Es IST aber de facto Manipulation. Permanent werden uns Frauen vorgeführt, die „irgendwann den Schnitt“ setzten. Oft wortwörtlich. Mittels Sterilisation, mit 20, 25 oder 30 Jahren. Das Angebot an solchen Meldungen ist Legion, und das Muster ist immergleich: Mehr oder weniger hübsche junge, „selbstbewußte“ Frau läßt sich inklusive Photo porträtieren und legt dar, warum sie „keinesfalls ein Rollenmuster bedienen“ will oder warum sich „Kinderhaben einfach falsch anfühlt“.
- SPIEGEL, Januar 2026: „Ich will keine Kinder. Ist etwas falsch mit mir?“
- FAZ, Juli 2025: „Keine Kinder? Warum sich viele bewusst dagegen entscheiden.“
- Süddeutsche Zeitung, Mai 2026: „Kinderlose Frauen: ‚Nein, ich vermisse nichts‘“.
- Welt, ebenfalls Mai 26: „Ein Leben ohne Kinder klingt verlockend“
Das ist eine sehr kleine Auswahl aus einem sehr großen Angebot antinatalistischer Propaganda. Texte über ein „bewußt kinderfreies Leben“ und stolze Selbstbezichtigungen junger Frauen nach ihrer Sterilisation sind echte Catcher auf Social Media.
Eine „andere Seite“ gibt es nicht bei den Leitmedien. Wer denkt, es ginge nur um Aufmerksamkeit, sollte schauen, ob es ähnlich klickaffine, familienfreundliche Texte gibt. Sowas wie „Fünf Kinder, und immer noch gute Laune!“, „Kinder? Willkommen bei uns!“ oder „Warum die Entscheidung für Kinder mein Leben reicher gemacht hat“ – es GIBT solche Artikel nicht bei den großen Spielern.
Daß wir (wir Deutschen, aber auch wir Europäer) seit Jahrzehnten an der „Bestandserhaltungsrate“ von 2.1 Kindern pro Frau vorbeisegeln: kalter Kaffee. Vor etwa 20 Jahren hatte es mal eine Alarmwelle hierzu gegeben, tempi passati.
Angeblich und „wissenschaftlich verbrieft“ sind die Gründe für den Gebär- oder Zeugungsstreik:
- wirtschaftliche Unsicherheit und hohe Kosten,
- daß Frauen den Großteil der unbezahlten „Care-Arbeit“ trügen; im europäischen Schnitt etwa 2.5mal soviel wie Männer. Man nennt das wissenschaftlich „Double Burden“ – Vereinbarung von Beruf und Familie. (Es ist übrigens ulkig und gewiß ein selbstgemachtes Phänomen, daß ich persönlich von „Double Pleasure“ spreche. Mir ist es tatsächlich gelungen, beides höchst angenehm zu verbinden. Wer jetzt „privilegiert!“ ruft, möge mal die Kosten checken, die es bedeutet, als Rechte durchzustarten. Dafür brauchst du ein hartes Fell.)
- zu späte Familiengründungspläne. Mithin Fruchtbarkeitsprobleme ab 30 +, dort häufige Infertilität.
- Wertewandel: Wunsch nach Freiheit, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit, besonders bei Frauen. Mithin auch Wertewandel: Kinderlosigkeit wird gesellschaftlich akzeptiert.
Ich selbst bin übrigens – und ich meine, damit haben wir eine Wurzel – mit solcher Anti-Natalismus-Propaganda aufgewachsen. Eher indirekt, da in den 1990ern das heute populäre „Regretting Motherhood“ (Mutterschaft bereuen) noch kein Thema war. In meiner Schule, einem privaten katholischen Mädchengymnasium, wurde uns aber wieder und wieder gepredigt, daß wir uns auf keinen Fall „ein Kind anhängen“ lassen sollen. Lieber die „Karriere“ im Blick behalten!
Diese Schule wurde von Nonnen geleitet, die 1945 aus Oberschlesien (Ratibor) vertrieben worden waren. Die Vertreibungsberichte von dort lesen sich absolut scheußlich – es wurde von den Russen gebrandschatzt und vergewaltigt, was das Zeug hielt.
Ich denke dabei vor allem an Mater Bonifacia. Ihr, als langjährige Leiterin des Mädchengymnasiums, ist seit einigen Jahren eine Straße in meinem Geburtsort Offenbach gewidmet. Sie, Jahrgang 1911, hatte als Direktorin neun Jahre lang meinen Weg begleitet. Sie war sehr vornehm. Eine Autorität. Sie sprach niemals über die Ereignisse anno 1945. Ich vermute heute, die antinatalistische Rhetorik hatte durchaus etwas mit den Erfahrungen rund um das Kriegsende zu tun.
Ich liebte M. Bonifacia so innig wie sonst nur Sr. Gertrudis, die deutlich jünger war, aber auch noch die Schauergeschichten „Schlesien 1945“ erlebt hatte.
Sie, Bonifacia (meine Lateinlehrerin) war über Jahre sogar meine Schutzpatronin gewesen. Ich hatte anderthalb schwierige Jahre gehabt als Teenie. Ganz neben der Spur! Mater Bonifacia aber hatte entschieden, daß ich „ihre liebe Einserschülerin“ bliebe, trotz allem. „Ich kenne Ellen. Sie ist anders, als sie sich gerade gibt.“ Sie gab mir daher tatsächlich Einsen, wo ich durch permanentes Fehlen Fünfen verdient hätte.
Sr. Gertrudis, der klugen Kunstlehrerin, hatte ich irgendwann dummes „Krikelkrakel“ eingereicht. Aus Trotz. Sie setzte sich hin, um es geduldig mit mir zu analysieren. Sie fand es „interessant“, obwohl es einfach blöd war. Sie hatte mich erwischt. Sie zeigte mir, wie man aus meinen furchtbaren, hingerotzten Skizzen schöne Bilder machen könnte. Damals mußte ich weinen.
Solcher Zuspruch kann einen durch´s Leben tragen. Bis heute, wenn ich mich mal gräßlich fühle, denke ich an die Impulse der Schwestern Gertrudis und Bonifacia. Und sofort ist es besser.
Wie es einen trägt, durch alle Unbill: Wenn Leute an einen glauben! Wenn ich einen letzten Grund nennen müßte, weshalb ich Christin bin: wegen dieser Schwestern, und weil sie überzeugt waren und nicht, niemals losließen. Für ein Dreivierteljahr hatte ich die Schule verlassen müssen, es war scheußlich. Ich wurde zurückgeholt, von den gnädigen Schwestern.
Aber zurück zum Antinatalismus. Daß wir „gescheite Mädels“ (es gab Aufnahmetests, die sich gewaschen hatten) uns bloß nicht „an einen Mann vergeuden“ sollen, war letzthin doch wohl nicht nur den Vergewaltigungserfahrungen aus der Zeit der Vertreibung geschuldet, sondern auch dem Sprech der Siebzigerjahre, der in einem altmodischen Kloster eben noch länger & später nachhallte. Das passiert, wenn man Geistliches & Weltliches vermengt – so war und ist eben der Trend.
Längst hat sich dieser Modus (sich bloß „kein Kind anhängen lassen“) verstetigt & verschärft. Längst geht es nicht mehr darum, daß eine kluge Frau durchaus “Recht auf Berufstätigkeit” hat (olle Furcht meiner Nonnen, daß das vergessen würden könnte), sondern darum, daß ihr Eigenrecht auf den Körper die Option einer Sterilisation im jugendlichen Alter nicht nur einschließt sondern nahelegt.
Einer verklagt seine Eltern dafür, daß sie ihn in die Welt gesetzt haben. Er erreicht damit ungeheure Klickzahlen:
Meine Mutter wünscht sich, dass sie mich getroffen hätte, bevor ich geboren wurde. Dann hätte sie mich nicht bekommen.
Oder (gleiches Blatt( Dirk Schümer, „Europakorrespondent“, 12. März 2019. Er schildert „ehrlich“, warum er „so froh“ ist über „ein Leben ohne eigenen Nachwuchs“.
Und das war noch der Beginn des Antinatalismuswahns, der sich heute ausgebreitet hat wie Krebs. Ich vermute, meine lieben Ordensschwester würden sich heute im Grabe drehen, wenn sie wüßten, wie sehr sich ihre gutgemeinte Absicht („Mädels, laßt Euch nicht die Butter vom Brot nehmen! Ich könnt auch was!“) pervertiert hat.
Wir haben also einerseits dutzende (und zwar wöchentlich erscheinend – unübertrieben!) Artikel in den Leitmedien, in denen „Betroffene“ schildern, wie sehr sie „Mutterschaft bereuen“, weil diese Entscheidung („natürlich liebe ich dieses Kind, aber!“) ihre Körper/Träume/Autonomie/Nächte/Berufswünsche/Karrieren/Sexualität auf ewig zerstörte.
Anderseits haben wir „rechte“ Influencerinnen mit wehenden Haaren, im wogenden Gerstenfeld, die Haare flattern enorm, die Fühlis ebenso. Das ist superschön und wünschenswert.
Ich nun hatte einst – nun ist es lang her – sieben Blondlinge an den Händen, und die Haare flatterten überhaupt nicht. Ich fand es tatsächlich äußerst anstrengend, die Kleinen großzuziehen, gerade unter heutigen Bedingungen. Ganz banal: Verbring mal viele, sehr viele Tage, Wochen, Monate, Jahre mit etlichen Kindern unter zehn – so, daß es paßt und niemand über- oder unterfordert ist. Und so, daß es ein großes Glück ist!
Hart, aber machbar. Daß Glück erworben werden kann! Wie gut, sich irgendwann zurücklehnen zu können.
Bei meiner Oma Edith war es normal, daß man Quenglern einen Schnuller mit Klosterfrau Melissengeist verpaßte. Heute stehen mediale Ablenkungen zur Verfügung.
Ich wollte nie abgelenkte Kinder. Ich wollte Double Pleasure, unbedingt. Vieles in meinem Leben mag nicht geschickt sein. Alle Zeichnungen sowieso. Vom Handarbeitsunterricht ganz zu schweigen. Ich hatte mir mehrfach mit der Nähmaschine in die Hand genäht – etwas, das laut Sr. Gertrudis zuvor noch nie vorgekommen sei. Sie vermutete sabotierende Absicht, wo pures Ungeschick am Ruder war.
Vom Kinderglück (auch der Umgang mit Kindern wurde mir nicht in die Wiege gelegt; anders als meine Kinder, bei denen es nun gottlob anders ist – Rechte vermehren sich definitiv stärker als der Durchschnitt – bin ich unter Nicht-Kinder-habenden aufgewachsen) kann ich jedoch letztlich nur schwärmen. Kriegt Kinder, Leute, viele!