Mit diesen Worten endet Christian Hardinghaus‘ Biographie über den SS-Richter Konrad Morgen. Der Historiker behandelt mit Morgen eine schwierige und eher unbekannte Person der Zeitgeschichte, die erst in den letzten Jahren verstärkt in den Blick geriet.
Hardinghaus selbst hatte sich durch seine Trilogie über Die verlorene Generation (Gespräche mit den letzten Kindersoldaten des Zweiten Weltkriegs, 2021), Die verratene Generation (Gespräche mit den letzten Zeitzeugen, 2020) und Die verdammte Generati0n (Gespräche mit den letzten Soldaten, 2020) einen guten Ruf als aufgeschlossener Wissenschaftler seiner Zunft erwerben können.
Morgens Leben entzieht sich jeder einfachen Schublade, wie Hardinghaus betont. Der Sohn eines Lokomotivführers stieg bis in das Richteramt auf, wobei er zur Karriereförderung NSDAP und SS beigetreten war. 1939 wurde er entlassen, weil er ein unfaires Verfahren nicht mittragen wollte. Nach einer kurzen Zeit an der Front wurde Morgen zum SS-Richter ernannt und ging fortan gegen Korruption, Unterschlagung und Mord vor. Er war ein harter Richter und sprach mehrere Todesurteile gegen SS-Männer aus. Bald wurde er der SS-Führung zum Dorn im Auge und an die Ostfront versetzt.
Mitte 1943 rief Himmler ihn zurück und beauftragte ihn als Sonderermittler, das KZ-Wesen zu untersuchen. In der Folge inspizierte Morgen zahlreiche KZ, darunter Buchenwald und Auschwitz, und erhob Anklage gegen eine Vielzahl von Wächtern und Kommandanten. Einige von ihnen, wie der Buchenwald-Kommandant Karl Otto Koch, wurden noch vor Kriegsende hingerichtet.
Bis zu seinem Tod 1982 stand Morgen häufig vor Gericht, zumeist als Zeuge – seltener als Angeklagter. Nach drei Jahren Haft bescheinigte ihm die Spruchkammer 1948 sogar „aktiven Widerstand“. Hardinghaus verdichtet die paradoxe Rolle Morgens im NS-System treffend („Ein Mann bekämpft das System von innen heraus, während er glaubt, ihm zu dienen“).
Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf der Geschichte von Morgens Ehefrau, Maria Wachter. Hardinghaus widmet sich als erster eingehend Morgens Privatleben. Ein anderer Biograph, David Lee, beschrieb sogar irrtümlich eine andere Frau Wachter, während sie ansonsten kaum Beachtung fand. Derweil spielte sie im Leben des SS-Richters eine besondere Rolle. Die SS verweigerte die Genehmigung zur Hochzeit, weil sich Wachters erster Ehemann das Leben genommen hatte. Morgen rang verzweifelt mit dem Rasse- und Siedlungshauptamt um die Ehegenehmigung; letztlich heiratete er Maria erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Das Buch ist spannend geschrieben. Doch liegt im Stil zugleich eine gewisse Schwäche, da Hardinghaus kaum direkt zitiert und nur spärlich Belege anführt. So werden Morgens Besuche in den KZ mit Gedanken und Dialogen geschildert, was sich flüssig liest. Hier fragt sich der Leser unweigerlich, woher der Autor das detaillierte Wissen hat. Er hat Morgens Nachlaß mit zahlreichen privaten Briefen ausgewertet. Dem Leser bleibt jedoch unklar, was aus dieser Quelle stammt und was Hardinghaus literarisch ausgestaltet hat. Manches Zitat („SS-Image wahren“) wirkt dabei nicht originalgetreu. Dank des intensiven Blicks auf die Forschungskontroversen um den SS-Richter und die Recherchen zu Maria Wachter, bleibt das Werk dennoch mit Sicherheit die bislang überzeugendste Biographie über Morgen.
Christian Hardinghaus:Der Fall Konrad Morgen. Ein SS-Richter jagt Himmlers Henker, München 2026. 350 S., 28 € – hier bestellen