Es geht hier weniger um seine ganz eigenen Gedanken zu dieser intimen Passage, vielmehr präsentiert Ribbat uns in aufgelockertem, oft subtilem Plauderton Fundstücke aus der Historie des Träumens, Gewecktwerdens und den ersten Morgenstunden. Jede einzelne Seite ist goldwert – „Morgenstund‘“ halt… Keine dieser hier kunstfertig verdichteten (quellengesättigten) Anekdoten übersteigt die Länge von zwei Seiten.
Wir finden fünf (nach dem ersten, vorwortförmigen) weitgehend chronologisch voranschreitende Kapitel vor: Erstens „Pauls Traum“ (es geht um McCartneys größten Hit, den er im Aufwachen zunächst mit der Liedzeile „Scrambled Eggs“ komponierte), zweitens „Hahn und Wecker“: Platon empfand den schlafenden Menschen als nichtsnutzig und erfand einen frühen Wecker. Bis ins hohe Mittelalter schliefen die Menschen selten allein. Es gab weder Bett noch Schlafzimmer, und der Schlaf galt weithin als bedrohliche Zeit, in der Dämonen auf Seelenfang waren. Wir lernen Abt Pietro kennen, den das Problem der nächtlichen Pollution schwer beschäftigte und der es traumhaft lösen konnte. Er wurde dann Papst Coelestin V. Und doch blieb die Nachtruhe fragwürdig, hielt sie doch vom Gotteslob ab – Mönche erfanden im 13. Jahrhundert ein erstes aufziehbares Räderwerk zwecks Weckung.
Das sehr frühe Aufstehen galt weit in die Neuzeit hinein als tugendhaft. Im 16. Jahrhundert empfiehlt ein Ratgeberbuch Hausfrauen, im Sommer um vier, im Winter erst um fünf Uhr aufzustehen. Knapp 200 Jahre später schlägt der Volkserzieher Benjamin Franklin in dieselbe Kerbe: „Early in bed and early to rise makes a man healthy, wealthy and wise“: Franklins Bücher waren Bestseller! Als er ab 1776 Botschafter der Vereinigten Staaten in Frankreich war, schlug er ernsthaft vor, daß die Pariser um acht zu Bett gehen sollten, und daß man ab 4 Uhr morgens nicht nur alle Kirchenglocken läuten, sondern auch Kanonen abschießen sollte, um die Franzosen an eine „early-rise“-Disziplin zu gewöhnen.
Für den Zeitraum etwa hundert Jahre später erzählt Ribbat die Schlafgeschichte des englischen Industriearbeiters George Allinsworth. Seine Schicht begann früh um sechs, sonnabends schon um drei. Zwölfstunden-Schichten sind die Regel. George ist neun Jahre alt.
Noch in dieses zweite Kapitel zählt die Geschichte des modernen Weckers. Die Firma Junghans (zugleich ein Munitionsbetrieb) war europaweit federführend. Die Kaufstücke firmierten unter Produktnamen wie „Krawall“, „Terror“, „Repetierwecker Störenfried“ und ab 1914 dann als „Feldgrau“ (Ziffernblatt mit Eisernem Kreuz) und „Trommler“. Letzterer klingelte nicht, sondern schlagwerkte den „Deutschen Parademarsch“. (Den gelegentlich säuerlichen Ton verzeiht man Ribbat gern.)
Weiter zum dritten Kapitel, „Aus dem Schlaf gerissen“. Wir finden hier – stets unterhaltsam, aber nie boulevardesk dargebracht, kurze Sätze, atmosphärisch dicht – Verweise auf zahlreiche Kunstwerke: Edward Hoppers Gemälde Morning Sun und Cape Cod Morning beispielsweise. Hoppers Frau Jo, die vor ihm als Malerin berühmt war und sich dann ihm zuliebe zurücknahm, spielt in diesen Aufwachszenen eine bedeutende Rolle. Dürers Traumgesicht, Droste-Hülshoffs Durchwachte Nacht und etliche andere Frühmorgens-Gedichte kommen zum Aufruf. Ribbat zählt nicht auf, was künstlerisch alles mit „Erwachen“ zu tun hätte, er breitet knappe Szenen aus, er begibt sich unaufdringlich und stets nur für einen Moment in die jeweilige Gemengelage.
Ein großer Träumer war auch Theodor W. Adorno. Im Exil, 1945, hatte er einen Hinrichtungstraum: von einer „Schar nackter, sportlicher junger Männer, ob Faschisten oder Antifaschisten, unklar, und dann von Leichen: eine Szene, der er emotionslos zusah, und zudem ein Traum, aus dem er mit einer Erektion erwachte.“
Im gleichen Kapitel wird uns eine Studie von Charlotte Beradt vorgestellt, Das Dritte Reich des Traums. Sie sammelt Träume über den NS, aus der Zeit des „noch leisetretenden Regimes“ vor dem Krieg. Die Studie wird Buch und Radiosendung, aber Charlotte muß einen Friseursalon betreiben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
„Aus dem Schlaf gerissen“ wurden auch die Ongee auf den Andamanen. In den 1980ern träumte das damals noch nicht ausgeforschte Volk kollektiv. Aus den Träumen ergab sich, was am kommenden Tag zu tun sei. Fünfzehn Jahre später führen sie moderne Existenzen, sie haben Vorgesetzte und Sozialarbeiter. „Die Ongee jagen nicht mehr, weil sie nicht mehr zusammen von Wäldern träumen“. Sie können nun Waren in Geschäften kaufen.
Das vierte, ein kurzes Kapitel, lautet „Ins Bad“. Kaiser Franz Joseph als Frühaufsteher möchte früh baden, nämlich gegen drei Uhr morgens. Großes Pech, wenn der Diener besoffen ist… Im fünften Kapitel geht es über „das Frühstück“. Thomas von Aquin hielt die Morgenmahlzeit für „Völlerei“ und mithin für eine Todsünde.
Alles an diesem Büchlein ist so leicht, gekonnt, so bedeutungsschwer wie flüchtig – hier ist Lesen wie Fliegen, ein wunderbares Dazwischen. Es gehört mindestens auf den Nachttisch!
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Christoph Ribbat: In den Tag. Eine kurze Geschichte des Aufwachens. Berlin 2026, 166 S., 20 € – hier bestellen
