Ceuta – den Widerstand organisieren (I)

Der Grenzsturm von Ceuta in der letzten Juliwoche hat eine elektrisierende Wirkung auf uns alle. Ähnlich wie nach den Bilder aus den Jahren 2015 an der deutschen Grenze und 2020 in Griechenland war es mir und einigen anderen unmöglich, ruhig zu Hause zu bleiben.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Dabei hat­ten wir alle har­te Mona­te hin­ter uns, und allei­ne die letz­ten Wochen hat­ten es in sich: Am ers­ten Juli­wo­chen­en­de war ich bei einem Vor­trag in Irland. Danach ging’s auf Lese­rei­se, zum Som­mer­fest nach Schnell­ro­da und im Anschluß zur Kund­ge­bung des “Save Euro­pe Acts” in Brüs­sel. Direkt danach fand unse­re Kund­ge­bung in Wien statt.

Als Kubit­schek mir auf Tele­gram schrieb, daß ich es im August etwas ruhi­ger ange­hen sol­le, stimm­te ich ihm inner­lich zu. Ähn­lich ging es vie­len ande­ren Akti­vis­ten, die eben­falls bei den meis­ten die­ser Ereig­nis­se im Voll­ein­satz waren.

Aber Ceu­ta: Ein Kurz­ur­laub, den ich zum Klet­tern in den Alpen nut­zen woll­te, wur­de von mir eben­so abge­bro­chen wie ein Ita­li­en­auf­ent­halt von Manu­el Cor­chia und ein Urlaub von Maxi­mi­li­an Märkl. Bin­nen zwei­er Tagen koor­di­nier­ten wir uns und setz­ten eine Grup­pe von Akti­vis­ten nach Mála­ga in Bewe­gung. Vor Ort küm­mer­te sich Toni Este­vez, der natio­na­le Orga­ni­sa­tor des “Save Euro­pe Acts”, um die Logis­tik. Was hat­ten wir vor?

Ich will eines vor­aus­schi­cken: In weit über 12 Jah­ren iden­ti­tä­rem Akti­vis­mus habe ich, haben wir einen rei­chen Erfah­rungs­schatz ange­sam­melt. Wir wis­sen, wie es geht, wie es schnell geht, wie schnell es gehen muß und was am Ende zählt. Wir haben alle ein­schlä­gi­gen Bücher gele­sen und sel­ber wel­che geschrie­ben. Und wir haben euro­pa­weit Mann­schaf­ten, Stütz­punk­te, zuver­läs­si­ge Leute.

Rasch gab es für Spa­ni­en Plä­ne. Aus mei­ner Erfah­rung weiß ich, daß es in die­sen Fäl­len das Wich­tigs­te ist, erst ein­mal so viel Mate­ri­al und Mann­schaft wie mög­lich am  Ort des Gesche­hens zu mobi­li­sie­ren. Das Wei­te­re ergibt sich, wenn man eine Grup­pe jun­ger, erfah­re­ner und moti­vier­ter Akti­vis­ten zur Hand hat.

Aus Ceu­ta hör­ten wir Wider­sprüch­li­ches. Unklar war auch, wie stark das Mili­tär die Insel abrie­geln wür­de. Daher ent­schlos­sen wir uns, direkt nach Alge­ci­ras zu rei­sen. Die süd­spa­ni­sche Hafen­stadt ist der ein­zi­ge Ankunfts­ort der Fäh­re aus der nord­afri­ka­ni­schen Enkla­ve. Aus unse­rer Sicht war das der Kno­ten­punkt, an dem man die Wei­ter­rei­se der Ille­ga­len auf euro­päi­sches Fest­land ver­hin­dern mußte.

Mein Kern­an­lie­gen war und ist, das Bewußt­sein der spa­ni­schen Bevöl­ke­rung für die Mög­lich­keit des zivi­len Unge­hor­sams zu schär­fen. Unser ers­tes Ziel bestand also in einer sym­bo­li­schen Blo­cka­de des Fähr­ha­fens von Ceu­ta. Dazu wur­de in Win­des­ei­le ein gro­ßes Ban­ner ange­fer­tigt. Toni mie­te­te einen Kas­ten­wa­gen und orga­ni­sier­te im Bau­markt zahl­rei­che blaue Fäs­ser. Maxi­mi­li­an Märkl, der eben­falls im Dau­er­ein­satz steht, brach­te uns eine Ladung Save Euro­pe Act-T-Shirts aus Deutsch­land. Mei­ne Auf­ga­be, Pla­ka­te und Flug­zet­tel aus Wien mit­zu­brin­gen, schei­ter­te lei­der an Ryan­air. Als ich abends am Sams­tag­abend in Mála­ga ankam, fehl­te von mei­nem Kof­fer jede Spur. Mei­ne ers­te logis­ti­sche Auf­ga­be bestand also dar­in, mir eine per­sön­li­che Grund­aus­stat­tung zu kaufen.

Unser Plan war tat­säch­lich etwas aus­ge­feil­ter. Als Ablen­kungs­ku­lis­se für unse­re Mobi­li­sie­rung nach Alge­ci­ras hat­ten wir eine Kund­ge­bung auf einem Platz in der Nähe des Hafens ange­mel­det. Die­se wur­de von der Poli­zei kurz­fris­tig unter­sagt. Über Ver­bin­dun­gen beka­men wir jedoch Kon­takt zu einem spa­ni­schen Anwalt, und wir konn­ten rasch eine wei­te­re Kund­ge­bung nachschieben.

Der Ablauf­plan war, daß wir im Lärm- und Bild­schutz der Kund­ge­bung die Blo­cka­de durch­füh­ren wür­den. Sobald wir vor Ort waren, soll­ten sich die Kund­ge­bung über­ra­schend in Bewe­gung set­zen und zu unse­rer Blo­cka­de sto­ßen. Ziel war es, sie so lan­ge wie mög­lich gewalt­frei auf­recht­zu­er­hal­ten. Der spa­ni­schen Poli­zei woll­ten wir kei­ner­lei Wider­stand leis­ten, um grö­be­re juris­ti­sche Fol­gen und schlech­te Bil­der zu vermeiden.

Aus Grün­den der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­cher­heit wuß­ten vie­le der mobi­li­sier­ten Akti­vis­ten bis zuletzt nicht, wor­um es ging. Als wir uns auf einem Park­platz in Alge­ci­ras sam­mel­ten, erklär­te ich der Mann­schaft, bestehend aus Por­tu­gie­sen, Fran­zo­sen, Schwei­zern, Deut­schen, Spa­ni­ern und Öster­rei­chern, knapp, was wir vor­hat­ten. Fast alle waren an Bord, schlüpf­ten in ihre Akti­ons­hem­den und klet­ter­ten in die Lade­flä­che des Kas­ten­wa­gens. Wir waren schon spät dran, weil sich die Ankunft der Deut­schen ver­zö­gert hat­te und die Demo bereits im vol­len Gan­ge war.

Am Hafen ange­kom­men, lief alles wie am Schnür­chen. Auf mein Kom­man­do stürm­ten 15 Mann und ein Mädel aus Wien los. Bin­nen weni­ger Sekun­den stand unse­re Blo­cka­de. Ben­ga­los wur­den gezün­det und unser Mega­fon hall­te über den Hafen.

Nach weni­gen Minu­ten sah ich auch schon von fern die Fah­nen der Kund­ge­bung von rund 200 Mann, die sich in Bewe­gung gesetzt hat­ten. Lei­der reagier­te die spa­ni­sche Poli­zei zu rasch. Vor dem Ein­tref­fen der Ent­sat­zung stürm­te ein Dut­zend Beam­ter auf uns los. Ent­spre­chend der Anwei­sung leis­te­ten die Akti­vis­ten kei­nen Widerstand.

Als der Demons­tra­ti­ons­zug ein­traf, stan­den wir nicht mehr vor dem Hafen­ein­gang, son­dern etwas abseits. Anspra­chen wur­den gehal­ten, Paro­len gege­ben, doch ich konn­te mich nicht wirk­lich dar­auf fokus­sie­ren. Mein Hirn rat­ter­te, und ich über­leg­te, wie wir die­se Situa­ti­on nun nar­ra­tiv gut klä­ren könn­ten. Die ers­te Mel­dung war schließ­lich, daß wir den Ein­gang zum Hafen besetzt hat­ten. Wenn wir nun nach rela­tiv kur­zer Zeit frei­wil­lig abzie­hen wür­den, wäre die Wir­kung seltsam.

Auch für die Kund­ge­bungs­teil­neh­mer wäre das unbe­frie­di­gend. Mei­ne Über­le­gun­gen wur­den unter­bro­chen, als ich eini­ge offen­sicht­li­che agents pro­vo­ca­teurs von unse­rer Demo kom­pli­men­tie­ren muß­te. All­mäh­lich wur­den Paro­len und Anspra­chen repe­ti­tiv. Man merk­te, daß die Leu­te unru­hig und die Gesich­ter rat­los wurden.

Plötz­lich kam mir der Einfall:

Wir haben den Hafen von Alge­ci­ras blo­ckiert, um dem Volk zu zei­gen, was mög­lich ist, wenn sie nur wol­len, und jetzt bre­chen wir gemein­sam auf nach Ceu­ta, um die Patrio­ten dort zu unterstützen.

Ein spa­ni­scher Akti­vist über­setz­te die Ansa­ge. Jubel bran­de­te in der Men­ge auf. Der Zug setz­te sich in Bewe­gung und ging auf den Fuß­gän­ger­ein­gang zum Fähr­ha­fen zu. Sofort griff die Poli­zei ein. Sie stopp­te die Men­ge, zer­glie­der­te sie, kon­trol­lier­te die Aus­wei­se und erklär­te uns, daß wir nicht nach Ceu­ta über­set­zen dürften.

Vide­os und Pos­tings zu die­ser Rei­se­ver­wei­ge­rung gin­gen auf sozia­len Netz­wer­ken sofort viral, und sie gaben einen per­fek­ten Schluß­ak­kord für die ers­te klei­ne Akti­on. Rasch erklär­ten wir die Kund­ge­bung für been­det, zer­streu­ten uns und sam­mel­ten uns auf dem Parkplatz.

Wir hat­ten star­ke Gegen­bil­der zur Stür­mung von Ceu­ta pro­du­ziert, aber damit waren wir noch lan­ge nicht zufrie­den. Das Mate­ri­al war noch vor­han­den, kei­ner war ver­haf­tet, und der Tag war noch jung. Unser Ent­schluß war klar: Wir fah­ren nach Ceuta!

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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Kommentare (3)

Maiordomus

7. August 2026 22:51

@Sezession. "Aktivist" ist aus meiner Sicht kein eingetragener Beruf, besonders nicht für eine Parteirichtung, welche noch auf die gute alte Polit-Miliz ausgerichtet ist wie zum Beispiel der Malermeister, das Gegenteil dessen, der "Anstreicher" genannt wurde. Eher ein bürgerlicher Beruf ist Filmkritiker, wie mir nach der Lektüre des zwar auf den ersten Blick zwar nicht gerade verlockenden Filmführers Lichtmesz mit Nachdruck aufgegangen ist. Noch beeindruckend Porträtierungen von Tarkowski und Robert Bresson, aber auch der Hinweis auf den Film über den Alcazar von Toledo, den ich vor 45 Jahren mal vor Ort aufsuchte, mit Dokumentation der berühmten Episode des Vaters, der dem als Geisel genommenen Sohn den Befehl gab, sich tapfer erschiessen zu lassen. Hätte ML geraten, zumindest die Gattung Dokumentarfilm nicht auszulassen, ist doch aus aktuellem Anlass der als "rechts" verschrieene Streifen "Africa addio" trotz dem Alter von rund 50 Jahren hochaktuell. Sowas anzuschauen bringt was. Zum Filmen in Ceuta hätte man für alternative Dokumentation es mit  weniger bekannten Hingefahrenen bewenden lassen können. 

Le Chasseur

7. August 2026 23:08

Cool Story, Bro

Andreas J

7. August 2026 23:33

Ich kann mich nur anderen Lobrednern anschließen. Ihre Videos der „Allahu Akbar!“ skandierenden Mobs haben die (konzertiert wirkende) MSN-Berichterstattung zu Ceuta wirkungsvoll konterkariert, gefühlt für mich ein mittiger Schuss auf den „Propaganda-Flugzeugträger“, den wir alle kennen. Respekt für die schnelle Anreise & Koordination.