Vor 100 Jahren starb Antoni Gaudí

von Volker Mohr -- Mitte des 18. Jahrhunderts kam es im Zuge der Industrialisierung in Europa, speziell in Frankreich, zur Gründung der ersten Ingenieurschulen, womit sich das Bauingenieurwesen als eigene technische Disziplin etablierte.

Mit der Ent­wick­lung des Stahl­be­tons in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts war ein wei­te­rer Mei­len­stein erreicht. Bau­wer­ke wur­den von nun an berech­net, und dies nicht nur im sta­ti­schen Sinn. Der archi­tek­to­ni­sche Ent­wurf und auch die Stadt­pla­nung wur­den der Empi­rie ent­ris­sen und ganz dem Kal­kül zugeführt.

Hin­sicht­lich der Sta­tik ist dies auch des­halb von Bedeu­tung, als frü­he­re Epo­chen ohne ent­spre­chen­de rech­ne­ri­sche Ver­fah­ren aus­ka­men. Das betrifft ins­be­son­de­re die gro­ßen Bau­wer­ke des Mit­tel­al­ters bis hin zur frü­hen Neu­zeit. Es bedurf­te der Erfah­rung und des Genies des jewei­li­gen Archi­tek­ten oder Bau­meis­ters, um so ein­drück­li­che Bau­ten wie etwa die Kathe­dra­le von Pisa, den Köl­ner Dom, das Schloß von Ver­sailles oder auch die Karls­kir­che in Wien zu errichten.

Eine der größ­ten Kir­chen in Euro­pa, der Dom von Flo­renz, der 1436 voll­endet wur­de, weist bei­spiels­wei­se eine Kup­pel von 45 Metern Spann­wei­te auf. Der Bau­meis­ter Filip­po ­Bru­nel­le­schi nutz­te dafür Pro­por­tio­nen, ketten­linienähnliche For­men und Model­le aus Holz und Zie­geln sowie die empi­ri­schen Regeln der ­alten Baumeister.

Die Tren­nung zwi­schen Archi­tek­tur und Bau­in­ge­nieur­we­sen war bereits voll­zo­gen, und die sta­ti­sche Berech­nung begann sich im Bau­we­sen zu eta­blie­ren, als am 25. Juni 1852 Anto­ni Gau­dí in Reus, im Süden Kata­lo­ni­ens, als Sohn eines Kup­fer­schmieds gebo­ren wur­de. Gau­dí stu­dier­te in Bar­ce­lo­na von 1873 bis 1878 Archi­tek­tur und soll vor allem als her­vor­ra­gen­der und krea­ti­ver Zeich­ner auf­ge­fal­len sein. Bezüg­lich der Fähig­kei­ten sei­nes Stu­den­ten soll sich der Direk­tor der Schu­le dahin­ge­hend geäu­ßert haben, daß die Zeit zei­gen wer­de, ob es sich bei Gau­dí um ein Genie oder um einen Ver­rück­ten handle.

Gau­dí arbei­te­te noch wäh­rend des Stu­di­ums für ver­schie­de­ne Archi­tek­tur­bü­ros. Im Jahr 1878 lern­te er den Unter­neh­mer Euse­bio Güell ken­nen, mit des­sen finan­zi­el­ler Hil­fe er so bezeich­nen­de Wer­ke wie die Güell-Pavil­lons, den Park Güell und die Kryp­ta der Colò­nia Güell in der Nähe von Bar­ce­lo­na rea­li­sie­ren konn­te. Vor sei­nem ers­ten Auf­trag für Güell schuf er bereits die Casa Vicens und das Som­mer­land­haus El Capricho, bei­de im Stil des Moder­nis­me. Im März 1883 über­nahm Gau­dí die Lei­tung über den 1882 begon­ne­nen Bau der Basi­li­ka Sagra­da Famí­lia in Bar­ce­lo­na, dem er sich von 1914 bis 1926 voll­stän­dig widmete.

Pri­vat ent­schied sich Gau­dí für ein aske­ti­sches Leben als zöli­ba­t­ä­rer Laie. Er hei­ra­te­te nie. Nur etwa ein Dut­zend Bau­wer­ke hat Gau­dí rea­li­siert. Ist sein Früh­werk vom His­to­ris­mus und der Neu­go­tik geprägt, wand­te er sich bald dem Moder­nis­me zu, einer kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Erneue­rungs­be­we­gung im kata­la­nisch­spra­chi­gen Raum, die dem Jugend­stil ver­wandt ist. In den frü­hen Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts wid­me­te sich Gau­dí ver­stärkt orga­ni­schen, ­natu­r­in­spi­rier­ten Moti­ven und erzeug­te damit traum­ar­tig-­ver­spiel­te Aus­drucks­for­men. Zuneh­mend gewan­nen bei ihm auch reli­gi­ös-sym­bo­li­sche The­men an Bedeutung.

Gau­dí leg­te mit der Pla­nung der Sagra­da Famí­lia – sei­nes Haupt­werks – ein Gesamt­kon­zept mit goti­scher For­men­spra­che vor. Aller­dings erfuhr die Archi­tek­tur­spra­che der Sagra­da Famí­lia gemäß Gau­dís per­sön­li­cher Ent­wick­lung meh­re­re Ver­än­de­run­gen, die in einer abs­trakt-­ex­pres­sio­nis­ti­schen Aus­drucks­wei­se gipfelten.

Der Archi­tekt hat­te die Gabe, den Raum zu füh­len und vor sei­nem geis­ti­gen Auge zu sehen. Für die Kon­struk­ti­on der tra­gen­den Struk­tu­ren ver­wen­de­te er häu­fig das Prin­zip der Hänge­modelle, wodurch er – ohne sta­ti­sche Berech­nun­gen – kom­pli­zier­te For­men mit gerin­gem ­Mate­ri­al­ein­satz rea­li­sie­ren konn­te. Dies war auch des­halb mög­lich, weil auf die­se Art in den Gewöl­ben kei­ne Zug‑, son­dern nur Druck­kräf­te auftraten.

Gau­dí selbst war ein zutiefst reli­giö­ser Mensch, der die Evan­ge­li­en und die katho­li­sche Lit­ur­gie bes­tens kann­te und im Bild­pro­gramm der Sagra­da Famí­lia umsetz­te. Auf jeder Fas­sa­de der Kir­che ist der Ant­ago­nis­mus zwi­schen Gut und Böse man­nig­fal­tig bild­haft dar­ge­stellt. So fin­det sich etwa auf der süd­li­chen Glo­ri­en­fas­sa­de der von Tod­sün­den gepräg­te Lebens­weg des Men­schen. Aber auch das Jüngs­te Gericht und die Hoff­nung auf Erlö­sung wer­den hier thematisiert.
Da der Archi­tekt die Plä­ne immer wie­der über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te, war nicht mit einer schnel­len Fer­tig­stel­lung des Bau­werks zu rechnen.

Als Gau­dí 1926 nach mehr als vier­zig­jäh­ri­ger, uner­müd­li­cher und auf­op­fe­rungs­vol­ler Arbeit an der Sagra­da Famí­lia starb, war die Kir­che noch weit von ihrer Voll­endung ent­fernt. Mitt­ler­wei­le wird mit einer Fer­tig­stel­lung im Jahr 2033 gerech­net. Die UNESCO nahm die von Gau­dí geschaf­fe­nen Tei­le der Sagra­da Famí­lia 2005 als Welt­kul­tur­er­be auf, wäh­rend die römisch-katho­li­sche Kir­che im Jahr 2000 ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren für Gau­dí einleitete.

Gau­dís Werk inspi­riert Archi­tek­ten bis heu­te. Dazu zählt neben dem Deut­schen Frei Otto (1925 – 2015) – er ent­warf unter ande­rem die Über­da­chung des Olym­pia­ge­län­des in Mün­chen – auch der öster­rei­chi­sche Künst­ler und Umwelt­schüt­zer Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser (1928 – 2000). Mit sei­nen spe­zi­el­len, jede Regel­mä­ßig­keit ver­mei­den­den Bau­ten woll­te Hun­dert­was­ser ein Zei­chen für eine men­schen­ge­rech­te Archi­tek­tur set­zen, kam damit aber nicht über eine »Vil­la Kunterbunt«-Architektur hin­aus. Wäh­rend Gau­dí an das Erbe einer jahr­hun­der­te­al­ten Kul­tur anzu­knüp­fen und dar­über hin­aus­zu­ge­hen ver­such­te, blieb es bei Hun­dert­was­ser bei einer vor­aus­set­zungs­lo­sen Geste.

Wesent­lich erns­ter zu neh­men ist hier der spa­nisch-schwei­ze­ri­sche Archi­tekt und Bau­in­ge­nieur Sant­ia­go Calat­rava (*1951). Vor allem des­sen Früh­werk, etwa der Bahn­hof Sta­del­ho­fen in Zürich (1990) mit sei­ner ske­lett­ar­ti­gen Struk­tur, aber auch ganz all­ge­mein sein orga­nisch-futu­ris­ti­scher Ansatz und sei­ne Vor­lie­be für natür­li­che Struk­tu­ren (Blatt­werk und Flü­gel) ver­deut­li­chen Calat­ravas Ver­wandt­schaft mit Gau­dí. Aller­dings lebt und wirkt Calat­rava ganz in der Moder­ne. Er ist durch und durch Tech­ni­ker, und so sind sei­ne Bau­wer­ke iso­lier­te tech­ni­sche Kon­struk­tio­nen, die in ihrer wohl­pro­por­tio­nier­ten und skulp­tu­ren­haf­ten Art das sind, was die Tech­nik bes­ten­falls zu leis­ten ver­mag – sie sind (im Gegen­satz zum Schö­nen) ästhetisch.

Als Gau­dí 1926 starb, hat­te sich längst das Neue Bau­en eta­bliert, des­sen Ziel es war, durch Ratio­na­li­sie­rung, Typi­sie­rung und den Ein­satz neu­er Werk­stof­fe, ins­be­son­de­re von Glas, Stahl und Beton, eine völ­lig neue Form des Bau­ens zu ent­wi­ckeln. Die­ses bis in die Gegen­wart anhal­ten­de Bestre­ben – vor­nehm­lich aber die tech­ni­sche Kon­struk­ti­ons­wei­se – mach­te nach Gau­dís Tod auch vor der Sagra­da Famí­lia nicht Halt, die mitt­ler­wei­le zu einem Wahr­zei­chen Bar­ce­lo­nas gewor­den ist. Die vor­ge­fer­tig­ten Stein­ele­men­te, die man heu­te zur Fer­tig­stel­lung der Kir­che ver­wen­det, wer­den durch CNC-gesteu­er­te Maschi­nen her­ge­stellt, wäh­rend zu Gau­dís Zeit Stein­met­ze ihren Dienst ver­rich­te­ten. Zudem wird jetzt Stahl­be­ton für die Kon­struk­ti­ons­ele­men­te verwendet.

Es ist bezeich­nend, daß zu Leb­zei­ten Gau­dís die mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­ern Bar­ce­lo­nas abge­ris­sen und ab 1860 ein neu­er, plan­mä­ßig-ras­ter­för­mi­ger Stadt­be­zirk ange­legt wur­de, der den Stadt­raum, ins­be­son­de­re rund um die Sagra­da Famí­lia, nach­hal­tig präg­te. Auch dies ver­deut­licht, daß Gau­dí hin­sicht­lich der Zeit­ent­wick­lung zwi­schen Stuhl und Bank geriet. Er, der im Grun­de der Gotik ver­pflich­tet war und deren nie wie­der erreich­te Grö­ße und Erha­ben­heit in die Gegen­wart ret­ten und durch einen eige­nen, orga­ni­schen Stil erneu­ern woll­te, wur­de vom Zeit­geist über­holt oder sogar überrollt.

Das zeigt sich sym­bo­lisch und auch exem­pla­risch dar­in, daß er, als er am 7. Juni 1926 zu Fuß zur ­Sagra­da Famí­lia unter­wegs war, von einer Stra­ßen­bahn erfaßt wur­de. Auf­grund sei­ner schlich­ten Erschei­nung wur­de er zunächst für einen mit­tel­lo­sen Mann gehal­ten. Er kam in ein Armen­kran­ken­haus, wo er am 10. Juni 1926, im Alter von 73 Jah­ren, starb. Sei­ne Iden­ti­tät wur­de erst spä­ter erkannt.

– –

Von Vol­ker Mohr ist in der Rei­he Kapla­ken der Essay Der Ver­lust des Ortes erschie­nen – hier bestel­len!

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Kommentare (28)

A. Kovacs

10. Juni 2026 12:48

Am 22. August 2017 schrieb ich in THE EUROPEAN nach dem Attentat auf der La Rambla von Barcelona: „Das ursprüngliche Ziel der gläubigen Muslime, die in zwei dschihadistischen Angriffen in Barcelona und Umgebung fünfzehn Menschen ermordet und fast hundert Menschen verletzt haben, war die Basilika Sagrada Família, eines der großen Gotteshäuser der römisch-katholischen Christenheit und das Zeichen eines langfristigen, viele Generationen übergreifenden geistig-künstlerischen Projektes." Wer weiß das heute? Betrachten wir diese Kunstwerke also als auf Abruf noch vorhandene.

Maiordomus

10. Juni 2026 13:32

Ergänzend zu diesem Juwel von Essay erlaube ich mir auf die dem Autor vielleicht geistesverwandte, im Tessin lebende Autorin Kathrin Benz hinzuweisen: Antoni Gaudi. Der Architekt Gottes - Die Biographie. Herder 2025. 
Benz gehört zu den nicht häufigen Autorinnen, die Kunst- und Kulturgeschichte, auch Heiligengeschichte, jenseits von Esoterik oder dann pseudo-progressiven Anleihen zur Darstellung  zu bringen versteht. Wer die Reduktion von Europa auf "Euromarkt"oder "Euratom" bedauert,  was Reinhold Schneider 1958 in "Winter in Wien" kritisierte, erfährt mit Blick auf das Europa der Kathedralen Perspektiven jenseits einer antiquarisch kunsthistorischen Geschichtsbetrachtung. Damit möchte ich nicht vom einzigartigen Autor Volker Mohr ablenken. Dass Mohr und Benz, falls ich es nicht übersehen habe, in den Feuilletons kaum stattfinden, spricht für Bemühungen hier, die noch über das Engagement von Frau Dagen hinaus die Notwendigkeit eines alternativen Feuilletons belegen. Was Tellkamp für Deutschland, das sehe ich vielfach bei Volker Mohr, ausser dass sein stilleres Wirken bisher grösserer Skandalisierung entging. Dies hilft zwar der Publizität nicht sehr vorwärts. "Der Verlust des Ortes" ist jedoch fast ein Kommentar über das, was auch die Schweiz seit Jahren kaum betrauert verliert.          

Le Chasseur

10. Juni 2026 14:39

Ergänzend zum Thema: Sagrada Família - Antoni Gaudís Meisterwerk

Majestyk

10. Juni 2026 16:16

In den USA wurde Architektur als Abschluß bei Studienkrediten herabgestuft. Eigentlich sind Architekten keine richtigen Ingenieure, sieht man an so manchen Fehlkonstruktionen bei EFH, wo Architekten die Bauleitung übernehmen. 
Meine erste Freundin studierte Architektur FH (12 Jahre), einer meiner besten Schulfreunde wurde Architekt TH, ehe er Lobbyist und Immobilienprojektmanager wurde und seitdem den Schweizern deutsche Wohnraumverdichtung beibringt. Ein anderer Freund wurde Bauingenieur und baut heute Autobahnen. Beide Studien trennen Welten.  
Im Mittelalter wurden die großen Bauwerke von Baumeistern gebaut. Meist waren das ursprünglich Steinmetze oder Zimmerleute. Das waren also Handwerker mit Gespür für Ästethik. Seitdem moderne Bauschulen unsere Art zu bauen bestimmen, ist die Baukunst nicht gerade besser geworden. Der moderne Architekt ist im Prinzip der Philosoph unter den Ingenieuren, meist nicht gerade ein Held der Praxis, dafür ästhetischer Weltanschauungsdeuter. 
@ A. Kovacs:
"Betrachten wir diese Kunstwerke also als auf Abruf noch vorhandene."
Siehe Notre-Dame de Paris.

Laurenz

10. Juni 2026 17:53

ARTE hat sich Gaudí angemessen gewidmet. https://youtu.be/nrkABbI8ggI https://youtu.be/eH4YUeZSsTA https://youtu.be/wx3DMmwKzR4 Gaudí starb unerkannt quasi, wie Lex Barker, wenn auch die Ursache eine andere war. In der I. Doku sieht man, wie der leuchtende Stern/Kreuz verbaut wird, sehr bewegend. Gaudí war der Kunst am Bau, der Schönheit verpflichtet. Heute soll die Einweihung des Christusturms sein. Für mich geht die Sagrada Família auch als Heidnischer Tempel durch, so universal ist sie gestaltet. Katalonien besitzt hier tatsächlich einen Schatz.

Le Chasseur

10. Juni 2026 20:43

@Laurenz
"In der I. Doku sieht man, wie der leuchtende Stern/Kreuz verbaut wird, sehr bewegend."
Mehr zu dem begehbaren Kreuz: https://www.glaswelt.de/glas/begehbares-glaskreuz-fuer-die-sagrada-familia-barcelona
"Für mich geht die Sagrada Família auch als Heidnischer Tempel durch."
An der Stelle, wo heute der Kölner Dom steht, soll sich zu Zeiten der alten Römer ein heidnischer Tempel befunden haben. 

dojon86

11. Juni 2026 09:32

Ich habe die Sagrada Familia gesehen, sie ist wirklich sehenswert. Interessant übrigens, dass nach der Umwandlung Spaniens in eine Demokratie ab 1975 eine Diskussion entstand, ob man die Sagrada Familia nach den Intentionen Gaudis weiterbauen sollte. Die üblichen Verdächtigen, nämlich eine Clique profilierungssüchtiger Architekten polemisierte dagegen. Es war dem katalanischen Volk zu verdanken, dass daraus nichts wurde. Was den Epigonen Gaudis, Hundertwasser anbelangt. Er hat gewissermaßen das einzige nach 1945 in Wien gebaute Gebäude geschaffen, das Touristen, also generell Schaulustige anzieht. (Es gäbe meiner Meinung noch ein zweites, das liegt aber zu sehr abseits) Ansonsten ist da nichts.

RMH

11. Juni 2026 10:19

A. Gaudi habe ich in den 80ern tatsächlich zum ersten mal über die damalige LP "Gaudi" von Alan Parsons Project zur Kenntnis nehmen können, er war mir bis dahin unbekannt.
Faszinierende Bauwerke. Ich war noch nie in Barcelona, werde das auch wohl nicht mehr nachholen, und nachdem ich letztes Jahr einmal Le Mont-Saint-Michel in FR besichtigte (es war Nebensaison & unter der Woche) und selbst der Touri- Ansturm bei Neuschwanstein gegen den dortigen ein Witz ist, stelle ich mir jetzt die heilige Famlie in Barcelona als einen Ort vor, den man allenfalls nur im Morgengrauen an einem Wochentag im Herbst/Winter besuchen kann. Das für den Eintritt in den Kölner Dom jetzt Geld verlangt wird, kann man wohl unter die Rubrik Notwehr einordnen.
Aber man hat ja Bilder und die Kraft der eigenen Vorstellung. Hoffen wir, dass die Vollendung des Bauwerks das trifft, was Gaudi einst wollte. Und das das Bauwerk nicht zu schnell wieder profanisiert wird oder gar zur Moschee umgebaut wird.

Laurenz

11. Juni 2026 10:42

@Le Chasseur @L. ... Das mit den klassischen Tempeln der Antike im gesamten mediterranen Raum kam nur daher, weil die meisten Wälder abgeholzt waren, also mußte man mit Stein bauen. Die Abholzung setzte bei uns erst im Mittelalter massiv ein, siehe Magdalenen-Hochwasser. Wer einen schönen Hain mit alten Eichen hat, braucht keinen Tempel. Allerdings muß man dann, wie die Friesen, die unheiligen Eichenmörder fernhalten. Ich war 1999 das letzte mal in Barcelona. Das sah die Sagrada Família zwar schon klasse, aber noch nicht so vollendet aus, wie jetzt.

Adler und Drache

11. Juni 2026 11:45

@ Le Chausseur
An der Stelle, wo heute der Kölner Dom steht, soll sich zu Zeiten der alten Römer ein heidnischer Tempel befunden haben. 
Aus heutiger Sicht ist die komplexe Beziehung zwischen Christentum und Heidentum während der Ära der Mission nur schwer zu verstehen. (Es gibt übrigens kein Standardwerk zur Germanenmission.) Man fragt sich, wie das aktive Verdrängen der paganen Kulte mit der gleichzeitigen prinzipiellen Anerkennung der heiligen Stätten einhergehen konnte ... Im Katholizismus hat sich dementsprechend viel Heidnisches erhalten. (David Engels hat vor ca. 1 Jahr im "Sandwirt" darüber geschrieben.) Es war eben nicht nur Verdrängung, sondern gleichzeitig auch Konservierung. Diese Dynamik müsste mal richtig untersucht werden.  

Gracchus

11. Juni 2026 16:13

@dojon86: das wird in einem tendenziös-maliziösen taz-Artikel zu "massiven Protesten" - Gaudi war 1926 schon passe, weil Le Corbusier die sagrada nicht gefiel, steht da ernsthaft. 

Rheinlaender

11. Juni 2026 20:52

@Adler und Drache
Die Frage nach dem Verhältnis von (katholischem) Christentum und europäischem Heidentum ist endlos faszinierend. Mutmaßlich war die Christianisierung Nord- und Westeuropas kein Prozess der Verdrängung oder (von Ausnahmen abgesehen) Vernichtung der heidnischen Religion, sondern einer der Assimilation. Der Historiker Christopher Dawson hat einiges zu diesem Thema geschrieben und in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass im Zuge dieser Assimilation ein europäisch inkulturiertes Christentum entstanden ist.
Es gibt dafür noch eindrucksvollere Beispiele als die erwähnten Standorte von Kirchen, etwa Hypothesen darüber, was z.B. der Hintergrund der Verehrung Schwarzer Madonnen v.a. an Wasserquellen in Nord- und Westeuropa sein könnte.

Rheinlaender

11. Juni 2026 21:05

Das Beispiel der Schwarzen Madonnen sollte dabei nicht als Hinweis auf eine Fortsetzung heidnischer Verehrung von Fruchtbarkeitsgöttinnen in christlichem Gewand missverstanden werden. Mutmaßlich waren einige christliche Motive den Nord- und Westeuropäern des frühen Mittelalters aber im Rahmen der vorhandenen religiösen Erfahrungswelt vertrauter, als es moderne Zerrbilder bzgl. einer fremden "Wüstenreligion" nahelegen.

Ellen Kositza

11. Juni 2026 21:05

@Rheinländer, @Adler und Drache Die sog. translatio imperii (und was damit kulturell zusammenhing) faszinierte mich von Jugend an. Ich hab "Ingo und Ingraban" von Gustav Freytag vielfach verschenkt - dabei drauf achten, daß es nicht in Fraktur ist, sonst bleibt es momöglich ungelesen liegen.

Volksdeutscher

11. Juni 2026 21:54

"Er, der im Grunde der Gotik verpflichtet war und deren nie wieder erreichte Größe und Erhabenheit in die Gegenwart retten und durch einen eigenen, organischen Stil erneuern wollte, wurde vom Zeitgeist überholt oder sogar überrollt."
Das macht nichts, das ist und bleibt bedeutungslos. Was jedoch von Bedeutung ist: Daß es ihm gelang, die Größe der gotischen Architektur in eine modernere Formensprachen transportiert zu haben, denn das wollte er und nicht deren Größe erreichen. Der Zeitgeist, der ihn überrollte, ist außerdem ebenfalls überrollt. Gaudis Architektur verliert überdies nichts dadurch, kann sein Erfolg und seine Größe nichts anhaben. Übrigens, oberflächlich gesehen hat die Sagrada Familia in manchen Deteils gewisse formale Ähnlichkeiten mit Rudolf Steiners Goetheanum.

t.gygax

12. Juni 2026 08:37

@Gracchus " weil Le Corbusier die Sagrada Familia nicht gefiel" .Wohl wahr ,wenn man sich Le Corbusiers vielgerühmte Kirche von Ronchamp mit ihrer seltsamen Festungsarchitektur  einmal anschaut....da ist ein anderer Geist am Wirken als bei Gaudi.Sehr interessant der Hinweis von @ volksdeutscher auf Steiners Goetheaneum, das bringt einen zum Nachdenken. 

Ekstroem

12. Juni 2026 14:32

Hier ein Netzverweis zur Organischen Architektur: https://treppenforschung.de/stile_1/moderne/organische-architektur-1890-1930/ Von Gaudi es nicht weit zu Goethe und zum "Mysterium der Kathedralen". Hier gibt es einiges zu entdecken. 

Wuwwerboezer

12. Juni 2026 18:43

Eins

Wir müssen doch sehr bitten. Steiner verabscheut alles Spitze in der Architektur; zumal die (arabistische) (Neo-)Gotik, welche er in ihrer aggressiv-opressiven Formensprache unter dem direkten Einfluß des Teufels entstehen und wirken sieht.

Regt euch nicht über "Flüchtlingspolitik" mit Arabern und Türken auf solange ihr nicht begreift, daß der Arabismus seit 1.000 Jahren subkutan unsere (potentielle) Kultur unterhöhlt hat. Die Gotik in der Architektur war bereits eine ganz andere Dimension an "Grossem Austausch" als KGEs geschenkte Menschen, letztere sind lediglich der äußere Nachvollzug dieses 1.000 Jahre währenden (Anti-)Kulturprozesses:

Wuwwerboezer

12. Juni 2026 18:44

Zwei

"Wir sehen die Normannen, die aus Skandinavien sich über West- und Mitteleuropa verbreiteten, wie sie in ihren Holzbauten etwas auszudrücken versuchten, was nicht zur völligen Entwickelung hat kommen können. Gewisse Linien sind darin veranlagt, aber nicht weiter ausgearbeitet, weil der ahrimanische Einfluß es verhinderte. Stattdessen kam die Maurenkultur auf und die Architektur von Cordova und Granada, der Hufeisenbogen und der Spitzbogen, welche verdrängen den wahrhaft christlichen Rundbogen der romanischen Architektur. In der Maurenkultur kann man unmittelbar den antichristlichen Einschlag sehen in dem Spitzzulaufen der Bögen, die eigentlich hätten rund sein sollen. Das ist Ahrimans Zeichen. So wirkte Ahriman als der Antichrist in der Baukunst, indem er den runden romanischen Bogen ersetzte durch den Hufeisen- oder Spitzbogen. So wirkte er durch die Mauren und auch durch die Türken; so ließ er die Kunst der Normannen nicht zur Entwickelung kommen, deren Holzbauten, welche sie in ganz Europa errichteten, nicht dasjenige geben konnten, was sie hätten sein sollen (genau deshalb mußte das erste Goetheanum ein Holzbau sein! - W.)." - GA284 (1997), Seiten 168 f.

Bemerkenswertermaßen hat Steiner gerade Erörterungen der Architektur zum Anlaß genommen, um sich zum Wirken der Apokalypse in die Kulturgeschichte hinein zu äußern - und hat dabei auch die interessantesten Vorhersagen zur Zukunft gemacht.

- W.

Le Chasseur

12. Juni 2026 20:45

@Wuwwerboezer
Zu Gotik als nicht-europäischen Baustil siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gotik#Entwicklung_der_Stilbezeichnung
 
 
 

Maiordomus

12. Juni 2026 21:10

t. gygax. Die sagrada familia besuchte ich noch nie, habe als kein Urteil über deren mich berührende Wirkung, die sie mir vielleicht vor Ort macht oder auch weniger. Persönliches Urteil behalte ich mir also vor, bei allem Respekt vor dem Buch von Kathrin Benz, in das ich mich ohnehin noch stärker vertiefen muss. Hingegen ging es mir bei Le Corbusier so, dass ich 1966 , also sehr jung, gegen dessen Genie aufgehetzt war- U.a. durch das in einem rechten Verlag erschienene Anti-Corbusier-Buch "Mord an Apollo", dessen Verfasser Alexander von Senger, Vater des Sinologen Harro v. S., einst Leader einer Anti-68er Gruppe in Zürich,. dass also Alexander von Senger abgesehen von seinen eigenen ideologischen Verirrungen mit der Abrechnung mit le Corbusier bestenfalls als Dokumentarist von extremistischen theoretischen Postulaten des Architekten für mich glaubhaft geblieben ist, nicht aber mit der Demontage von le Corbusiers Genie, welches mir vor 30 Jahren beim Besuch seiner Elternhauses in La Chaux de Fonds aufgefallen ist, das er ca. 18jährig entwarf und natürlich bei der enormen auch landschaftlich mitbedingten Ausstrahlung der Kapelle von Ronchamps. Ist man endlich dort und lässt diese mystisch anmutende Baute jenseits von ideologischen Auseinandersetzunge einer Gärungszeit der Architekturgeschichte innen und aussen auf sich wirken. Es war gewaltig! Die Sagrada familia hat für mich auf dem Papier und via Vermittlung durch Lektüre diesen Eindruck noch nicht machen können.     

RMH

12. Juni 2026 21:45

@Wuwwerboezer .... und der Naumburger Meister hatte ja auch Migrationshintergrund ... (Kopfklasch).

Laurenz

12. Juni 2026 21:59

@Wuwwerboezer ... was Sie hier machen, ist Steiner zu einem Gott zu erheben. Steiner hat mehr geschrieben, als Antaios bisher publiziert hat. Dadurch entstanden eklatante Widersprüche, weil auch Steiner nicht mehr jeden Unsinn im Kopf hatte, den Er verzapfte. Wir können hier auch nicht die Apokalypse des Johannes von Patmos (eigentlich die des Jesus Christus) debattieren, weil diese nie erfolgte Weltrevolution für arme Schlucker in Galiläa nach dem Lesen, die gesamte heutige Christenheit beleidigt. Man fragt sich, was Konstantin geritten hat, die Apokalypse ins Neue Testament aufzunehmen? Desweiteren gibt es gar keinen Arabismus. Arabische Schrift entstand erst mit den Entwürfen des Quran. Mohammed selbst konnte zwar Indisch rechnen (Arabische Zahlen sind Indische Zahlen), aber weder Lesen, noch Schreiben. Arabien war nur eine Mautstelle für den Handel mit Indien. Alle sogenannte Arabische Kultur wurde von fremden, versklavten Wissenschaftlern, Ingenieuren, Baumeistern erschaffen. Denn als Kameltreiber & Räuber in der Arabischen Wüste wird das schweirig mit der Kultur. Für die Osmanen, als Turkvolk, gilt dasselbe. Sie faseln also, Wuwwerboezer, wie auch Steiner so häufig. Das heißt nicht, daß Steiner immer falsch lag. Demeter-Höfe funktionieren gut. Aber Steiners Image war, jeden Tag neue phantastische Geschichten präsentieren zu müssen. Da wird manches dann doch zum Hollywood-Märchen aus 1k & 1er Nacht.

dojon86

12. Juni 2026 22:33

@Rheinländer Ich bin ganz ihrer Meinung. Das Christentum des frühen Mittelalters war mit Sicherheit stark heidnisch beeinflusst. Kirchen, deren Fundamente heidnische Kultstätten waren, gab und gibt es reichlich. Man sehe sich auch die ganzen historisch überlieferten Formen des Volksaberglaubens im Alpenraum an. Vergessen wir auch nicht, dass die Lehren der antiken Stoa die christliche Ethik ganz wesentlich geformt haben. Und das war den klügeren mittelalterlichen Gelehrten durchaus bewusst.

Laurenz

13. Juni 2026 00:37

@Dojon86 @Rheinländer ... Das Christentum des frühen Mittelalters war mit Sicherheit stark heidnisch beeinflusst. ... Umgekehrt wird ein Schuh draus. Das Heidentum (Renaissance) beendete das Mittelalter.

anatol broder

13. Juni 2026 01:44

ich halte die sagrada familia für gelungen.
rudolf steiner labberte auch über die statik von türmen:
«denken sie sich, man baut einen turm, sagen wir, einen turm wie den vom kölner dom, oder man baut so etwas wie den eiffelturm. da muß man natürlich immer sich klar sein darüber, daß man so bauen muß, daß die geschichte nicht umfällt. nun kann man, wenn man genau die gesetze der schwere kennt, so bauen, daß die geschichte nicht umfällt. aber die höchsten türme der erde, die sind doch nicht anders gebaut, als daß man eine grundfläche hat, und wenn sie etwa zehnmal die grundfläche hier herauftragen, eins zu zehn also, so können sie die höchsten türme bekommen. also eins zu zehn ist das verhältnis, in dem man höchste türme bauen kann; sonst würden die türme bei denjenigen erschütterungen, die es immerhin gibt durch die bewegung der erde, durch den windstoß und so weiter, umfallen.»

t.gygax

13. Juni 2026 08:07

@ mailrdomus
Ich lasse Ihnen Ihren persönlichen Eindruck von Ronchamp, der eben anders ist als meine Wahrnehmung.Das  Buch " Mord an Apollo" von Alexander Senger habe ich mir vor vier Wochen extra gekauft, und stellte fest, dass dieser Mann in Vielem Recht hat. Übrigens wie auch Hans Sedlmaier, für den Begriffe wie Schönheit und Harmonie in der Gestaltung noch wichtig waren.Le Corbusier baut ein schönes ,formvollendetes Haus für seine Eltern (!).Das kann man auch anders sehen: gekonnte Architektur für die Oberschicht, Wohnmaschinen für den Pöbel.(märkisches Viertel Berlin,Emmertsgrund Heidelberg, City radieuse Marseille- alles banlieus!
Ich habe 12 Jahre in einer der " Wohnmasc hinen' ,die im Geiste des Herrn Corbusier konzipiert wurden, gewohnt. Ich kann das niemand empfehlen  - und wer als Familie dort leben muss, hat ein schweres Los gezogen...dies nebenbei.
 
 

Maiordomus

13. Juni 2026 09:35

 "Mord an Apollo" hat nicht nur in vielem recht. Man darf es kennen, wenn man die programmatischen ideologischen Irrtümer bis verhängnisvolle Wahnvorstellungen kommunistisch und kollektivistisch gemeinter Architekturtheorie verstehen will. Mit den von Ihnen beschriebenen verhängnisvollen Folgen in Richtung "Wohnmaschinen" im Geiste von le Corbusier, wie Sie schreiben. Siehe die sog. Revolution der modernen Kunst der Art von Picasso als Massenware und Kriterium für Qualität in der Kunst, was rein ideologisch auf gnostische Destruktion dessen hinausläuft, was abendländische Philosophie unter "Natur" verstanden hat, weshalb "Naturalismus" im Kunstunterricht als abwertende Bezeichnung für endgültig veraltete Kunstkriterien zu gelten begann. Dies ändert aber nichts an Genialität von Kunst und Architektur bei Könnern, die sich zuletzt keinen Deut mehr um traditionelle wie moderne Kunst-Ideologien kümmern. Le Corbusiers Wohnhaus ist Gegenteil einer Oberschicht-Villa, hochkreatives Beispiel von zahlbarem Einfamilienhaus für traditionelle mittelständische Familie, nahe Jugendstil. Er selber wird heute mit Faschismus-Keule "gewürdigt", stärker als die vergessenen Senger u. Sedlmayer.      

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