Jünger wurde als „Nationalist“ gehaßt wie geliebt (sein In Stahlgewittern, 1920 erschienen, wurde allein bis 1960 etwa 250 000 Mal verkauft), dann von der späteren BRD umarmt und mit Medaillen behängt. Jüngers „kalter Blick“ auf den Krieg, zumal auf den ersten, gilt als emblematisch. Seine Wendung zum Pazifisten hatte er ästhetisch gekonnt gerahmt. Fraglos ist Jünger ein Meister der Worte. Keine Sachlage, die sich nicht so verbrämen ließe, daß es irgendwie paßt.
Nun ist ein Buch einer seiner Geliebten erschienen, das es in sich hat. Banine, eigentlich Umm-el-Banine-Assadoulaeff (*1905), war Jünger komplett verfallen und blieb es bis an ihr Lebensende. Sie wurde in Aserbaidschan geboren und lebte ab 1924 in Paris. Jünger begegnete sie erstmals 1942 als Besatzungssoldat.
In Jünger verliebte ich mich, noch bevor ich ihm in Fleisch und Blut begegnete. Von Anfang an faszinierte mich mich J.‘s Foto, das die erste Ausgabe der Stahlgewitter ziert.
Sie, die doch eine Public Intellectual, also eine hochklassige Gesprächspartnerin, Übersetzerin und Freundin der Geisteswelt dieser Jahrzehnte war, verfiel Jünger auf Gedeih und Verderb.
Was für eine krasse, intensive, mitreißende, vielsagende Lektüre! Banine hatte drei Bücher (allesamt nicht auf Deutsch erhältlich) über Jünger verfaßt: 1952, 1971, 1989. Alexander Pschera als Herausgeber dieses Zeugnisses hier nun führt auf fünfundzwanzig Seiten kundig ein in das nun vorliegende Achterbahnerlebnis. Dieses Vorwort ist dabei so goldwert wie streitbar.
Vieles daran mag man als „krude“ bezeichnen. Pschera will das Verhaltens Jüngers Banine gegenüber nicht als „männliches Herrschaftsgebahren“ [sic] lesen; er will es ausdrücklich nicht als „Frühform der MeToo-Affäre“ lesen. Nun ja! Es ist klar ein Zeugnis der Manipulation, wobei – es gehören immer zwei dazu – sich Banine definitiv hat manipulieren lassen. Dieses Buch hat das Zeug, zu einem Klassiker der (anklagenden) Frauenliteratur zu werden.
Man liest das alles unter Schmerzen, doch neugierig blättert man weiter. Banine leidet Höllenqualen, will sich das Leben nehmen. Jünger hält sie hin. Als sie auf sieben Briefe in Folge nicht antwortet (dies nur als Beispiel für den hier wirksamen Mechanismus), schickt er ihr ein Medaillon mit einem vierblättrigen Kleeblatt: „Für Banine. 17.6. 51. L‘ Effendi“.
Ja, Jünger ließ sich „im Spiel“ als Effendi ansprechen und kokettierte mit der Möglichkeit einer Mehrehe, pries mehrfach Allah. Banine (die 1956 zum Katholizismus konvertierte) ist über Jahre, nein Jahrzehnte liebeswund. „Meine Hysterie nimmt zu“, schreibt sie 1952.
Ich weinte auf offener Straße. Nein, diese quälende Liebesgeschichte bringt mich nicht um; das wäre besser. Sie stößt mir ihre Mistgabeln ins Herz.
Wir lesen das seitenlang: Diese ungeheure, abgöttische, aufopferungswillige Liebe zu Jünger! Dabei hat Jünger nicht nur eine Ehefrau („Matrone“, autoritär, tugendhaft; „ich hasse sie“, schreibt Banine) sondern auch bereits eine feste Geliebte in Paris, die Ärztin Sophie Ravoux.
Banine ätzt: wie „pummelig“, wie sehr „Typ Dienstmädchen“, „vulgär und dumm“ Ravoux sei! „Ich hasse sie, weil Sie sie lieben.“ Banine war definitiv liebeskrank. Als Jünger nach dem Tod seiner ersten Frau (1960) recht rasch die patent-biedere Archivarin Liselotte Lohrer (1917–2010) ehelichte, bedeutete das einen erneuten Zusammenbruch.
Pschera hat Banines Notizen (sie wollte, daß sie unter dem absolutistischen Titel „Eine Liebe wie meine“ erscheinen sollten) vortrefflich mit Fußnoten ergänzt und das Wagnis unternommen, diesen (halb handschriftlichen, vielfach durchgestrichenen) Notizen bis 1953 Exzerpte aus Banines Tagebucheinträgen, die Jünger betreffen, hinzuzufügen – bis anno 1991, also bis kurz vor ihrem Tod.
Selbstkritisch fragt Pschera, „geht uns das wirklich was an? Sollten diese Aufzeichnungen nicht besser unveröffentlicht bleiben?“ Er steht nicht an, den „Gossip-Charakter“ dieser Schrift zu verleugnen.
Ja: Wir haben hier einen Ernst Jünger, verheiratet und zweifacher Vater (beide Söhne wird er überleben) der sich zerzaust und mit „schlecht sitzenden Shorts“ von einer selbsternannten „Sklavin“ die Füße kraulen läßt: „Sie stanken nach Knoblauch, Sie ließen sich gehen“, schreibt seine Freundin, die zwischen persönlicher Anrede und distanzierterem “er” wechselt. Banine, die zeitlebens eine gesuchte Interviewpartnerin war und eine Frau mit Stil, entblößt sich hier dutzendfach. Sie berichtet von ihrem „Harndrang“, wenn sie auf den Geliebten, Begehrten trifft. Peinlich betroffen leidet man lesend dennoch mit.
Es sind dies Herzausschüttungen einer Art, die ziemlich unüblich für das mittlere 20. Jahrhundert sind. Tabulos, markerschütternd – heute würde man diese Beziehung als „toxisch“ erklären. Die Entblößungen betreffen allerdings auch seine, Jüngers, Regungen. Man kann steif, erhaben und offiziersmäßig sein, und dann geht es dennoch (sexuell) durch mit einem: plötzliches Duzen, wenn Brunft angezeigt ist: „das stößt mich ab.“ Es ist ein Stoff für’s Theater. Und nichts, was einem Jünger sympathisch macht.
Banine: Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich, Berlin 2026, 304 Seiten, 26 € – hier bestellen
Monika
Muß man das veröffentlichen? Ich finde das peinlich bis lächerlich. Berühmte Schriftsteller oder Künstler oder Professoren wurden immer von Frauen umgarnt. Ein besonderes Exemplar der Jägerinnen war Luise Rinser, die ebenfalls ein Auge auf Ernst Jünger geworfen hatte. Als sie in traf, war sie ernüchtert: "Er (Jünger) war klein, hatte eine hohe Stimme und sah nach nichts aus".
https://www.welt.de/print/wams/kultur/article13313744/Luise-und-die-starken-Maenner.html