Mit der Entwicklung des Stahlbetons in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein weiterer Meilenstein erreicht. Bauwerke wurden von nun an berechnet, und dies nicht nur im statischen Sinn. Der architektonische Entwurf und auch die Stadtplanung wurden der Empirie entrissen und ganz dem Kalkül zugeführt.
Hinsichtlich der Statik ist dies auch deshalb von Bedeutung, als frühere Epochen ohne entsprechende rechnerische Verfahren auskamen. Das betrifft insbesondere die großen Bauwerke des Mittelalters bis hin zur frühen Neuzeit. Es bedurfte der Erfahrung und des Genies des jeweiligen Architekten oder Baumeisters, um so eindrückliche Bauten wie etwa die Kathedrale von Pisa, den Kölner Dom, das Schloß von Versailles oder auch die Karlskirche in Wien zu errichten.
Eine der größten Kirchen in Europa, der Dom von Florenz, der 1436 vollendet wurde, weist beispielsweise eine Kuppel von 45 Metern Spannweite auf. Der Baumeister Filippo Brunelleschi nutzte dafür Proportionen, kettenlinienähnliche Formen und Modelle aus Holz und Ziegeln sowie die empirischen Regeln der alten Baumeister.
Die Trennung zwischen Architektur und Bauingenieurwesen war bereits vollzogen, und die statische Berechnung begann sich im Bauwesen zu etablieren, als am 25. Juni 1852 Antoni Gaudí in Reus, im Süden Kataloniens, als Sohn eines Kupferschmieds geboren wurde. Gaudí studierte in Barcelona von 1873 bis 1878 Architektur und soll vor allem als hervorragender und kreativer Zeichner aufgefallen sein. Bezüglich der Fähigkeiten seines Studenten soll sich der Direktor der Schule dahingehend geäußert haben, daß die Zeit zeigen werde, ob es sich bei Gaudí um ein Genie oder um einen Verrückten handle.
Gaudí arbeitete noch während des Studiums für verschiedene Architekturbüros. Im Jahr 1878 lernte er den Unternehmer Eusebio Güell kennen, mit dessen finanzieller Hilfe er so bezeichnende Werke wie die Güell-Pavillons, den Park Güell und die Krypta der Colònia Güell in der Nähe von Barcelona realisieren konnte. Vor seinem ersten Auftrag für Güell schuf er bereits die Casa Vicens und das Sommerlandhaus El Capricho, beide im Stil des Modernisme. Im März 1883 übernahm Gaudí die Leitung über den 1882 begonnenen Bau der Basilika Sagrada Família in Barcelona, dem er sich von 1914 bis 1926 vollständig widmete.
Privat entschied sich Gaudí für ein asketisches Leben als zölibatärer Laie. Er heiratete nie. Nur etwa ein Dutzend Bauwerke hat Gaudí realisiert. Ist sein Frühwerk vom Historismus und der Neugotik geprägt, wandte er sich bald dem Modernisme zu, einer kulturellen und gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung im katalanischsprachigen Raum, die dem Jugendstil verwandt ist. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts widmete sich Gaudí verstärkt organischen, naturinspirierten Motiven und erzeugte damit traumartig-verspielte Ausdrucksformen. Zunehmend gewannen bei ihm auch religiös-symbolische Themen an Bedeutung.
Gaudí legte mit der Planung der Sagrada Família – seines Hauptwerks – ein Gesamtkonzept mit gotischer Formensprache vor. Allerdings erfuhr die Architektursprache der Sagrada Família gemäß Gaudís persönlicher Entwicklung mehrere Veränderungen, die in einer abstrakt-expressionistischen Ausdrucksweise gipfelten.
Der Architekt hatte die Gabe, den Raum zu fühlen und vor seinem geistigen Auge zu sehen. Für die Konstruktion der tragenden Strukturen verwendete er häufig das Prinzip der Hängemodelle, wodurch er – ohne statische Berechnungen – komplizierte Formen mit geringem Materialeinsatz realisieren konnte. Dies war auch deshalb möglich, weil auf diese Art in den Gewölben keine Zug‑, sondern nur Druckkräfte auftraten.
Gaudí selbst war ein zutiefst religiöser Mensch, der die Evangelien und die katholische Liturgie bestens kannte und im Bildprogramm der Sagrada Família umsetzte. Auf jeder Fassade der Kirche ist der Antagonismus zwischen Gut und Böse mannigfaltig bildhaft dargestellt. So findet sich etwa auf der südlichen Glorienfassade der von Todsünden geprägte Lebensweg des Menschen. Aber auch das Jüngste Gericht und die Hoffnung auf Erlösung werden hier thematisiert.
Da der Architekt die Pläne immer wieder überarbeitete und erweiterte, war nicht mit einer schnellen Fertigstellung des Bauwerks zu rechnen.
Als Gaudí 1926 nach mehr als vierzigjähriger, unermüdlicher und aufopferungsvoller Arbeit an der Sagrada Família starb, war die Kirche noch weit von ihrer Vollendung entfernt. Mittlerweile wird mit einer Fertigstellung im Jahr 2033 gerechnet. Die UNESCO nahm die von Gaudí geschaffenen Teile der Sagrada Família 2005 als Weltkulturerbe auf, während die römisch-katholische Kirche im Jahr 2000 ein Seligsprechungsverfahren für Gaudí einleitete.
Gaudís Werk inspiriert Architekten bis heute. Dazu zählt neben dem Deutschen Frei Otto (1925 – 2015) – er entwarf unter anderem die Überdachung des Olympiageländes in München – auch der österreichische Künstler und Umweltschützer Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000). Mit seinen speziellen, jede Regelmäßigkeit vermeidenden Bauten wollte Hundertwasser ein Zeichen für eine menschengerechte Architektur setzen, kam damit aber nicht über eine »Villa Kunterbunt«-Architektur hinaus. Während Gaudí an das Erbe einer jahrhundertealten Kultur anzuknüpfen und darüber hinauszugehen versuchte, blieb es bei Hundertwasser bei einer voraussetzungslosen Geste.
Wesentlich ernster zu nehmen ist hier der spanisch-schweizerische Architekt und Bauingenieur Santiago Calatrava (*1951). Vor allem dessen Frühwerk, etwa der Bahnhof Stadelhofen in Zürich (1990) mit seiner skelettartigen Struktur, aber auch ganz allgemein sein organisch-futuristischer Ansatz und seine Vorliebe für natürliche Strukturen (Blattwerk und Flügel) verdeutlichen Calatravas Verwandtschaft mit Gaudí. Allerdings lebt und wirkt Calatrava ganz in der Moderne. Er ist durch und durch Techniker, und so sind seine Bauwerke isolierte technische Konstruktionen, die in ihrer wohlproportionierten und skulpturenhaften Art das sind, was die Technik bestenfalls zu leisten vermag – sie sind (im Gegensatz zum Schönen) ästhetisch.
Als Gaudí 1926 starb, hatte sich längst das Neue Bauen etabliert, dessen Ziel es war, durch Rationalisierung, Typisierung und den Einsatz neuer Werkstoffe, insbesondere von Glas, Stahl und Beton, eine völlig neue Form des Bauens zu entwickeln. Dieses bis in die Gegenwart anhaltende Bestreben – vornehmlich aber die technische Konstruktionsweise – machte nach Gaudís Tod auch vor der Sagrada Família nicht Halt, die mittlerweile zu einem Wahrzeichen Barcelonas geworden ist. Die vorgefertigten Steinelemente, die man heute zur Fertigstellung der Kirche verwendet, werden durch CNC-gesteuerte Maschinen hergestellt, während zu Gaudís Zeit Steinmetze ihren Dienst verrichteten. Zudem wird jetzt Stahlbeton für die Konstruktionselemente verwendet.
Es ist bezeichnend, daß zu Lebzeiten Gaudís die mittelalterlichen Stadtmauern Barcelonas abgerissen und ab 1860 ein neuer, planmäßig-rasterförmiger Stadtbezirk angelegt wurde, der den Stadtraum, insbesondere rund um die Sagrada Família, nachhaltig prägte. Auch dies verdeutlicht, daß Gaudí hinsichtlich der Zeitentwicklung zwischen Stuhl und Bank geriet. Er, der im Grunde der Gotik verpflichtet war und deren nie wieder erreichte Größe und Erhabenheit in die Gegenwart retten und durch einen eigenen, organischen Stil erneuern wollte, wurde vom Zeitgeist überholt oder sogar überrollt.
Das zeigt sich symbolisch und auch exemplarisch darin, daß er, als er am 7. Juni 1926 zu Fuß zur Sagrada Família unterwegs war, von einer Straßenbahn erfaßt wurde. Aufgrund seiner schlichten Erscheinung wurde er zunächst für einen mittellosen Mann gehalten. Er kam in ein Armenkrankenhaus, wo er am 10. Juni 1926, im Alter von 73 Jahren, starb. Seine Identität wurde erst später erkannt.
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A. Kovacs
Am 22. August 2017 schrieb ich in THE EUROPEAN nach dem Attentat auf der La Rambla von Barcelona: „Das ursprüngliche Ziel der gläubigen Muslime, die in zwei dschihadistischen Angriffen in Barcelona und Umgebung fünfzehn Menschen ermordet und fast hundert Menschen verletzt haben, war die Basilika Sagrada Família, eines der großen Gotteshäuser der römisch-katholischen Christenheit und das Zeichen eines langfristigen, viele Generationen übergreifenden geistig-künstlerischen Projektes." Wer weiß das heute? Betrachten wir diese Kunstwerke also als auf Abruf noch vorhandene.