Erfurt – Routine auf einer Insel

Man erhält am Abend zuvor eine Mail und soll sich einfinden. Man steht in der Nacht auf, um pünktlich zu sein. Man fährt durch stille Dörfer, die Kleinstadt, die Tankstelle hat nicht geöffnet, man hat nichts mehr zu rauchen. Man erreicht die Autobahn über den Zubringer. Man überholt einen Bus und noch zwei. Man fährt den Rastplatz Muldental an, um Zigarillos zu kaufen. Es ist halb vier. Aus drei Bussen mit Dresdner Kennzeichen quillt Antifa. Man kauft nichts, sondern beschleunigt wieder und fährt weiter. Man überholt den einen Bus erneut.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Man hört Nach­rich­ten: Ver­mu­tung, Pro­gno­se. Man fährt über den Pfusch auf der A71, Fahr­bahn­ris­se, Boden­wel­len, Fisch­grä­ten­frä­sung, Tun­nel­sa­nie­rung. Man sieht auf den Brü­cken Mann­schafts­wa­gen. Man nimmt die Aus­fahrt – die Zuwe­gung gesi­chert an jedem kleins­ten Stich, natür­lich kein Blau­licht, natür­lich abge­blen­det, die Bus­se aus Leip­zig und Dres­den sol­len wei­ter­rol­len und nicht auf den Trich­ter kommen.

Man fährt auf einen geschot­ter­ten Park­platz, stellt ab, steigt aus, grüßt. Pas­tell­däm­me­rung, gedämpf­tes Gespräch, mas­sen­haft Poli­zei, unwirk­li­che Wich­tig­keit. Der Bus kommt, man entert, letz­te Rei­he, dort Chris­toph Berndt. Gut. Sehr gut. Dann Anfahrt, abrup­te Brem­sung, Türen auf, vorn und hin­ten Beam­te, die nach MdBs fra­gen. Man hört Wit­ze: Abfüh­ren! Man weiß dann: Vier sind an Bord.

Man zup­pelt mit sech­zig über die Auto­bahn, dann Bins­le­ben, man fährt durch Wän­de aus Poli­zei, Fahr­zeu­gen, Git­ter. Die Staats­macht will und kann. Man erreicht die Mes­se, man ist drin, gerät in War­ten­de, steht an, stülpt die Tasche um, wird abge­tas­tet. Man hat die Insel erreicht, man weiß, es sind noch vier Stun­den, bevor der Par­tei­tag beginnt.

Man­che schla­fen mit dem Rücken an der Wand. Man­che brei­ten sich aus. Man­che sind laut. Vie­le rau­chen. Lan­des­ver­bän­de sam­meln sich lose. Man­che wol­len frü­he, sehr kom­ple­xe Gesprä­che füh­ren, The­men: Kann man schon regie­ren? Kann Sach­sen-Anhalt schon regie­ren? Man­che sind skep­tisch. Vie­le sind zuver­sicht­lich. Man­che duzen ein­fach. Vie­le siezt man hartnäckig.

Jour­na­lis­ten, die jah­re­lang gegen die AfD gekämpft haben, stel­len rat­los Fra­gen. Sie akzep­tie­ren die Nie­der­la­ge und hof­fen, daß es nicht schlimm wird. Natür­lich wird es nicht schlimm. Sie wis­sen es. Näm­lich: “Schlimm ist, bei Hit­ze ein Bier sehen, das man nicht bezah­len kann.”

Man darf in die Hal­le. Man hört Höcke zu, wie er begrüßt. Man ver­nimmt Reden, man sieht, spürt die Rou­ti­ne, die Pro­fes­sio­na­li­tät, das Orches­trier­te, die Span­nungs­lo­sig­keit des Akts, der not­wen­dig ist, eine Ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­heit ist und auf dem Sie­ges­zug en pas­sant erle­digt wird. Man sieht einen Bun­des­vor­stand sich fül­len, ver­jün­gen, man sieht die Auf­stel­lung, die Kon­stel­la­ti­on, man sieht kei­ne Gewit­ter­wol­ke auf­zie­hen. Man sieht Tätowierungen.

Man sieht das Phä­no­men Wei­del, man sieht das Phä­no­men Sieg­mund, sieht ihn anders agie­ren als alle ande­ren, sieht, wie er dem taz-Redak­teur die Hand schüt­telt und ihm mit char­man­ter Kri­tik den Wind aus den Segeln nimmt. Man sieht den Pres­se­pulk in der Flau­te vor der Insel dümpeln.

Es waren, nach­dem die AfD ent­stan­den war, inter­es­sier­te, klu­ge Jour­na­lis­ten ergrün­dend unter­wegs. Sie sahen etwas Neu­es und beschrie­ben es. Zwei Jah­re spä­ter las man nur noch Ein­ge­ras­te­tes, las Stan­zen, Flos­keln, Attri­bu­te, ver­nahm die unver­hoh­len denun­zie­ren­de, kri­mi­na­li­sie­ren­de, ver­ächt­li­che Spra­che, das Mühe­lo­se, das Ein­ge­reih­te, dann ver­ba­len Marsch­block. Nun trifft man wie­der auf wel­che, denen das nicht mehr reicht. Man sieht, wie jun­ge Köp­fe aus­sche­ren. Man erklärt die Not­wen­dig­keit der polier­ten Ober­flä­che vor Wah­len und die, nach den Wah­len den Weg in den Maschi­nen­raum zu kennen.

Man bekommt ein Bier gereicht, end­lich, und eine Ziga­ret­te. Man redet zuen­de, man strömt zum Bus, letz­te Rei­he, dort Chris­toph Berndt. Gut. Sehr gut. Man resü­miert, kommt an, Poli­zei­spa­lier, man dankt, man ver­ab­schie­det sich, man hört kein Radio, man weiß längst: Jour­na­lis­ten sind ver­prü­gelt wor­den, weil sie der Anti­fa zu nahe kamen. Man über­holt Bus­se, die unter­wegs nach Leip­zig und Dres­den sind. Man weiß, daß vie­le dar­in schlech­te Lau­ne haben. Man weiß von ihren Phan­ta­sien. Man weiß, daß sie “Bul­len” sagen und “Faschis­mus”. Es ist nicht ganz egal.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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