Vor 100 Jahren starb Antoni Gaudí

von Volker Mohr -- Mitte des 18. Jahrhunderts kam es im Zuge der Industrialisierung in Europa, speziell in Frankreich, zur Gründung der ersten Ingenieurschulen, womit sich das Bauingenieurwesen als eigene technische Disziplin etablierte.

Mit der Ent­wick­lung des Stahl­be­tons in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts war ein wei­te­rer Mei­len­stein erreicht. Bau­wer­ke wur­den von nun an berech­net, und dies nicht nur im sta­ti­schen Sinn. Der archi­tek­to­ni­sche Ent­wurf und auch die Stadt­pla­nung wur­den der Empi­rie ent­ris­sen und ganz dem Kal­kül zugeführt.

Hin­sicht­lich der Sta­tik ist dies auch des­halb von Bedeu­tung, als frü­he­re Epo­chen ohne ent­spre­chen­de rech­ne­ri­sche Ver­fah­ren aus­ka­men. Das betrifft ins­be­son­de­re die gro­ßen Bau­wer­ke des Mit­tel­al­ters bis hin zur frü­hen Neu­zeit. Es bedurf­te der Erfah­rung und des Genies des jewei­li­gen Archi­tek­ten oder Bau­meis­ters, um so ein­drück­li­che Bau­ten wie etwa die Kathe­dra­le von Pisa, den Köl­ner Dom, das Schloß von Ver­sailles oder auch die Karls­kir­che in Wien zu errichten.

Eine der größ­ten Kir­chen in Euro­pa, der Dom von Flo­renz, der 1436 voll­endet wur­de, weist bei­spiels­wei­se eine Kup­pel von 45 Metern Spann­wei­te auf. Der Bau­meis­ter Filip­po ­Bru­nel­le­schi nutz­te dafür Pro­por­tio­nen, ketten­linienähnliche For­men und Model­le aus Holz und Zie­geln sowie die empi­ri­schen Regeln der ­alten Baumeister.

Die Tren­nung zwi­schen Archi­tek­tur und Bau­in­ge­nieur­we­sen war bereits voll­zo­gen, und die sta­ti­sche Berech­nung begann sich im Bau­we­sen zu eta­blie­ren, als am 25. Juni 1852 Anto­ni Gau­dí in Reus, im Süden Kata­lo­ni­ens, als Sohn eines Kup­fer­schmieds gebo­ren wur­de. Gau­dí stu­dier­te in Bar­ce­lo­na von 1873 bis 1878 Archi­tek­tur und soll vor allem als her­vor­ra­gen­der und krea­ti­ver Zeich­ner auf­ge­fal­len sein. Bezüg­lich der Fähig­kei­ten sei­nes Stu­den­ten soll sich der Direk­tor der Schu­le dahin­ge­hend geäu­ßert haben, daß die Zeit zei­gen wer­de, ob es sich bei Gau­dí um ein Genie oder um einen Ver­rück­ten handle.

Gau­dí arbei­te­te noch wäh­rend des Stu­di­ums für ver­schie­de­ne Archi­tek­tur­bü­ros. Im Jahr 1878 lern­te er den Unter­neh­mer Euse­bio Güell ken­nen, mit des­sen finan­zi­el­ler Hil­fe er so bezeich­nen­de Wer­ke wie die Güell-Pavil­lons, den Park Güell und die Kryp­ta der Colò­nia Güell in der Nähe von Bar­ce­lo­na rea­li­sie­ren konn­te. Vor sei­nem ers­ten Auf­trag für Güell schuf er bereits die Casa Vicens und das Som­mer­land­haus El Capricho, bei­de im Stil des Moder­nis­me. Im März 1883 über­nahm Gau­dí die Lei­tung über den 1882 begon­ne­nen Bau der Basi­li­ka Sagra­da Famí­lia in Bar­ce­lo­na, dem er sich von 1914 bis 1926 voll­stän­dig widmete.

Pri­vat ent­schied sich Gau­dí für ein aske­ti­sches Leben als zöli­ba­t­ä­rer Laie. Er hei­ra­te­te nie. Nur etwa ein Dut­zend Bau­wer­ke hat Gau­dí rea­li­siert. Ist sein Früh­werk vom His­to­ris­mus und der Neu­go­tik geprägt, wand­te er sich bald dem Moder­nis­me zu, einer kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Erneue­rungs­be­we­gung im kata­la­nisch­spra­chi­gen Raum, die dem Jugend­stil ver­wandt ist. In den frü­hen Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts wid­me­te sich Gau­dí ver­stärkt orga­ni­schen, ­natu­r­in­spi­rier­ten Moti­ven und erzeug­te damit traum­ar­tig-­ver­spiel­te Aus­drucks­for­men. Zuneh­mend gewan­nen bei ihm auch reli­gi­ös-sym­bo­li­sche The­men an Bedeutung.

Gau­dí leg­te mit der Pla­nung der Sagra­da Famí­lia – sei­nes Haupt­werks – ein Gesamt­kon­zept mit goti­scher For­men­spra­che vor. Aller­dings erfuhr die Archi­tek­tur­spra­che der Sagra­da Famí­lia gemäß Gau­dís per­sön­li­cher Ent­wick­lung meh­re­re Ver­än­de­run­gen, die in einer abs­trakt-­ex­pres­sio­nis­ti­schen Aus­drucks­wei­se gipfelten.

Der Archi­tekt hat­te die Gabe, den Raum zu füh­len und vor sei­nem geis­ti­gen Auge zu sehen. Für die Kon­struk­ti­on der tra­gen­den Struk­tu­ren ver­wen­de­te er häu­fig das Prin­zip der Hänge­modelle, wodurch er – ohne sta­ti­sche Berech­nun­gen – kom­pli­zier­te For­men mit gerin­gem ­Mate­ri­al­ein­satz rea­li­sie­ren konn­te. Dies war auch des­halb mög­lich, weil auf die­se Art in den Gewöl­ben kei­ne Zug‑, son­dern nur Druck­kräf­te auftraten.

Gau­dí selbst war ein zutiefst reli­giö­ser Mensch, der die Evan­ge­li­en und die katho­li­sche Lit­ur­gie bes­tens kann­te und im Bild­pro­gramm der Sagra­da Famí­lia umsetz­te. Auf jeder Fas­sa­de der Kir­che ist der Ant­ago­nis­mus zwi­schen Gut und Böse man­nig­fal­tig bild­haft dar­ge­stellt. So fin­det sich etwa auf der süd­li­chen Glo­ri­en­fas­sa­de der von Tod­sün­den gepräg­te Lebens­weg des Men­schen. Aber auch das Jüngs­te Gericht und die Hoff­nung auf Erlö­sung wer­den hier thematisiert.
Da der Archi­tekt die Plä­ne immer wie­der über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te, war nicht mit einer schnel­len Fer­tig­stel­lung des Bau­werks zu rechnen.

Als Gau­dí 1926 nach mehr als vier­zig­jäh­ri­ger, uner­müd­li­cher und auf­op­fe­rungs­vol­ler Arbeit an der Sagra­da Famí­lia starb, war die Kir­che noch weit von ihrer Voll­endung ent­fernt. Mitt­ler­wei­le wird mit einer Fer­tig­stel­lung im Jahr 2033 gerech­net. Die UNESCO nahm die von Gau­dí geschaf­fe­nen Tei­le der Sagra­da Famí­lia 2005 als Welt­kul­tur­er­be auf, wäh­rend die römisch-katho­li­sche Kir­che im Jahr 2000 ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren für Gau­dí einleitete.

Gau­dís Werk inspi­riert Archi­tek­ten bis heu­te. Dazu zählt neben dem Deut­schen Frei Otto (1925 – 2015) – er ent­warf unter ande­rem die Über­da­chung des Olym­pia­ge­län­des in Mün­chen – auch der öster­rei­chi­sche Künst­ler und Umwelt­schüt­zer Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser (1928 – 2000). Mit sei­nen spe­zi­el­len, jede Regel­mä­ßig­keit ver­mei­den­den Bau­ten woll­te Hun­dert­was­ser ein Zei­chen für eine men­schen­ge­rech­te Archi­tek­tur set­zen, kam damit aber nicht über eine »Vil­la Kunterbunt«-Architektur hin­aus. Wäh­rend Gau­dí an das Erbe einer jahr­hun­der­te­al­ten Kul­tur anzu­knüp­fen und dar­über hin­aus­zu­ge­hen ver­such­te, blieb es bei Hun­dert­was­ser bei einer vor­aus­set­zungs­lo­sen Geste.

Wesent­lich erns­ter zu neh­men ist hier der spa­nisch-schwei­ze­ri­sche Archi­tekt und Bau­in­ge­nieur Sant­ia­go Calat­rava (*1951). Vor allem des­sen Früh­werk, etwa der Bahn­hof Sta­del­ho­fen in Zürich (1990) mit sei­ner ske­lett­ar­ti­gen Struk­tur, aber auch ganz all­ge­mein sein orga­nisch-futu­ris­ti­scher Ansatz und sei­ne Vor­lie­be für natür­li­che Struk­tu­ren (Blatt­werk und Flü­gel) ver­deut­li­chen Calat­ravas Ver­wandt­schaft mit Gau­dí. Aller­dings lebt und wirkt Calat­rava ganz in der Moder­ne. Er ist durch und durch Tech­ni­ker, und so sind sei­ne Bau­wer­ke iso­lier­te tech­ni­sche Kon­struk­tio­nen, die in ihrer wohl­pro­por­tio­nier­ten und skulp­tu­ren­haf­ten Art das sind, was die Tech­nik bes­ten­falls zu leis­ten ver­mag – sie sind (im Gegen­satz zum Schö­nen) ästhetisch.

Als Gau­dí 1926 starb, hat­te sich längst das Neue Bau­en eta­bliert, des­sen Ziel es war, durch Ratio­na­li­sie­rung, Typi­sie­rung und den Ein­satz neu­er Werk­stof­fe, ins­be­son­de­re von Glas, Stahl und Beton, eine völ­lig neue Form des Bau­ens zu ent­wi­ckeln. Die­ses bis in die Gegen­wart anhal­ten­de Bestre­ben – vor­nehm­lich aber die tech­ni­sche Kon­struk­ti­ons­wei­se – mach­te nach Gau­dís Tod auch vor der Sagra­da Famí­lia nicht Halt, die mitt­ler­wei­le zu einem Wahr­zei­chen Bar­ce­lo­nas gewor­den ist. Die vor­ge­fer­tig­ten Stein­ele­men­te, die man heu­te zur Fer­tig­stel­lung der Kir­che ver­wen­det, wer­den durch CNC-gesteu­er­te Maschi­nen her­ge­stellt, wäh­rend zu Gau­dís Zeit Stein­met­ze ihren Dienst ver­rich­te­ten. Zudem wird jetzt Stahl­be­ton für die Kon­struk­ti­ons­ele­men­te verwendet.

Es ist bezeich­nend, daß zu Leb­zei­ten Gau­dís die mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­ern Bar­ce­lo­nas abge­ris­sen und ab 1860 ein neu­er, plan­mä­ßig-ras­ter­för­mi­ger Stadt­be­zirk ange­legt wur­de, der den Stadt­raum, ins­be­son­de­re rund um die Sagra­da Famí­lia, nach­hal­tig präg­te. Auch dies ver­deut­licht, daß Gau­dí hin­sicht­lich der Zeit­ent­wick­lung zwi­schen Stuhl und Bank geriet. Er, der im Grun­de der Gotik ver­pflich­tet war und deren nie wie­der erreich­te Grö­ße und Erha­ben­heit in die Gegen­wart ret­ten und durch einen eige­nen, orga­ni­schen Stil erneu­ern woll­te, wur­de vom Zeit­geist über­holt oder sogar überrollt.

Das zeigt sich sym­bo­lisch und auch exem­pla­risch dar­in, daß er, als er am 7. Juni 1926 zu Fuß zur ­Sagra­da Famí­lia unter­wegs war, von einer Stra­ßen­bahn erfaßt wur­de. Auf­grund sei­ner schlich­ten Erschei­nung wur­de er zunächst für einen mit­tel­lo­sen Mann gehal­ten. Er kam in ein Armen­kran­ken­haus, wo er am 10. Juni 1926, im Alter von 73 Jah­ren, starb. Sei­ne Iden­ti­tät wur­de erst spä­ter erkannt.

– –

Von Vol­ker Mohr ist in der Rei­he Kapla­ken der Essay Der Ver­lust des Ortes erschie­nen – hier bestel­len!

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (1)

A. Kovacs

10. Juni 2026 12:48

Am 22. August 2017 schrieb ich in THE EUROPEAN nach dem Attentat auf der La Rambla von Barcelona: „Das ursprüngliche Ziel der gläubigen Muslime, die in zwei dschihadistischen Angriffen in Barcelona und Umgebung fünfzehn Menschen ermordet und fast hundert Menschen verletzt haben, war die Basilika Sagrada Família, eines der großen Gotteshäuser der römisch-katholischen Christenheit und das Zeichen eines langfristigen, viele Generationen übergreifenden geistig-künstlerischen Projektes." Wer weiß das heute? Betrachten wir diese Kunstwerke also als auf Abruf noch vorhandene.