Die sich linkisch benehmen und nicht in der Lage sind, durch ein offenes Wort die Situation zu klären. Alles, was sie tun, gerät ihnen zum Gegenteil. Zu einer tragischen Figur wird so ein Mensch, wenn sein Beruf darin besteht, eine Autoritätsperson zu sein.
Der tagebuchschreibende Landpfarrer ist so ein Mensch. Der nicht mehr ganz junge Mann bekommt 1920 seine erste Gemeinde zugewiesen, ein Dorf im nördlichen Frankreich: „die Häuser dicht gedrängt, armselig unter dem Novemberhimmel“. Er trifft dort auf eine Mauer aus Ablehnung und Unverständnis:
Meine Pfarrgemeinde ist von Gleichgültigkeit zerfressen, von Lethargie […]. Eine Krankheit, mit der man sehr lange leben kann.
Der Pfarrer, den nur das Gebet vor der Verzweiflung bewahrt, nimmt sich viel vor: regelmäßige Besuche bei den Gemeindemitgliedern, die Gründung eines Fußballvereins, ein gutes Verhältnis zur gräflichen Familie, fesselnden Kommunionunterricht für die Kleinen und vieles mehr.
Nichts gelingt ihm. Der Graf ist mißtrauisch, seine Vorgesetzten sowieso, die Kinder treiben ihren Schabernack mit ihm, und das Dorf denkt, er sei ein Trinker, weil er aufgrund von Magenproblemen, die sich bald als tödlicher Krebs herausstellen, nur Brot und Wein zu sich nehmen kann (und ein entsprechend erbärmliches Erscheinungsbild abgibt). Dabei ist er bettelarm, muß sich Geld leihen, mit dem er nicht umgehen kann.
Sein einziger Vertrauter ist ein älterer Pfarrer, der eine Nachbargemeinde betreut, und der in fast allem das Gegenteil des Tagebuchschreiber ist: füllig, lebensfroh, abgeklärt, wohlhabend, aber dem Landpfarrer väterlich zugetan.
Der Roman, 1936 erschienen, ist das erfolgreichste Buch von Georges Bernanos (1888–1948), das nicht nur in Frankreich ein Bestseller war und verfilmt wurde, sondern auch in Deutschland noch im gleichen Jahr erschien und hundertausendfach Verbreitung fand.
Bernanos verfaßte neben Erzählungen und Romanen zahlreiche Essays, die sich mit politischen und religiösen Fragen befassen. Als Student beteiligte er sich an monarchistischen Aktionen, saß dafür im Gefängnis, gehörte zur Action Francaise von Charles Maurras und zum syndikalistischen Cercles Proudhon, sagte sich später aber von derlei Unternehmungen los. Er heiratete eine Frau, die in gerader Linie von einem Bruder von Jeanne d’Arc abstammte und bekam mit ihr sechs Kinder. Die Kinder und kindlich-naive Erwachsene wie der Landpfarrer, stehen im Mittelpunkt seines Werkes, weil er ihnen einen besonderen Zugang zu Gott zuschreibt.
Bernanos hat das tatsächlich großartige Tagebuch eines Landpfarrers selbst als etwas ganz Herausgehobenes in seinem Werk betrachtet: „Ja, ich liebe dieses Buch. Ich liebe es, als wäre es nicht von mir. Die anderen habe ich nicht geliebt.“ Das klingt angesichts der traurigen Geschichte, als bestünde für Bernanos das irdische Leben vor allem im Leiden und der Vorbereitung auf das Jenseits. Daß Gott auch in dieser Welt anwesend ist, wird aber nicht nur am Landpfarrer selbst, sondern auch an einigen anderen Personen des Buches deutlich.
Die Form des Tagebuchs gibt Bernanos zudem die Gelegenheit, die Themen, die ihn beschäftigen, ausführlich zu diskutieren. Neben der Gleichgültigkeit ist das die die Frage, ob Christus die Armen ganz besonders liebt.
Die Neuausgabe des Buches leistet zum Verständnis dieser Debatten wertvolle Dienste. Der Anhang bietet neben dem Nachwort einen ausführlichen Kommentar zum Text, eine Charakterisierung der Hauptpersonen und ein alphabetisches Glossar. Der Herausgeber, Bernhard Lang (*1946), ist als katholischer Theologe und Religionswissenschaftler in der Lage, den Roman in den zeitlichen und religiösen Kontext einzubetten. Dazu mag ein Blick in die Erläuterung der Armut genügen, die „zumindest die heutige Leserschaft mit einer ihr unbekannten und zweifellos fragwürdigen Mystifikation“ überrascht.
Lang trägt einiges zur Aufklärung dieser Frage bei, allerdings hätte man gern gewußt, wovon ein Pfarrer damals leben mußte, da der Landpfarrer sich kaum das Notwendigste leisten kann. Hinzu kommt, daß Bernanos bei aller Mystifikation immer wieder die Bedeutung der Erbanlagen betont. Der Landpfarrer, der aus armseligsten Verhältnissen stammt, hatte Trinker zu Vorfahren, was sein Leiden erklärt. Erlöst wird er trotzdem. Lang zufolge hat Bernanos beim Leidensweg des Landpfarrers einige Parallelen zum Leben Jesu eingebaut.
Was fehlt, ist eine Aussage zu der Frage, warum es eine Neuübersetzung des Textes brauchte. Verstreut finden sich Hinweise, daß Bernanos, der das Buch am Caféhaustisch als Fortsetzungsroman für eine Zeitschrift schrieb, durch die Hast ein paar Fehler gemacht habe, z.B. Pfeife und Zigarette verwechselt, die in der Neuübersetzung bereinigt wurden.
Das war allerdings auch schon bei der klassischen Übersetzung von 1936 teilweise der Fall. Beim Vergleich beider Übersetzungen wird deutlich, daß die Sprache modernisiert wurde. Mitunter zum Vorteil, aber nicht immer. Die Phrase „dann macht es wenig Sinn“ ist vielleicht modern, aber kein gutes Deutsch.
Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers. Berlin 2026, 454 Seiten, 38 Euro – hier bestellen
Gracchus
Das lese ich auch gerade. Die neue Übersetzung liest sich wesentlich flüssiger. Über die Wendung "macht Sinn" bin ich auch gestolpert. Lässt sich aber rechtfertigen, weil der Pfarrer sich ja an der Alltagssprache orientiert; kenne das Original und dessen Sprachniveau nicht. Da der Text aber insgesamt aufgrund der behandelten Themen eine gewisse Patina hat, wirkt die Wendung anachronistisch.