Kritik der Woche (84): Der Fall Konrad Morgen

Von Karl Sternau -- „Die Geschichte ist kein Steinbruch für moralische Selbstbestätigung. Sie ist ein Spiegel, der uns zeigt, wozu Menschen fähig sind – im Guten wie im Bösen. Wer ehrlich hineinblickt, wird nicht Überlegenheit finden, sondern Verantwortung. Und das ist vielleicht die wichtigste Lehre, die Konrad Morgen uns hinterlässt.“

Mit die­sen Wor­ten endet Chris­ti­an Har­ding­haus‘ Bio­gra­phie über den SS-Rich­ter Kon­rad Mor­gen. Der His­to­ri­ker behan­delt mit Mor­gen eine schwie­ri­ge und eher unbe­kann­te Per­son der Zeit­ge­schich­te, die erst in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt in den Blick geriet.

Har­ding­haus selbst hat­te sich durch sei­ne Tri­lo­gie über Die ver­lo­re­ne Gene­ra­ti­on (Gesprä­che mit den letz­ten Kin­der­sol­da­ten des Zwei­ten Welt­kriegs, 2021), Die ver­ra­te­ne Gene­ra­ti­on (Gesprä­che mit den letz­ten Zeit­zeu­gen, 2020) und Die ver­damm­te Generati0n (Gesprä­che mit den letz­ten Sol­da­ten, 2020) einen guten Ruf als auf­ge­schlos­se­ner Wis­sen­schaft­ler sei­ner Zunft erwer­ben können.

Mor­gens Leben ent­zieht sich jeder ein­fa­chen Schub­la­de, wie Har­ding­haus betont. Der Sohn eines Loko­mo­tiv­füh­rers stieg bis in das Rich­ter­amt auf, wobei er zur Kar­rie­re­för­de­rung NSDAP und SS bei­getre­ten war. 1939 wur­de er ent­las­sen, weil er ein unfai­res Ver­fah­ren nicht mit­tra­gen woll­te. Nach einer kur­zen Zeit an der Front wur­de Mor­gen zum SS-Rich­ter ernannt und ging fort­an gegen Kor­rup­ti­on, Unter­schla­gung und Mord vor. Er war ein har­ter Rich­ter und sprach meh­re­re Todes­ur­tei­le gegen SS-Män­ner aus. Bald wur­de er der SS-Füh­rung zum Dorn im Auge und an die Ost­front versetzt.

Mit­te 1943 rief Himm­ler ihn zurück und beauf­trag­te ihn als Son­der­er­mitt­ler, das KZ-Wesen zu unter­su­chen. In der Fol­ge inspi­zier­te Mor­gen zahl­rei­che KZ, dar­un­ter Buchen­wald und Ausch­witz, und erhob Ankla­ge gegen eine Viel­zahl von Wäch­tern und Kom­man­dan­ten. Eini­ge von ihnen, wie der Buchen­wald-Kom­man­dant Karl Otto Koch, wur­den noch vor Kriegs­en­de hingerichtet.

Bis zu sei­nem Tod 1982 stand Mor­gen häu­fig vor Gericht, zumeist als Zeu­ge – sel­te­ner als Ange­klag­ter. Nach drei Jah­ren Haft beschei­nig­te ihm die Spruch­kam­mer 1948 sogar „akti­ven Wider­stand“. Har­ding­haus ver­dich­tet die para­do­xe Rol­le Mor­gens im NS-Sys­tem tref­fend („Ein Mann bekämpft das Sys­tem von innen her­aus, wäh­rend er glaubt, ihm zu dienen“).

Ein Schwer­punkt des Buches liegt auf der Geschich­te von Mor­gens Ehe­frau, Maria Wach­ter. Har­ding­haus wid­met sich als ers­ter ein­ge­hend Mor­gens Pri­vat­le­ben. Ein ande­rer Bio­graph, David Lee, beschrieb sogar irr­tüm­lich eine ande­re Frau Wach­ter, wäh­rend sie ansons­ten kaum Beach­tung fand. Der­weil spiel­te sie im Leben des SS-Rich­ters eine beson­de­re Rol­le. Die SS ver­wei­ger­te die Geneh­mi­gung zur Hoch­zeit, weil sich Wach­ters ers­ter Ehe­mann das Leben genom­men hat­te. Mor­gen rang ver­zwei­felt mit dem Ras­se- und Sied­lungs­haupt­amt um die Ehe­ge­neh­mi­gung; letzt­lich hei­ra­te­te er Maria erst nach dem Zwei­ten Weltkrieg.

Das Buch ist span­nend geschrie­ben. Doch liegt im Stil zugleich eine gewis­se Schwä­che, da Har­ding­haus kaum direkt zitiert und nur spär­lich Bele­ge anführt. So wer­den Mor­gens Besu­che in den KZ mit Gedan­ken und Dia­lo­gen geschil­dert, was sich flüs­sig liest. Hier fragt sich der Leser unwei­ger­lich, woher der Autor das detail­lier­te Wis­sen hat. Er hat Mor­gens Nach­laß mit zahl­rei­chen pri­va­ten Brie­fen aus­ge­wer­tet. Dem Leser bleibt jedoch unklar, was aus die­ser Quel­le stammt und was Har­ding­haus lite­ra­risch aus­ge­stal­tet hat. Man­ches Zitat („SS-Image wah­ren“) wirkt dabei nicht ori­gi­nal­ge­treu. Dank des inten­si­ven Blicks auf die For­schungs­kon­tro­ver­sen um den SS-Rich­ter und die Recher­chen zu Maria Wach­ter, bleibt das Werk den­noch mit Sicher­heit die bis­lang über­zeu­gends­te Bio­gra­phie über Morgen.

Chris­ti­an Har­ding­haus:Der Fall Kon­rad Mor­gen. Ein SS-Rich­ter jagt Himm­lers Hen­ker, Mün­chen 2026. 350 S., 28 € – hier bestellen

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)