Seelische Tragödien – NEET

von Nick Proboll -- Stetig wächst die Liste der Zuschreibungen, welche die Seelenlage der Generation Z erläutern sollen. In Zeiten der Corona-Pandemie war von der „depressiven Generation“ die Rede, im Zusammenhang mit dem Aufkommen von TikTok von der „Generation Handysucht“, während der Rentendebatte macht man die „faule Generation“ aus und neuerdings sprechen deutsche Medien hinsichtlich der Jahrgänge 1995-2010 von der „zynischen“ oder der „desillusionierten Generation“.

Sol­che pla­ka­ti­ven Ver­ein­nah­mun­gen sind schwam­mig und wer­den infla­tio­när ver­wen­det. Fak­tisch unter­mau­ert und in die­sem Kon­text von eini­ger Rele­vanz ist hin­ge­gen ein Phä­no­men namens NEET: Das sind jun­ge Leu­te, die “Not in Edu­ca­ti­on, Employ­ment or Trai­ning” sind – also Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­nen, die weder arbei­ten noch stu­die­ren oder einer Aus­bil­dung nachgehen.

Von sol­chen gibt es im glo­ba­len Wes­ten eine stei­gen­de Anzahl. In Deutsch­land waren es im Jahr 2025 über 10% der 15–29-Jährigen (Youth not in employ­ment, edu­ca­ti­on or trai­ning (NEET) | OECD). In der Ang­lo­sphä­re hat sich NEET längst begriff­lich ver­selbst­stän­digt und wur­de zur Chif­fre für den jun­gen Arbeits­lo­sen schlechthin.

Es scheint plau­si­bel, das Phä­no­men als Kon­se­quenz der ange­spann­ten Wirt­schafts­la­ge und der ein­set­zen­den KI-Revo­lu­ti­on, die zahl­rei­che Ein­stiegs­mög­lich­kei­ten in das Berufs­le­ben weg­ra­tio­na­li­siert hat, zu interpretieren.

Die­se Umstän­de tra­gen sicher­lich dazu bei – aber als Ver­tre­ter der Gene­ra­ti­on Z möch­te ich behaup­ten, daß der sys­te­mi­sche beding­te Anteil von NEET das Ver­häng­nis nicht erschöp­fend erklä­ren kann. Die Rea­li­tät, daß ein Zehn­tel der jun­gen Men­schen in öko­no­mi­scher Apa­thie ver­weilt, ist his­to­risch sehr weit von der Norm und erlaubt Rück­schlüs­se auf den NEET als solchen.

Man soll­te doch mei­nen, daß sich allein des­halb im NEET-Anteil der Gene­ra­ti­on Z längst eine gewis­se Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung ein­ge­stellt hät­te, die sich auf den Stra­ßen der gro­ßen Städ­te bemerk­bar macht. Aber nichts der­glei­chen: Sämt­li­che gro­ße Pro­test­be­we­gun­gen der letz­ten Zeit waren strom­li­ni­en­för­mi­ge For­ma­tio­nen der poli­ti­schen Oppor­tu­ni­tät – weder Black Lives Mat­ter noch Fri­days for Future ent­zün­de­ten sich an der kon­kre­ten Rea­li­tät jun­ger Leu­te, son­dern wur­den durch enor­me Medi­en­kam­pa­gnen orchestriert.

Die Sta­tis­tik weist über eine Mil­li­on Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne aus, die per­spek­ti­visch von der gesell­schaft­li­chen Teil­nah­me aus­ge­schlos­sen wer­den könn­ten. Und dies vor dem Hin­ter­grund, daß es nach wie vor beruf­li­che Optio­nen gibt, die bran­chen­weit unter­be­setzt sind – allen vor­an im Handwerk.

Es erscheint vor die­sem Hin­ter­grund nicht ein­leuch­tend, daß NEET ein rein wirt­schaft­li­ches Pro­blem dar­stellt und dem­nach kei­nes­falls ver­gleich­bar ist mit einer der Kon­junk­tur­schwä­che geschul­de­ten höhe­ren Arbeits­lo­sig­keit, wie es sie etwa nach der Ban­ken­kri­se 2008 gab. Eher schon ist NEET ein besorg­nis­er­re­gen­des Sinn­bild für die see­li­sche Gesund­heit jun­ger Menschen.

Ich den­ke, daß bei den meis­ten NEE­Ts eine psy­cho­lo­gi­sche Dis­po­si­ti­on vor­herrscht, die Lorenz Bien in einem luzi­den Essay, der in der Rei­he Kapla­ken erschie­nen ist, auf die For­mel Depres­si­ve Hedo­nie gebracht hat.

Wie Bien aus­führt, befin­det sich ein beträcht­li­cher Anteil der jun­gen Gene­ra­ti­on in einer Suchtspi­ra­le, in der ein vor­herr­schen­des Gefühl der depres­si­ven Ermat­tung durch metho­disch her­bei­ge­führ­ten Lust­ge­winn aus nie­de­ren Quel­len – etwa durch Dro­gen, Video­spie­le oder exzes­si­ven Inter­net­kon­sum – kom­pen­siert wird. In der Fol­ge ergibt sich ein Zustand, in dem jede Anstren­gung, die zwangs­läu­fig Moti­va­ti­on erfor­dert und gar nicht oder zumin­dest nicht sofort von befrie­di­gen­den Gefüh­len beglei­tet ist, undenk­bar wird.

Es ist die­se psy­chi­sche Ver­fas­sung, wel­che die fata­le Antriebs­lo­sig­keit des NEE­Ts ver­ur­sacht. In die­ser Hin­sicht ist das Phä­no­men selbst unter sta­tis­ti­schem Vor­be­halt – auch jun­ge Eltern und Schwer­kran­ke, die aus die­sen Grün­den nicht erwerbs­tä­tig sind, wer­den als NEET klas­si­fi­ziert – ein ers­tes Signal dafür, wohin die Rei­se gehen könnte.

Dabei muß her­vor­ge­ho­ben wer­den, daß vie­le NEE­Ts, die auf­grund ihrer psy­chi­schen Kon­sti­tu­ti­on in die­se Lage gera­ten sind, sehr übel mit­ge­spielt wur­de. Die digi­ta­le Tech­nik, wel­cher die Gene­ra­ti­on Z schon in der Kind­heit aus­ge­setzt war, ist gera­de dazu geschaf­fen wor­den, den Men­schen zum depres­si­ven Hedo­nis­ten zu machen – nur unter die­ser Bedin­gung funk­tio­niert das Geschäfts­mo­dell der Tech-Gigan­ten gewinnmaximierend.

NEET hat schon jetzt mas­si­ve Kon­se­quen­zen für die öko­no­mi­sche Ent­wick­lung Deutsch­lands. Ein Jahr, in dem sich ein Arbeits­lo­ser nicht wei­ter qua­li­fi­ziert und kei­ne Anstal­ten macht, in Lohn und Brot zu kom­men, ist volks­wirt­schaft­lich auf­grund der exter­nen Effek­te, die Arbeits­lo­sig­keit etwa im Sin­ne von unkom­pen­sier­ten Abga­be­aus­fäl­len zei­tigt, stets mit Kos­ten ver­bun­den, die weit über die exis­tenz­si­chern­den Zah­lun­gen hinausgehen.

Die mensch­li­che Tra­gö­die des NEE­Ts hat dem­nach auch erkenn­bar eine poli­ti­sche Dimension.

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