Ist die AfD ein Hybrid?

Zu Gast in Thüringen auf der Klausurtagung der AfD-Landtagsfraktion. Sprach dort unter anderem endlich wieder einmal ausführlich mit dem Generalsekretär der Landespartei, Daniel Haseloff. Es ging um das Selbstbewußtsein der AfD.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Hasel­off for­mu­lier­te einen sehr inter­es­san­ten Gedan­ken. Er sieht die AfD nicht mehr in der Rol­le einer Oppo­si­ti­ons­par­tei: Sie sei es nur auf dem Papier noch, aber in ihrem Ver­hal­ten, ihrer Selbst­wahr­neh­mung und vor allem in der Wahr­neh­mung der Wäh­ler längst ein Zwi­schen­ding: nicht mehr Oppo­si­ti­on, noch nicht in der Regie­rung. Dar­aus sei­en neue Ver­hal­tens­leh­ren abzu­lei­ten, befrei­en­de Hal­tun­gen, ande­re Aufgaben.

Die AfD ist in den mit­tel­deut­schen Län­dern zwei­fels­oh­ne ein Hybrid. Die­ser Begriff umschreibt ein Sowohl-als-auch, eine War­te­po­si­ti­on, ein Noch-nicht. “Hybrid” ist: das eine und das ande­re zugleich sein, dadurch nichts ganz, eher auf dem Weg, in einem Entwicklungszustand.

Die­ser Zustand ist nun einer, in dem man noch kei­ne Regie­rungs­ver­ant­wor­tung über­tra­gen bekom­men hat, jedoch selbst­ver­ant­wort­lich der Ver­lo­ckung nicht nach­ge­ben darf, wei­ter­hin als spit­ze, popu­lis­ti­sche Oppo­si­ti­ons­stim­me nur den Unmut ein­zu­sam­meln, aus dem man nichts gestal­ten muß.

Das wäre fatal. Denn das Wäh­ler­vo­tum und der jen­seits von Wahl­ka­bi­nen geäu­ßer­te Zuspruch sind ein kla­rer Regie­rungs­auf­trag. Dar­an ändert auch die Dis­kre­panz nichts, die zwi­schen dem zöger­li­chen öffent­li­chen Bekennt­nis bür­ger­li­cher Schich­ten zur AfD und dem exis­tiert, das hin­ter ver­schlos­se­nen Türen längst offen aus­ge­spro­chen wird: Die Lage ist kata­stro­phal, eine fun­da­men­ta­le poli­ti­sche Wen­de not­wen­dig, die AfD die ein­zi­ge Kraft, die noch nicht ent­täusch­te, und mit­hin die ein­zi­ge Par­tei, auf die noch Hoff­nung gesetzt wird.

Der hybri­de Zustand, in dem sich die AfD in fünf Bun­des­län­dern befin­det, ist ein Durch­gangs­sta­di­um, mehr nicht. Das muß ver­in­ner­licht wer­den. Denn kei­nes­falls darf eine Par­tei von der Potenz der AfD in die­sem Sta­di­um ver­har­ren. Man ist auf dem Sprung, das ist kei­ne Posi­ti­on, und wäh­rend man springt, hat man sich auf die Lan­dung vorzubereiten.

Höcke sag­te, als wir abends noch für ein Stünd­chen am Feu­er saßen, daß die­se Lan­dung kom­men wer­de, ohne jeden Zwei­fel, und wenn nicht in die­sem Jahr schon in Sach­sen-Anhalt und in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, dann bei der nächs­ten Wahl in Thü­rin­gen, Sach­sen und Brandenburg.

Nicht nur in Thü­rin­gen setzt man auf eine abso­lu­te Mehr­heit. Etwas ande­res bleibt auch kaum. Als Hybrid in blo­ßer “War­te­po­si­ti­on” zu ver­har­ren, wür­de bedeu­ten: war­ten, bis jemand die Tür öff­net, war­ten, bis jemand die “Brand­mau­er” ein­reißt oder abträgt – jeden­falls: war­ten, und eines nicht signa­li­sie­ren: daß man nicht mehr bereit ist, auf die poli­ti­sche Ver­nunft des Geg­ners und auf die Ein­hal­tung par­la­men­ta­ri­scher Gepflo­gen­hei­ten durch die­je­ni­gen zu war­ten, die dem Wäh­ler miß­trau­en und sei­nen Wil­len ignorieren.

Was könn­te es bedeu­ten, sich als Hybrid zu ver­ste­hen und zu ver­hal­ten? Björn Höcke hat das in sei­nem vier­ein­halb Stun­den dau­ern­den Gespräch mit dem You­Tuber “Ben ungeskrip­tet” gezeigt. Er beschreibt dar­in Zustän­de unse­rer Nati­on und ihrer wech­seln­den Regie­run­gen, die mit oppo­si­tio­nel­len Mit­teln nicht mehr zu ver­bes­sern und zu kor­ri­gie­ren sind.

Das liegt in der Natur der Sache. Wenn Höcke das Wort “Demo­kra­tie­si­mu­la­ti­on” ver­wen­det, beschreibt er das, wor­über wir uns alle einig sind: Regie­rung und Oppo­si­ti­on sind aus­tausch­bar, solan­ge über die anti­deut­sche und gesell­schafts­expe­ri­men­tel­le Stoß­rich­tung Kon­sens besteht. Regie­rung und Oppo­si­ti­on sind aus­tausch­bar, das Durch­wech­seln ist ein Spiel.

Sich als Kar­tell aus Regie­rung und Oppo­si­ti­on zu geben und das Land unter sich auf­zu­tei­len, ist eine sta­bi­le Struk­tur und ein Gefäng­nis zugleich. Wer “Demo­kra­tie­si­mu­la­ti­on” sagt, sagt zugleich, daß er sich dar­an kei­nes­falls wird betei­li­gen wol­len. Wer “Hybrid” sagt und nach­schiebt, daß es nur eine Bewe­gungs­rich­tung geben kann: die, ohne die ande­ren die poli­ti­sche Wen­de durch­zu­set­zen, sagt dasselbe.

Die Oppo­si­ti­on ist eine ech­te, seit es eine Alter­na­ti­ve für Deutsch­land gibt. Die Oppo­si­ti­on ver­läßt die ihr zuge­schrie­be­ne Rol­le, wenn sie poten­ter ist als alle Regie­rungs­par­tei­en zusam­men. So ist es in Thü­rin­gen, in der nach der letz­ten Umfra­ge CDU, BSW und SPD  37 Pro­zent, die AfD allei­ne 39 Pro­zent wiegt.

Wie ist der Ton, wel­che Spra­che lei­tet sich dar­aus ab? Der Auf­tritt muß selbst­be­wußt und in den ent­schei­den­den Fra­gen kom­pro­miß­los sein. Es gibt Grund­sät­ze, die nicht ver­han­del­bar sind. Das wird in Höckes gro­ßem Gespräch deut­lich, das wur­de in den Gesprä­chen auf der Klau­sur­ta­gung klar: Man wird als AfD den Man­gel nur dort ver­wal­ten, wo es nicht anders geht. Demo­gra­phi­sche Kata­stro­phe und Über­al­te­rung wer­den auch unter einer AfD-Regie­rung voll durch­schla­gen und sie zu Hand­lun­gen zwin­gen, die sie lie­ber ver­mie­de. Aber end­lich wird man wie­der jede Mög­lich­keit prü­fen, ob es nicht doch anders gehe, also: ob sich der Man­gel nicht behe­ben lasse.

Wer die gegen alles Gewohn­heits­recht zuge­schrie­be­ne Rol­le als Oppo­si­ti­on nicht mehr akzep­tiert, akzep­tiert es nicht mehr, Res­sour­cen für die Demo­kra­tie­si­mu­la­ti­on aus­zu­ge­ben. Das bedeu­tet, Fra­ge­stel­lun­gen nicht mehr zu akzep­tie­ren, das übli­che Oppo­si­ti­ons­ge­pol­ter nicht mehr auf Knopf­druck zu lie­fern, son­dern ein Schat­ten­ka­bi­nett zu bil­den und in ihm nicht mehr die Demo­kra­tie zu simu­lie­ren, son­dern Regie­rungs­ver­ant­wor­tung wie in einer Test­pha­se durchzuspielen.

Wenn man sich so begreift, setzt man Geset­zes­ent­wür­fen des regie­ren­den Kar­tells eige­ne Ent­wür­fe nicht mehr in der Hoff­nung ent­ge­gen, man fän­de Gehör, son­dern ein­zig des­halb, um sie vor­be­rei­tet in der Schub­la­de lie­gen zu haben und durch­set­zen zu kön­nen, wenn die Mehr­heits­ver­hält­nis­se geklärt sind.

Wenn man sich als Schat­ten­ka­bi­nett begreift, soll­te man auf­hö­ren, sich zu empö­ren, son­dern die Zuver­sicht des­je­ni­gen aus­strah­len, der schon gewon­nen hat und nicht mehr auf­zu­hal­ten sein wird – gestützt auf einen Zuspruch im Volk, den die ande­ren seit Jah­ren nicht mehr ver­neh­men können.

Carl Schmitt sprach ein­mal sinn­ge­mäß davon, daß man man­che Fra­ge­stel­ler und ihre Fra­gen nicht mehr akzep­tie­ren sol­le. Aber dabei darf man in der hybri­den Posi­ti­on, die man der­zeit ein­nimmt, nicht ste­hen­blei­ben. Auf Fra­gen nicht mehr zu ant­wor­ten, ist noch immer nur eine Ver­wei­ge­rung – eine sinn­vol­le und not­wen­di­ge, eine sehr selbst­be­wuß­te alle­mal. Aber gleich­zei­tig müs­sen Stand­punk­te ein­ge­nom­men wer­den, von denen aus das Feld beherrscht und das Spiel bestimmt wer­den können.

Hoff­nung berei­tet die Bereit­schaft immer brei­te­rer Schich­ten, end­lich begrei­fen zu wol­len, was in unse­rem Land vor sich geht und war­um sich so vie­les so unver­hoh­len ver­lo­gen anhört. Die Berich­te und Ver­laut­ba­run­gen pas­sen nicht mehr, längst nicht mehr zur Lebens­wirk­lich­keit und Alltagserfahrung.

Es ist von Bedeu­tung, wenn Höckes vier­stün­di­ges Gespräch mit Ben­ja­min Berndt nach 48 Stun­den fast 2,5 Mil­lio­nen Auf­ru­fe hat, wenn 97 Pro­zent der Bewer­tun­gen posi­tiv sind und fast 60 000 Kom­men­ta­re vor allem Dank dafür aus­spre­chen, daß hier end­lich jemand aus­führ­lich zu Wort kommt, der fun­da­men­tal anders über unser Land und sei­ne Zukunft und Ret­tung nachdenkt.

Die­se Bedeu­tung wird von der Reak­ti­on der soge­nann­ten eta­blier­ten Medi­en unter­stri­chen: Ihr Vor­wurf gilt einem You­Tuber, der ein­fach jeden zu Wort kom­men läßt und auf die­se Wei­se so etwas wie den frei­en Wett­be­werb der Mei­nun­gen ermöglicht.

Nun kommt also einer zu Wort, der nicht mehr nur Oppo­si­ti­ons­füh­rer und noch nicht Minis­ter­prä­si­dent ist und über die­se Rol­le, die­ses Zwi­schen­sta­di­um Aus­kunft gibt. Er weiß, er ist auf dem Sprung, er weiß, daß die Lan­dung unwei­ger­lich erfol­gen muß und hart sein wird. Glaubt mir: Er berei­tet sich auf sie vor.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (3)

Ein gebuertiger Hesse

2. Mai 2026 19:19

"Dieser Zustand ist nun einer, in dem man noch keine Regierungsverantwortung übertragen bekommen hat, jedoch selbstverantwortlich der Verlockung nicht nachgeben darf, weiterhin als spitze, populistische Oppositionsstimme nur den Unmut einzusammeln, aus dem man nichts gestalten muß."
Bester Absatz des Jahres bisher hier oder anderswo. Aber es ist ja erst Mai.

Carsten Lucke

2. Mai 2026 21:19

Warum ich gleichzeitig wünsche und befürchte, daß die AfD endlich in Verantwortung kommt (gleich ob in Land oder Bund), ist ja sicher hier jedem klar : Sie müßte die ganze Scheiße beseitigen, die ihr die Vorgänger hinterlassen haben. - Unmöglich ! Jedoch wird sie daran "gemessen" werden.
Ein Fluch. Ein fürchterlicher Fluch !

Rheinlaender

2. Mai 2026 22:47

Die Verhältnisse könnten diesmal tatsächlich in Bewegung geraten. Kampagnen gegen die AfD greifen nicht mehr, während selbst etablierte CDUler vor einer bevorstehenden Staatskrise warnen, wobei dieser Staat sein Pulver in den vorherigen Krisen bereits verschossen hat. Die Bundesregierung hat jetzt nur noch schlechte Optionen und ist obendrein auch noch handlungsunfähig.
Die ersten AfD-Landesregierungen könnte es noch während des heraufziehenden Krisenwinters 2027/2028 geben, in dem sich die Dinge wohl einmal weiter zuspitzen würden, und auch eine AfD-Bundesregierung wird bald eine Option sein. Auch die beste politische Alternative könnte unter den ungünstigstenfalls zu erwartenden Bedingungen jedoch nicht mehr als zunächst eine Stabilisierung der Lage bewirken. Die auf die Berliner Republik folgende Phase, die man vielleicht Erfurter Republik nennen wird, könnte angesichts der ihn erwarteten Problemlast noch schneller wieder erledigt sein als die Weimarer Republik.