Irgendjemand im Technik-Support der rechten spanischen Organisation NN hat nicht aufgepasst. Und schwups wurde die Seite von Linken gekapert. NN musste eine neue Domain anlegen. Ziemlich lustiger Hack. Aber der zugedröhnte KI-Adolf ist dann schon das Ende der Fröhlichkeit, denn die Situation rund um den NN erscheint aus unterschiedlichen Perspektiven außerordentlich ernst.
Offizielles Gründungsdatum des Aktivisten-Vereins war vor rund zwei Jahren, im August 2024. Der Vereinszweck war wie folgt definiert:
actividades culturales y deportivas, promover el conocimiento de la historia de España, actividades al aire libre que ayuden a proteger y respetar el entorno natural como parte de nuestro patrimonio.
Kultur und Sport, Geschichte und Outdoor-Aktivitäten, sowie respektvoller Umgang mit der Umwelt als Teil unseres gemeinsamen Erbes. Klingt nett. Die schwarzen NN-Masken während des „taktischen Trainings“ sorgten allerdings für Unruhe in den Medien. Und die Tatsache, dass man „Europäer“ sein muss, um dem Verein beizutreten?
NN war eine rechte Reaktion auf die linke Verschiebung im politischen System Spaniens. Inoffizieller Gründungsmoment der Bewegung war bereits weit vor dem Register-Eintrag, als die Frage der Amnestie von katalanischen Separatisten eskalierte.
Rückblick: Katalonien ist bei den wirtschaftlichen Rahmendaten überlegen. Durch nationalen Finanzausgleich fließt sein Überschuss, vereinfacht formuliert, anderen spanischen Regionen zu. Das führte zu Sezessions-Fantasien.
Im Oktober 2017 wurde ein Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt, auf dessen Basis der Regionalpräsident Carles Puigdemont die Abspaltung Kataloniens verkündete. Das ging nicht lange gut, denn das Verfassungsgericht erachtete das Referendum als illegal. Insgesamt erhielten neun Politiker lange Haftstrafen. Nicht aber die Leitfigur Puigdemont. Er floh ins Ausland.
Puigdemont kam auf die internationale Fahndungsliste. Der spanische Geheimdienst CNI ermittelte ein Fahrzeug seiner Freunde und platzierte einen Peilsender. Am 25. März 2018 wurde der Rebell in einem Renault auf der deutschen A7 hinter der dänischen Grenze abgefangen und in die Justizvollzugsanstalt Neumünster verbracht. Spanien erhoffte sich eine schnelle Auslieferung.
Das OLG Schleswig war anderer Auffassung. Sezessionist Carles Puigdemont konnte nicht wegen „Rebellion“ ausgeliefert werden, weil der spanische Straftatbestand im deutschen Recht nicht dem „Hochverrat“ entspricht. Die Presseerklärung verdeutlicht,
ein Ausmaß an Gewalt, wie es die Vorschrift des Hochverrats vorsehe, sei durch die Auseinandersetzungen in Spanien nicht erreicht worden. Eine Strafbarkeit wegen Landfriedensbruchs scheide aus, weil es Carles Puigdemont lediglich um die Durchführung des Referendums gegangen sei. Er sei kein “geistiger Anführer” von Gewalttätigkeiten gewesen. (…) Der Senat hat auch eine Strafbarkeit unter dem Gesichtspunkt des Landfriedensbruchs (§ 125 StGB) verneint.
So blieb nur eine Auslieferung wegen Veruntreuung, also wegen Nutzung staatlicher Gelder für die Durchführung des Referendums. Aber das war Spanien zu lahm. Sie wollten keine halben Sachen. Puigdemont verschwand nach Belgien und lebt dort angeblich bis heute.
Warum ist dieser Rückblick wichtig? Weil er den zentralen spanischen Konflikt verdeutlicht, der zu den Verwerfungen von 2023, dem Gründungsmoment des Nucleo Nacional und der anhaltende Eskalation rund um die spanische Identität führte.
Linke Kräfte in Spanien bemühen sich seit Längerem um Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Teile und herrsche“ wurde in eine Politik übersetzt, die vordergründig regionale Besonderheiten vom Baskenland bis in den Süden wertschätzt. Man führt sogenannte Ko-Amtssprachen ein.
Was sich aus deutscher Sicht vielleicht wie eine niedliche Dialekt-Petitesse anfühlt, gerinnt auf Kongressen der PSOE zu paradoxen politischen Leitlinien:
Die sprachliche und kulturelle Pluralität ist Teil der Identität Spaniens als Nation.
Autoritäre Sozialisten empfinden bürgerliche Einheit grundsätzlich als Bedrohung. Diese Gefahr für ihren infinitiven Führungsanspruch versucht die PSOE zu neutralisieren, indem man eine Gesellschaft in unüberschaubare schützenswerte Minderheiten – nötigenfalls mit Ko-Amtsprachen – fraktalisiert, die dann vom einzig verbliebenen Kontrollgremium, dem linken Staat, am Gängelband durch die Manege gezogen werden können.
Der VOX-Vorsitzende Santiago Abascal nannte es ein „System der Spaltung aller Spanier“. Der deutlichste Ausdruck dieser Spaltungs-Ideologie zeigte sich bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im Juli 2023. Die konservative PP wurde stärkste Kraft und die AfD-ähnliche VOX legt ebenfalls zu. Sozen-Sanchez von der PSOE will aber nicht loslassen. Er bastelt sich eine Parlamentsmehrheit, indem er die katalanischen Regional-Rebellen begnadigt und sich damit deren Zustimmung im Abgeordnetenhaus sichert. Machterhalt mit allen Tricks.
Folge waren im November 2023 massive Proteste der Bürger gegen diesen Deal, welche sich als „Noviembre Nacional“ ins Gedächtnis der Spanier brannten. Vor der PSOE-Zentrale etablierte sich die Idee einer nationalen Sammlungsbewegung mit fließendem Übergang zwischen dem eingetragenen Verein des Kürzels NN (Nucleo Nacional) und der Volkswut mit gleichem Akronym (Noviembre Nacional).
Mit dem Kampf gegen die islamische Invasion, die staatliche Korruption und die gesellschaftliche Erosion entwickelte sich NN über weitere drei Jahre still aber nachhaltig. Im Februar 2026 wurde eine Partei unter dem Namen „Noviembre Nacional“ als politischer Arm des Vereins „Nucleo Nacional“ registriert.
Seitdem ist die Aufregung groß. Schon die rechte VOX verstand Polit-Marketing als integralen Bestandteil der demokratischen Aufgabe und wirkte oft frischer, lässiger, kraftvoller als das Establishment. Vermutlich war es kein Nachteil, dass Lidia, die Ehefrau des VOX-Vorsitzenden Santiago Abascal, PR und Werbung studiert hat und eng ins Umfeld integriert wurde.
Die neue NN verschärft das Thema Markengestaltung noch. Auf der Homepage ist es ultra-schwarz mit Runen-Logo. Dazu auf allen Kanälen harte Grafik und martialische Bilder, für die man nach deutschem Recht in einigen Fällen den Bademantel bereitlegen müsste. Zum besonderen PR-Spektakel wurde der Moment, in welchem der ehemalige „Vereinsvorsitzende“ zum Start der Partei seine schwarze Maske vom Gesicht zog:
Weil die Sache über allem steht, hat die Parteiführung entschieden, dass wir, die dieses Projekt führen und die größte Verantwortung gegenüber unserem Volk tragen, von nun an mit offenem Gesicht zu euch sprechen werden.
Der Übergang von Verein zu Partei soll dazu dienen,
unsere Bewegung gegen Angriffe der staatlichen Institutionen abzusichern und unsere Ideen zu verteidigen. Von nun an werden wir für unsere Überzeugungen kämpfen, indem wir die Instrumente des bestehenden politischen Systems selbst nutzen.
Eine Kampfansage, da gibt es nichts zu interpretieren. Kein Wunder bei der desolaten Situation der spanischen Politik in vielen Bereichen. Zwar hat das Land sich im BIP gut entwickelt, aber die verbesserte Lohn-Situation wird von der Preisspirale der Miete in Ballungsräumen aufgefressen. Der gestiegene Median der Erwerbseinkünfte in Spanien (ca. 1500,- Euro) trennt sich bei genauerer Betrachtung wieder in sehr separierte Alterskohorten.
Vereinfacht gesagt gilt auch in Spanien: Boomer mit abbezahlter Hypothek versus jüngere Haushalte, die nicht wissen, wie man bei einer demokratisch fahrlässig legitimierten Bruttozuwanderung von 1,3 Mio Menschen (2024, netto 630.000, 85% Non-EU) ein paar bezahlbare Quadratmeter finden soll, um Kinder großzuziehen.
Dazu Korruption bis in höchste Kreise, gleichmäßig verteilt auf das Kartell aus PP und PSOE. Mal Schmiergelder bei öffentlichen Bauprojekten, mal Kickbacks bei Corona-Masken-Deals. Der Bruder des Ministerpräsidenten erhielt einen neunjährigen Ausschluss von öffentlichen Ämtern. Die Ehefrau von Sanchez musste ihren Ausweis bei den Behörden hinterlegen, damit sie sich während des aktuellen Korruptionsprozesses nicht ins Ausland absetzen kann.
Aber Geld ist nur das eine Problem. Viel netter wäre doch, wenn man vom Einkaufen nach Hause gehen könnte, ohne von einem Migranten auf offener Straße mit einer Machete zerstückelt zu werden? Pastor Diego Valencia aus Algeciras hatte zum Beispiel nicht das Glück.
In der Region Murcia sammeln sich Bürger Nächtens zu Streifengängen. An den Stränden der Costa del Sol finden Jogger morgens im Wasser dümpelnde Narcolanchas und Pateras, also verlassene Boote von Drogenhändlern und Schleppern. Die Videoaufnahmen der migrantischen Invasion rund um die spanische Enklave Ceuta an der marokkanischen Küste gegenüber Gibraltar zeigt die Zerstörung spanischer Integrität live in den Sozialen Medien. Dass Regierungschef Sanchez trotzdem erwägt, mindestens eine halbe Million Migranten nachträglich zu legalisieren, kann man wohl nur als üblichen Versuch werten, das Elektorat zu manipulieren und die eigene Bevölkerung in Duldungsstarre gegenüber einer immerwährenden sozialistischen Kleptokratie zu versetzen.
Die neue Partei Noviembre Nacional hält dagegen. Man bezieht sich bewusst auf christliche Werte. Mit Kreuz im Logo. Man sträubt sich noch nicht einmal gegen offene Diskussionen über Rasse und inkompatible Religionen. Man fordert einen Kampf für nationale Einheit.
Präsident und Grüß-August der NN ist Enrique Lemus, eine seit Jahren bekannte, aber relativ unbedeutende Figur der rechts-nationalen Politik. Die wirklich treibende Kraft dahinter sind die Brüder Ivan und David Rico Olivares. Ihr Vater, Enrique Rico Perez, war Regionalpolitiker der PP, des spanischen CDU-Pendants.
Ivan und David sind Aktivisten mit Tatendrang, Marketing-Know-how und Social-Media-Affinität. Sie sind der Grund, warum das spanische Establishment nervös wird. Hier passiert Politik auf einer schnelleren, bildmächtigeren Ebene und mit einem Merchandising-Shop ohne Gummibärchentüte und Kugelschreiber. Cap, Shirt, Flagge.
Hier entstehen Aktionen im optischen Windschatten der global erfolgreichen Thriller-Serie „Haus des Geldes“ (La Casa de Papel), in der ein Team mit roten Overalls und weißen Dali-Masken unter anderem einen Coup gegen die Zentralbank Spaniens plant. Ein rebellisches Narrativ aus Robin-Hood-Elementen, Kritik an Institutionen und einer Negierung des aktuellen Finanz-Systems im Sinne Berthold Brechts: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
Die Zukunft der NN ist überhaupt nicht abzuschätzen. Verstolpern sie sich in ihrer eigenen Begeisterung? Entdeckt man im Kader dunkle Gestalten und Taten, die zur Auflösung der Partei führen? Infiltriert der Staat die Organisation gleich selbst, um Skandale zu produzieren? Wie werden sich erste Wahlergebnisse entwickeln? Und wie die Anschlussfähigkeit an das rechte Establishment? Führt der Eintritt der NN in den demokratischen Prozess sogar zu einer Schwächung von VOX in den jungen Zielgruppen? Und werden Wahlforscher diesen verzweifelten Weg junger Spanier dann als Verringerung der rechten Mehrheits-Chancen belächeln?
Fans der Brüder Ivan und David Rico Olivares lassen sich davon nicht beirren. Für sie ist die NN eine Neuauflage der Reconquista. Nach der Besetzung durch Muslime startete der spanische Widerstand damals um das Jahr 720 aus dem Engagement kleiner christlicher Gruppen in Asturien und benötigte einige Hundert Jahre, um Spanien wieder komplett vom Islam zu befreien.
Zu Ehren dieser Entschlossenheit trägt bis heute jeder spanische Thronfolger bis zu seiner Amtsübernahme den Titel „Principe de Asturias“. Ob Felipe VI. sich an die Herleitung erinnert und zukünftig die NN unterstützt?