Der Schattenmacher antwortet

Die von Emilietta Baele angestoßene Debatte um den Essay Anarchotyrannei (2. Auflage seit heute hier erhältlich) ist vom Autor selbst aufmerksam verfolgt worden. Er hat Kommentare dazu eingereicht und schickt voraus, daß er die Zusammenfassung, die Frau Baele vorlegte, insgesamt korrekt sei. Zu ergänzen sei aber die Anmerkung, daß alle Manager, auch jene harter Systeme, an Komplexität und Wandel interessiert seien.

Nun Schat­ten­ma­chers Ant­wor­ten (Nor­mal­schrift) auf die Punk­te (kur­siv), die Emi­li­et­ta Bae­le notierte.

Punkt 1: Wel­chen Stel­len­wert hat die Errin­gung kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie im hier vor­ge­stell­ten Konzept?

Der eli­ten­theo­re­ti­sche Ansatz, der hier über­wie­gend ver­folgt wird, scheint mir in deut­li­cher Oppo­si­ti­on zum Rechts­g­ramscia­nis­mus zu ste­hen, der auf den Gedan­ken der Meta­po­li­tik setzt: Poli­ti­sche Macht basie­re auf der vor­he­ri­gen Errin­gung von Hege­mo­nie im vor­po­li­ti­schen Raum.

In Anar­cho­ty­ran­nei kommt die­ser Raum im Grun­de gar nicht vor – oder nur als nicht wei­ter erör­ter­ter Ort der Dis­si­denz jener Hoff­nungs­trä­ger, die das Ruder noch her­um­rei­ßen könn­ten. Alle ande­ren schei­nen ledig­lich eine Art belie­bi­ge Ver­schie­be­mas­se der mit ihnen nicht wei­ter ver­bun­de­nen Eli­ten zu sein. Wo kom­men also die­se Eli­ten her? Wo bil­den sich ihre Begrif­fe? Wie erklä­ren sich his­to­ri­sche Umbrü­che der Ver­gan­gen­heit ohne ein Kon­zept von kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie? Wären dem­nach Ereig­nis­se wie die Fran­zö­si­sche oder die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on ledig­lich von oben orches­triert, die Mas­sen­phä­no­me­ne bloß „geas­tro­tur­fed“?

Ant­wort 1: Mate­ri­el­le Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren sind nicht alles, aber sie sind auch nicht nichts. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve ist es tat­säch­lich nicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung, wel­che Kul­tur genau in einer rech­ten Gesell­schaft vor­herrscht, solan­ge sie eben nicht links ist.

Es ist unwahr­schein­lich, daß nur eine spe­zi­fi­sche Kris­tal­li­sa­ti­on von Gedan­ken und Wer­ten einen rech­ten Staat in Euro­pa über alle Zei­ten hin­weg ermög­li­chen wür­de, genau­so wie es eben auch nicht nur eine spe­zi­fi­sche lin­ke Welt­sicht gibt, die lin­kes Han­deln ermöglicht.

Noch in den 70er Jah­ren hat die euro­päi­sche Lin­ke mit Begrif­fen und Vor­bil­dern han­tiert, die heu­te sel­ten gewor­den sind: Leni­nis­mus, Mao­is­mus, Stadt­gue­ril­la, his­to­ri­scher Mate­ria­lis­mus und eine Fokus­sie­rung auf den ver­meint­li­chen deut­schen Poli­zei­staat haben zu Guns­ten der heu­te gewohn­ten pro­gres­si­ven The­men­schwer­punk­te abge­nom­men. Die­se bei­den Spiel­ar­ten lin­ken Den­kens sind nicht gleich, aber sie die­nen doch bei­de der Meh­rung lin­ker Macht.

Ähn­lich ist es vor­stell­bar, dass rech­te Krei­se zunächst eine star­ke Beto­nung natio­na­lis­ti­scher Aspek­te betrei­ben und spä­ter, nach even­tu­ell erfolg­ter Aus­deh­nung der eige­nen Macht­sphä­re, im Kon­text eines Rei­ches von die­sen Ursprün­gen abrücken.

Was prak­ti­sche Belan­ge angeht, so den­ke ich, dass der Rechts­g­ramscia­nis­mus zwar not­wen­di­ger, aber nicht hin­rei­chen­der Schritt auf dem Weg zur Macht und mitt­ler­wei­le in man­chen Aspek­ten bereits das Ende sei­ner unmit­tel­ba­ren Mög­lich­kei­ten gelangt ist. Natür­lich bleibt es not­wen­dig, die eige­ne Herr­schaft durch ein Nar­ra­tiv, wel­ches mit den eige­nen mate­ri­el­len Inter­es­sen kom­pa­ti­bel ist, zu unter­mau­ern, die­se Unter­neh­mung ersetzt aller­dings nicht die Not­wen­dig­keit zum Auf­bau effek­ti­ver poli­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen und der Befrie­di­gung mate­ri­el­ler Interessen.

Ein Teil der Sze­ne hat den Rechts­g­ramscia­nis­mus aus mei­ner Sicht in ers­ter Linie des­halb ins Zen­trum ihrer Stra­te­gie gesetzt, weil es der Punkt mit den ein­fachs­ten Start­be­din­gun­gen ist. Wer kein Geld und kei­ne Orga­ni­sa­tio­nen hat, der kon­zen­triert sich eben dar­auf, Her­zen und Hir­ne zu gewin­nen, schon des­halb, weil das ohne gro­ßen finan­zi­el­len Auf­wand mög­lich ist. Ein sol­cher Schritt ist weder sinn­los noch schlecht gewählt, allein die Erwar­tung, dass die­ser Zugang allei­ne einen von der Stra­ße zum Thron führt, ist verfehlt.

Die öffent­lich ein­seh­ba­ren Bedin­gun­gen rech­ter Bewe­gun­gen in der BRD bele­gen die­sen Zustand mehr als deut­lich: Bei Umfra­gen und an der Wahl­ur­ne stellt die AfD mitt­ler­wei­le die stärks­te Kraft, im Inter­net domi­niert das Gedan­ken­gut der Rech­ten die Trends und Edits.

Was die Grö­ße und Finan­zie­rung der Par­tei angeht aller­dings ste­hen die Blau­en selbst hin­ter unbe­deu­ten­den Rand­er­schei­nun­gen wie der FDP zurück. Weder hat die AfD bedeu­tend mehr Mit­glie­der, noch erhält sie mehr staat­li­che Zuwen­dun­gen, noch ver­fügt sie über eine par­tei­na­he Stif­tung mit ähn­li­chen Mit­teln wie die Libe­ra­len (von CDU und SPD ganz zu schwei­gen) und auch der soge­nann­te vor­po­li­ti­sche Rau der Rech­ten mag zwar geis­tig reger und im popu­lis­ti­schen Sin­ne belieb­ter sein, als die Ama­deu Anto­nio Stif­tung, an der unglei­chen Anzahl haupt­amt­li­cher Mit­ar­bei­ter ändert das aller­dings wenig.

Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on ist für den hier dar­ge­leg­ten Punkt ein ordent­li­ches Bei­spiel. Natür­lich hat lan­ge vor den Ereig­nis­sen von 1917 eine Nar­ra­tiv­schmie­dung sei­tens roter Kräf­te in Russ­land begon­nen, aber auch die ers­te Revo­lu­ti­ons­wel­le (gegen den Zaren), vor allem aber die zwei­te (gegen die ande­ren sozia­lis­ti­schen Par­tei­en) und drit­te (gegen die inner­par­tei­li­che anti­sta­li­nis­ti­sche Oppo­si­ti­on) haben sich nicht vor­nehm­lich auf dem Feld der Kul­tur und der Idea­le, son­dern auf jenem der mate­ri­el­len und macht­po­li­ti­schen Inter­es­sen und der Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur bewegt. Die Bol­sche­wi­ki haben nicht durch Erobe­rung des vor­po­li­ti­schen Rau­mes sich gegen die Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re durch­ge­setzt und Sta­lin auf sel­bem Wege nicht gegen Trotz­ki und Bucha­rin den Sieg errungen.

Punkt 2: Wel­che Rol­le spie­len die Nicht-Eli­ten, und in wel­chem Ver­hält­nis ste­hen Eli­ten und „der Rest” zueinander?

Ant­wort 2: Die poli­ti­sche Effek­ti­vi­tät aller Klas­sen hängt von ihrem Grad der Orga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit und der Inten­si­tät ihrer Akti­vi­tä­ten ab. Eine rech­te Welt­an­schau­ung zu besit­zen ist bes­ser als sie nicht zu tei­len, sie inner­halb einer straf­fen Orga­ni­sa­ti­on wir­ken zu las­sen bes­ser, als sie bloß pri­vat zu hegen, im Rah­men die­ser Orga­ni­sa­ti­on die eig­nen Mit­tel zu meh­ren und die des Geg­ners zu schmä­lern bes­ser, als bloß inhalt­lich und pro­pa­gan­dis­tisch zu arbeiten.

Zur Zeit besitzt die deut­sche Rech­te vor allem Nicht-Eli­ten, die den poli­ti­schen Pro­zess nicht rich­tig ver­ste­hen und zu vie­le libe­ra­le Ver­satz­stü­cke in ihren Welt­bil­dern bei­be­hal­ten, die nicht ein­ge­bun­den sind in irgend­ei­ne Form von orga­ni­sier­ter Hier­ar­chie, nur einen sehr gerin­gen Teil ihres Ver­mö­gens für Poli­tik auf­wen­den und somit die Macht ihrer Mas­se an kei­nem Punkt jen­seits der Wahl­ur­ne wirk­mäch­tig machen können.

Außer­dem haben wir Eli­ten, deren nahe­zu ein­zi­ger Anspruch auf die­sen Titel in ihrem intel­lek­tu­el­len Vor­sprung oder ihrem hohen Par­tei­amt liegt, die dar­über hin­aus aber nie­man­dem befeh­len und nie­man­dem einen Dienst erwei­sen kön­nen. Die­ser Zustand ist durch das Betrei­ben von inhalt­lich ori­en­tier­ter Meta­po­li­tik nicht zum Bes­se­ren veränderbar.

Punkt 3: War­um blei­ben die Eli­ten nicht immer die­sel­ben? Das Auf­kom­men des Mana­ge­ria­lis­mus selbst ist ein Bei­spiel für einen Aus­tausch der Ent­schei­der­klas­se – kei­ne radi­ka­le und voll­stän­di­ge Erset­zung, aber einen signi­fi­kan­ten Wan­del. Wie kann die­ser über­haupt statt­fin­den, wenn hin­ter jeder poli­ti­schen Bewe­gung eben letzt­lich „die Eli­ten“ ste­hen, und wei­ter nichts und nie­mand? Ohne einen Wan­del der gesell­schaft­lich rele­van­ten Dis­kur­se wäre auch der Mana­ge­ria­lis­mus nicht in sei­ne jet­zi­ge Macht­po­si­ti­on gelangt.

Ant­wort 3: Am Anfang steht immer die Phy­sik. Die Natur­ge­set­ze und die tech­ni­schen Bedin­gun­gen schaf­fen Ver­hält­nis­se, wel­che not­wen­di­ger­wei­se einen Wan­del der Eli­ten begrün­den, vom land­be­sit­zen­den Aris­to­kra­ten zum Fabri­kan­ten eben dann, wenn die Wert­schöp­fung pro Hekt­ar weit hin­ter der Pro­duk­ti­ons­leis­tung pro Tag in der Manu­fak­tur zurückbleibt.

Der Mana­ge­ria­lis­mus hat die Welt nicht von sich über­zeugt, war nie poli­ti­sches Pro­gramm oder Teil eines expli­zi­ten Dis­kur­ses, son­dern ist ohne sol­che Pla­nung als Kon­se­quenz der Not­wen­dig­kei­ten einer Mas­sen­ge­sell­schaft auf den Plan getre­ten. Der Wan­del der grund­le­gen­den Bedin­gun­gen bestimmt den Wan­del des Dis­kur­ses siche­rer als es anders­her­um geschieht.

Davon abge­se­hen ist irgend­ei­ne Form des Eli­ten­sta­tus nicht mit Feh­ler­lo­sig­keit oder Unbe­sieg­bar­keit gleich­zu­set­zen. Gleich zu Anfang des Buches wird expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass gera­de der Spa­gat zwi­schen der Befrie­di­gung der unmit­tel­bar per­sön­li­chen oder klas­sen­ba­sier­ten Inter­es­sen einer Eli­te und den Inter­es­sen des von ihnen beherrsch­ten Gebie­tes zu ihren irgend­wann ein­set­zen­den Nie­der­gang führt.

Punkt 4: Stimmt es, daß der Mana­ge­ria­lis­mus in sei­ner Aus­deh­nung und ideo­lo­gi­schen Domi­nanz regu­lier­bar, aber nicht gänz­lich umkehr­bar ist, wie es auch der Autor selbst feststellt?

Ant­wort 4: Der Mana­ge­ria­lis­mus ist kei­ne Ideo­lo­gie im eigent­li­chen Sin­ne. Ihm liegt kein Mani­fest zu Grun­de und er besitzt kaum expli­zi­te poli­ti­sche Für­spre­cher. Sei­ne Domi­nanz ist allein Fol­ge der Not­wen­dig­keit von erheb­li­cher Ver­wal­tung in der Moder­ne. Hier­aus folgt auch sei­ne rela­ti­ve Unum­kehr­bar­keit. Solan­ge die Gesell­schaf­ten so aus­ge­dehnt und kom­plex sind, wie in unse­rer Zeit, ist ein nied­ri­ges Level von Ver­wal­tung und Admi­nis­tra­ti­on schwer vorstellbar.

Punkt 5: Läßt sich die Dege­ne­ra­ti­on des Mana­ge­ria­lis­mus grund­sätz­lich ver­hin­dern, oder läuft es maxi­mal auf ein „alle paar Jahr­zehn­te“ auf-den-Tisch-hau­en hin­aus, weil die Ten­denz zur Anar­cho­ty­ran­nei unaus­weich­lich ist?

Ant­wort 5: Wahr­schein­lich las­sen sich Dege­ne­ra­ti­ons­er­schei­nun­gen lang­fris­tig in kei­nem poli­ti­schen Sys­tem ver­hin­dern, da die Inter­es­sen der Herr­schen­den nie deckungs­gleich mit denen der Beherrsch­ten sind und stets ein Anreiz besteht, den Staat so ein­zu­set­zen, dass er mehr der Erfül­lung ers­te­rer als letz­te­rer dient. Der letzt­gül­ti­ge Beweis für eine sol­che Behaup­tung ist unmög­lich zu erbrin­gen, die zeit­li­che Begrenzt­heit und die Natur des Nie­der­gangs aller bis­he­ri­gen Regime läßt dies aller­dings vermuten.

6. Punkt: Leben wir tat­säch­lich in einer Anar­cho­ty­ran­nei? Die­se 6. Fra­ge stellt kei­nes­wegs die grund­sätz­li­che Schlüs­sig­keit der Ana­ly­se in Fra­ge. Sie zielt viel­mehr dar­auf ab, daß die aller­meis­ten Bun­des­bür­ger völ­lig ver­blüfft wären ange­sichts sol­cher Behauptungen.

Der „Nor­mie“ erlebt weder täg­lich eth­nisch kon­no­tier­te Kon­flik­te noch irgend­wel­che Repres­sio­nen. Vie­le Mil­len­ni­al-Eltern in nor­ma­len bis geho­be­nen beruf­li­chen Posi­tio­nen haben noch nie von den Zustän­den in gewis­sen Frei­bä­dern gehört, und es inter­es­siert sie auch nicht. Wie anar­chisch und wie tyran­nisch ist es somit wirk­lich? Und ist das Sys­tem mög­li­cher­wei­se robust genug, um es eben nicht so weit eska­lie­ren zu las­sen, daß wirk­lich kei­ner mehr die Augen ver­schlie­ßen kann?

Daß es hun­dert Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen am Tag gibt anstel­le von zwei, daß tat­säch­lich jeder dis­si­den­te Post eine Straf­ver­fol­gung wegen Haß­re­de aus­löst? Die apo­li­tisch-lin­ke Mit­tel­schicht ent­zieht sich bis­lang recht erfolg­reich der Ein­sicht – wie kann das sein, wenn wir doch in Anar­chie und Tyran­nei leben?

Ant­wort 6: Wie kön­nen Men­schen, die von einem kom­mu­nis­ti­schen Sys­tem ins Arbeits­la­ger beför­dert wur­den fest­gläu­bi­ge Kom­mu­nis­ten blei­ben? – Die Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Selbst­ver­si­che­rung und Erklä­rungs­kon­struk­te sind unbe­grenzt. Es kommt für die Erklä­rungs­stär­ke, den Wahr­heits­ge­halt und die Brauch­bar­keit einer Beob­ach­tung nicht dar­auf an, ob irgend­ein spe­zi­fi­scher Teil­neh­mer der Gesell­schaft eine Sache als wahr aner­kennt oder nicht, andern­falls wäre jed­we­de Theo­rie­bil­dung sinn­los. Es bleibt dem Recht­fer­ti­ger die­ses Deutsch­lands über­las­sen, zu erklä­ren, wie­so ein Staat, der ein­zel­ne Tweets mit allem Auf­wand eines Gerichts­ver­fah­rens ver­ur­tei­len kann, es nicht schafft, einen Stadt­park frei von Dro­gen­han­del zu hal­ten, oder wie­so ein Staat, der Mei­nungs­de­lik­te mit Stra­fen von über 10 Jah­ren ahn­det bei töd­li­chen Gewalt­ta­ten bei Zei­ten kaum über 2 hinauskommt.

Näh­me man ein­zig das Kri­te­ri­um des ewi­gen ‘Nor­mies’, dann war auch die Sowjet­uni­on kein all­zu beson­de­rer Staat – die deut­li­che Mehr­heit der rus­si­schen Bevöl­ke­rung ist unter Väter­chen Sta­lin nicht ins Gulag gewandert.

Die apo­li­ti­sche Mit­tel­schicht ist nicht blind und taub gebo­ren, son­dern ent­zieht sich poli­ti­scher Ein­sich­ten, weil ihnen ihre eige­ne poli­ti­sche Harm- und Teil­nahms­lo­sig­keit einen Vor­teil ver­spricht. Der Durch­schnitts­mensch hat von öffent­li­cher poli­ti­scher Betä­ti­gung und Äuße­rung viel mehr zu ver­lie­ren – sozia­le Akzep­tanz, beruf­li­che Per­spek­ti­ven, recht­li­che Kon­se­quen­zen – als selbst unter den güns­tigs­ten Umstän­den zu gewin­nen – nichts.

7. Punkt: Bestimmt das Sein nun doch das Bewußt­sein, wie es die mate­ria­lis­ti­sche Welt­an­schau­ung behaup­tet? Den Aus­füh­run­gen des Schat­ten­ma­chers ent­nahm ich, daß die links­pro­gres­si­ve Welt­an­schau­ung zwar prä­gend und als Leit­ideo­lo­gie des Estab­lish­ments auch rele­vant ist, aber letzt­lich das Sys­tem nicht fun­die­ren kann, die Basis der Selbst­er­hal­tung müs­se stets eine mate­ri­el­le sein. Wie weit ent­fernt ist man selbst mit die­ser Ansicht vom mar­xis­ti­schen Dik­tum, die Geschich­te sei eine Geschich­te von Klas­sen­kämp­fen? Eine Grup­pe schlägt sich stets auf Kos­ten aller ande­ren den Bauch voll, bis es denen auf­fällt, und sich dann die nächs­te Grup­pe an den Freß­topf drängt?

Ant­wort 7: In die­ser Les­art befin­den wir uns wahr­schein­lich tat­säch­lich in der Nähe die­ser mar­xis­ti­schen Annah­me. Selbst­ver­ständ­lich man­gelt es der Schat­ten­ma­cher­schen Vari­an­te an jeg­li­chem Uto­pis­mus, die­sen Zustand zu überwinden.

Die Welt war immer Klas­sen­kampf und wird auch immer Klas­sen­kampf blei­ben, allein schon, weil das bio­lo­gi­sche Leben die­sen Kampf­zu­stand vor­weg­nimmt. Es ist in begrenz­tem Maße denk­bar, dass ideo­lo­gi­sche Aspek­te mate­ri­el­le Ansprü­che über­win­den, sonst wären etwa Selbst­mord­at­ten­tä­ter nur schwer vor­stell­bar, aber je grö­ßer das betrach­te­te Kon­strukt und je län­ger die Zeit­ach­se, auf wel­cher es exis­tiert, des­to siche­rer fin­det sich ein kla­rer Mecha­nis­mus, wel­cher die mate­ri­el­len Inter­es­sen sei­ner füh­ren­den Mit­glie­der sichert.

Die­ser Mecha­nis­mus muß nicht not­wen­di­ger­wei­se auf Kos­ten aller übri­gen Mit­glie­der sich ent­fal­ten, selbst wenn es im Hin­blick auf mate­ri­el­le Aspek­te erheb­li­che Unter­schie­de zwi­schen Füh­rung und Basis geben soll­te. Auch der Teu­fel hät­te als Die­ner im Him­mel wohl bes­ser gelebt, denn als Herr der Höl­le, aber er war eben ein Lin­ker und konn­te die Ungleich­heit an und für sich nicht ertragen.

Punkt 8: Woher kommt die pro­gres­si­ve Welt­an­schau­ung bzw. der Kul­tur­mar­xis­mus? Eine evo­lu­tio­nä­re Erklä­rung in dem Sin­ne, daß sich die­se durch die Aus­le­se ande­rer, der Selbst­er­hal­tung des Mana­ge­ria­lis­mus weni­ger dien­li­cher Ideen her­aus­ge­bil­det habe, scheint unzu­rei­chend. Ein Mana­ge­ria­lis­mus ohne Links­pro­gres­si­vis­mus ist denk­bar und auch his­to­risch real.

Ant­wort 8: Mana­ge­ria­lis­mus ohne Pro­gres­si­vis­mus ist offen­kun­dig denk­bar und bereits real in Erschei­nung getre­ten. Der Pro­gres­si­vis­mus selbst ist ver­mut­lich als Kon­se­quenz des Schei­terns der Sowjet­uni­on, der durch mate­ri­el­le Fül­le beding­ten kul­tu­rel­len Weich­heit und der zuneh­men­den Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Kul­tu­ren und der Deho­mo­ge­ni­sie­rung der Völ­ker als nahe­lie­gen­de ‘Gele­gen­heit’ entstanden.

All die­se Fak­to­ren machen sei­nen Sie­ges­zug weder alter­na­tiv­los noch unaus­weich­lich, aller­dings ist auch die Fra­ge, wie­so es zu unse­ren Leb­zei­ten die eine Spe­zi­es noch gibt, wäh­rend die ande­re aus­ge­stor­ben ist, nie mit Sicher­heit beant­wort­bar. Wür­de man die Geschich­te der Welt in einen frü­he­ren Zustand zurück­ver­set­zen und die Start­be­din­gun­gen mini­ma­ler Ände­run­gen unter­zie­hen, könn­ten erheb­li­che Abwei­chun­gen nicht aus­ge­schlos­sen werden.

Emi­li­et­ta Bae­le: Soweit mei­ne Fra­gen. Zum Abschluß möch­te ich eini­ge Gedan­ken skiz­zie­ren, die weit ent­fernt von einem strin­gen­ten Kon­zept sind. Es sind Ent­wür­fe, Frag­men­te, Wegmarken.

Die Gewalt ist kei­nes­wegs das mäch­tigs­te Mit­tel der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung. Tota­li­tä­re Regime kamen nicht an die Macht, weil sie bereit waren, Gewalt anzu­wen­den, son­dern weil ihre Gewal­ter­zäh­lung dem damals domi­nan­ten Zen­tral­ge­biet entsprach.

Macht hat, wer die domi­nie­ren­de Geschich­te über Gewalt erzählt. Ob das im Poli­ti­schen die Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stands ist (Carl Schmitt), oder jedes media­le, juris­ti­sche, päd­ago­gi­sche und sons­ti­ge Nar­ra­tiv über die Legi­ti­mi­tät der Anwen­dung von Gewalt. Der Typus der „Füch­se“ ver­fügt durch­aus über Gewalt und wen­det sie auch an. Ihre Erzäh­lun­gen ent­schei­den der­zeit, wann Gewalt wie wirkt, und wann und wie sie über­haupt zum Ein­satz kom­men darf.

Ein Atten­tat kann in der einen Geschich­te ein fol­gen­lo­ses, bana­les Blut­ver­gie­ßen sein, bei dem hin­ter­her einer tot und ein ande­rer ein­ge­sperrt ist. Unter ande­ren Para­dig­men, etwa in Pha­sen der Spät­an­ti­ke, war es ein eta­blier­tes Mit­tel der Mach­t­er­lan­gung. Im Mit­tel­al­ter gab es recht wag­hal­si­ge Ver­schwö­run­gen, um sich in den Besitz einer bestimm­ten Kro­ne zu brin­gen – weil die­se Kro­ne Herr­schaft und damit Gewalt legi­ti­mier­te und den Anspruch eines Thron­prä­ten­den­ten erheb­lich stärk­te. Nicht, wer ein Schwert nimmt und zuschlägt, hat die Macht. Wer die Kro­ne hat, hat die Macht. Und die Kro­ne ist die „Gewal­ter­zäh­lung“. Ohne die Kro­ne wird ein noch so ent­schlos­se­ner Griff nach der Exe­ku­ti­ve pein­lich scheitern.

Wel­che Erzäh­lung tra­gend wird und funk­tio­niert, ist stets abhän­gig vom gül­ti­gen Zen­tral­ge­biet der jewei­li­gen Epo­che. Nach Rolf Peter Sie­fer­le sind die Zen­tral­ge­bie­te jeweils die Kon­flikt­be­rei­che, die in einer bestimm­ten his­to­ri­schen Pha­se als ent­schei­dend ange­se­hen wer­den, wäh­rend alle ande­ren Fel­der als Pri­vat­sa­che gel­ten. Nur ein Bei­spiel: Im 19. Jahr­hun­dert wur­de die Öko­no­mie zum ent­schei­de­nen Zen­tral­ge­biet, wäh­rend Fra­gen der Meta­phy­sik in den Hin­ter­grund traten.

War­um ist dies bedeut­sam für die Aus­ein­an­der­set­zung mit der „Anar­cho­ty­ran­nei“? – Nun, weil nur eine dis­si­den­te Bewe­gung his­to­risch ange­mes­sen wach­sen kann, die die ent­schei­den­de Erzäh­lung auf­spürt, das kom­men­de Zen­tral­ge­biet, das Feld, auf dem sich alles ent­schei­den wird, und somit auch die „Gewal­ter­zäh­lung“, die künf­ti­ge Krone.

Ich glau­be, daß das Leben selbst die­ses Zen­tral­ge­biet sein wird. Schon jetzt stüt­zen sich lin­ke Gewalt­nar­ra­ti­ve mehr und mehr auf Erzäh­lun­gen von Leben und Tod. Im Kampf um das Leben­di­ge wird eine Zukunft erwach­sen, oder es wird kei­ne geben. Und eine Grup­pe ent­schlos­se­ner Män­ner, die zur Gewalt bereit ist, aber die Hege­mo­nie über die Gewal­ter­zäh­lung nicht errun­gen hat, wird eine tra­gi­sche Rand­no­tiz bleiben.

Abschlie­ßen­de Gedan­ken Schat­ten­ma­cher: Die hier auf­ge­zeig­ten ver­meint­li­chen Wider­sprü­che lösen sich auf, wenn man der Fra­ge auf den Grund geht, wie­so Macht­sym­bo­le- und Nar­ra­ti­ve über­haupt Wir­kung ent­fal­ten – weil Män­ner mit Waf­fen bereit sind, sie zu ver­tei­di­gen. Rein theo­re­tisch ist es denk­bar einen so über­zeu­gen­den Nar­ra­tiv zu erzäh­len, dass alle Poli­zis­ten und Sol­da­ten der BRD ihren Vor­ge­setz­ten den Gehor­sam ver­wei­gern und zur Revol­te über­ge­hen, in der Pra­xis geschieht sol­cher­lei aller­dings eher nicht. Atten­ta­te ent­fal­ten Wir­kung, wenn die phy­si­schen Kräf­te zwei­er kon­kur­rie­ren­der Sei­ten sich unge­fähr aus­glei­chen und die Aus­lö­schung der geg­ne­ri­schen Füh­rungs­fi­gur den ent­schei­den­den Aus­schlag in die­sem Gleich­ge­wicht ausmacht.

Der deut­sche Vor­be­halts­film “Venus vor Gericht”, ent­stan­den im Jahr 1941 ent­hält eine Sze­ne, in wel­cher ein Pfän­dungs­be­am­ter einem idea­lis­ti­schen jun­gen Künst­ler mit Schuld­for­de­run­gen zu Lei­be rückt, die die­ser nicht zu beglei­chen im Stan­de ist, wor­auf­hin der Beam­te die Pfän­dung von Wert­ge­gen­stän­den aus dem Ate­lier des jun­gen Man­nes beschließt. Er durch­sucht die kar­gen Hab­se­lig­kei­ten des Künst­lers und ent­deckt dabei in einem Schrank eine Haken­kreuz­fah­ne, wel­che den Beam­ten augen­blick­lich dazu bewegt, sei­ne Pfän­dung als erfolg­los zu ver­bu­chen und den Künst­ler mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Grü­ßen zu verabschieden.

Von mir aus mag ein sol­cher Fall ger­ne als eine (fik­ti­ve, aber vor­stell­ba­re) Situa­ti­on her­hal­ten, in wel­cher eine ideo­lo­gi­sche Über­zeu­gung einen Ent­schei­dungs­trä­ger dazu bewegt, (über­schau­ba­re) mate­ri­el­le Risi­ken und Ver­lus­te ein­zu­ge­hen, zum Woh­le sei­ner welt­an­schau­li­chen Über­zeu­gung, über wel­che er wohl nicht ver­füg­te, wenn nicht zuvor eine ideo­lo­gi­sche Kraft den poli­ti­schen Raum pro­pa­gan­dis­tisch erobert hätte.

Nichts­des­to­trotz ist leicht ersicht­lich, dass die Reich­wei­te sol­cher Effek­te nicht gren­zen­los reicht und das gera­de in unse­rer heu­ti­gen Zeit, in wel­cher die poli­ti­sche Ener­gie all­ge­mein nied­rig und die Bereit­schaft zu ideo­lo­gisch begrün­de­ten Risi­ken gering ist, es eine mate­ri­el­le und orga­ni­sa­to­ri­sche Basis braucht, um Hand­lun­gen zu erzwingen.

Soweit mir bekannt, hat bis­her kein an einer Haus­durch­su­chung betei­lig­ter Poli­zist einem Ver­tre­ter des rech­ten Lagers den glei­chen Gefal­len getan, wie der Pfän­dungs­be­am­te im Film, wäh­rend sich tau­sen­de von Bei­spie­len dafür fin­den, dass Men­schen allein auf­grund mate­ri­el­len Drucks poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen mit­ge­tra­gen haben – Es ist mei­ner Ansicht nach dar­ob gebo­ten, viel mehr Auf­merk­sam­keit und Tätig­keit als bis­her in den außer­ideo­lo­gi­schen, außer­sym­bo­li­schen, von mate­ri­el­len Bedin­gun­gen gepräg­ten Raum der Rea­li­tät zu verlagern.

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