Lügt Physiognomie?

„Physiognomie lügt nie“. – Das ist nun bereits ein relativer oller Spruch, der sich aber häufig & treffend anbringen läßt. Ein rechtes, kerniges Bonmot.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Hat ja auch was für sich: Du siehst – bei den radi­kal Lin­ken – all die­se hoch­pro­ble­ma­ti­schen Visa­gen, in denen min­des­tens sie­ben schwe­re Pro­ble­me ein­ge­gra­ben sind. Es sind manch­mal klas­si­sche FASD-Gesich­ter, oder der flie­hen­de Kie­fer, die sin­ken­de Stirn, hef­ti­ge Asymmetrien.

Oder du siehst die­sen berühm­ten Pro­blem­po­ny, den sich Mäd­chen gern schnei­den, nach­dem sie als Frau­en mit 19 oder 24 aus dem Kaff in die Uni­ver­si­täts­stadt gezo­gen sind. (Wer sagt denn, daß Phy­si­gno­mie rein ange­bo­ren ist? Rich­tig: nur die Gen-Fetischisten!)

Du siehst, wie sich die Mund­win­kel ver­än­dern, wenn jemand links wird. Das klas­sisch hän­gen­de, “nega­ti­ve” Gesicht, ver­ur­sacht durch den Mus­cu­lus depres­sor angu­li oris ist aller­dings erst bei älte­ren Frau­en schmerz­haft sicht­bar und hat inter­es­san­ter­wei­se zwei syn­oy­me Volks­na­men: Mario­net­ten-Fal­ten und „Mer­kel-Fal­ten“. Man kann aller­dings offen­bar bereits in jun­gen Jah­ren den Anlauf dazu neh­men, mög­lichst ver­bit­tert zu wir­ken. Ich ver­zich­te auf Bild­be­wei­se. (Legi­on.)

Johann Cas­par Lava­ters (1741–1801) Phy­sio­gno­mi­sche Frag­men­te zur Beför­de­rung der Men­schen­kennt­niß und Men­schen­lie­be (= Mam­mut­werk) sind online ver­füg­bar. Lava­ter, ein Freund von Goe­the, ist nicht nur Vater der „Phy­sio­gno­mik“ – er selbst hat­te extrem dün­ne Lip­pen. Das weist stets (Mut­ter Tere­sa als eine Aus­nah­me von der Regel) auf man­geln­de Gene­ro­si­tät, ver­knapp­ten Eros und Selbst­be­züg­lich­keit hin – nur am Rande.

Lava­ters Werk ist hoch­in­ter­es­sant, aber den­noch eines der Eng­füh­rung, der man­geln­den Ambi­va­lenz. Denn natür­lich ist „Phy­sio­gno­mie lügt nie“ in Wahr­heit eine hoh­le Behaup­tung! Ernst Jün­ger und Carl Schmitt waren sehr klein, und wer wür­de von Joseph de Maist­re als einem „schö­nen Mann“ spre­chen? Und nie­mand wür­de die­sen Män­nern ihre Bedeu­tung absprechen.

Auch Sokra­tes war wohl früh Glat­zen­trä­ger mit Bauch. Er soll her­vor­quel­len­de Augen und extrem wuls­ti­ge Lip­pen gehabt haben.

Ähn­li­ches gilt für Frau­en: „Rein phy­sio­gno­misch“ wür­de man die Manage­ment­trai­ne­rin und Best­sel­ler­au­torin Vera Bir­ken­bihl (1946- 2011) für eine „lie­be Omi“, eine klas­si­sche Östro-Frau ohne geis­ti­gen Anspruch gehal­ten haben. Nichts weni­ger als das war sie. Sie war gera­de­zu das Gegen­teil von dem, wie sie aus­schau­te. Sie war eine Den­ke­rin, Mache­rin, ein Hirnwesen.

Oder Geor­ge Eli­ot (1819–1880), die tat­säch­lich wie eine „klas­si­sche Tran­se“ aus­sah, uns aber groß­ar­ti­ge Bücher hin­ter­las­sen hat (ohne Trans-Anti­zi­pa­ti­on). Phy­sio­gno­mie lügt also – manchmal.

So sind unse­re Seh­ge­wohn­hei­ten – die natür­lich auf Erfah­rungs­wis­sen (“Vor-Urtei­len“) beruhen.

Unse­re Phy­sis gibt Aus­druck von uns, ja, aber eben oft nicht ganz und auch nicht immer. Ich selbst bin eine gro­ße Freun­din von soge­nann­ten Vor­ur­tei­len. Ich nen­ne das Men­schen­kennt­nis. Eben­so gern bin ich eine Freun­din der Offen­heit, mich eines Bes­se­ren beleh­ren zu lassen.

Nun hat vor etli­chen Tagen die Juris­tin und Publi­zis­tin Lia­ne Bednarz fol­gen­den Tweet über Rena­te Kün­ast absetzt:

@EKositza hat mal gesagt, dass die Phy­sio­gno­mie auch etwas über den Cha­rak­ter sagt. Hier sieht man es. How on earth kann man als Frau ein so ver­bit­ter­tes Gesicht haben? Der­art nach unten gezo­ge­ne Gesichtszüge?

Ich bin mit Bednarz seit Jah­ren freund­schaft­lich ver­bun­den. Wir ken­nen uns gut, respek­tie­ren uns nicht bloß, wir mögen uns. Welt­an­schau­lich trennt uns hin­ge­gen man­ches, poli­tisch noch viel mehr. Da tren­nen uns gar Wel­ten! Wie gut, daß es sowas wie Waf­fen­still­stand gibt, denn genau das ist „Ver­stän­di­gung über die Gren­zen hinweg“.

Dies mag eine genu­in weib­li­che Sicht oder Her­an­ge­hens­wei­se sein: Aber es ist wohl mensch­lich. Das ist ech­ter Kitsch­krieg: sich in der Feu­er­pau­se die Hand zu rei­chen. Läuft. Man KANN sich mögen, ohne ein­an­der poli­tisch näherzurücken.

Sie, Lia­ne Bednarz, hat nach die­sem Tweet einen sol­chen Scheiß­sturm (vor allem mei­net­we­gen) kas­siert, daß ich es ihr hoch anrech­ne, daß sie ihn nicht schlicht gelöscht hat. Das wäre sehr ein­fach gewe­sen, viel­leicht sogar „poli­tisch klug“, da sie eine gefrag­te Inter­view­part­ne­rin im Haupt­strom ist.

Was sagt uns nun die Phy­sio­gno­mie? Heu­te gilt das Zeug natür­lich als „Pseu­do­wis­sen­schaft“ – was für mich durch­aus eine pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung ist.

Ich lese wei­ter­hin gern aus Zorn­fal­ten, Mund­win­keln, Haar­an­sät­zen, Gang­mus­tern (Mate­ria­lis­ten gehen „nach außen“, Geis­tes­wis­sen­schaft­ler eher „nach innen“; beob­ach­te mal auf einem Cam­pus, wie Ger­ma­nis­ten lau­fen und wie BWLer!); aus ecki­gen oder run­den oder ova­len Gesich­tern, aus Kinn­grüb­chen und Bauch­for­men, aus strup­pi­gen oder dezen­ten Augenbrauen.

Das läuft eher intui­tiv, ich hab nie ein Line­al ange­legt. Und: Ich mache es rein aus Freu­de an der Erkennt­nis, an einer per­sön­li­chen Sta­tis­tik. Es gibt so eine Lust der Einordnung!

Etwas anders ver­hält es sich ja mit der Phre­no­lo­gie, die im Grun­de eine Schä­del­ver­mes­sung ist und stets auf „Ras­sen­un­ter­schei­dung“ ange­legt war. Das ist ein wich­ti­ger Unter­schied.  Der Unter­schied liegt – geschicht­lich – in der abso­lu­ten Schluß­fol­ge­rung. Wo Schä­del mit Gerä­ten ver­mes­sen wur­den, ging es um wert und unwert. Nie­mand – nie­mand außer­halb von unto­ten Nischen – hat heu­te sol­che Gedanken.

Ich betrach­te mein phy­sio­gno­mi­sches Hob­by, das ich gern & genüß­lich pfle­ge, als klei­ne Küchen­psy­cho­lo­gie. Die soll­te wohl erlaubt sein!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (4)

ofeliaa

11. August 2026 20:48

So viel Energie zu haben, andere Menschen so einzuschätzen oder einzustufen, deutet glaube ich auf ein gutes, entspanntes Leben hin. Ich persönlich habe null Energie, andere Menschen überhaupt zu betrachten. Leider interessieren sie mich auch alle nicht mehr. Ich selbst gehe seit Monaten nun schon im Schlafanzug (ja), in Fake-Birkenstock oder Barfussschuhen raus. Menschen haben über mich von Kindesbeinen an schon alles gedacht und gesagt. Tussi, arrogante Person, konservative Spießerin, Mauerblümchen, Sexgöttin. Jeder bildet sich etwas anderes ein, auch abhängig davon, in welcher Lebensphase ich mich befinde. Früher waren viele neidisch und missgünstig. Ich will das anderen Leuten nicht antun. Ich hoffe, mich da immer beherrschen zu können..selbst in Gedanken.

Kositza: Tip: Einfach aufhören zu überlegen, was andere von Ihnen denken. Denn wie andere Sie einschätzen oder kategorisieren, kann Ihnen doch gar nichts anhaben?

Diogenes

11. August 2026 20:59

Physiognomie. Charimsa. Ausstrahl. Ausform. Naturgewalt in Gestalt! Informung. Was das ist? Kann man ganz konkret im Wahlkampf zwischen Siegmund und Holm unterscheiden. Der eine mit Blitz und Donner im Arsche Weitflüge machend und der andere mit "Habe Aufgehört bevor ich angefangen habe, Einschlaf-Schildkrötenbewegung". 
 
Der eine Wahlkampf .... und der andere irgendwie - also ob mich nicht interessiert, warum Begeisterung existiert! Holm läuft in den geläufigen Wahldingern wie eine Aufziehpuppe herum. Er ist nunmal keine Person die Stimmung macht. Nach Sachsen-Anhalt beleibt es wieder an Thürngen hängen, oder an Sachsen....

Maiordomus

11. August 2026 21:11

Zu dieser Thematik gab es eine epische Debatte betr. Lavater einerseits, dessen Physiognomik bzs. Physiognomischen Fragmente als Frühpsychologie Goethe beeinflusste, und Lichtenberg, der zumal wegen seiner persönlichen "Hässlichkeit" und seinem Buckel nicht physiognomisch, vor allem nicht ganzkörperphysiognomisch wahrgenommen werden wollte. Immerhin gehört die Thematik zu dem, was man später Phänomenologie nannte, notabene aller lebendigen und ev. unlebendigen Erscheinungen. Die Rassismus-Debatte führte dann dazu, die Überbewertung der Physiognomik in eine Unterbewertung zu verwandeln. Noch gut finde ich indes Goethes durchaus unbefangene Betrachtungsweise. Eher ironisch taucht das Thema im Faust auf, wo sich der Teufel über die Physiognomik , die Gretchen angeblich "meisterhaft" versteht, lustig macht, weil er sich tatsächlich durchschaut fühlte. Zur Thematik hat sich auch Nestroy geäussert in seinem Drama über Rothaarigen.   

Martha

11. August 2026 21:17

Da fällt mir spontan das Büchlein von Edward Dutton ein: "How to Judge People by What They Look Like". Es ist schon was dran an der Behauptung.