Ne mutlu Türkum diyene – Und wir?

Antaios hat mit Halbmondsüchtig. Xenomanie in Europa ein Buch verlegt, das die Sehnsucht nach dem Morgenland gerade der Deutschen vortrefflich beschreibt. Meine Freunde Gertrud und Friedrich haben das Buch erst nach diesem Gespräch gelesen – womöglich gibt es also einen Nachklapp. Sie waren lange Jahre orientbegeistert, „halbmondsüchtig“ wohl nicht ganz.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Jeden­falls war die­se Ori­ent­be­geis­te­rung total! Sie reis­ten durch die Lan­de, hat­ten zei­ten­lang ein eigent­lich ort­lo­ses (glück­li­ches!) Dasein im Ori­ent. Sie lieb­ten Land & Leute.

Die Begeis­te­rung für die fer­ne Kul­tur ging soweit, daß sie ihren Kin­dern (alle im „frei­en Feld“ gebo­ren, lan­ge bevor das Mode wur­de) neben ger­ma­ni­schen Zweit­na­men (soviel Her­kunfts­be­wußt­sein gab es durch­aus) ori­en­ta­li­sche Ruf­na­men gaben.

(Hier gleich ein Ein­wurf von Ger­trud: „Na ja, Esther, Judith, Maria, Joseph, Jonas, Johan­nes und so wei­ter stam­men ja ursprüng­lich auch aus dem Mor­gen­land.“ Wo sie recht hat…)

Die­se Freun­de (längs­te Freund­schaft mei­nes Lebens) sind längst rechts, seit Jahr­zehn­ten näm­lich. Wie ich sie ken­nen­lern­te (Fried­rich als Dis­ku­tant auf einer „Mon­tags­de­mo“ in FfM in den Neun­zi­gern, damals, als Horst Mahler noch nicht „ver­brannt“ war, son­dern als „Lin­ker“ galt) wäre ein eige­nes Kapitel.

Trotz all die­ser lan­gen Ver­bun­den­heit: Für mich ist „Jesus Chris­tus ist der Weg, die Wahr­heit und das Leben“ unver­han­del­bar; das war oft Debat­ten­stoff unter uns. Denn die bes­ten Freun­de sind kei­ne Chris­ten. Ich spre­che mit Ger­trud, die mir den Ori­ent-Impuls viel­leicht erklä­ren kann.

Ellen: Ger­trud, Du bist staat­lich geprüf­te Erzie­he­rin und hast ein paar Jah­re in einem Wai­sen­haus gear­bei­tet, ist das richtig?

Ger­trud: Ja. Kin­der habe ich schon immer geliebt, des­halb ent­schied ich mich für die­sen Beruf. Aber ich woll­te auch sel­ber fünf Kin­der haben – und rei­sen. Jeder sag­te mir, bei­des wäre unmög­lich. Doch dann lern­te ich einen Typen ken­nen, der in einem bun­ten Wagen leb­te und her­um­reis­te. Nach­dem klar war, daß wir bei­de vie­le Kin­der haben woll­ten, funk­te es ziem­lich schnell zwi­schen uns.

Ellen: War­um habt Ihr Euch gera­de in die Tür­kei auf­ge­macht? Hät­tet Ihr nicht auch nach, sagen wir, Skan­di­na­vi­en gehen kön­nen, um eine ande­re Kul­tur zu entdecken?

Ger­trud: Da wir Hun­de hat­ten – Bull­ter­ri­er – kamen die skan­di­na­vi­schen Län­der wegen der dor­ti­gen Qua­ran­tä­ne-Vor­schrif­ten nicht in Fra­ge. Ich selbst hat­te schon die USA und mit dem Ruck­sack süd­eu­ro­päi­sche Län­der, beson­ders Grie­chen­land bereist. Noch nach­dem wir uns ken­nen­ge­lernt hat­ten, reis­te ich – eben­falls mit dem Ruck­sack – meh­re­re Mona­te durch Boli­vi­en und Peru. Es war nicht so, daß ich bestimm­te Favo­ri­ten hat­te. Ich woll­te rei­sen, in mög­lichst ver­schie­de­ne Länder.

Die Ori­ent­be­geis­te­rung ging von mei­nem Gelieb­ten aus. Der hat­te auf Anre­gung sei­nes älte­ren Bru­ders Gobi­ne­aus Buch Asia­ti­sche Novel­len, die Mär­chen­samm­lun­gen von Elsa Sophia von Kamphoe­ve­ner An Nacht­feu­ern der Kara­wan-Serail, Goe­thes West-öst­li­chen Diwan und Fritz Steu­bens Der wei­te Ritt gele­sen – um nur eini­ge zu nen­nen. In sei­ner frü­hen Jugend rück­te er von zu Hau­se aus und kam – über Ita­li­en, Jugo­sla­wi­en, Grie­chen­land, die Tür­kei, den Liba­non, Syri­en, den Irak und Per­si­en bis nach Afghanistan.

Was er sei­nen Eltern damit antat, liegt ihm bis heu­te auf dem Gewis­sen. Aber was er erleb­te, hat ihn gebannt. So kam es, daß wir – als ich nach mei­ner Rück­kehr aus Süd­ame­ri­ka in sei­nen Wagen stieg, den ich bald “Palast” tauf­te – als ers­tes gemein­sam in die Tür­kei reis­ten. Spä­ter fuh­ren wir noch öfter dort­hin, zwi­schen­durch aber auch nach Nordafrika.

Ellen: Es gab anschei­nend einen Kip­punkt, wo Ihr dach­tet – nun ist es wohl Zeit, sich den eige­nen Wur­zeln zuzu­wen­den. Wann war das?

Ger­trud: Nein, einen Kip­punkt gab es nicht. Es war eine all­mäh­li­che Erkennt­nis, die immer kla­rer wur­de: Die meis­ten Men­schen, denen wir begeg­ne­ten, hin­gen mit Lie­be an ihrem Land. Sie waren oft schein­bar unge­bil­det, aber tru­gen in sich mehr von der Geschich­te und Kul­tur ihres Vol­kes als der durch­schnitt­lich gebil­de­te Deut­sche. Ihre Gast­freund­schaft – beson­ders gegen­über Deut­schen – war so über­wäl­ti­gend, wie mein Mann sie schon als Jugend­li­cher ken­nen­ge­lernt hat­te. Daß er damals nicht ver­lo­ren­ging, betrach­tet er heu­te noch als Wun­der. Ihr Stolz war nicht über­heb­lich, son­dern ein­fach nur selbst­be­wußt, ihre Fröm­mig­keit nicht auf­ge­setzt, ihre Höf­lich­keit voll­endet – ob das nun Kur­den, Tür­ken, Arme­ni­er, Ber­ber oder Ara­ber, Mus­li­me oder – selbst­ver­ständ­lich sel­te­ner – Chris­ten waren. Sie hat­ten ihre Geschich­te, ihre Trach­ten, ihre Musik, ihre Mythen. “Ne mut­lu Tür­kum diyene” lasen wir in gro­ßen Stein­buch­sta­ben an den Hän­gen der Tür­kei: “Welch ein Glück zu sagen, ich bin Türke!”

Und was hat­ten wir? Ein­mal beob­ach­te­ten wir in Tune­si­en eine Art Par­ty mit Ein­hei­mi­schen, aber auch ver­schie­de­nen Tou­ris­ten. Irgend­wann wur­de gesun­gen. Die Tune­si­er, die Schot­ten, die Fran­zo­sen – alle hat­ten etwas bei­zu­tra­gen. Die Deut­schen brach­ten – nach vie­len Auf­for­de­run­gen –  ein gequäl­tes “We are the Cham­pi­ons” mehr schlecht als recht hin.

Ein­mal woll­ten wir in einem Nest am Ran­de der Saha­ra Wol­le für mei­nen Web­rah­men kau­fen. Ich stau­ne heu­te noch, was wir alles mit uns her­um­schlepp­ten. Selbst­ver­ständ­lich wur­de gefeilscht. Ich bin ganz gut dar­in, obwohl so etwas sich manch­mal schier end­los in die Län­ge zieht. Zwi­schen den ein­zel­nen Ver­hand­lungs­run­den wird Tee getrun­ken und geplau­dert. Unver­meid­lich die Fra­ge nach unse­rem Her­kom­men. Wie immer, ging die Son­ne auf dem Gesicht unse­res Gegen­übers auf, als wir uns als Deut­sche zu erken­nen gaben.

Die­ses Mal blieb es aber nicht dabei. Der Händ­ler erzähl­te, daß er als Kind Feld­mar­schall Rom­mel gese­hen hät­te. Er hat das nie ver­ges­sen! So viel Hoff­nung lag auf der Aus­sicht eines Sie­ges der Deut­schen! Wir beka­men die Wol­le für einen Preis, den wir nie hät­ten erhan­deln können.

Es gab vie­le ähn­li­che Erleb­nis­se. Lang­sam drang unse­re Volks­zu­ge­hö­rig­keit  uns ins Bewußt­sein. Uns wur­de klar, daß wir nie­mals etwas ande­res sein könn­ten, als wir sind: Deut­sche! Doch was heißt das? Ja, die uns ein­ge­bläu­ten Unheils­ge­schich­ten, die geis­ter­ten irgend­wie im Kop­fe her­um. Aber sonst? Also gin­gen wir auf die Suche nach dem Unse­ren.  Es begann unse­re längs­te Rei­se, auf der wir heu­te noch sind, und unse­re spannendste.

Ellen: Unse­re Autorin Bet­ti­na Gru­ber schreibt ja (sinn­ge­mäß), daß Isla­mo­phi­lie heu­te eine Art „Staats­rä­son“ sei. Ich sehe das ein wenig anders. Es gibt mei­nes Erach­tens doch rela­tiv deut­li­chen Islam­haß. Wie siehst Du, wie seht Ihr das?

Ger­trud: Nee, “staat­li­che Isla­mo­phi­lie” gibt es mei­nes Erach­tens nicht. Es gibt nur die staat­lich ver­ord­ne­te Gleich­heits­lü­ge und den Selbst­haß. Ich stau­ne immer wie­der, wie wenig die Mul­ti-Kul­ti-Anhän­ger wirk­lich von ande­ren Kul­tu­ren wis­sen. Eigent­lich gar nichts! Die kön­nen sich viel­leicht nicht vor­stel­len, daß es Men­schen gibt, die ein­fach anders ticken.

Na ja, und den Islam gibt es sowe­nig wie das Chris­ten­tum! Ich glau­be, die Furcht vor dem Islam – nicht Haß! – ist die Furcht vor den fremd­ar­ti­gen Men­schen, die ihn hier­her­brin­gen. Wie­vie­le deut­sche Mos­lems gibt es denn? Ver­schwin­dend weni­ge. Die meis­ten Mos­lems hier sind fremd­völ­kisch, und viel zu vie­le von ihnen ver­hal­ten sich hier so, wie sie es in ihren Hei­mat­län­dern nie­mals wagen wür­den. Sie wären tot.

Eine Tür­kin sag­te mir ein­mal in der Tür­kei “Das, was Ihr in Deutsch­land habt, das ist der Abschaum, den wir hier nicht haben wol­len.” So all­ge­mein stimmt das sicher­lich nicht. Wie sich man­che Wei­ße einem nord­ame­ri­ka­ni­schen India­ner­stamm anschlos­sen oder zumin­dest gegen des­sen Ver­drän­gung empör­ten, so gibt es auch hier Men­schen aus frem­den Län­dern, deren Herz für Deutsch­land schlägt, ohne daß die ver­las­se­ne oder ver­lo­re­ne Hei­mat zu schmer­zen auf­hört. Die sind wirk­lich eine Berei­che­rung! Aber ein Gran Wahr­heit steckt doch in der Behaup­tung der Türkin.

Des­halb wird hier der Islam und die erkenn­bar Frem­den, die die Geset­ze der Gast­freund­schaft und des Anstan­des miß­ach­ten, in eins gesetzt. Dazu kommt, daß die Ori­en­ta­len in gewis­ser Wei­se hem­mungs­los zu sein schei­nen – in ihrer Hin­ga­be, ihrer Lie­be und natür­lich auch ihrem Haß. Wehe, ihre Lie­be schlägt in Haß, ihre Bewun­de­rung in Ver­ach­tung um! Das macht sie uns kühl abwä­gen­den Deut­schen oft unheim­lich. Aber hat das nicht eher mit dem Blut als mit der Reli­gi­on zu tun?

Du kennst doch sicher die Sze­ne in dem Film “Alexis Sor­bas”, in der eine schö­ne kre­ti­sche Wit­we von ihren Nach­barn gestei­nigt und von einem schließ­lich abge­sto­chen wird, weil sie sich mit einem Frem­den ein­ge­las­sen hat? Sol­che Geschich­ten gibt es auch aus Sizi­li­en, Spa­ni­en oder Korsika.

Ellen: Man mag mich schel­ten, aber „Alexis Sor­bas“ war mir etwas zu lang­wei­lig (ich muß­te viel gäh­nen) und ste­reo­ty­pisch. Ob etwas „Reli­gi­on“ oder „Blut“ ist, scheint mir eine heik­le Fra­ge zu sein. Ich bin „blut­mä­ßig“ sicher ger­ma­nisch mit sla­wi­schen Ein­spreng­seln, reli­gi­ös bin ich aber Chris­tin. Zeit mei­nes Lebens mehr oder weni­ger über­zeugt, aber letzt­lich doch voll und ganz. Ein High­light in mei­nem gan­zen Lebens­voll­zug: Ich wache jeden ein­zel­nen Mor­gen auf, bin so was von froh und dan­ke mei­nem Herrn aus vol­ler See­le. Das fin­de ich wun­der­bar. Du, Ger­trud, aus katho­li­sche Eltern­haus, kennst die Wucht des Glau­bens von meh­re­ren Sei­ten her. Ich weiß, daß Du diver­se Wun­der erlebt hast auf Dei­nen Rei­sen. Bist Du jetzt das, was man unge­fähr „lebens­fromm“ nennt? Also weder Allah/Mohamed noch Gottvater/Jesus als Erlö­ser? Manch­mal den­ke ich, Ihr habt eine Art Pri­vat­re­li­gi­on? Oder was ist das?

Ger­trud: Ich bin nicht nur streng katho­lisch auf­ge­wach­sen, son­dern habe einen Teil mei­ner Aus­bil­dung auch in einem von Non­nen geführ­ten Inter­nat gemacht. Doch je mehr ich mein Leben in die eige­nen Hän­de nahm, umso fer­ner und frem­der wur­den mir Kir­che und Glau­be. Aber, Ellen, Du weiß doch noch, daß das ein Minen­feld ist? Nichts frucht­lo­ser und furcht­ba­rer als reli­giö­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen! Des­halb soll jeder für sich sei­nen Glau­ben pfle­gen und ande­re damit in Ruhe las­sen. “Pri­vat­re­li­gi­on”? Ich weiß nicht. Wir schau­en – und fin­den immer mehr. Das ist alles.

Ellen: Du klingst jetzt wie eine Libe­ra­le. Ich weiß, daß Du kei­ne bist.

Ger­trud: Kein Volk der Welt möch­te, daß sei­ne Hei­mat von fremd­ar­ti­gen Men­schen über­flu­tet und mehr und mehr bestimmt wird. Unse­re deut­schen Lands­leu­te, die kei­ne mehr sein wol­len, sind die Aus­nah­me von der Regel. Sie sind zutiefst Ver­letz­te. An kei­nem Volk der Erde wur­de so ein See­len­mord ver­übt wie an unse­rem. Doch sonst ver­steht jeder Mensch, wenn sich gegen Fremd­be­stim­mung oder Ein­mi­schung gewehrt wird. Dies wur­de uns ein­mal in der Tür­kei bei aller Gast­freund­schaft klar­ge­macht: Wir waren bei einer befreun­de­ten Fami­lie. Gera­de hat­te wie­der ein­mal die Armee geputscht. Ent­lang aller Aus­fall­stra­ßen waren Sol­da­ten mit Sturm­ge­weh­ren und auf­ge­pflanz­tem Bajo­nett pos­tiert oder patroul­lier­ten durch die Ort­schaf­ten. Die Stim­mung war beklem­mend. Unse­re Gast­ge­ber fluch­ten dar­über. Als wir äußer­ten, daß wir das Ver­hal­ten des Mili­tärs auch schei­ße fän­den, freu­te man sich nicht über unse­re Zustim­mung, im Gegen­teil: Es herrsch­te eini­ge Augen­bli­cke lang eine eisi­ge Stil­le. Dann sag­te einer freund­lich, doch bestimmt: “Ihr seid unse­re Gäs­te, aber das geht Euch nichts an. Wir schimp­fen auf die Regie­rung. Ihr habt kein Recht dazu.” Dann lach­te er, es wur­de Tee nach­ge­schenkt und die Mie­nen hell­ten sich wie­der auf.

“Dies ist unser Land, Ihr habt Eures! Wir wol­len nicht, daß Ihr in Mas­sen hier­her­kommt – genau­so­we­nig, wie Ihr wollt, daß wir uns bei Euch rein­hän­gen!” Das ist eine kla­re Ansa­ge, die jeder nach­voll­zie­hen kann. Aber sage ein Wort gegen Gott und Du schaffst Dir einen erbit­ter­ten Feind. Der allei­ni­ge Gott ist nicht verhandelbar.

Ellen: Und das fin­dest Du stark und bewundernswert?

Ger­trud: Nein, das ist etwas, was mich am Islam abstößt: Sei­ne Uner­bitt­lich­keit gegen die Nicht-Buch­re­li­gio­nen, also jedes Hei­den­tum. Wobei noch zu fra­gen wäre, ob das ger­ma­ni­sche Hei­den­tum wirk­lich so ohne schrift­li­che Zeug­nis­se ist wie behaup­tet: War­um hat Karl ‘der Gro­ße´ – für uns „der Schläch­ter“ – bei Andro­hung der Todes­stra­fe denn die Auf­be­wah­rung heid­ni­scher Schrif­ten ver­bo­ten, und was hat sein Sohn Lud­wig der From­me spä­ter verbrannt?

Wären 2015 Skan­di­na­vi­er, Bal­ten, Nie­der­län­der oder was weiß ich was für Nach­barn zu uns her­ein­ge­strömt, hät­te es, auch wenn sie Mos­lems gewe­sen wären, kei­ne sol­che Ver­wer­fun­gen in Deutsch­land gege­ben, wie wir sie seit­dem erdulden.

Aber das ist ja wirk­lich­keits­fern, weil der Islam mit sei­ner unbe­ding­ten Erge­ben­heits­for­de­rung zu uns Euro­pä­ern über­haupt nicht paßt. Im Ursprungs­land des Islam, in Ara­bi­en ist die Son­ne heiß, grau­sam, uner­bitt­lich. Sie ver­zeiht kei­nen Feh­ler. Wenn sie über dem Wüs­ten­rand auf­geht und vom Mina­rett der Ruf ‘Gott ist groß´ ertönt, durch­schau­ert es einen.

Aber hier, im “Land der dunk­len Wäl­der und kris­tall­nen Seen” ist die Son­ne mild, lebens­spen­dend, freund­lich und die Natur vol­ler Geis­ter, Göt­ter, Kobol­de, Zwer­ge, Nöcken, Nym­phen und Elfen. Auch das Chris­ten­tum konn­te hier – mit aller Gewalt – nur Erfolg haben, weil es von art­ver­wand­ten Mis­sio­na­ren gepre­digt wur­de und vie­les aus dem Hei­den­tum über­nahm. Ich hal­te es des­halb auch für falsch, von Isla­mi­sie­rung zu spre­chen. Wir haben eine Chris­tia­ni­sie­rung gehabt. Jetzt haben wir eine Über­frem­dung. Die ist unser Problem!

Ellen: Also, trotz Eurer (zeit­wei­sen) Hin­ge­zo­gen­heit zum Ori­ent fin­dest Du nicht, daß wir „mehr von dem“ bräuch­ten, mehr, nun­ja, „Bunt­heit“? Ich weiß es ja, möch­te es aber klar­ge­stellt wissen…

Ger­trud: Was Euro­pa so groß­ar­tig macht, ist, daß es trotz sei­ner Klein­heit so viel wun­der­bar Ver­schie­de­nes an Musik, Lite­ra­tur, Kunst und Phi­lo­so­phie her­vor­ge­bracht hat: Wir Euro­pä­er woll­ten immer, egal wie klein wir als Völ­ker sind, wir selbst´ sein. Des­halb waren wir stets auch all­er­gisch gegen alle Vor­macht­be­stre­bun­gen. Man mag das mit eini­gem Recht Zer­strit­ten­heit und damit Schwä­che nen­nen, aber in Wirk­lich­keit ist die­se Ver­schie­den­heit unse­re Stär­ke. Was wir schaf­fen müß­ten, wäre der Zusam­men­halt gegen alle Ver­su­che der Ver­ein­heit­li­chung. Was übri­gens für alle Völ­ker der Welt gilt. Mas­sen­ein­wan­de­rung zieht Ver­drän­gung und Ent­rech­tung der alt­ein­ge­ses­se­nen Völ­ker nach sich und Bar­ba­ri­sie­rung der Ein­wan­de­rer durch Ent­wur­ze­lung. Alle ver­lie­ren dabei!

Ellen: Und woher dann, ohne Reli­gi­on, Euer Lebens­mut? Ihr seid zu gro­ßen Tei­len Selbst­ver­sor­ger, ja. Ihr fei­ert regel­mä­ßig rau­schen­de Fes­te, ja. Aber was gibt letzt­lich den Halt?

Ger­trud: Wir leben wirk­lich von und aus unse­rer Erde. Und wir fei­ern mit viel Gesang und Tanz, aber auch Ein­kehr. Übri­gens etwas, was wir bei vie­len rech­ten Lands­leu­ten schmerz­lich ver­mis­sen: Es wird erbit­tert geschimpft und lei­den­schaft­lich debat­tiert, aber das Deutsch­sein viel zu wenig gelebt und gefei­ert. Und ja, wir haben eini­ges –vie­les – an Wun­der­ba­rem erlebt. Aber wir kön­nen nicht auf Wun­der bau­en, nur auf unse­re Kraft und unser Geschick. Du weißt, daß uns auch wirk­lich Schlim­mes, im wah­ren Sin­ne des Wor­tes Trost­lo­ses wider­fah­ren ist. Eine Ver­si­che­rung gegen das Schei­tern, gegen Not, Krank­heit und Tod gibt es nicht. Es gibt nur die For­de­rung an sich selbst, auch dann gera­de und auf­recht zu bleiben.

Ich bin eben­falls dank­bar für das Geschenk eines jeden Tages! Wem? Ich ahne, daß etwas Hei­li­ges in der Welt ist. Wir sind Hei­den, aber das heißt nicht, daß wir statt Gott oder Allah Odin, Hol­le, Thor, Loki oder Freya anbe­ten. Wäh­rend das Chris­ten­tum und der Islam Bekennt­nis­re­li­gio­nen sind, ist das Hei­den­tum eine Erfah­rungs­re­li­gi­on: Jeder, der nicht ganz stumpf ist, spürt die Geis­tig­keit der Welt, die sich unse­ren Sin­nen zeigt – ob beim Anblick eines Bau­mes, eines Fel­sens, eines Flus­ses, der See, einer Land­schaft, einer Blu­me, der Schön­heit über­haupt. Im Wer­den des Lebens, aber auch in ihren zer­stö­re­ri­schen Gewal­ten offen­ba­ren sich die Natur- und Geis­tes­kräf­te, die uns umge­ben. Die genann­ten und ande­re Göt­ter sind ja nur Namen für das, was da wirkt. Über die­ser Göt­ter­welt scheint wohl noch etwas zu sein, alles umfan­gend und durch­drin­gend. Aber es ist so rät­sel­haft, unfaß­bar, unnenn­bar, mit einem Wort über­mensch­lich, daß jede Zuschrei­bung es ver­mensch­li­chen, also her­un­ter­zie­hen wür­de. Also maßen wir uns nicht an, dar­über irgend­et­was zu sagen. Da wir ins Leben gesetzt sind (wer weiß, viel­leicht woll­ten wir das ja?), soll­ten wir es anneh­men, hegen, wei­ter­ge­ben und dar­an wach­sen.  Im Men­schen wird sich die Schöp­fung ihrer selbst bewußt. All das – trotz allem! – Wun­der­ba­re zu sehen und zu trin­ken wie Wein oder kla­res Was­ser, das gibt den Halt. Manch­mal ist das Leben Müh­sal, und wir Abend­län­der nei­gen zur Schwer­mut. Aber es ist eben auch eine Lust und wir haben immer noch, obwohl wir nun schon alt sind, einen Hei­den­spaß daran.

Ellen: Hei­den­spaß ist jeden­falls ein schö­nes deut­sches Wort. Ger­trud, dan­ke für das Gespräch!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (5)

Franz Bettinger

13. Juni 2026 17:16

Ich fand immer Eltern toll - & ich traf einige davon - die mit ihren Kindern vom Baby bis zum 11-Jährigen durch die Welt reisten. Erstens weil ich selbst gerne (lange) verreiste. Zweitens weil ich Ausreden widerlegt sehen wollte, Monate- und Jahre-lange Fernreisen und Kinder Managen schlössen sich aus. Allein die Schulpflicht blabla. Ich sah solche Familien in VW-Bussen, auf Motorrädern und auf Segelbooten; einmal auch als christliche Missionare, die in Indonesien, dann in NZ Station machten. Immer erfuhr ich dieselbe Geschichte: Die Kinder fühlten sich wohl, gediehen großartig und lernten Vieles und vor allem viel Praktisches, was sie "zuhause" nie lernen würden. Die so reisten, sahen nicht unbedingt reich aus, nur abenteuerlich. Fazit: Es lassen sich Sachen kombinieren, auch wenn viele davon abraten. Folgt euren Träumen! 

Dieter Rose

13. Juni 2026 17:35

"Ich bin stolz Deutscher zu sein" - verboten.
Uns haben sie das Kreuz gebrochen, statt vorwärts zu schauen, ließen wir uns in's Wälzen von Schuldgefühlen drängen, das nicht weiter bringt, sondern die Probleme schafft, die wir heute haben. 
Ob es da Abhilfe gibt, oder ob es dafür zu spät ist?

A. Kovacs

13. Juni 2026 17:43

„Nee, »staatliche Islamophilie« gibt es meines Erachtens nicht." Deshalb genehmigen die Behörden ja auch immer mehr und immer größere Moscheen, Gebetsrufe, Gebetsräume, Ramadanbeleuchtungen, Halal-Geschäfte, alkoholfreie Restaurants usw.„Na ja, und den Islam gibt es sowenig wie das Christentum!" Dieser Satz ist immer die endgültige intellektuelle Kapitulation. Ansonsten: „la force des choses"... oder: „Jetzt sind sie halt da." Langsame Annäherungen. „Realpolitik". 

Monika

13. Juni 2026 18:12

Danke, ich liebe solche Texte und Gespäche. Zuerst: Das Christentum ist nicht nur eine Bekenntnisreligion ( Credo) , sondern durchaus eine Erfahrungsreligion. Das bezeugen im katholischen Glauben u.a. die vielen Heiligengeschichten. Ich habe das von Kind auf auch immer so verstanden, und das Glaubensbekenntnis und den Katechismus empfand ich immer als völlig blutleer. Inzwischen bin ich aus der Kirche ausgetreten und habe durchaus auch eine gewissen Abneigung gegen Pfaffen, Kirchenmoder und Lebensfeindlichkeit. Daß "Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, " ich gestehe, ich habe damit schon gehadert. Durchaus im heidnischen Sinne . Und ja, mit dem Singen haben es die Deutschen nicht so, auch nicht die "richtigen" in Mitteldeutschland, Herr Höcke. Vor der Wende schlug ich bei einem FDJ-Treffen ( Jugendtreff BRD/DDR) auf Anfrage vor, "Die Gedanken sind frei" zu singen. "Dieses Lied singen wir hier nicht, " meinte der FDJ- Funktionär . 😢In Israel hat man es dagegen als Deutscher leichter. Ein Palästinenser lud mich ein, weil "wir Deutschen" ja das ähm ...Problem gelöst hätten. Ein afghanischer Professor in Deutschland beneidete mich vor vielen Jahren mal um mein Geburtstagsdatum an einem Tag im April. Wie soll man da zu einer deutschen Identität kommen ? 😵‍💫🤪
 

Beta Jas

13. Juni 2026 18:22

Meiner Meinung nach kann man aus dem Islam vor allem zwei Dinge lernen: Erstens ein ausgeprägteres körperliches Schamgefühl. Dieses ist bei vielen Europäern – seien es Deutsche, Italiener oder Schweden – verloren gegangen, herbeigeführt durch eine mediale „Schamvernichtung“. Des Weiteren das Bewusstsein für das eigene Selbst, das auch in der Fremde existiert und dort oft noch widerstandsfähiger wird. Ich stimme dem vollkommen zu, dass Masseneinwanderung die Verdrängung und Entrechtung alteingesessener Völker nach sich zieht. Die These der „Barbarisierung durch Entwurzelung“, bei der alle verlieren, lässt sich dagegen eher als eine Form von Kollateralschaden bei einigen Einwanderer einordnen.