Ich habe in Rumänien vor mehr als dreißig Jahren einen Mann kennengelernt (auch seine Frau noch), der nicht ohne seine Erde, seine Heimat leben konnte. Thomas Drotleff hieß er, ich darf seinen Namen nennen, er hätte nichts dagegen, das weiß ich. Er war Siebenbürger, ein Rumäniendeutscher, dessen Vorfahren aus dem Moselfränkischen vor hunderten Jahren auf den ungarischen Königsboden ausgewandert waren, um fruchtbaren Boden zu bestellen.
Der Bauer Drotleff war, als ich ihn zum ersten Mal auf seinem Hof in Holzmengen besuchte, um jede helfende Hand froh – hatte sich die Schulter „verrissen“ und stand vor der Heuernte. Wir packten an, was sonst, aber das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen will.
Drotleff berichtete, nachdem er Vertrauen gefaßt hatte und sich auf meine Wiederkehr freute, an den langen Winterabenden (ich war vor allem im Winter so gern bei ihm in der Küche neben dem Kuhstall, wenn wir bei hartem Frost lange im Holz gearbeitet hatten) – berichtete an den langen Winterabenden aus seinem Leben, erst recht, nachdem seine Frau gestorben war und er manchmal nicht wußte, wie es nun weitergehen könnte.
Er saß also neben dem Küchenherd, der die Winterkammer auf eine absurde Temperatur trieb, schnitt Brot, Speck, Zwiebeln und Gurken auf und schenkte Schnaps in große Gläser. Dann begann er zu erzählen, und wenn ich das, was er zu erzählen hatte, heute auf eine Formel bringen darf, dann will ich sagen: Dieser Bauer erzählte unentwegt und aus immer neuen Richtungen vom drohenden Verlust der Heimat und dem zähen und gefährlichen Kampf um sie.
Drottlef, der Musterbauer, der schon das Bauholz für einen Kuhstall mit zehn Boxen bereitgelegt hatte, als noch kaum jemand so groß dachte, wurde 1940 in die rumänische Armee eingezogen und 1941 als Deutscher an deutscher Seite im Rahmen der Heeresgruppe Süd in Marsch gesetzt, um über Odessa die Ukraine aufzurollen und den Übergang auf die Krim zu erzwingen.
Ein Jahr später hatte er das Pech, daß seine Division nach Norden abzudrehen hatte, vor Stalingrad zum Stehen kam und dann aufgerieben wurde. Nie in seinem Leben habe er je wieder so gefroren, erzählte er, und als er am Flugplatz beim Entladen einer der wenigen Maschinen half, die Stalingrad noch erreichten, sprang er ins Flugzeug und behauptete, daß er der Ersatz für den Bordschützen sei, der auf dem Anflug gefallen war. Natürlich konnte er die Bordwaffe nicht bedienen, aber es war auf dem kurzen Flug aus dem Kessel heraus nicht nötig. Und so entkam und überlebte er.
Von dem kurzen Urlaub, den man ihm gewährte, verbrachte Drotleff frierend und übermüdet die erste Woche in Zügen und auf Kraftwägen, erreichte seinen Hof, sah sein Söhnchen und seine Frau und wurde nach drei Tagen in die Waffen-SS eingegliedert, die aus den Volksdeutschen Siebenbürgens und des Banats eine neue Division aufstellte.
Drotleff kämpfte auf dem Balkan gegen Partisanen und wieder an der Ostfront, zuletzt im Kurlandkessel, schlüpfte durch, entkam nach dem Fall Berlins und tat danach etwas ganz Außergewöhnliches: Er schlug sich in den Reihen heimkehrender sowjetischer Truppen immer weiter in Richtung Osten durch und kam schließlich halbverhungert am Hoftor in Holzmengen an. Aber seine Frau fand er nicht vor: Sie war mit allen anderen Frauen und Männern in die Sowjetunion verschleppt worden und kehrte erst 1950 gebrochen, vergewaltigt und krank zurück.
Das Söhnchen war bei einer alten Frau zurückgeblieben und erkannte seinen Vater nicht. (Ich konnte später einmal mit ihm sprechen und polterte mit der Tür ins Haus. Dahinter: Riegel und Gitter vor den Erinnerungen, kein Durchdringen, bloß ein Weglachen, der Mensch erträgt Ungeheuerliches wohl oft nur so.)
Den Hof erhielten die Drotleffs erst nach Stalins Tod zurück, dazu vom Besitz vier Hektar Land. Weil aber diejenigen, denen alles zugeschlagen worden war, nicht wirtschaften konnten, hatte der Bauer, als ich ihn kennenlernte, schon wieder alle Felder zusammengekauft. Aber da waren die jüngeren Deutschen längst ausgewandert, „zurück“ nach Deutschland, nach siebenhundert Jahren „zurück“.
Der Bauer schimpfte darüber, aber nachdem die Bäuerin gestorben war, erwog auch er diese Rückkehr. Ich traf ihn wieder, nachdem er es in einer Wohnung bei Stuttgart versucht hatte. Ich nahm ihn mit dem Auto zurück nach Holzmengen, die ganze weite Strecke, und er tat kein Auge zu. Er war abgemagert, verwelkt, und als wir am zweiten Tag endlich ankamen, saß er stundenlang wie im Traum auf seiner Gartenbank und suchte nach Worten für das, „was ich der Heimat angetan habe“.
Was war das denn? Natürlich hatte er seinen Büffel verkauft und kein Mastschwein mehr angeschafft. Die Hühner waren im Topf gelandet, die Bienen kamen ohne ihn zurecht, und die Felder lagen nun unbestellt – auch daran war weiter nichts schlimm: Die Kraft hatte in den Jahren zuvor sowieso nur noch für einen halben Hektar Mais und ein paar Reihen Kartoffeln gereicht. Aber gegen Ende meines Aufenthalts gackerten schon wieder ein paar Hühner über die Beete, und wir schleuderten Honig.
Wie ist es, wenn wir nicht gehen können, wenn wir die Wurzeln, die wir schlugen und die vielleicht so weit vor uns schon geschlagen worden sind, daß sich ihre Spur verliert und dennoch keines Nachweises bedarf – wenn wir diese Wurzeln einfach nicht kappen können, wenn uns also irgendetwas das nicht mehr erlaubt? Ich kann solches ja von mir nicht mehr behaupten; aber als ich damals bei Drottlef war, begriff ich etwas davon.
Als wir nämlich an diesem ersten Abend lange gezecht und erzählt hatten und die Sonne schon wieder aufging, zog er mich auf die Dorfstraße und weiter über einen flachen Hang, der von Schafspfaden überzogen war – ausgetreten, hartgetrocknet, Knödelchen unter jedem Schritt. Der Bauer war in einer hellen, ausgelassenen Stimmung. Er kreuzte vor mir hin und her, um einen Baum zu berühren, gegen einen Stein zu schlagen und über den Weg zu spucken. Manchmal legte er danach sein Ohr an das Holz und das Moos und lauschte. Ich hörte Wortfetzen, aber ich schloß nicht auf. Er, den ich nie hatte Spazierengehen sehen, lief, stürmte vorwärts und beschwor, was ihm so vertraut war: jede Berührung eine Begrüßung, jeder Schlag eine Herzlichkeit, und wenn er spuckte, dann wies er zurecht – zu früh gefreut, hier bin ich wieder, und: Was gibt’s zu maulen?
Oben, als der Hang wieder abfallen wollte, wartete Drotleff auf mich. Der Platz war seltsam überformt. „Gräber“, sagte er. Tatsächlich erkannte ich Aufgeworfenes in einer Reihe und mit regelmäßigen Abständen, fast schon eingesunken, aber doch klar erkennbar für jeden, der davon wußte.
Deutsche Artillerie, von hier aus schießen wir nach Porumbacu und nach Kornatzel, aber vorgestern, witsch, kommt eine Granate zurück und tötet gleich ihrer Fünf. Haben wir das hier dann ausgehoben, sind doch die Protzen im Dorf, auch bei mir, so ein Offischier!
So etwa sprach Drotleff – aus der Zeit gefallen, aber ganz gegenwärtig. Er packte eine Flasche aus, setzte an, reichte mir und gab dann über jedes Grab einen reichlichen Schluck, bevor er selbst wieder an der Reihe war. So ging es, bis ich mich bemerkbar machte. Er lallte nur noch, ich schaffte ihn nach Hause. Unterwegs trat er noch an ein paar Steine, dann stolperte er in sein Bett.
Als ich spät am andern Tag erwachte und mich am Brunnen wusch, hatte Drotleff bereits über den Zaun um Hühner gehandelt und frisches Brot gekauft. Wir frühstückten. „Jei, warst Du betrunken“, sagte er. Und später: „Komm, zeig ich Dir etwas!“ Er zog mich auf die Dorfstraße. Wir gingen langsam, der Bauer machte Pausen, die Strecke setzte ihm zu. Kein Schlag, keine Berührung, kein Gespucke und kein Ohr. Eine Stunde später standen wir auf dem Hang gerade an der Stelle, an der er wieder ins Tal abfallen wollte. Der Platz war seltsam überformt. „Gräber“, sagte Drotleff.
1916, Deutsche Artillerie, von hier aus schoß es nach Porumbacu und nach Kornatzel.
(Undsoweiter, bloß war kein Schnaps dabei. Und was das war? Keine Ahnung, bloß: Sag einer in solchen Momenten etwas gegen den nächtlichen Rausch, messe einer den Blutdruck und schaue nach den Pupillen – den jage ich ins Tal! Und daß ich den Faden verloren habe und Herakles seine Gründe hatte – soll sein. Morgen ist auch noch ein Tag, vielleicht läßt sich dann etwas aufgreifen und ausdeuten. Vielleicht war ich nämlich wirklich blau und hatte nachts das zweite Gesicht, vielleicht waren wir beide auf Hängen und haben nach dem Gebirge geschossen, wer weiß? Ich will’s nicht wissen, schöner ist es nämlich so.)
