des Abendlandes sprach, von Souveränitätsverlust und der Europäischen Krake, wenn er nicht fortführen könne, versprach Magyar eine helle Zukunft, einen Neuanfang, eine Befreiung und üppige Geldströme, die von Brüssel nach Budapest fließen und das marode Gesundheitssystem oder die Infrastruktur wieder aufbauen werden. Und Jugend will Zukunft, Jugend wählt nicht die Apokalypse, Jugend will etwas vor sich haben – selbst wenn es unrealistische Versprechungen sein sollten. Sie hat auch ein Recht darauf.
Passend dazu auch Orbáns Bindung an die historische Vergangenheit in den Personen Putin und Trump. „Russen raus!“ wurde einer der Kampfslogans der Tisza-Anhänger. J.D.Vances Zwischenstop in Budapest war ein Bärendienst.
Wer sich die Wahlkampfreden beider Kontrahenten angeschaut hat, der konnte die Energieunterschiede nicht übersehen. Man sah und hörte Orbán an, daß er ein Mann der Vergangenheit war, verbraucht, verbaucht, ausgelaugt, nicht mehr wandlungsfähig und da halfen auch die Reihen kahlköpfiger und schwarz uniformierter Fleischberge nicht mehr, die seine Veranstaltungen „schützen“, in Wirklichkeit aber die Tisza-Anhänger einschüchtern sollten. Man sehe sich den Auftritt vom 27.3. in Győr an, um zu begreifen, was ich meine.
Es war vor allem die Jugend, die Magyar wählte, und man sah das auch bei seinen Demonstrationen oder der gestrigen Siegesfeier. Wie oft ich den Satz junger Leute gehört habe, daß sie das Land verlassen werden, sollte Orbán noch einmal gewinnen, kann ich nicht mehr sagen, er ist so eine Art Standardfloskel geworden. Der Tisza-Mann hatte es auch eilig, die Auslandsungarn in seiner Siegesrede anzusprechen und sie zur Heimkehr aufzufordern, um das Land neu aufzubauen. Und unter den dreiviertel Millionen Ungarn, die im Westen ihr drei- bis vierfach besseres Geld verdienen, sind sehr viele jung und gut ausgebildet!
Natürlich wäre es naiv, anzunehmen, daß all diese jungen Leute vollbewußt gewählt hätten. Nein: Tisza ist zum Meme geworden, zum Hype, wenn nicht zur Hysterie, zur aus sich selbst rollenden Welle, es war das, was man wählt, wenn man jung ist. Die Internetaffinität der Jugend trug zur unkontrollierten Verbreitung bei. Diese Prozesse sind überhaupt nur marginal politisch zu beeinflusn und vielleicht ist es klüger, die Welle zu reiten, als sich ihr als Breche stur entgegenzustellen – denn hinter ihr wartet ein Meer, um anzubranden.
Zu diesem Sturzbach gehören auch die quasi naturwüchsigen Migrationsströme in einer Welt der kompletten Verflüssigung. Magyar versprach in seinen ansonsten inhaltlich eher vagen Ansprachen, das Gute des Fidesz zu übernehmen, und meinte damit in erster Linie den Grenzzaun, die Verweigerung der Massenmigration ins eigene Land – immerhin stellt die ungarische Sprache eine weitere natürliche Grenze dar – und die Pro-Familien-Politik. Ob er der europäischen Nomenklatura in diesen Fragen wird widerstehen können, dürfte eine der Schlüsselfragen werden. Die Gelder kommen wohl nur gegen Souveränitätsverluste – anderes anzunehmen, wäre naiv.
Denn auf der anderen Seite gab er sich vollkommen pro-europäisch, und das ist es auch, was seine junge Klientel hören wollte. Dieser Spagat zwischen dem Nationalcharakter – dem höchsten Hungarikum – und den Gesetzen des Globalismus wird der Grundkonflikt werden.
Magyar muß liefern und vermutlich schnell. Besonders die Jugend ist ungeduldig. Die Zweidrittelmehrheit gibt ihm alle Mittel in die Hand, auch verfassungsändernde. Zuerst dürften die Medien, die Justiz und die Wahlformalitäten auf Reset gestellt werden.
Nun muß Magyar die Energiefrage lösen. Wo will er sein bezahlbares Öl und Gas herbekommen, wenn nicht aus Rußland? Was soll mit dem riesigen russischen Atommeiler Paks werden, dessen Ausbau – Paks 2 – eigentlich schon beschlossene Sache war, wie will er die unverschämt hohe Inflation bekämpfen, die Staatsverschuldung bremsen? Wie will er den durch die Wahl offen zutage tretenden Generationenkonflikt lösen? Wie die schier unlösbare demographische Frage?
Übernommene Lasten – aber man hört wenig Konkretes und die paar Euro-Milliarden werden strukturell nichts ändern. Hat er überhaupt die Leute dazu, um auch die zweite, dritte und vierte Riege anforderungsgemäß zu besetzen? Wo sind die fähigen Minister, Staatssekretäre, Verfassungsrechtler, Wirtschaftsexperten? Viele seiner Leute sind entweder Ex-Fidesz-Technokraten, liberale Aktivisten oder weitgehend unbekannt. Sind beim Personal die Skandale und das Abgleiten in die Selbstbereicherung nicht schon programmiert …?
Sollte Tisza aber scheitern, dann droht das politische Vakuum. Und daß Mi Hazánk und László Toroczkai eine zukünftige Alternative wäre, wie Maximilian Krah herausposaunte, ist ein Gerücht, denn so lange man sich dort in der Öffentlichkeit mit fragwürdigen Gestalten umgibt, das Trianon-Diktat rückgängig machen und ein Groß-Ungarn anstreben will, wird diese Partei für eine moderne Wählerschaft unwählbar bleiben und die 10 Prozent nie überwinden.
Die Geschichte Ungarns ist wieder offen. Und sie wird gnadenlos mit denen abrechnen, die ihre Versprechen nicht einlösen.
PS: Und sollte es jemanden geben, der mir nun Altklugheit und nachherige Besserwisserei vorwerfen will, den verweise ich auf meine zahlreichen Artikel zu Ungarn und Orbán in den letzten acht, neun Jahren, in denen das meiste schon steht und für die ich immer und immer wieder angefeindet wurde … Weil man zum einen lieber seinen Illusionen glaubt und weil man meint, daß Kritik durch den Gegner per se falsch sein müsse.
Ein gebuertiger Hesse
To the point & snappy. Das dürfte der klügste Artikel sein, der in ganz Deutschland zu diesem Thema zu lesen ist.