Tja, was soll man dazu sagen? Daß Verlage nicht hellsichtig sind? J.K. Rowlings Harry Potter- Manuskript wurde von einem Dutzend Verlage abgelehnt, bevor es angenommen wurde und die Bücher sich millionenfach verkauften. Einer der angeschriebenen Verlage soll Rowling sogar dies geantwortet haben:
Hören Sie auf zu schreiben und suchen Sie sich einen richtigen Job.
Vermutlich hat sich dieser Verlagsmitarbeiter einige Jahre später so richtig wütend in den Hintern gebissen.
Bei einem befreundeten Verlag gab es vor vielen Jahren Ähnliches. Ich möchte Titel & Umstände nicht benennen, es war damals ein brandneuer Lifestyle, etwas esoterisch. Der Freundverlag hatte damals die Zeichen der Zeit nicht erkannt – und damit entging ihm ein Millionengeschäft, da dieses Buch (und zwei Nachfolgebände), woanders publiziert, monatelang auf der Bestsellerliste stand.
Es gibt ungezählte ähnliche Beispiele. Vom Winde verweht von Margaret Mitchell kassierte 38 Ablehnungen, verkaufte sich dann etwa 30 Millionen mal und gewann den Pulitzer-Preis. (Von der Zuneigung Goebbels‘ und Hitlers zum Stoff mal zu schweigen.)
Stephen Kings Carrie soll seine Ehefrau aus der Mülltonne geborgen haben. 30 Verlage hatten es abgelehnt – es wurde zu seinem Durchbruch. Ähnlich mit Herr der Fliegen / Lord of the Flies von William Golding: x‑fach abgelehnt, heute Schulstoff. Das kann passieren!
Bei Antaios gehen zwischen fünf und zwanzig Manuskripte pro Monat ein – zwanzig, wenn wir gerade „in den Medien“ waren oder eine Veranstaltung wie die Büchermesse Seitenwechsel gelaufen ist. Weniger, wenn weniger los ist.
Wir nun haben eine andere „Veröffentlichungspolitik“ als die großen Publikumsverlage. Beispielsweise arbeiten wir nicht mit Agenturen zusammen, die bereits „vorsortiert“ haben. Und: Unsere Publikationen liegen weder im lokalen Buchhandel aus, noch werden sie von Hauptstrommedien besprochen. Gerade diese Tatsachen sind eminent bei unserer… soll ich sagen “Ablehnungspolitik”?
95% Ablehnung unverlangt eingereichter Manuskripte kommt aber ungefähr hin. Ich will es erklären. Denn nichts daran ist „arrogant“ – auch wenn ich den Einreichern oft nur knapp bescheide, daß ein Veröffentlichungsangebot nicht „in unser Verlagsprogramm passe“.
Gut die Hälfte der eingereichten Schriften ist „autobiographisch“:
- Als Säugling die Flucht miterlebt, danach Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten, nebenbei eine gewisse Politisierung inklusiver wilder Wortwechsel am Arbeitsplatz, dann Unruhestand – das ist so der Klassiker.
- Oder: Im satten Westen großgeworden, in der späten Ära Kohl gemerkt, daß „Deutschland nicht wirklich souverän“ ist, hernach heftiger werdende Streitereien mit der Ehefrau (die den Grünen zuneigt), dann Schlußstrich, dann Goodbye Germany, hello Thailand.
- Oder: Wie ich in den Nullerjahren an der Uni politisiert wurde und dann durch vielfältige Dialoge herausfand, daß diese Ideologien eigentliche alle Mist sind.
- Oder: „Ich bin nun 83 und habe mir eine kohärente Philosophie erarbeitet, die alle Dinge des Lebens umfaßt. Zum Ersteindruck empfehle ich Ihnen Kap. 5 [87 Seiten], das den Punkt Arbeiterschaft abhandelt. Ich war bis 2018 SPD-Mitglied und weiß bei Gott, wovon ich rede.“
Ich nehme den Drang, so etwas niederzuschreiben, ernst. Hinter all diesen Geschichten stehen nicht nur echte Erfahrungen, sondern auch die Mühe, diese Erinnerungen monate- oder jahrelang in eine Ordnung und zu Papier zu bringen – von der emotionalen Arbeit mal ganz zu schweigen.
Ich erhalte Manuskripte von Leuten, die mir schreiben, sie hätten anderthalb Jahrzehnte an „diesem Stoff“ gesessen! Mir ist klar, wie brüskierend dann ein schnödes “Danke! Aber nein danke” wirken kann. Oft ist der Stoff ja wirklich ergreifend, und dann tut’s mir auch leid, nicht sehr ausführlich darauf eingehen zu können und wenigstens in eine innige Mailfreundschaft einzusteigen.
Nun: Es gibt keine uninteressanten Menschen, allenfalls uninteressierte Leser. Aber auch letztere gilt es in Schutz zu nehmen. Denn: Fast jeder Mensch kann mit ulkigen Schnurren und seltsamen oder gar erschütternden Begebenheiten aus dem eigenen Leben aufwarten. Plötzlicher Tod im Bekanntenkreis, jähe Erkenntnisse, radikale Lebenswenden, der Wunsch, „dies mal alles schriftlich zusammenzufassen“ – das ist sehr häufig.
Ich rate jedem, der diese Ambition verspürt, alles aufzuschreiben, dann um 15% – 25% zu kürzen (wichtig) und es dann für die Nichten, Neffen und Enkel auszudrucken. Ich selbst giere nach Lebenserinnerung meiner Leute, die vor mir waren. Ich hab sie früh auf Kassetten aufgenommen oder sie mir schriftlich geben lassen.
50% des eingereichten Schrifttums sind also autobiographisch. Bleiben 50%. Viel darunter ist „moderne Literatur“.
Punkt 1: Wir verkaufen zeitgenössische Belletristik sehr schlecht. Schauen Sie sich Fall und Aufstieg der Familie Gottmann an, war ein Versuch, es gelang nur halb. Ich finde den Roman wirklich gut. Er ist rasant, hinterfotzig und vielsagend zugleich, jedenfalls äußerst gekonnt runtergeschreiben. Ich vermute, wäre er in einem der großen Publikumsverlage erschienen, hätte er in Buchhandlungen ausgelegen, hätte er Wellen geschlagen. Bei uns nicht. Wir verkaufen immer noch die erste Auflage. Wir haben eine Sachbuchleserschaft.
Punkt 2: Man denkt sich als Einreicher von Manuskripten vielleicht so, pah, Schreiben kann doch jeder! (So sind die Zeiten, daß sie das nahelegen.) Aber das stimmt nicht. Nicht jeder, der wahnsinnig gern liest, ist auch ein Autor. Das wird leider oft verwechselt. Eine tolle Idee für eine aufregende Geschichte zu haben reicht leider nicht aus. Schriftstellerische Qualitäten zu haben – das ist eine Gabe! Eine seltene!
Bleiben die echten „Sachbücher“. Oft erreichen mich Manuskripte, die bereits ein „fertiges Cover“ haben, „durchkorrigiert“ und schon “gesetzt” sind. Das ist liebgemeint, aber so läuft es nicht. So läuft es übrigens in keinem einzigen Verlag.
Der gangbare Weg wäre: Man reicht einen Text ein. Für die Sezession, oder für den Blog hier. Einen „Aufriß“ zum gewählten Thema, irgendwas zwischen 8.000 und 20.000 Zeichen.
Das wird begutachtet, vielleicht gedruckt oder gepostet, und womöglich wird daraus dann ein ganzes Buch mit 188 oder 314 Seiten, oder ein 96seitiges kaplaken.
Falls ich nun Illusionen vernichtet habe, tut es mir leid. Aber dies ist eben die Wahrheit über das Verlegertum.