Ich möge das bitte per Ausweis bestätigen. Es gäbe da eine „Nachricht“. Ich flog mehr als ich ging – hoch in den ersten Stock, zur Schublade mit den Ausweisen. Vermutlich war ich blaß. Mir war klar, daß etwas ganz Schreckliches passiert sein mußte.
Ich zählte im Kopf die Kinder durch: Mit der Jüngsten hatte ich soeben telephoniert. Die wäre also raus. Raus wären auch die verheirateten drei: Da würde man nicht mich, sondern den Ehepartner informieren. Es blieben folglich zwei Kinder und Kubitschek.
Stoßgebete. Ich überbrachte meinen Ausweis. Der wurde eine Ewigkeit lang überprüft und in ein Formular übertragen. Dann wurde mir von den Polizisten angeboten, mich doch bitte zu setzen. Wir haben eine Bank neben der Haustür. Mein Puls war auf 180, an „Setzen“ war gar nicht zu denken.
Dann die Nachricht: Es sei gestern die Leiche eines XX aufgefunden worden. Es gab eine handschriftliche Botschaft, wonach ich (oder: wie sich nun herausstellte: Götz Kubitschek) zu benachrichtigen sei. Nun: Ich hatte diesen Namen XX nie gehört. Niemand hier hatte.
Viel, viel später stellte sich heraus, daß XX Kunde war bei uns, und zwar seit Jahrzehnten. Unter einem leicht anderem Namen allerdings. Stell Dir vor, Du heißt beispielsweise Andreas von Kirstein, legst Dir aber ein Alias als Andy Kirsten zu, rein aus Vorsicht.
Er war ein sehr guter Kunde, hatte viele Bücher über uns bestellt. Alle eigentlich. Er war vor fünfzehn Jahren auf zwei unserer Veranstaltungen, Kubitschek hat zwei, drei Briefe gewechselt.
Es ist unklar, wie er gestorben ist. Er war nicht krank, nahm keinerlei Medikamente. Er wurde nach Tagen aufgefunden, und das Testament lag wie zufällig parat.
Ergab sich nun mit großartiger Verspätung (die Mühlen der Ämter, ein weites Feld, und sehr beklagenswert: Unser aller Leben verläuft mittlerweile so rasch, unsere Zu-erledigen-Listen sind eng getaktet, wir sind permanent „auf Zack“ – aber da hocken so Damen und Herren im öffentlichen Dienst, die sich einfach mal viele Monate Zeit lassen, einen Akt zu bearbeiten): Er hat uns zwei Schränke samt Inhalt, seine Bibliothek, einen Eisschrank und einen Wäschetrockner vererbt. Seine familiären Erben (zwei Großtanten, 91 und 94, kinderlos) seien daran nicht interessiert, bloß an Haus und Grundstück.
Das alles ist eine Weile her, Kubitschek hatte die Sachen abgeholt. Die Schubladen sind voller Kleinkram. Er nutzte Kosmetikprodukte von „Weleda“ und hatte Lebensmittel gehortet, die von sogenannten „Biomarken“ stammten. Ich hab die Kosmetika eingeheimst, und auch das opulente, grandiose Gewürzfach. Er mochte es scharf. Chili und Curry in allen Variationen, über 20 Streubüchsen. Kubitschek fand es befremdlich, daß ich es verwendete. Mir wollte kein Gegengrund einfallen.
Nun, ich entstamme einem Vertriebenenhaushalt. Man vergeudet nichts. Ich hab mir auch mittels Einlagen ein Paar der sehr schönen, hoch- und neuwertigen Schuhe passend gemacht. Er hatte die 41 1/2, selten für einen hochgewachsenen Mann.
XX ist mir nun in einer unheimlichen Weise nahegerückt, daß es mich seit Wochen beschäftigt. Er hatte nämlich Tagebuch geführt, akribisch. Auch sein Reisepaß liegt mir vor: ein attraktiver, blonder, großer Mann mit seinen 72 Jahren!
Wir wissen nicht, wie er gestorben ist. Aber wir haben nun diese Notizen aus vielen Jahrzehnten. Es sind ungefähr fünfzig Hefte, teils „liniert“, teils hingeworfen in Werbematerialien. Er hat sogar Gesprächsprotokolle festgehalten über Telephonate, die er führte. Ist es pietätlos, in dieser Hinterlassenschaft zu lesen? Oder wäre es viel eher pietätlos, diese ganzen Schriftstücke einfach dem Müll zu übergeben?
Jedenfalls gehe ich „full in“, ich kann gar nicht anders. Die Lektüre der Aufzeichnungen saugt mich ein. Nach den ersten dreißig Minuten der Lektüre bin ich völlig drin im Kopf von XX. Ich lese nächtelang (Schrift ist nicht ganz einfach), teils macht mich die Geschichte schlaflos.
Wir haben ein Ehepaar mit drei Kindern. Alle drei (in den 1950ern geboren) laborieren heftig mit den Eltern. Die Tochter stirbt relativ jung (in ihren Dreißigern) an einer schweren Krankheit. Es gibt eine große Kiste voller Nostalgie. Ohrringe und sowas. Auch ein „Poseiealbum“ aus den späten Sechziger Jahren, mir fallen die Handschriften und die Sprüche auf. So schön und so „artig“ schrieb man auch noch in den Neunziger Jahren, aber heute gewiß nicht mehr. “In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.”
XX arbeitet sich an allem ab. Über Jahrzehnte. Er dokumentiert einzelne Gespräche, haarklein. Kommentiert Begegnungen im Supermarkt. Oft geht es um verschleierte Frauen, denen er begegnet. Er zeichnet minutiös nach, wie diese Begegnung verläuft – wie er guckt und wie sie gucken. Frauen attestierte er eine generelle Verlogenheit. Es gibt diverse Gesprächsprotokolle mit seinem Bruder. Den liebt er und haßt ihn zugleich. Der Bruder hat sich irgendwann ums Leben gebracht.
XX hatte Kriege an vielen Fronten geführt. Mit Amtspersonen, mit Nachbarn. Der Schriftwechsel weist ihn dabei aber als sehr höflichen, eloquenten Menschen aus. Eine Art Michael Kohlhaas, der einfach um sein Recht kämpft, wo ihm Unrecht geschieht.
Er war gelernter Garten- und Landschaftsbauer. Naturbeobachtungen nehmen einen großen Raum ein in seinen Aufzeichnungen. In einem Jahr sieht er die Amseln die Sperlinge bekämpfen, und zieht daraus evolutionär Schlüsse. Er freut sich an der Holunderblüte: 18 Zeilen lang. Er ist mir sehr sympathisch.
Im Rahmen der Finanzkrise 2007 wurde XX zum Prepper. Seine Aufzeichnungen hierzu sind strikt logisch. Nicht panisch, sondern voller kluger Gedanken. Ganze Essays. Er kommentiert länglich Artikel aus den Mainstreammedien, er macht das gut.
Er hat uns also etwa 100 Dosen vererbt: Kidneybohnen, Kartoffelsuppe, Linsensuppe. Die ältesten haben MHD 6/2025, aber ich werde sie alle aufessen. Ich habe das Gefühl, ihm das schuldig zu sein. Er hat das alles nicht für den Müll gemacht, sondern aus Sorge.
Drei Geschwister also, allesamt kinderlos geblieben. Das ist ein ziemlich normales bundesdeutsches Verhängnis. Im Grunde allzu normal, bedeutungslos fast. Aber geh mal tiefer rein, schau auf die Seelengründe – und du findest dies alles: Kriegsschuld, persönliches Trauma, existentielle Not & echte Verzweiflung am Zustand des Volkes heute.
XX hatte den wahren Horror vor dem Reißverschlußgeräusch, das über dem Leichnam des Vaters entstanden ist. Er hat daneben hundert praktische Probleme (ich hab sie nun gelesen, und sie sind großteils nachvollziehbar, es sind Ämterkriege), aber das überwölbt alles: nochmal dieses Reißverschlußgeräusch über der toten Mutter hören zu müssen. Er liebte sie nicht, er hat sie im Schriftverkehr stets mit zwei Initialen abgekürzt. Aber das Geräusch wollte er, bittebitte, nicht nochmal hören.
Die etwa fünfzig aufgefundenen Tagebuchhefte (oft ordentliche Schreibhefte wie für Schüler) sind mithin ein Phänomen. Ich habe hineingeschaut, immer weiter. Und es war ein Abgrund. Einer ist gestorben, durchaus ein besonderer. Ich durfte nun seine Gedanken lesen. Er war einsam. Warum hat er sich nie gemeldet, sondern immer nur Bücher bestellt? Es ist unendlich traurig.