Wirklich flott geschrieben ist die aktuelle Nummer, Der Humor stirbt zu allerletzt. Man liest „mal so rein“ – und prompt gibt es kein Halten mehr, und am Ende (also anderntags) gibt es den schönen Schmerz namens Lachmuskelkater. Autor Martin Hobek erweist sich hier als Sachkundiger und Alleinunterhalter zugleich. Sachkundig, weil er die Geschichte, die Formen und Weisen des Humors sorgfältig seziert.
Wir finden hier Humortheorien, wir nehmen – sehr schön, sehr ambivalent – den Witz im „Dritten Reich“ auseinander, inklusive Abbildungen entsprechender Buchcover: Lachen im Arbeitslager. Das lustige Buch vom Deutschen Arbeitsdienst; Frontsoldaten lachen (in Fraktur), Kriegskamerad Humor. Es gab tatsächlich ein Buch titels Rasse und Humor (1930) des einstigen SPD- und späteren NSDAP-Mitglieds Siegfried Kadner. Kadner pries den „nordischen Humor“ als den einzig wahren. Die Kasper-Figur im Kindertheater definierte er trennscharf als „dinarischen Typus“. Den oft selbstironischen jüdischen Witz wertete er als Eingeständnis in die rassische Verderbtheit.
Oder nehmen wir den Komödianten Werner Finck, der ins Visier der „Kulturkontrolleure“ der Partei geraten war. Diese Leute waren bei den Auftritten leicht auszumachen. Finck, wagemutig: „Soll ich langsamer sprechen? Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?“ Tatsächlich landete der kecke Finck irgendwann im KZ (Esterwegen an der niederländischen Grenze). Dort durfte er sogar ein Kabarettprogramm bespielen, Titel: „Keine Angst, wir sind ja drin.“
Wir fertigen mit Hobek Siegmund Freuds komische wie verquere Witzeinlassungen kundig ab, wir lernen traditionelle Witzfiguren (Klein-Erna in Hamburg, Tünnes & Schäl in Köln, Graf Bobby in Wien und Antek/Franzek in Ostostdeutschland – die KI kennt letztere Namen nicht!) kennen. Wir erfahren, daß die Lasen in der nordöstlichen Türkei (wo es zehn Monate im Jahr durchregnet) eine Art Ostfriesen sind. Hobek bereitet uns die Kontroverse zwischen Salcia Landmann (Der jüdische Witz) und Friedrich Torberg (der eine achtzehnseitige Schmähkritik dazu verfaßte) auf eine Art auf, die wohl kaum jemand kannte und die äußerst illuster ist: „In der Tat, Landmann wirkt wie ein Nilpferd, das sich als Feinmechaniker versucht.“
Hobek benennt und erklärt aussterbende Witze (Radio Eriwan, logisch; aber er nennt auch die „Alle Kinder“-Witze, zumal sich einfach nichts auf „Mohamed“ reime, naja, hier könnte man gegenhalten), Witze „mit Migrationshintergrund“, Blondinen- und Irrenhauswitze.
Daß das alles so systematisch wie knackig geschieht, ist bereits lobenswert. Auch in den akademischen Teilen dieses Büchleins wird der Rat beherzigt, daß Langwierigkeit die Pointe verdirbt.
Das Unterhaltungstalent des Autors tritt darin zutage, daß jedes einzelne der kenntnisreichen Kapitel von Witzen durchzogen ist – oder mit Anekdoten. Nebenbei wird akademisch erklärt, was eigentlich eine Anekdote und was ihr Wert ist. Hobek ist ein begnadeter Erzähler!
Es beginnt gleich mit dem berühmten wie mediokren Kabarettisten Werner Schneyder. Hobek konnte bereits als junger Mann dessen „gesellschaftskritische“ Lieder nicht ausstehen, er fand ihn hysterisch. Fast könnte man von einer ausgewachsenen Feindschaft sprechen. Zufällig kam Hobek im Kino einmal hinter Schneyder zu sitzen – im Kino, in einem Film, der floppte. Zwei aber mußten bei der Vorführung lauthals und an den selben Stellen lachen: ratet, wer! Humor verbindet eigentümlich.
Hier gibt es keine Fußnoten – die Witzischkeiten durchziehen den kompletten Text en passant. Joseph Ratzinger soll einmal gesagt haben, er mache nun einen Witz, „einen deutschen – der muß nicht lustig sein.“ Es gibt wohl auch die Scherzfrage, was der Unterschied zwischen einem deutschen Witz und einem deutschen Panzer sei – der Panzer sei lustiger. Nun, Hobek ist Österreicher.
Und warum stirbt der Humor „zu allerletzt“? Eigentlich stirbt doch die Hoffnung zuletzt (aber: sie stirbt). Nun, man kennt den „Galgenhumor“, aber von „Galgenhoffnung“ war nie die Rede. (Hobek hat viel Komisches über die „letzten Dinge” parat.) Der beste und blödeste Witz geht nach meinem Dafürhalten übrigens über den heute kaum mehr bekannten Bestsellerautor Johannes Mario Simmel – aber das muß man schon selbst nachlesen!
Martin Hobek: Der Humor stirbt zu allerletzt, Wien: ÖLM 2026, 124 Seiten, 11, 50 € – hier bestellen

Beta Jas
Jan Fleischhauer attestierte vor Jahren der deutschen Linken eine Humorlosigkeit. Es gibt ein Kapitel in seinem "Aussteigerbuch" zum Thema "Die Worte des Baumes – Die Linke und der Humor" wo er schreibt: "Wenn Linke lustig sind, dann wider Willen – oder aber in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung. Damit wäre der Linke dann also lustig gegen seine politische Überzeugung, ein politisch-humoristischer Überläufer."
Damit haben Linke und Rechte nach meiner Meinung wieder etwas gemeinsam: Niemand geht auf Selbstdistanz, erst recht nicht, wenn es um harte Machtpolitik geht. Gerade am Thema Humor wird dies besonders deutlich. Wenn überhaupt nur aufgesetzt, nach Schablone, was man im öffentlich:rechtlichen dann serviert bekommt.
Jan Fleischhauer zu dem Thema:
Warum Linke keinen Humor haben
Die Nackten und Doofen
Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben