Antinatalismus? Läuft

Antinatalistische Propaganda (die Idee, daß es moralisch falsch oder unverantwortlich sei, Kinder in die Welt zu setzen) taucht in Leitmedien eher als Berichterstattung, Porträt oder Meinungsstück auf – nicht als direkte agitatorische Kampagne. Sie wird oft mit Klimaschutz, Überbevölkerung, Leidensvermeidung oder persönlicher Freiheit begründet.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es IST aber de fac­to Mani­pu­la­ti­on. Per­ma­nent wer­den uns Frau­en vor­ge­führt, die „irgend­wann den Schnitt“ setz­ten. Oft wort­wört­lich. Mit­tels Ste­ri­li­sa­ti­on, mit 20, 25 oder 30 Jah­ren. Das Ange­bot an sol­chen Mel­dun­gen ist Legi­on, und das Mus­ter ist immer­gleich: Mehr oder weni­ger hüb­sche jun­ge, „selbst­be­wuß­te“ Frau läßt sich inklu­si­ve Pho­to por­trä­tie­ren und legt dar, war­um sie „kei­nes­falls ein Rol­len­mus­ter bedie­nen“ will oder war­um sich „Kin­der­ha­ben ein­fach falsch anfühlt“.

  • SPIEGEL, Janu­ar 2026: „Ich will kei­ne Kin­der. Ist etwas falsch mit mir?“
  • FAZ, Juli 2025: „Kei­ne Kin­der? War­um sich vie­le bewusst dage­gen entscheiden.“
  • Süd­deut­sche Zei­tung, Mai 2026: „Kin­der­lo­se Frau­en: ‚Nein, ich ver­mis­se nichts‘“.
  • Welt, eben­falls Mai 26: „Ein Leben ohne Kin­der klingt verlockend“

Das ist eine sehr klei­ne Aus­wahl aus einem sehr gro­ßen Ange­bot anti­na­ta­lis­ti­scher Pro­pa­gan­da. Tex­te über ein „bewußt kin­der­frei­es Leben“ und stol­ze Selbst­be­zich­ti­gun­gen jun­ger Frau­en nach ihrer Ste­ri­li­sa­ti­on sind ech­te Cat­cher auf Social Media.

Eine „ande­re Sei­te“ gibt es nicht bei den Leit­me­di­en. Wer denkt, es gin­ge nur um Auf­merk­sam­keit, soll­te schau­en, ob es ähn­lich klick­af­fi­ne, fami­li­en­freund­li­che Tex­te gibt. Sowas wie „Fünf Kin­der, und immer noch gute Lau­ne!“, „Kin­der? Will­kom­men bei uns!“ oder „War­um die Ent­schei­dung für Kin­der mein Leben rei­cher gemacht hat“ – es GIBT sol­che Arti­kel nicht bei den gro­ßen Spielern.

Daß wir (wir Deut­schen, aber auch wir Euro­pä­er) seit Jahr­zehn­ten an der „Bestands­er­hal­tungs­ra­te“ von 2.1 Kin­dern pro Frau vor­bei­se­geln: kal­ter Kaf­fee. Vor etwa 20 Jah­ren hat­te es mal eine Alarm­wel­le hier­zu gege­ben, tem­pi passati.

Angeb­lich und „wis­sen­schaft­lich ver­brieft“ sind die Grün­de für den Gebär- oder Zeugungsstreik:

  • wirt­schaft­li­che Unsi­cher­heit und hohe Kosten,
  • daß Frau­en den Groß­teil der unbe­zahl­ten „Care-Arbeit“ trü­gen; im euro­päi­schen Schnitt etwa 2.5mal soviel wie Män­ner. Man nennt das wis­sen­schaft­lich „Dou­ble Bur­den“ –  Ver­ein­ba­rung von Beruf und Fami­lie. (Es ist übri­gens ulkig und gewiß ein selbst­ge­mach­tes Phä­no­men, daß ich per­sön­lich von „Dou­ble Plea­su­re“ spre­che. Mir ist es tat­säch­lich gelun­gen, bei­des höchst ange­nehm zu ver­bin­den. Wer jetzt „pri­vi­le­giert!“ ruft, möge mal die Kos­ten che­cken, die es bedeu­tet, als Rech­te durch­zu­star­ten. Dafür brauchst du ein har­tes Fell.)
  • zu spä­te Fami­li­en­grün­dungs­plä­ne. Mit­hin Frucht­bar­keits­pro­ble­me ab 30 +, dort häu­fi­ge Infertilität.
  • Wer­te­wan­del: Wunsch nach Frei­heit, Selbst­ver­wirk­li­chung und Unab­hän­gig­keit, beson­ders bei Frau­en. Mit­hin auch Wer­te­wan­del: Kin­der­lo­sig­keit wird gesell­schaft­lich akzeptiert.

Ich selbst bin übri­gens – und ich mei­ne, damit haben wir eine Wur­zel – mit sol­cher Anti-Nata­lis­mus-Pro­pa­gan­da auf­ge­wach­sen. Eher indi­rekt, da in den 1990ern das heu­te popu­lä­re „Reg­ret­ting Mother­hood“ (Mut­ter­schaft bereu­en) noch kein The­ma war.  In mei­ner Schu­le, einem pri­va­ten katho­li­schen Mäd­chen­gym­na­si­um, wur­de uns aber wie­der und wie­der gepre­digt, daß wir uns auf kei­nen Fall „ein Kind anhän­gen“ las­sen sol­len. Lie­ber die „Kar­rie­re“ im Blick behalten!

Die­se Schu­le wur­de von Non­nen gelei­tet, die 1945 aus Ober­schle­si­en (Rati­bor) ver­trie­ben wor­den waren. Die Ver­trei­bungs­be­rich­te von dort lesen sich abso­lut scheuß­lich – es wur­de von den Rus­sen gebrand­schatzt und ver­ge­wal­tigt, was das Zeug hielt.

Ich den­ke dabei vor allem an Mater Boni­fa­cia. Ihr, als lang­jäh­ri­ge Lei­te­rin des Mäd­chen­gym­na­si­ums, ist seit eini­gen Jah­ren eine Stra­ße in mei­nem Geburts­ort Offen­bach gewid­met. Sie, Jahr­gang 1911, hat­te als Direk­to­rin neun Jah­re lang mei­nen Weg beglei­tet. Sie war sehr vor­nehm. Eine Auto­ri­tät. Sie sprach nie­mals über die Ereig­nis­se anno 1945.  Ich ver­mu­te heu­te, die anti­na­ta­lis­ti­sche Rhe­to­rik hat­te durch­aus etwas mit den Erfah­run­gen rund um das Kriegs­en­de zu tun.

Ich lieb­te M. Boni­fa­cia so innig wie sonst nur Sr. Ger­tru­dis, die deut­lich jün­ger war, aber auch noch die Schau­er­ge­schich­ten „Schle­si­en 1945“ erlebt hatte.

Sie, Boni­fa­cia (mei­ne Latein­leh­re­rin) war über Jah­re sogar mei­ne Schutz­pa­tro­nin gewe­sen. Ich hat­te andert­halb schwie­ri­ge Jah­re gehabt als Tee­nie. Ganz neben der Spur! Mater Boni­fa­cia aber hat­te ent­schie­den, daß ich „ihre lie­be Eins­er­schü­le­rin“ blie­be, trotz allem. „Ich ken­ne Ellen. Sie ist anders, als sie sich gera­de gibt.“ Sie gab mir daher tat­säch­lich Ein­sen, wo ich durch per­ma­nen­tes Feh­len Fün­fen ver­dient hätte.

Sr. Ger­tru­dis, der klu­gen Kunst­leh­re­rin, hat­te ich irgend­wann dum­mes „Kri­kel­kra­kel“ ein­ge­reicht. Aus Trotz. Sie setz­te sich hin, um es gedul­dig mit mir zu ana­ly­sie­ren. Sie fand es „inter­es­sant“, obwohl es ein­fach blöd war. Sie hat­te mich erwischt. Sie zeig­te mir, wie man aus mei­nen furcht­ba­ren, hin­ge­rotz­ten Skiz­zen schö­ne Bil­der machen könn­te. Damals muß­te ich weinen.

Sol­cher Zuspruch kann einen durch´s Leben tra­gen. Bis heu­te, wenn ich mich mal gräß­lich füh­le, den­ke ich an die Impul­se der Schwes­tern Ger­tru­dis und Boni­fa­cia. Und sofort ist es besser.

Wie es einen trägt, durch alle Unbill: Wenn Leu­te an einen glau­ben! Wenn ich einen letz­ten Grund nen­nen müß­te, wes­halb ich Chris­tin bin: wegen die­ser Schwes­tern, und weil sie über­zeugt waren und nicht, nie­mals los­lie­ßen. Für ein Drei­vier­tel­jahr hat­te ich die Schu­le ver­las­sen müs­sen, es war scheuß­lich. Ich wur­de zurück­ge­holt, von den gnä­di­gen Schwestern.

Aber zurück zum Anti­na­ta­lis­mus. Daß wir „geschei­te Mädels“ (es gab Auf­nah­me­tests, die sich gewa­schen hat­ten) uns bloß nicht „an einen Mann ver­geu­den“ sol­len, war letzt­hin doch wohl nicht nur den Ver­ge­wal­ti­gungs­er­fah­run­gen aus der Zeit der Ver­trei­bung geschul­det, son­dern auch dem Sprech der Sieb­zi­ger­jah­re, der in einem alt­mo­di­schen Klos­ter eben noch län­ger & spä­ter nach­hall­te. Das pas­siert, wenn man Geist­li­ches & Welt­li­ches ver­mengt – so war und ist eben der Trend.

Längst hat sich die­ser Modus (sich bloß „kein Kind anhän­gen las­sen“) ver­ste­tigt & ver­schärft. Längst geht es nicht mehr dar­um, daß eine klu­ge Frau durch­aus “Recht auf Berufs­tä­tig­keit” hat (olle Furcht mei­ner Non­nen, daß das ver­ges­sen wür­den könn­te), son­dern dar­um, daß ihr Eigen­recht auf den Kör­per die Opti­on einer Ste­ri­li­sa­ti­on im jugend­li­chen Alter nicht nur ein­schließt  son­dern nahe­legt.

Einer ver­klagt sei­ne Eltern dafür, daß sie ihn in die Welt gesetzt haben. Er erreicht damit unge­heu­re Klickzahlen:

Mei­ne Mut­ter wünscht sich, dass sie mich getrof­fen hät­te, bevor ich gebo­ren wur­de. Dann hät­te sie mich nicht bekommen.

Oder (glei­ches Blatt( Dirk Schü­mer, „Euro­pa­kor­re­spon­dent“, 12. März 2019. Er schil­dert „ehr­lich“, war­um er „so froh“ ist über „ein Leben ohne eige­nen Nachwuchs“.

Und das war noch der Beginn des Anti­na­ta­lis­mus­wahns, der sich heu­te aus­ge­brei­tet hat wie Krebs. Ich ver­mu­te, mei­ne lie­ben Ordens­schwes­ter wür­den sich heu­te im Gra­be dre­hen, wenn sie wüß­ten, wie sehr sich ihre gut­ge­mein­te Absicht („Mädels, laßt Euch nicht die But­ter vom Brot neh­men! Ich könnt auch was!“) per­ver­tiert hat.

Wir haben also einer­seits dut­zen­de (und zwar wöchent­lich erschei­nend – unüber­trie­ben!) Arti­kel in den Leit­me­di­en, in denen „Betrof­fe­ne“ schil­dern, wie sehr sie „Mut­ter­schaft bereu­en“, weil die­se Ent­schei­dung („natür­lich lie­be ich die­ses Kind, aber!“) ihre Körper/Träume/Autonomie/Nächte/Berufswünsche/Karrieren/Sexualität auf ewig zerstörte.

Ander­seits haben wir „rech­te“ Influen­ce­rin­nen mit wehen­den Haa­ren, im wogen­den Gers­ten­feld, die Haa­re flat­tern enorm, die Füh­lis eben­so. Das ist super­schön und wünschenswert.

Ich nun hat­te einst – nun ist es lang her – sie­ben Blond­lin­ge an den Hän­den, und die Haa­re flat­ter­ten über­haupt nicht. Ich fand es  tat­säch­lich äußerst anstren­gend, die Klei­nen groß­zu­zie­hen, gera­de unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen. Ganz banal: Ver­bring mal vie­le, sehr vie­le Tage, Wochen, Mona­te, Jah­re mit etli­chen Kin­dern unter zehn – so, daß es paßt und nie­mand über- oder unter­for­dert ist. Und so, daß es ein gro­ßes Glück ist!

Hart, aber mach­bar. Daß Glück erwor­ben wer­den kann! Wie gut, sich irgend­wann zurück­leh­nen zu können.

Bei mei­ner Oma Edith war es nor­mal, daß man Queng­lern einen Schnul­ler mit Klos­ter­frau Melis­sen­geist ver­paß­te. Heu­te ste­hen media­le Ablen­kun­gen zur Verfügung.

Ich woll­te nie abge­lenk­te Kin­der. Ich woll­te Dou­ble Plea­su­re, unbe­dingt. Vie­les in mei­nem Leben mag nicht geschickt sein. Alle Zeich­nun­gen sowie­so. Vom Hand­ar­beits­un­ter­richt ganz zu schwei­gen. Ich hat­te mir mehr­fach mit der Näh­ma­schi­ne in die Hand genäht – etwas, das laut Sr. Ger­tru­dis zuvor noch nie vor­ge­kom­men sei. Sie ver­mu­te­te sabo­tie­ren­de Absicht, wo pures Unge­schick am Ruder war.

Vom Kin­der­glück (auch der Umgang mit Kin­dern wur­de mir nicht in die Wie­ge gelegt; anders als mei­ne Kin­der, bei denen es nun gott­lob anders ist – Rech­te ver­meh­ren sich defi­ni­tiv stär­ker als der Durch­schnitt – bin ich unter Nicht-Kin­der-haben­den auf­ge­wach­sen) kann ich jedoch letzt­lich nur schwär­men. Kriegt Kin­der, Leu­te, viele!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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