Schattenmacher und Pareto

Michael Henkel hat zum Auftakt-Beitrag von Emilietta Baell eine erste Ergänzung und Antwort zur Diskussion über Schattenmachers Kaplaken Anarchotyrannei beigesteuert. Henkels eigenes Kaplaken (Totalitäre Transformation) ist in der selben Kaplaken-Staffel erschienen wie Schattenmachers Text und kann hier bestellt werden.

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Schat­ten­ma­chers Essay über die Anar­cho­ty­ran­nei bringt nicht nur aktu­el­le Ten­den­zen der gegen­wär­ti­gen Herr­schafts­si­tua­ti­on in den Staa­ten des Wes­tens zutref­fend auf den Begriff, son­dern wirft auch eine Rei­he von dies­be­züg­li­chen Fra­gen im grund­sätz­li­chen wie in man­chen Details auf.

Eini­ge die­ser Fra­gen hat Emi­li­et­ta Beall in ihrem Bei­trag for­mu­liert. Ich möch­te im fol­gen­den nur eine der von Beall auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen dis­ku­tie­ren, näm­lich die ers­te, die Fra­ge nach der Bedeu­tung, die die Errin­gung der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie in Schat­ten­ma­chers Argu­men­ta­ti­on hat.

Der Ter­mi­nus „Hege­mo­nie“ bzw. „kul­tu­rel­le Hege­mo­nie“ taucht in Schat­ten­ma­chers Text nicht auf, und die Ver­mu­tung Bealls, daß der vor­po­li­ti­sche Raum, in dem die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie errun­gen und ver­tei­digt wird, bei Schat­ten­ma­cher im Grun­de gar nicht vor­kom­me, trifft die Sache rich­tig. Daher ist auch ihr Ein­druck zutref­fens, daß Schat­ten­ma­chers eli­ten­ori­en­tier­ter Ansatz „in deut­li­cher Oppo­si­ti­on zum Rechts­g­ramscia­nis­mus“ ste­he, wel­cher „auf den Gedan­ken der Meta­po­li­tik setzt“.

I. War­um die Fra­ge der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie im Ansatz Schat­ten­ma­chers fehlt, erschließt sich, wenn man eini­ge Hin­wei­se ver­folgt, die Schat­ten­ma­cher in sei­nem Text nur andeu­tet, aber selbst nicht ausbuchstabiert.

Gemeint sind die Hin­wei­se auf die Hand­lungs­theo­rie Vil­fre­do Pare­tos (1848–1923), der nicht nur ein bedeu­ten­der Natio­nal­öko­nom, son­dern auch ein Pio­nier der Sozio­lo­gie ist. Sein Name wird in Schat­ten­ma­chers Text (wenn ich mich nicht ver­zählt habe) vier­mal genannt; und es ist offen­kun­dig, daß Schat­ten­ma­chers Dar­le­gun­gen wesent­lich auf Pare­tos Theo­rie der Eli­ten­zir­ku­la­ti­on rekurrieren.

Wenn Schat­ten­ma­cher von „Füch­sen“ und „Löwen“ als zwei Typen von Indi­vi­du­en (oder von Hand­lungs­wei­sen) spricht, rekur­riert er auf For­mu­lie­run­gen aus Pare­tos Eli­ten­theo­rie auf (wobei Pare­to sei­ner­seits Machia­vel­lis Rede von Füch­sen und Löwen aufgreift).

Die­se Eli­ten­theo­rie wie­der­um basiert ihrer­seits auf einer höchst aus­dif­fe­ren­zier­ten, zugleich bis­wei­len etwas unüber­sicht­li­chen sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen bzw. sozi­al­an­thro­po­lo­gi­schen Kon­zep­ti­on mensch­li­chen Han­delns, die Pare­to nament­lich in sei­nem umfang­rei­chen Trat­ta­to di socio­lo­gia gene­ra­le (1916) aus­buch­sta­biert hat. Es ist hier nicht der Ort, die­se Theo­rie nach­zu­zeich­nen, es sol­len aber eini­ge ihrer Aspek­te, die für die Fra­ge der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie bedeut­sam sind, refe­riert werden.

Pare­to unter­schei­det zur Erklä­rung mensch­li­chen Han­delns zwi­schen „Resi­du­en“, „Deri­va­tio­nen“ und „Deri­va­ten“. Bei den Resi­du­en han­delt es sich um fun­da­men­ta­le und unre­flek­tier­te, um nicht-logi­sche Dis­po­si­tio­nen zu bestimm­ten Hand­lungs­wei­sen, wobei die Fra­ge, inwie­weit die­se Resi­du­en eine bio­lo­gi­sche und/oder kul­tu­rel­le Basis haben, aus­ge­klam­mert wer­den kann (und von Pare­to auch nicht aus­führ­li­cher ver­folgt wird).

Die Resi­du­en wer­den von Pare­to in meh­re­re Klas­sen oder Typen dif­fe­ren­ziert. Bedeut­sam sind ins­be­son­de­re die Resi­du­en der Klas­se I, die Pare­to „Instinkt der Kom­bi­na­ti­on“ nennt, sowie Resi­du­en der Klas­se II, die er als „Per­sis­tenz der Aggre­ga­te“ bezeich­net. Es sind die­se bei­den Klas­sen, denen im poli­ti­schen Han­deln die Füch­se und die Löwen (und im öko­no­mi­schen Han­deln die „Spe­ku­lan­ten“ sowie die „Rent­ner“) entsprechen.

Von Klas­se I bestimm­tes Han­deln zeich­net sich aus durch die Dis­po­si­ti­on zu Kom­bi­na­ti­on, Inno­va­ti­on, Tak­tik und „Beweg­lich­keit“ im Umgang mit Situa­tio­nen, Argu­men­ta­tio­nen oder Alli­an­zen. Im poli­ti­schen Feld ist es gekenn­zeich­net durch Über­re­dung, Koopt­a­ti­on, Ideo­lo­gie, Kom­pro­miß oder Manöver.

Han­deln, das von Resi­du­en der Klas­se II geprägt ist, reprä­sen­tiert eine Dis­po­si­ti­on zu Behar­rung, Loya­li­tät, Ord­nung, Prin­zi­pi­en­treue, „Fes­tig­keit“. Im Bereich der Poli­tik wirkt sich dies aus als Rekurs auf Auto­ri­tät, Durch­set­zung, Gewalt­be­reit­schaft (also die sta­bi­le Bereit­schaft, not­falls mit nöti­gen­der Durch­set­zung vor­zu­ge­hen) oder Zwang.

Es sind die­se Vor­stel­lun­gen Pare­tos, an die Schat­ten­ma­cher anknüpft. Die „Mana­ger­klas­se“ oder die Intel­lek­tu­el­len im wei­tes­ten Sin­ne des Wor­tes, also jene, die pri­mär mit Ideen und Kon­zep­ten umge­hen (wobei auch bei­spiels­wei­se das Recht zum Reich der Ideen gehört), reprä­sen­tie­ren den Instinkt der Kom­bi­na­ti­on, und sie sind die Gestal­ter und Trei­ber des gesell­schaft­li­chen Wan­dels in der Moder­ne. Dazu führt Schat­ten­ma­cher im ein­zel­nen aus.

Was Schat­ten­ma­cher nicht näher betrach­tet, sind die Deri­va­tio­nen und die Deri­va­te. Deri­va­tio­nen sind intel­lek­tu­el­le Deu­tun­gen, Ratio­na­li­sie­run­gen, Recht­fer­ti­gun­gen oder Begrün­dun­gen von Hand­lun­gen, wäh­rend Deri­va­te kon­kre­te geis­ti­ge Kon­zep­te oder Dok­tri­nen sind (etwa: Mar­xis­mus oder Mon­ar­chis­mus). Von Inter­es­se sind an die­ser Stel­le vor allem die Deri­va­tio­nen, wes­halb die Deri­va­te im fol­gen­den bei­sei­te gelas­sen werden.

II. Pare­to bezeich­net den Men­schen als „ein logi­sches Tier“.[1] Damit bringt er zum Aus­druck, daß der mensch­li­che Geist zur Ord­nung der Welt intel­lek­tu­el­ler Deu­tun­gen und Ratio­na­li­sie­run­gen bedarf, und eben die­se Ord­nung leis­ten die Deri­va­tio­nen. Sie drü­cken sich aus in Mythen, Theo­rien, Welt­an­schau­un­gen oder Ideo­lo­gien, mit­tels derer das durch die nicht-logi­schen Resi­du­en bestimm­te Han­deln intel­lek­tu­ell geord­net wird.

Wäh­rend das Han­deln objek­tiv pri­mär bestimmt ist durch die Resi­du­en, unter­le­gen die Men­schen ihm sub­jek­tiv „logi­sche“ Deu­tun­gen, wobei die Sub­jek­ti­vi­tät hier ins­be­son­de­re eine kol­lek­ti­ve Sub­jek­ti­vi­tät ist.

Ent­schei­dend ist nun, daß die Deu­tung oder Ratio­na­li­sie­rung dem Han­deln immer nach­folgt, daß die Deri­va­tio­nen in die­sem Sin­ne sekun­där sind. Hand­lungs­ent­schei­dend sind ganz über­wie­gend die Resi­du­en und die Gefühls­wel­ten, die mit die­sen ver­bun­den sind.

Das bedeu­tet für Pare­to aus­drück­lich nicht, daß die Resi­du­en nur eine Art Epi­phä­no­men des Han­delns wären. Mythen, Theo­rien oder Ideo­lo­gien kön­nen das Han­deln durch­aus beein­flus­sen, sie geben aber Pare­to zufol­ge letzt­lich nicht den Aus­schlag für die Gestalt des Handelns.

Man muß es sich so vor­stel­len, daß die Deri­va­tio­nen einen modi­fi­zie­ren­den, etwa einen ver­stär­ken­den Ein­fluß auf die Resi­du­en oder auf das resi­du­al bestimm­te Han­deln haben kön­nen. Was die Deri­va­tio­nen leis­ten ist, daß sie die Welt des Han­delns, etwa die Welt der Poli­tik, gewis­ser­ma­ßen in eine Welt sub­jek­tiv „logi­scher“ Hand­lun­gen ver­wan­deln. Dabei gibt es nie eine ein­deu­ti­ge Ent­spre­chung zwi­schen einem bestimm­ten Han­deln und sei­ner deri­va­ti­ven Deu­tung – eine Tat­sa­che, die uns gera­de in der Poli­tik völ­lig ver­traut ist, wo etwa irgend­ei­ne Ent­schei­dung für die einen als wich­ti­ger Fort­schritt gilt, wäh­rend die ande­ren sie als Miß­griff und Fehl­leis­tung ansehen.

Pare­to bemerkt ein­mal im Zusam­men­hang mit einer Finanz­po­li­tik, die dar­auf bedacht sein muß, nicht zu viel Wider­stand bei den Steu­er­zah­lern her­vor­zu­ru­fen, daß Regie­run­gen für eine sol­che Poli­tik „an den erfor­der­li­chen Deri­va­tio­nen [also: Recht­fer­ti­gun­gen; MH] […] nie­mals Man­gel“ haben wür­den, denn es fän­den sich „immer Theo­re­ti­ker, die sich in ihren Dienst stel­len, um sie damit zu versorgen“.

Und wei­ter: „Man soll­te jedoch nicht ver­ges­sen, daß die Deri­va­tio­nen die Fol­ge der Regie­rungs­po­li­tik sind und nie­mals die Poli­tik der Regie­run­gen etwa Fol­ge der Deri­va­tio­nen“.[2]

Das führt uns zur kul­tu­rel­len Hege­mo­nie zurück: Kul­tur ist das Reich der Nar­ra­ti­ve, der Mythen, Welt­an­schau­un­gen, der Ideen, Ideo­lo­gien und Theo­rien. Die­ses Reich ist den Hand­lungs­an­trie­ben und Hand­lun­gen nach Pare­to nach­ge­ord­net, wes­halb auch die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie, die Hege­mo­nie über die Deu­tun­gen von nach­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung ist.

Ent­schei­dend sind die Kräf­te­ver­hält­nis­se der Resi­du­en, und zwar ins­be­son­de­re inner­halb der Grup­pen, die die gesell­schaft­lich rele­van­ten Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die­sen Kräf­te­ver­hält­nis­sen galt Pare­tos Auf­merk­sam­keit, denn ihn inter­es­sier­te nament­lich die Fra­ge des gesell­schaft­li­chen Gleich­ge­wichts, des Aus­gleichs zwi­schen Dyna­mik und Sta­tik der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung, wel­che vor allem durch die Ent­schei­dun­gen der Füh­rungs­grup­pen oder Eli­ten bestimmt wird.

Und es ist im Grun­de die­se Fra­ge, die auch hin­ter Schat­ten­ma­chers licht­rei­chen Über­le­gun­gen steht: die Fra­ge, wie eine durch die „Mana­ger­klas­se“ ent­fes­sel­te und aus den Fugen gera­te­ne Dyna­mik zum Gleich­ge­wicht einer sta­bi­le­ren Ord­nung geführt wer­den kann, die dadurch gekenn­zeich­net sein wird, daß sowohl die anar­chi­schen Aus­wüch­se als auch die tyran­ni­sche Bevor­mun­dung auf­ge­ho­ben werden.

Die Ant­wort hier­auf kann nicht dar­in bestehen, erst eine kul­tu­rel­le Hege­mo­nie über die hand­lungs­lei­ten­den Erzäh­lun­gen zu errin­gen, denn es sind nicht die Erzäh­lun­gen, die das Han­deln lei­ten. Jede Erzäh­lung erfährt ihre Deu­tung im Lich­te vor­gän­gi­ger Resi­du­en und bleibt daher gewis­ser­ma­ßen rela­tiv zu diesen.

Es ist dies der Grund, wes­halb sich Schat­ten­ma­cher nicht mit der Pro­ble­ma­tik der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie auf­hält, die Pare­tos Zeit­ge­nos­sen Anto­nio Gramsci (1891–1937) so sehr beschäftigte.

Pare­tos Theo­rie ist über­aus anre­gend und auf­schluß­reich, auch wenn sie bis­wei­len ver­wir­rend ist und oft mehr Fra­gen auf­wirft, als sie beant­wor­tet. Es ist ein zumin­dest bei­läu­fi­ges Ver­dienst Schat­ten­ma­chers, mit sei­nem Text an Pare­to, die­ses in Deutsch­land auch bei der poli­ti­schen Rech­ten lei­der wenig beach­te­te Genie, zu erinnern.

III. Die Vor­stel­lung, daß die Theo­rie oder die Ideo­lo­gie dem Han­deln nicht vor­ge­ord­net ist, son­dern ihm folgt, ist in unse­rer intel­lek­tua­li­sier­ten und tech­ni­sier­ten Welt für vie­le Zeit­ge­nos­sen irri­tie­rend. Und doch dürf­te sie die ange­mes­se­ne Rea­li­täts­be­schrei­bung sein. Daß Ideo­lo­gie oder Theo­rie unser Han­deln bestim­me oder gar deter­mi­nie­re, ent­spricht sowohl auf indi­vi­du­el­ler wie auf kol­lek­ti­ver Ebe­ne jeden­falls eher sel­ten den Tatsachen.

Für den indi­vi­du­el­len Fall mag man an das Bei­spiel den­ken, daß ein Arbeit­ge­ber eine frau­en­feind­li­che Posi­ti­on ver­tritt (das ist ja dem lin­ken Estab­lish­ment der Gegen­wart zufol­ge bei Arbeit­ge­bern grund­sätz­lich der Fall). Wenn die­ser Arbeit­ge­ber nun einen neu­en Mit­ar­bei­ter für sei­nen Betrieb sucht, wird er in dem Fall, daß er zwi­schen einem männ­li­chen, aber weni­ger qua­li­fi­zier­ten Bewer­ber und einer weib­li­chen, aber qua­li­fi­zier­ten Bewer­be­rin die Wahl hat, den männ­li­chen Bewer­ber bevor­zu­gen und die Frau dis­kri­mi­nie­ren, wie es sich für einen Frau­en­feind gehört?

Wohl kaum. Er wird aller Wahr­schein­lich­keit nach die Bewer­be­rin dem männ­li­chen Kon­kur­ren­ten gegen­über bevor­zu­gen. Zugleich kann er welt­an­schau­lich Frau­en­feind blei­ben, indem er sich gege­be­nen­falls irgend­ei­ne Recht­fer­ti­gung zurecht­legt, um sein miso­gy­nes Welt­bild auf­recht­erhal­ten zu können.

Bli­cken wir auf die kol­lek­ti­ve Ebe­ne. Im Süd­afri­ka der Ras­sen­tren­nung war die Apart­heids­dok­trin zwei­fel­los Bestand­teil der kul­tu­rell hege­mo­nia­len Welt­an­schau­ung des Lan­des. Die hege­mo­nia­le Dok­trin hat­te unter ande­rem zur Fol­ge, daß es die Apart­heids­ge­set­ze Schwar­zen ver­bo­ten, in bestimm­ten Wirt­schafts­be­rei­chen (z.B. auf dem Bau) zu arbei­ten. Das hat aller­dings wei­ße Arbeit­ge­ber, die in der Regel die Aprat­heids­dok­trin teil­ten, nicht davon abge­hal­ten, gleich­wohl Schwar­ze in den frag­li­chen Berei­chen anzu­stel­len, und das offen­sicht­lich in Grö­ßen­ord­nun­gen.[3]

Die­ses Bei­spiel belegt, daß eine bestimm­te Ideo­lo­gie, die ein Bestand­teil kul­tu­rell hege­mo­nia­ler und sogar recht­lich ver­an­ker­ter Ideo­lo­gie sein mag, kei­nes­wegs das pri­mä­re Movens des Han­delns sein muss (und meist auch nicht ist). Und zwar auch für die Poli­tik nicht: letzt­lich wur­den in Süd­afri­ka noch unter Gel­tung des Apart­heids­re­gimes besag­te Rege­lun­gen abgeschafft.

Abschlie­ßend sei dar­auf ver­wie­sen, daß bei­spiels­wei­se Ernst Cas­si­rer (1874–1945), des­sen Werk mit Pare­tos Sozio­lo­gie herz­lich wenig Berüh­rungs­punk­te hat, durch­aus ähn­lich wie Pare­to argu­men­tiert, wenn er im Rah­men sei­ner Phi­lo­so­phie der sym­bo­li­schen For­men dar­legt, dass eine Pra­xis – ins­be­son­de­re eine ritu­el­le oder sym­bo­li­sche Pra­xis – regel­mä­ßig zunächst exer­ziert wird und ihre begriff­li­che, theo­re­ti­sche oder dok­tri­nä­re Recht­fer­ti­gung bzw. Ratio­na­li­sie­rung erst spä­ter ent­wi­ckelt wird – was Cas­si­rer am Bei­spiel des Mythos ent­wi­ckelt. Das ist struk­tu­rell dem Ver­hält­nis von Resi­du­en und Deri­va­tio­nen bei Pare­to durch­aus ver­gleich­bar, auch wenn bei­de Autoren unter­schied­li­che theo­re­ti­sche Hori­zon­te haben.

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[1]    Vil­fre­do Pare­to, All­ge­mei­ne Sozio­lo­gie, aus­ge­wählt, ein­ge­lei­tet und über­setzt von Carl Brink­mann, Mün­chen 2006, S. 219.

[2]    Vil­fre­do Pare­to, Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, her­aus­ge­ge­ben und ein­ge­lei­tet von Car­lo Mon­gar­di­ni, Frank­furt am Main, Ber­lin, Wien 1976, S. 292.

[3]    Sie­he Mer­le Lip­ton, Capi­ta­lism and Apart­heid. South Afri­ca, 1910–1984, Toto­wa, N.J., 1985, S. 209.

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Kommentare (2)

RMH

25. April 2026 11:30

@Michael Henkel, dass ist sehr interessant. Pareto war mir bislang vor allem wegen dem Schlagwort des sog. Pareto- Prinzips (80/20 Regel) bekannt, welches mal eine zeitlang eine kleine Mode hatte. Die Vorstellung, dass die Residuen die Entscheidung quasi bestimmen und das danach erst "rationalisiert", also eine Verfunftbegründung gesucht wird, findet aus meinem ersten, laienhaften Blick, eine Paralle zur jetzt auch schon wieder etwas älteren Debatte über die Existenz eines freien Willen, welche durch die Neurowissenschaft angestoßen wurde & welche insbesondere im strafrechtlichen Bereich eine große Debatte ausgelöst hat, wo der Schuldvorwurf bekanntermaßen getragen wird von der Prämisse der freien Entscheidungsmöglichkeit zwischen Tun & nicht Tun. Das sog. Libet Experiment aus den 80er Jahren zeigte, dass messbare Hirnaktivität vor der bewussten Entscheidung da ist & deutete darauf hin, dass Handlungen durch vorherige, neuronale Zustände bestimmt zu sein scheinen. Hier eine kurze Darstellung von der Max-Planck- Gesellschaft:
https://www.mpg.de/23959571/freier-wille
Für mich scheint Pareto hier eine Form von Vorahnung gehabt zu haben.

Ein gebuertiger Hesse

25. April 2026 12:46

"Die Vorstellung, daß die Theorie oder die Ideologie dem Handeln nicht vorgeordnet ist, sondern ihm folgt, ist in unserer intellektualisierten und technisierten Welt für viele Zeitgenossen irritierend."
"Unsere" Welt ist mitnichten "intellektualisiert". Oder meint der Autor, daß heutzutage viele Leute bloße Kopfgeburten ohne Arme und Beine mit sich rum tragen? 
Nein, nein, SiN etwa ist ein Forum für Intellektuelle - der Begriff sollte nicht im schlechten Sinn gebraucht werden.