8. Mai – Verbeugung vor einem Deutschen

Auszug aus Kaplaken 100: Weiße Nacht. Eine Wanderung, Kapitel "Glasbild".

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Ich habe in Rumä­ni­en vor mehr als drei­ßig Jah­ren einen Mann ken­nen­ge­lernt (auch sei­ne Frau noch), der nicht ohne sei­ne Erde, sei­ne Hei­mat leben konn­te. Tho­mas Drotl­eff hieß er, ich darf sei­nen Namen nen­nen, er hät­te nichts dage­gen, das weiß ich. Er war Sie­ben­bür­ger, ein Rumä­ni­en­deut­scher, des­sen Vor­fah­ren aus dem Mosel­frän­ki­schen vor hun­der­ten Jah­ren auf den unga­ri­schen Königs­bo­den aus­ge­wan­dert waren, um frucht­ba­ren Boden zu bestellen.

Der Bau­er Drotl­eff war, als ich ihn zum ers­ten Mal auf sei­nem Hof in Holz­men­gen besuch­te, um jede hel­fen­de Hand froh – hat­te sich die Schul­ter „ver­ris­sen“ und stand vor der Heu­ern­te. Wir pack­ten an, was sonst, aber das ist nicht die Geschich­te, die ich erzäh­len will.

Drotl­eff berich­te­te, nach­dem er Ver­trau­en gefaßt hat­te und sich auf mei­ne Wie­der­kehr freu­te, an den lan­gen Win­ter­aben­den (ich war vor allem im Win­ter so gern bei ihm in der Küche neben dem Kuh­stall, wenn wir bei har­tem Frost lan­ge im Holz gear­bei­tet hat­ten) – berich­te­te an den lan­gen Win­ter­aben­den aus sei­nem Leben, erst recht, nach­dem sei­ne Frau gestor­ben war und er manch­mal nicht wuß­te, wie es nun wei­ter­ge­hen könnte.

Er saß also neben dem Küchen­herd, der die Win­ter­kam­mer auf eine absur­de Tem­pe­ra­tur trieb, schnitt Brot, Speck, Zwie­beln und Gur­ken auf und schenk­te Schnaps in gro­ße Glä­ser. Dann begann er zu erzäh­len, und wenn ich das, was er zu erzäh­len hat­te, heu­te auf eine For­mel brin­gen darf, dann will ich sagen: Die­ser Bau­er erzähl­te unent­wegt und aus immer neu­en Rich­tun­gen vom dro­hen­den Ver­lust der Hei­mat und dem zähen und gefähr­li­chen Kampf um sie.

Drott­lef, der Mus­ter­bau­er, der schon das Bau­holz für einen Kuh­stall mit zehn Boxen bereit­ge­legt hat­te, als noch kaum jemand so groß dach­te, wur­de 1940 in die rumä­ni­sche Armee ein­ge­zo­gen und 1941 als Deut­scher an deut­scher Sei­te im Rah­men der Hee­res­grup­pe Süd in Marsch gesetzt, um über Odes­sa die Ukrai­ne auf­zu­rol­len und den Über­gang auf die Krim zu erzwingen.

Ein Jahr spä­ter hat­te er das Pech, daß sei­ne Divi­si­on nach Nor­den abzu­dre­hen hat­te, vor Sta­lin­grad zum Ste­hen kam und dann auf­ge­rie­ben wur­de. Nie in sei­nem Leben habe er je wie­der so gefro­ren, erzähl­te er, und als er am Flug­platz beim Ent­la­den einer der weni­gen Maschi­nen half, die Sta­lin­grad noch erreich­ten, sprang er ins Flug­zeug und behaup­te­te, daß er der Ersatz für den Bord­schüt­zen sei, der auf dem Anflug gefal­len war. Natür­lich konn­te er die Bord­waf­fe nicht bedie­nen, aber es war auf dem kur­zen Flug aus dem Kes­sel her­aus nicht nötig. Und so ent­kam und über­leb­te er.

Von dem kur­zen Urlaub, den man ihm gewähr­te, ver­brach­te Drotl­eff frie­rend und über­mü­det die ers­te Woche in Zügen und auf Kraft­wä­gen, erreich­te sei­nen Hof, sah sein Söhn­chen und sei­ne Frau und wur­de nach drei Tagen in die Waf­fen-SS ein­ge­glie­dert, die aus den Volks­deut­schen Sie­ben­bür­gens und des Banats eine neue Divi­si­on aufstellte.

Drotl­eff kämpf­te auf dem Bal­kan gegen Par­ti­sa­nen und wie­der an der Ost­front, zuletzt im Kur­land­kes­sel, schlüpf­te durch, ent­kam nach dem Fall Ber­lins und tat danach etwas ganz Außer­ge­wöhn­li­ches: Er schlug sich in den Rei­hen heim­keh­ren­der sowje­ti­scher Trup­pen immer wei­ter in Rich­tung Osten durch und kam schließ­lich halb­ver­hun­gert am Hof­tor in Holz­men­gen an. Aber sei­ne Frau fand er nicht vor: Sie war mit allen ande­ren Frau­en und Män­nern in die Sowjet­uni­on ver­schleppt wor­den und kehr­te erst 1950 gebro­chen, ver­ge­wal­tigt und krank zurück.

Das Söhn­chen war bei einer alten Frau zurück­ge­blie­ben und erkann­te sei­nen Vater nicht. (Ich konn­te spä­ter ein­mal mit ihm spre­chen und pol­ter­te mit der Tür ins Haus. Dahin­ter: Rie­gel und Git­ter vor den Erin­ne­run­gen, kein Durch­drin­gen, bloß ein Weg­la­chen, der Mensch erträgt Unge­heu­er­li­ches wohl oft nur so.)

Den Hof erhiel­ten die Drotl­effs erst nach Sta­lins Tod zurück, dazu vom Besitz vier Hekt­ar Land. Weil aber die­je­ni­gen, denen alles zuge­schla­gen wor­den war, nicht wirt­schaf­ten konn­ten, hat­te der Bau­er, als ich ihn ken­nen­lern­te, schon wie­der alle Fel­der zusam­men­ge­kauft. Aber da waren die jün­ge­ren Deut­schen längst aus­ge­wan­dert, „zurück“ nach Deutsch­land, nach sie­ben­hun­dert Jah­ren „zurück“.

Der Bau­er schimpf­te dar­über, aber nach­dem die Bäue­rin gestor­ben war, erwog auch er die­se Rück­kehr. Ich traf ihn wie­der, nach­dem er es in einer Woh­nung bei Stutt­gart ver­sucht hat­te. Ich nahm ihn mit dem Auto zurück nach Holz­men­gen, die gan­ze wei­te Stre­cke, und er tat kein Auge zu. Er war abge­ma­gert, ver­welkt, und als wir am zwei­ten Tag end­lich anka­men, saß er stun­den­lang wie im Traum auf sei­ner Gar­ten­bank und such­te nach Wor­ten für das, „was ich der Hei­mat ange­tan habe“.

Was war das denn? Natür­lich hat­te er sei­nen Büf­fel ver­kauft und kein Mast­schwein mehr ange­schafft. Die Hüh­ner waren im Topf gelan­det, die Bie­nen kamen ohne ihn zurecht, und die Fel­der lagen nun unbe­stellt – auch dar­an war wei­ter nichts schlimm: Die Kraft hat­te in den Jah­ren zuvor sowie­so nur noch für einen hal­ben Hekt­ar Mais und ein paar Rei­hen Kar­tof­feln gereicht. Aber gegen Ende mei­nes Auf­ent­halts gacker­ten schon wie­der ein paar Hüh­ner über die Bee­te, und wir schleu­der­ten Honig.

Wie ist es, wenn wir nicht gehen kön­nen, wenn wir die Wur­zeln, die wir schlu­gen und die viel­leicht so weit vor uns schon geschla­gen wor­den sind, daß sich ihre Spur ver­liert und den­noch kei­nes Nach­wei­ses bedarf – wenn wir die­se Wur­zeln ein­fach nicht kap­pen kön­nen, wenn uns also irgend­et­was das nicht mehr erlaubt? Ich kann sol­ches ja von mir nicht mehr behaup­ten; aber als ich damals bei Drott­lef war, begriff ich etwas davon.

Als wir näm­lich an die­sem ers­ten Abend lan­ge gezecht und erzählt hat­ten und die Son­ne schon wie­der auf­ging, zog er mich auf die Dorf­stra­ße und wei­ter über einen fla­chen Hang, der von Schafs­pfa­den über­zo­gen war – aus­ge­tre­ten, hart­ge­trock­net, Knö­del­chen unter jedem Schritt. Der Bau­er war in einer hel­len, aus­ge­las­se­nen Stim­mung. Er kreuz­te vor mir hin und her, um einen Baum zu berüh­ren, gegen einen Stein zu schla­gen und über den Weg zu spu­cken. Manch­mal leg­te er danach sein Ohr an das Holz und das Moos und lausch­te. Ich hör­te Wort­fet­zen, aber ich schloß nicht auf. Er, den ich nie hat­te Spa­zie­ren­ge­hen sehen, lief, stürm­te vor­wärts und beschwor, was ihm so ver­traut war: jede Berüh­rung eine Begrü­ßung, jeder Schlag eine Herz­lich­keit, und wenn er spuck­te, dann wies er zurecht – zu früh gefreut, hier bin ich wie­der, und: Was gibt’s zu maulen?

Oben, als der Hang wie­der abfal­len woll­te, war­te­te Drotl­eff auf mich. Der Platz war selt­sam über­formt. „Grä­ber“, sag­te er. Tat­säch­lich erkann­te ich Auf­ge­wor­fe­nes in einer Rei­he und mit regel­mä­ßi­gen Abstän­den, fast schon ein­ge­sun­ken, aber doch klar erkenn­bar für jeden, der davon wußte.

Deut­sche Artil­le­rie, von hier aus schie­ßen wir nach Por­um­ba­cu und nach Kor­nat­zel, aber vor­ges­tern, witsch, kommt eine Gra­na­te zurück und tötet gleich ihrer Fünf. Haben wir das hier dann aus­ge­ho­ben, sind doch die Prot­zen im Dorf, auch bei mir, so ein Offischier!

So etwa sprach Drotl­eff – aus der Zeit gefal­len, aber ganz gegen­wär­tig. Er pack­te eine Fla­sche aus, setz­te an, reich­te mir und gab dann über jedes Grab einen reich­li­chen Schluck, bevor er selbst wie­der an der Rei­he war. So ging es, bis ich mich bemerk­bar mach­te. Er lall­te nur noch, ich schaff­te ihn nach Hau­se. Unter­wegs trat er noch an ein paar Stei­ne, dann stol­per­te er in sein Bett.

Als ich spät am andern Tag erwach­te und mich am Brun­nen wusch, hat­te Drotl­eff bereits über den Zaun um Hüh­ner gehan­delt und fri­sches Brot gekauft. Wir früh­stück­ten. „Jei, warst Du betrun­ken“, sag­te er. Und spä­ter: „Komm, zeig ich Dir etwas!“ Er zog mich auf die Dorf­stra­ße. Wir gin­gen lang­sam, der Bau­er mach­te Pau­sen, die Stre­cke setz­te ihm zu. Kein Schlag, kei­ne Berüh­rung, kein Gespu­cke und kein Ohr. Eine Stun­de spä­ter stan­den wir auf dem Hang gera­de an der Stel­le, an der er wie­der ins Tal abfal­len woll­te. Der Platz war selt­sam über­formt. „Grä­ber“, sag­te Drotleff.

1916, Deut­sche Artil­le­rie, von hier aus schoß es nach Por­um­ba­cu und nach Kornatzel.

(Und­so­wei­ter, bloß war kein Schnaps dabei. Und was das war? Kei­ne Ahnung, bloß: Sag einer in sol­chen Momen­ten etwas gegen den nächt­li­chen Rausch, mes­se einer den Blut­druck und schaue nach den Pupil­len – den jage ich ins Tal! Und daß ich den Faden ver­lo­ren habe und Hera­kles sei­ne Grün­de hat­te – soll sein. Mor­gen ist auch noch ein Tag, viel­leicht läßt sich dann etwas auf­grei­fen und aus­deu­ten. Viel­leicht war ich näm­lich wirk­lich blau und hat­te nachts das zwei­te Gesicht, viel­leicht waren wir bei­de auf Hän­gen und haben nach dem Gebir­ge geschos­sen, wer weiß? Ich will’s nicht wis­sen, schö­ner ist es näm­lich so.)

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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