Lanz+Precht+AfD

Man muß weiß Gott nicht jede Folge des Podcasts von Lanz+Precht hören, aber manche schon, und unbedingt Folge 246: "Demokratie im Streßtest - Zeit für ein Update?"

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

In die­ser Fol­ge wird 1. Merz zer­legt, 2. als letz­te Auf­fang­li­nie eine Kon­sens­de­mo­kra­tie nach Schwei­zer Vor­bild erör­tert, 3. im Sin­ne von Götz Aly “Wie könn­te das gesche­hen” gefragt und 4. die AfD zu einem poli­ti­schen Mit­be­wer­ber erklärt, “der einen Punkt hat”.

1. Die Demon­ta­ge von Fried­rich Merz ist gründ­lich und wird im Sti­le jener vor­ge­tra­gen, die von einem Kanz­ler tief ent­täuscht sind, auf den sie doch noch setz­ten. Nie habe ein Wahl­sie­ger so kom­plett und mit Ansa­ge sei­ne Wahl­ver­spre­chen gebro­chen, nie zuvor habe sich eine Bun­des­re­gie­rung innen- und außen­po­li­tisch so bla­miert, und nie zuvor sei jemand blin­der für das gewe­sen, was eigent­lich sei­ne Auf­ga­be wäre.

2. Man lei­tet über auf die Sys­tem­fra­ge – ver­wen­det also ein Wort, für das aus unse­ren Rei­hen Vor­den­ker medi­al gestei­nigt wor­den sind. Aber Lanz+Precht stel­len die Sys­tem­fra­ge nicht, weil sie grund­sätz­lich dar­an zwei­fel­ten, daß der Par­la­men­ta­ris­mus Ant­wor­ten und vor allem Lösun­gen für die absur­de Zer­set­zung des deut­schen Gemein­we­sens in eine “Bas­tard­mo­der­ne” hin­ein fin­den und vor­le­gen kön­ne. Sie grü­beln viel­mehr dar­über nach, wie die AfD, deren Sie­ges­zug wohl nicht mehr auf­zu­hal­ten sei, ein­ge­mein­det und umstellt wer­den könne.

Es ist das Modell der Kon­sens­de­mo­kra­tie der Schweiz, über das ernst­haft nach­zu­den­ken sei. Die­ses Modell sieht kei­ne Oppo­si­ti­on vor, son­dern eine Betei­li­gung aller im Par­la­ment ver­tre­te­nen Par­tei­en an der Regie­rung und die Beset­zung der Minis­ter­pos­ten nach Stimm­an­teil. Das funk­tio­niert dort, und es hat einen Grund, war­um das dort funk­tio­niert: Die Schweiz ist total befrie­det und erfüllt eine Rol­le, die sie sogar im Zwei­ten Welt­krieg als neu­tra­len Fle­cken vor sich hin ver­die­nen ließ – wenn man von dem alli­ier­ten Aus­rut­scher absieht, in des­sen Fol­ge für eine hal­be Stun­de auch auf Basel Bom­ben fielen.

Jeden­falls ging und geht es, das sag­te der gebür­ti­ge Schwei­zer Armin Moh­ler nicht nur ein Mal, in der Schweiz stets nur um mehr oder weni­ger, nie um alles oder nichts. In Deutsch­land – und das ist selt­sa­mer­wei­se auch für Lanz+Precht ein blin­der Fleck – geht es nach sieb­zig Jah­ren “mehr oder weni­ger” seit min­des­tens zehn Jah­ren wie­der um alles oder nichts.

Prä­zi­ser: Wir alt­her­ge­brach­ten Neu­rech­ten wis­sen, daß es mit der Wen­de, mit die­sem “Rück­ruf in die Geschich­te” (Karl­heinz Weiß­mann) um Alles oder Nichts zu gehen begann – aber das war immer das ver­zwei­fel­te Wis­sen Weni­ger, die sich nicht abfan­den und drein­schick­ten, son­dern etwas auf­zu­bau­en ver­such­ten zur Ret­tung des Vater­lands (Pathos!).

Aber mit dem Auf­kom­men der AfD haben Wahl­ka­bi­nentap­fer­keit und Bekennt­nis­mut um sich gegrif­fen, und über die­ses Phä­no­men den­ken Main­stream­stim­men wie die von Lanz und von Precht noch immer unter Ver­ken­nung der Lage nach: Ihrer Mei­nung nach ist Deutsch­land noch immer so etwas wie die grö­ße­re Schweiz.

Mei­ner für ihren Pod­cast unmaß­geb­li­chen Mei­nung nach müs­sen sie fol­gen­des begrei­fen: Gro­ße Schweiz zu spie­len, also das öko­no­misch poten­te, poli­ti­sche Klein­kind zu spie­len – das ist die Rol­len­zu­tei­lung der sech­zi­ger, acht­zi­ger Jah­re. Der wis­sent­lich und wil­lent­lich her­bei­ge­führ­te Kol­laps Deutsch­lands war eine Kriegs­er­klä­rung wech­seln­der Regie­run­gen gegen das deut­sche Volk, und nicht nur ein Publi­zist wie Jan A. Karon (eben: Bas­tard­mo­der­ne), son­dern Mil­lio­nen Wäh­ler und hun­der­te Man­dats­trä­ger, unge­zähl­te Mit­tel­ständ­ler und Leh­rer und Beam­te und Arbeit­neh­mer wis­sen, daß wir uns in uner­träg­li­chen Umstän­den wie­der­fin­den und daß nur eine Neu­ge­stal­tung der Rah­men­be­din­gun­gen die­ses Land und die­ses Volk noch ret­ten kann.

Der Influen­cer und Vor­den­ker Schat­ten­ma­cher, des­sen har­ter Essay Anar­cho­ty­ran­nei jüngst erschie­nen ist, hat vor eini­gen Tagen auf X gepostet:

Wenn die AfD irgend­wo an die Macht kom­men soll­te, dann muss ihr täg­li­cher Gedan­ke sein: Wie kann ich lin­ke Struk­tu­ren zer­stö­ren, wie kann ich Lin­ken das Leben schwer machen. Egal wie weit man in die­sem Pro­zess vor­an­schrei­tet, es ist nie­mals weit genug gegan­gen. Es braucht kon­ti­nu­ier­li­chen, nie klei­ner wer­den­den Druck.

So ist es, er hat recht, und das ist das, was Lanz, Precht, X, Y noch nicht begrif­fen haben: Mit die­sen “lin­ken Struk­tu­ren”, zu denen man auch “libe­ra­le Struk­tu­ren” sagen kann, ist eine Kon­sens­de­mo­kra­tie nicht mög­lich – nicht auf Bundes‑, nicht auf Lan­des­ebe­ne, nicht dort, wo sich die “Zivil­ge­sell­schaft” tum­melt und nicht dort, wo För­der­töp­fe überquellen.

(Erst ges­tern saß ein Jour­na­list in mei­nem Büro, der mit mir über “40 Jah­re Jun­ge Frei­heit” reden woll­te, weil er einen Jubi­lä­ums­ar­ti­kel plant. Er war ziem­lich frap­piert, daß er von mir kein krum­mes Wort über Die­ter Stein und Karl­heinz Weiß­mann hör­te. Er begriff dann, daß wir den Geg­ner immer, wirk­lich immer außer­halb unse­rer welt­an­schau­li­chen Rich­tung suchen – daß also so etwas wie Kon­sens­kampf das ein­zi­ge ist, was mich inter­es­siert, wenn es um Pro­jek­te geht, die vor der­sel­ben Front stehen.)

3. Das Buch von Götz Aly heißt Wie konn­te das gesche­hen?, und wenn oben “Wie könn­te das gesche­hen” steht, dann greift das die Fra­ge auf, die Lanz+Precht stel­len und zu beant­wor­ten ver­su­chen. Zuvor: Precht erteilt allen Gleich­set­zun­gen der AfD mit der NSDAP eine deut­li­che Absa­ge, und Lanz stimmt zu.

Aber sie neh­men end­lich ernst, was wir alle längst wis­sen, weil wir unse­ren Ernst Nol­te, Karl­heinz Weiß­mann, Micha­el Stür­mer, Tho­mas Nip­per­dey, Ste­fan Scheil und Sön­ke Neit­zel lasen, um bloß ein paar zu nen­nen: Eine neue Par­tei, die als letz­te Hoff­nung wahr­ge­nom­men wird, wächst nur auf, wenn die älte­ren Par­tei­en die Wäh­ler um jede Hoff­nung betro­gen haben.

(Ich hal­te es übri­gens für bedeut­sam, daß bei Lanz+Precht nicht von einer Macht­er­grei­fung aus dem Nichts die Rede ist, son­dern von Wäh­lern und ihren Stim­men, von einem anwach­sen­den Unmut über das Ver­sa­gen der Mit­te, mit­hin von einem demo­kra­ti­schen Vor­gang. Und noch ein­mal: Bei­de set­zen die AfD nicht, nicht ein­mal im Ansatz mit der NSDAP gleich – ver­mut­lich war das frü­her anders, aber die­ses Schwert ist stumpf, und auch das ist ein Zei­chen: Man will nicht mehr zu den Stump­fen gehören.)

4. Im Pod­cast wird die AfD also als etwas beschrie­ben, das fol­ge­rich­tig ist: Sie ist das Ergeb­nis schwe­rer poli­ti­scher Feh­ler, Alt­par­tei­en­be­quem­lich­keit, welt­an­schau­li­cher Blind­heit dem Nor­ma­li­sie­rungs­pa­trio­tis­mus gegen­über und wahr­nehm­ba­rer Ver­schlech­te­rung, Über­frem­dung, Desta­bi­li­sie­rung in einem Land, das für die Orga­ni­sa­ti­on grund­sätz­li­cher Sicher­heit ein­mal welt­be­rühmt war.

An die­ser Stel­le habe die AfD “einen Punkt”. Es ist groß­zü­gig von Lanz+Precht, das zuzu­ge­ste­hen. Es kommt ziem­lich spät, aber den­noch bil­den die­se bei­den fast noch die Vor­hut jener, denen die alten Bezü­ge und Seil­schaf­ten so pein­lich gewor­den sind, daß sie nun lie­ber frei zu klet­tern begin­nen. (Falls man fällt, wird man weich fallen.)

Zu die­sem Vor­gang paßt übri­gens das olym­pi­sche Geläch­ter über eine CDU-Bro­schü­re, in der im Sti­le einer kon­ser­va­ti­ven Anti­fa wohl nur jene, die aus beruf­li­chen Grün­den so etwas lesen müs­sen, davon abge­bracht wer­den könn­ten, der AfD auf den Leim zu gehen. So etwas hat kei­ner­lei Reichweite.

Das Kon­rad Ade­nau­er-Haus war sich wirk­lich nicht zu scha­de dafür, die­se vor­gest­ri­ge Zusam­men­stel­lung mit einem Aus­tritts­for­mu­lar an alle AfD-Abge­ord­ne­ten im Bun­des­tag zu ver­schi­cken. So etwas ist Merz in Papier­form, Lori­ot-Humor, eine Büt­ten­re­de als pdf, ein Hin­ter­la­der, ein Rohrkrepierer.

Mathi­as Brod­korb (frü­her SPD-Minis­ter, heu­te frei­er Publi­zist und immer schwer gekränkt über die Beschränkt­heit sei­ner – ehe­ma­li­gen – Bla­se) hat zu die­sem pein­li­chen Ver­such im Cice­ro fast alles gesagt. “Här­te­re Geg­ner gesucht” pla­ka­tier­ten wir mal auf einer Buch­mes­se. Bis­her: erfolg­los, und der AfD geht es nicht anders.

Die Din­ge rut­schen, die Ver­hält­nis­se kom­men ins Tan­zen, die gan­ze Lage ist ein Rät­sel: Man hat in einem Par­tei­en­staat Angst vor einer Par­tei, obwohl alles so ange­rich­tet ist, daß auch die­se Par­tei vor allem eine Par­tei ist. Sie wird, wenn sie end­lich darf, die Gewich­te ver­schie­ben. Ob das rei­chen wird? Daß nun schon Lanz+Precht kei­ne Angst mehr davor haben, ist was für ein Zeichen?

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (5)

Le Chasseur

29. Mai 2026 21:25

Die Schweiz hat sich auch wegen der direkten Demokratie, die in der Verfassung festgeschrieben ist, zu einer Konsensdemokratie entwickelt. Jede politische Entscheidung kann durch einen Volksentscheid rückgängig gemacht werden. Deshalb hat man sich darauf verständigt, dass alle relevanten politischen Kräfte in die Regierung eingebunden werden. Das hat natürlich auch zur Folge, dass tendenziell eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners betrieben wird. 

Laurenz

29. Mai 2026 21:27

Der GK-Artikel ist die Beschreibung eines der hunderte Dämme, hier Lanz & Precht, die im Land brechen. Neulich sah ich den Short irgendeiner Lanz-Sendung, in der Precht sich & seine altvordere Familie immer noch für Linke hielt, quasi wie Merz/Scholz sich für gute Kanzler. Habe gravierende Zweifel daran, ob wir, die NeueRechte überhaupt auch nur ein Jota rechts sind. Wenn dem so wäre, sind auch Ostasiaten, oder besser 90% des Planeten rechts. Die AfD ist erst recht nicht rechts. Die Leute in der AfD sind nur identitär & wollen als Kultur überleben, ein völlig natürlicher Vorgang, mehr eine Frage innerer Haltung, als die von Tradition. Schattenmacher hat hier im kleinen, wie im großen Recht. Im virtuellen Sinne darf die Rechte bei einem Paradigmenwechsel im Zeitgeist, virtuell besehen, keine Gefangenen machen. Als Google-Nutzer muß man die KI zeitaufwendig immer mit Zahlen in die Realität weg von linker Deutungshoheit bringen. JD Vance will genaus deswegen, die großen Plattformen in mehr Wettbewerber kartellrechtlich zerschlagen, ein völlige Abkehr bisheriger Republikanischer Prinzipien.

Majestyk

29. Mai 2026 22:05

Mit der positiven Bewertung des Schweizer Modells würde ich bis zum 14. Juni warten. In meiner Wahrnehmung steht die Schweiz nur deshalb besser da als Deutschland, weil sie nicht den Komplettzahlmeister für Europa geben muß, keine DDR integrieren mußte, nebst FDJ-Kanzlerin und ohnehin eher eine Bank plus NGO mit angeschlossenem alpinem Erholungsgebiet ist. 
Ich selber weiß nicht, warum ich mit echten Gegner einen Konsens anstreben soll, noch glaube ich an Schwarmintelligenz, erst recht nicht in Zeiten kognitiver Beeinflußung durch Medien. Was richtig ist hat recht, ob es die Stimme der Mehrheit ist oder eine Einzelmeinung. Der Sinn und Zweck von Demokratie ist m.E. aber auch nicht, daß jeder überall mitreden können muß, sondern daß man den Kapitän des Schiffes Nation abwählen kann, wie die Piraten in der Schatzinsel ohne gleich eine Revolution starten zu müssen. Auch Demokratie braucht Leadership, was Demokratie nicht braucht sind irgendwelche Räte als Parallelstruktur.
"JD Vance will genaus deswegen, die großen Plattformen in mehr Wettbewerber kartellrechtlich zerschlagen, ein völlige Abkehr bisheriger Republikanischer Prinzipien." schreibt Laurenz.
Und ich hätte schwören können, daß William Howard Taft, James Schoolcraft Sherman oder Theodore Roosevelt Republikaner waren.

ZeeS

29. Mai 2026 22:16

Am Rande: Precht irrt in seiner Beschreibung des Schweizer Systems. Die breite Zusammensetzung des Bundesrates ist nicht mit konsensualem Regieren ohne Opposition gleichzusetzen. Es gibt keinen Koalitionsvertrag, kein gemeinsames Regierungsprogramm und keine Koalitionsdisziplin im deutschen Sinn. Es kommt regelmäßig zu flexiblen Mehrheiten gegen einzelne Bundesräte, mal mit SVP, mal ohne. 

Laurenz

29. Mai 2026 22:37

@Majestyk ... aber alle von Ihnen benannten Persönlichkeiten, standen keiner Marktmacht großer BigTech-Plattformen gegenüber. Erst denken, dann posten. :-)