Anarchotyrannei? Eine wichtige Debatte! Auftakt: Emilietta Beall
In Anarchotyrannei legt der bislang durch YouTube-Videos und Vorträge bekannte „Schattenmacher“ dar, wie es zu einer unheiligen Verschränkung von „Anarchie“ und „Tyrannei“ in der heutigen Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten kommen konnte – und wie ein Ausweg aus diesem Zustand aussehen könnte.
Zunächst werde ich den Argumentationsweg des Essays skizzieren, dann einige Fragen an den Autor formulieren und zuletzt einige weiterführende Gedanken darlegen.
Der Argumentationsweg
Anarchotyrannei – Als „Tyrannei“ wird die Aufkündigung eines (grundsätzlich immer fragilen) Friedens zwischen Regierung und Regierten „von oben” bezeichnet. Diese zeichne sich durch eine zunehmende Zudringlichkeit obrigkeitlicher Institutionen aus, durch Willkür, Kompromißlosigkeit und gewaltsame Unterdrückung.
Anarchie hingegen bezeichnet hier „das Ende des Friedens von unten”, woraus ein Kampf aller gegen alle resultiere, eine unvorhersehbare, von primitiver Gewalt geprägte Lage, der keine übergeordnete Autorität mehr Herr zu werden vermag.
Eine gleichzeitige Existenz beider Zustände scheint schwer denkbar. Der Schattenmacher führt nun aus, inwiefern wir es aber tatsächlich mit solch einem paradoxen Zustand zu tun hätten: Während staatliche Institutionen immer mehr Befugnisse erlangten, um auf das Leben der Bürger zuzugreifen und dies auch in unbarmherziger Weise täten, gliche der Alltag im öffentlichen Raum zunehmend anarchischen Zuständen.
Zustände wie das komödiantisch anmutende Maßnahmengetue um den Drogenumschlagplatz „Görlitzer Park”, die grotesk geringen Strafen für schwerste Gewaltstraftaten und im Kontrast hierzu der drakonische Zugriff der Staatsmacht bei „Meinungsdelikten” sind nur durch die linksprogressive Ideologie der Eliten erklärbar. Diese durchdringe die Hochschulen gänzlich und lasse begreifen, weshalb Entscheidungsträger und Medienleute oft mit devianten Milieus sympathisierten.
Diese oft ethnisch, kulturell und religiös „diversifizierten” Gruppen ersetzten ebenso wie geschlechtlich und sexuell abweichende Minderheiten im heutigen linken Weltbild die Arbeiterklasse als Triebkraft der Revolution. Somit verleihe es Politikern, Juristen und Experten aller Art eine heiligende Teilnahme am Projekt der revolutionären Befreiung, diese Gruppen bevorzugt zu behandeln, und sei, angesichts der historischen Schuld der eigenen Mehrheitsgesellschaft, bloß ausgleichende Gerechtigkeit.
Der Schattenmacher macht nun deutlich (und hier weicht er ab von gängigen Deutungen des außer Rand und Band geratenen Zeitgeschehens), daß ideologische Verblendung allein nicht hinreicht, um das zerstörerische Verhalten der gesellschaftlichen Eliten zu erklären.
Unter Rückgriff auf den politischen Denker Samuel Francis, der den Begriff der „Anarchotyrannei” prägte, wird postuliert, daß ein auf Ideen beruhendes Herrschaftssystem nur dann über längere Zeit bestehen könne, solange dieses System auch den materiellen Grundlagen der herrschenden Klasse zugute komme. Der Schattenmacher führt überzeugend aus, daß mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden Vermassung der Gesellschaft neue Fertigkeiten und Charaktertypen notwendig wurden und sich durchsetzten.

Von den beiden Charaktertypen, die in gesellschaftlichen Eliten anzutreffen seien, setzten sich die von Machiavelli so benannten „Füchse” im sogenannten „Managerialismus” gegen die „Löwen” durch. Die Füchse sind listig, rhetorisch gewandt und strebten nach einer Verbesserung der Menschen durch verbesserte Umstände. Verwaltung und künstlerische Ausgestaltung des Staates liegen ihnen.
Die Löwen hingegen werden als mutig, auf Ehre bedacht, als Eroberer und als erfolgreich im Kriegs- und Polizeibereich beschrieben.
Die zentrale These lautet nun, daß die füchsischen Manager „Komplexität und Wandel” benötigten, um ihre eigene berufliche Existenz zu rechtfertigen. Im Zuge der Industrialisierung wurden sie aufgrund der neuen Herausforderungen zur dominanten Klasse und haben seither ein Interesse daran, Verhältnisse aufrecht zu erhalten, die einer spezialisierten und stets wachsenden Verwaltungselite bedürfen.
Dieser Vorgänge, so führt der Schattenmacher aus, sind sich die meisten Füchse bzw. Administratoren von Information, wie man diese Gruppe auch charakterisieren kann, gar nicht bewußt. Sie hängen im Gros dem linksliberalen Progressivismus an, und um obige Mechanismen wirken zu lassen, reicht der quasi evolutionäre Grundsatz, daß in einer Elite niemals Ideen wirkmächtig werden können, die den Bestand dieser Elite gefährden würden.
Da die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts tatsächlich komplex und der hohe Verwaltungsbedarf somit durchaus real ist, ist eine bloße naive Rückkehr in die vor-manageriale Ära kaum möglich. Zudem wären auch viele Kritiker des Systems nicht bereit, auf die Annehmlichkeiten der durchverwalteten Welt zu verzichten, wie etwa auf Sozialversicherung, das Bildungssystem und die dauernde Verfügbarkeit hochspezialisierter Konsumgüter.
Was bleibt? Rohstoffkrisen könnten einen langfristigen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel auslösen. Die Löwentypen, deren Emporkommen innerhalb der Eliten bislang aus gutem Grund verhindert wird, sollten übernehmen und das Schiff in gedeihliche Gewässer steuern. Das können bereitstehende Individuen und Gruppen aus den Reihen der Rechten sein, oder solche Charaktere, die sich bis eben doch noch in den Institutionen der Exekutive gehalten haben und nun bereitstehen. Die Idee eines vom Populismus getragenen großen Einzelnen, der mit Getreuen an seiner Seite wirksam aufräumt, wird ebenfalls erwogen.
Diskussion
An dieser Stelle nun möchte ich einige Fragen formulieren, die sich für mich aus dieser stringenten, fesselnden Analyse ergeben. Mögen der Schattenmacher selbst und andere Denker des rechten Lagers diese ausführen, beantworten oder für nichtig erklären:
1. Welchen Stellenwert hat die Erringung kultureller Hegemonie im hier vorgestellten Konzept?
Der elitentheoretische Ansatz, der hier überwiegend verfolgt wird, scheint mir in deutlicher Opposition zum Rechtsgramscianismus zu stehen, der auf den Gedanken der Metapolitik setzt: Politische Macht basiere auf der vorherigen Erringung von Hegemonie im vorpolitischen Raum.
In Anarchotyrannei kommt dieser Raum im Grunde gar nicht vor – oder nur als nicht weiter erörterter Ort der Dissidenz jener Hoffnungsträger, die das Ruder noch herumreißen könnten. Alle anderen scheinen lediglich eine Art beliebige Verschiebemasse der mit ihnen nicht weiter verbundenen Eliten zu sein. Wo kommen also diese Eliten her? Wo bilden sich ihre Begriffe? Wie erklären sich historische Umbrüche der Vergangenheit ohne ein Konzept von kultureller Hegemonie? Wären demnach Ereignisse wie die Französische oder die Russische Revolution lediglich von oben orchestriert, die Massenphänomene bloß „geastroturfed“? Daraus ergibt sich Frage 2:
2. Welche Rolle spielen die Nicht-Eliten, und in welchem Verhältnis stehen Eliten und „der Rest” zueinander?
3. Warum bleiben die Eliten nicht immer dieselben? Das Aufkommen des Managerialismus selbst ist ein Beispiel für einen Austausch der Entscheiderklasse – keine radikale und vollständige Ersetzung, aber einen signifikanten Wandel. Wie kann dieser überhaupt stattfinden, wenn hinter jeder politischen Bewegung eben letztlich „die Eliten“ stehen, und weiter nichts und niemand? Ohne einen Wandel der gesellschaftlich relevanten Diskurse wäre auch der Managerialismus nicht in seine jetzige Machtposition gelangt.
4. Stimmt es, daß der Managerialismus in seiner Ausdehnung und ideologischen Dominanz regulierbar, aber nicht gänzlich umkehrbar ist, wie es auch der Autor selbst feststellt?
5. Läßt sich die Degeneration des Managerialismus grundsätzlich verhindern, oder läuft es maximal auf ein „alle paar Jahrzehnte“ auf-den-Tisch-hauen hinaus, weil die Tendenz zur Anarchotyrannei unausweichlich ist?
6. Leben wir tatsächlich in einer Anarchotyrannei? Diese 6. Frage stellt keineswegs die grundsätzliche Schlüssigkeit der Analyse in Frage. Sie zielt vielmehr darauf ab, daß die allermeisten Bundesbürger völlig verblüfft wären angesichts solcher Behauptungen.
Der „Normie“ erlebt weder täglich ethnisch konnotierte Konflikte noch irgendwelche Repressionen. Viele Millennial-Eltern in normalen bis gehobenen beruflichen Positionen haben noch nie von den Zuständen in gewissen Freibädern gehört, und es interessiert sie auch nicht. Wie anarchisch und wie tyrannisch ist es somit wirklich? Und ist das System möglicherweise robust genug, um es eben nicht soweit eskalieren zu lassen, daß wirklich keiner mehr die Augen verschließen kann?
Daß es hundert Gruppenvergewaltigungen am Tag gibt anstelle von zwei, daß tatsächlich jeder dissidente Post eine Strafverfolgung wegen Haßrede auslöst? Die apolitisch-linke Mittelschicht entzieht sich bislang recht erfolgreich der Einsicht – wie kann das sein, wenn wir doch in Anarchie und Tyrannei leben?
7. Bestimmt das Sein nun doch das Bewußtsein, wie es die materialistische Weltanschauung behauptet? Den Ausführungen des Schattenmachers entnahm ich, daß die linksprogressive Weltanschauung zwar prägend und als Leitideologie des Establishments auch relevant ist, aber letztlich das System nicht fundieren kann, die Basis der Selbsterhaltung müsse stets eine materielle sein. Wie weit entfernt ist man selbst mit dieser Ansicht vom marxistischen Diktum, die Geschichte sei eine Geschichte von Klassenkämpfen? Eine Gruppe schlägt sich stets auf Kosten aller anderen den Bauch voll, bis es denen auffällt, und sich dann die nächste Gruppe an den Freßtopf drängt?
8. Woher kommt die progressive Weltanschauung bzw. der Kulturmarxismus? Eine evolutionäre Erklärung in dem Sinne, daß sich diese durch die Auslese anderer, der Selbsterhaltung des Managerialismus weniger dienlicher Ideen herausgebildet habe, scheint unzureichend. Ein Managerialismus ohne Linksprogressivismus ist denkbar und auch historisch real.
Eigene Gedanken dazu
Soweit meine Fragen. Zum Abschluß möchte ich einige Gedanken skizzieren, die weit entfernt von einem stringenten Konzept sind. Es sind Entwürfe, Fragmente, Wegmarken.
Die Gewalt ist keineswegs das mächtigste Mittel der politischen Auseinandersetzung. Totalitäre Regime kamen nicht an die Macht, weil sie bereit waren, Gewalt anzuwenden, sondern weil ihre Gewalterzählung dem damals dominanten Zentralgebiet entsprach.
Macht hat, wer die dominierende Geschichte über Gewalt erzählt. Ob das im Politischen die Verhängung des Ausnahmezustands ist (Carl Schmitt), oder jedes mediale, juristische, pädagogische und sonstige Narrativ über die Legitimität der Anwendung von Gewalt. Der Typus der „Füchse“ verfügt durchaus über Gewalt und wendet sie auch an. Ihre Erzählungen entscheiden derzeit, wann Gewalt wie wirkt, und wann und wie sie überhaupt zum Einsatz kommen darf.
Ein Attentat kann in der einen Geschichte ein folgenloses, banales Blutvergießen sein, bei dem hinterher einer tot und ein anderer eingesperrt ist. Unter anderen Paradigmen, etwa in Phasen der Spätantike, war es ein etabliertes Mittel der Machterlangung. Im Mittelalter gab es recht waghalsige Verschwörungen, um sich in den Besitz einer bestimmten Krone zu bringen – weil diese Krone Herrschaft und damit Gewalt legitimierte und den Anspruch eines Thronprätendenten erheblich stärkte. Nicht, wer ein Schwert nimmt und zuschlägt, hat die Macht. Wer die Krone hat, hat die Macht. Und die Krone ist die „Gewalterzählung“. Ohne die Krone wird ein noch so entschlossener Griff nach der Exekutive peinlich scheitern.
Welche Erzählung tragend wird und funktioniert, ist stets abhängig vom gültigen Zentralgebiet der jeweiligen Epoche. Nach Rolf Peter Sieferle sind die Zentralgebiete jeweils die Konfliktbereiche, die in einer bestimmten historischen Phase als entscheidend angesehen werden, während alle anderen Felder als Privatsache gelten. Nur ein Beispiel: Im 19. Jahrhundert wurde die Ökonomie zum entscheidenen Zentralgebiet, während Fragen der Metaphysik in den Hintergrund traten.
Warum ist dies bedeutsam für die Auseinandersetzung mit der „Anarchotyrannei“? – Nun, weil nur eine dissidente Bewegung historisch angemessen wachsen kann, die die entscheidende Erzählung aufspürt, das kommende Zentralgebiet, das Feld, auf dem sich alles entscheiden wird, und somit auch die „Gewalterzählung“, die künftige Krone.
Ich glaube, daß das Leben selbst dieses Zentralgebiet sein wird. Schon jetzt stützen sich linke Gewaltnarrative mehr und mehr auf Erzählungen von Leben und Tod. Im Kampf um das Lebendige wird eine Zukunft erwachsen, oder es wird keine geben. Und eine Gruppe entschlossener Männer, die zur Gewalt bereit ist, aber die Hegemonie über die Gewalterzählung nicht errungen hat, wird eine tragische Randnotiz bleiben.