Nun ist er tot. Wer?

Es begann im Herbst 2025. Es klingelte an der Tür. Kubitschek war zwei Stunden zuvor aufgebrochen - mußte eine lange Strecke fahren. Vor der Tür standen zwei Polizisten mit ernsten Mienen. Ob ich Ellen Kositza sei. Ja?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich möge das bit­te per Aus­weis bestä­ti­gen. Es gäbe da eine „Nach­richt“. Ich flog mehr als ich ging – hoch in den ers­ten Stock, zur Schub­la­de mit den Aus­wei­sen. Ver­mut­lich war ich blaß. Mir war klar, daß etwas ganz Schreck­li­ches pas­siert sein mußte.

Ich zähl­te im Kopf die Kin­der durch: Mit der Jüngs­ten hat­te ich soeben tele­pho­niert. Die wäre also raus. Raus wären auch die ver­hei­ra­te­ten drei: Da wür­de man nicht mich, son­dern den Ehe­part­ner infor­mie­ren. Es blie­ben folg­lich zwei Kin­der und Kubitschek.

Stoß­ge­be­te. Ich über­brach­te mei­nen Aus­weis. Der wur­de eine Ewig­keit lang über­prüft und in ein For­mu­lar über­tra­gen. Dann wur­de mir von den Poli­zis­ten ange­bo­ten, mich doch bit­te zu set­zen. Wir haben eine Bank neben der Haus­tür. Mein Puls war auf 180, an „Set­zen“ war gar nicht zu denken.

Dann die Nach­richt: Es sei ges­tern die Lei­che eines XX auf­ge­fun­den wor­den. Es gab eine hand­schrift­li­che Bot­schaft, wonach ich (oder: wie sich nun her­aus­stell­te: Götz Kubit­schek) zu benach­rich­ti­gen sei. Nun: Ich hat­te die­sen Namen XX nie gehört. Nie­mand hier hatte.

Viel, viel spä­ter stell­te sich her­aus, daß XX Kun­de war bei uns, und zwar seit Jahr­zehn­ten. Unter einem leicht ande­rem Namen aller­dings. Stell Dir vor, Du heißt bei­spiels­wei­se Andre­as von Kir­stein, legst Dir aber ein Ali­as als Andy Kirs­ten zu, rein aus Vorsicht.

Er war ein sehr guter Kun­de, hat­te vie­le Bücher über uns bestellt. Alle eigent­lich. Er war vor fünf­zehn Jah­ren auf zwei unse­rer Ver­an­stal­tun­gen, Kubit­schek hat zwei, drei Brie­fe gewechselt.

Es ist unklar, wie er gestor­ben ist. Er war nicht krank, nahm kei­ner­lei Medi­ka­men­te. Er wur­de nach Tagen auf­ge­fun­den, und das Tes­ta­ment lag wie zufäl­lig parat.

Ergab sich nun mit groß­ar­ti­ger Ver­spä­tung (die Müh­len der Ämter, ein wei­tes Feld, und sehr bekla­gens­wert: Unser aller Leben ver­läuft mitt­ler­wei­le so rasch, unse­re Zu-erle­di­gen-Lis­ten sind eng getak­tet, wir sind per­ma­nent „auf Zack“ – aber da hocken so Damen und Her­ren im öffent­li­chen Dienst, die sich ein­fach mal vie­le Mona­te Zeit las­sen, einen Akt zu bear­bei­ten): Er hat uns zwei Schrän­ke samt Inhalt, sei­ne Biblio­thek, einen Eis­schrank und einen Wäsche­trock­ner ver­erbt. Sei­ne fami­liä­ren Erben (zwei Groß­tan­ten, 91 und 94, kin­der­los) sei­en dar­an nicht inter­es­siert, bloß an Haus und Grundstück.

Das alles ist eine Wei­le her, Kubit­schek hat­te die Sachen abge­holt. Die Schub­la­den sind vol­ler Klein­kram. Er nutz­te Kos­me­tik­pro­duk­te von „Wele­da“ und hat­te Lebens­mit­tel gehor­tet, die von soge­nann­ten „Bio­mar­ken“ stamm­ten. Ich hab die Kos­me­ti­ka ein­ge­heimst, und auch das opu­len­te, gran­dio­se Gewürz­fach. Er moch­te es scharf. Chi­li und Cur­ry in allen Varia­tio­nen, über 20 Streu­büch­sen. Kubit­schek fand es befremd­lich, daß ich es ver­wen­de­te. Mir woll­te kein Gegen­grund einfallen.

Nun, ich ent­stam­me einem Ver­trie­be­nen­haus­halt. Man ver­geu­det nichts.  Ich hab mir auch mit­tels Ein­la­gen ein Paar der sehr schö­nen, hoch- und neu­wer­ti­gen Schu­he pas­send gemacht. Er hat­te die 41 1/2, sel­ten für einen hoch­ge­wach­se­nen Mann.

XX ist mir nun in einer unheim­li­chen Wei­se nahe­ge­rückt, daß es mich seit Wochen beschäf­tigt. Er hat­te näm­lich Tage­buch geführt, akri­bisch.  Auch sein Rei­sepaß liegt mir vor: ein attrak­ti­ver, blon­der, gro­ßer Mann mit sei­nen 72 Jahren!

Wir wis­sen nicht, wie er gestor­ben ist. Aber wir haben nun die­se Noti­zen aus vie­len Jahr­zehn­ten. Es sind unge­fähr fünf­zig Hef­te, teils „liniert“, teils hin­ge­wor­fen in Wer­be­ma­te­ria­li­en. Er hat sogar Gesprächs­pro­to­kol­le fest­ge­hal­ten über Tele­pho­na­te, die er führ­te. Ist es pie­tät­los, in die­ser Hin­ter­las­sen­schaft zu lesen? Oder wäre es viel eher pie­tät­los, die­se gan­zen Schrift­stü­cke ein­fach dem Müll zu übergeben?

Jeden­falls gehe ich „full in“, ich kann gar nicht anders. Die Lek­tü­re der Auf­zeich­nun­gen saugt mich ein. Nach den ers­ten drei­ßig Minu­ten der Lek­tü­re bin ich völ­lig drin im Kopf von XX. Ich lese näch­te­lang (Schrift ist nicht ganz ein­fach), teils macht mich die Geschich­te schlaflos.

Wir haben ein Ehe­paar mit drei Kin­dern. Alle drei (in den 1950ern gebo­ren) labo­rie­ren hef­tig mit den Eltern. Die Toch­ter stirbt rela­tiv jung (in ihren Drei­ßi­gern) an einer schwe­ren Krank­heit. Es gibt eine gro­ße Kis­te vol­ler Nost­al­gie. Ohr­rin­ge und sowas. Auch ein „Pos­eie­al­bum“ aus den spä­ten Sech­zi­ger Jah­ren, mir fal­len die Hand­schrif­ten und die Sprü­che auf. So schön und so „artig“ schrieb man auch noch in den Neun­zi­ger Jah­ren, aber heu­te gewiß nicht mehr. “In allen vier Ecken soll Lie­be drin stecken.”

XX arbei­tet sich an allem ab. Über Jahr­zehn­te. Er doku­men­tiert ein­zel­ne Gesprä­che, haar­klein. Kom­men­tiert Begeg­nun­gen im Super­markt. Oft geht es um ver­schlei­er­te Frau­en, denen er begeg­net. Er zeich­net minu­ti­ös nach, wie die­se Begeg­nung ver­läuft – wie er guckt und wie sie gucken. Frau­en attes­tier­te er eine gene­rel­le Ver­lo­gen­heit. Es gibt diver­se Gesprächs­pro­to­kol­le mit sei­nem Bru­der. Den liebt er und haßt ihn zugleich. Der Bru­der hat sich irgend­wann ums Leben gebracht.

XX hat­te Krie­ge an vie­len Fron­ten geführt. Mit Amts­per­so­nen, mit Nach­barn. Der Schrift­wech­sel weist ihn dabei aber als sehr höf­li­chen, elo­quen­ten Men­schen aus. Eine Art Micha­el Kohl­haas, der ein­fach um sein Recht kämpft, wo ihm Unrecht geschieht.

Er war gelern­ter Gar­ten- und Land­schafts­bau­er. Natur­be­ob­ach­tun­gen neh­men einen gro­ßen Raum ein in sei­nen Auf­zeich­nun­gen. In einem Jahr sieht er die Amseln die Sper­lin­ge bekämp­fen, und zieht dar­aus evo­lu­tio­när Schlüs­se. Er freut sich an der Holun­der­blü­te: 18 Zei­len lang. Er ist mir sehr sympathisch.

Im Rah­men der Finanz­kri­se 2007 wur­de XX zum Prep­per. Sei­ne Auf­zeich­nun­gen hier­zu sind strikt logisch. Nicht panisch, son­dern vol­ler klu­ger Gedan­ken. Gan­ze Essays. Er kom­men­tiert läng­lich Arti­kel aus den Main­stream­m­e­di­en, er macht das gut.

Er hat uns also etwa 100 Dosen ver­erbt: Kid­ney­boh­nen, Kar­tof­fel­sup­pe, Lin­sen­sup­pe. Die ältes­ten haben MHD 6/2025, aber ich wer­de sie alle auf­es­sen. Ich habe das Gefühl, ihm das schul­dig zu sein. Er hat das alles nicht für den Müll gemacht, son­dern aus Sorge.

Drei Geschwis­ter also, alle­samt kin­der­los geblie­ben. Das ist ein ziem­lich nor­ma­les bun­des­deut­sches Ver­häng­nis. Im Grun­de all­zu nor­mal, bedeu­tungs­los fast. Aber geh mal tie­fer rein, schau auf die See­len­grün­de – und du fin­dest dies alles: Kriegs­schuld, per­sön­li­ches Trau­ma, exis­ten­ti­el­le Not & ech­te Ver­zweif­lung am Zustand des Vol­kes heute.

XX hat­te den wah­ren Hor­ror vor dem Reiß­ver­schluß­ge­räusch, das über dem Leich­nam des Vaters ent­stan­den ist. Er hat dane­ben hun­dert prak­ti­sche Pro­ble­me (ich hab sie nun gele­sen, und sie sind groß­teils nach­voll­zieh­bar, es sind Ämter­krie­ge), aber das über­wölbt alles: noch­mal die­ses Reiß­ver­schluß­ge­räusch über der toten Mut­ter hören zu müs­sen. Er lieb­te sie nicht, er hat sie im Schrift­ver­kehr stets mit zwei Initia­len abge­kürzt. Aber das Geräusch woll­te er, bitt­e­bit­te, nicht noch­mal hören.

Die etwa fünf­zig auf­ge­fun­de­nen Tage­buch­hef­te (oft ordent­li­che Schreib­hef­te wie für Schü­ler) sind mit­hin ein Phä­no­men. Ich habe hin­ein­ge­schaut, immer wei­ter. Und es war ein Abgrund. Einer ist gestor­ben, durch­aus ein beson­de­rer. Ich durf­te nun sei­ne Gedan­ken lesen. Er war ein­sam. War­um hat er sich nie gemel­det, son­dern immer nur Bücher bestellt? Es ist unend­lich traurig.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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