Kritik der Woche (87): Der Humor stirbt zu allerletzt

Die „Eckartschriften“, herausgegeben von der Österreichischen Landsmannschaft, sind in Form und Inhalt eine Art austriakische Ausgabe der kaplaken. Nur sind sie bereits bei Nr. 265 angelangt, kaplaken erst bei 103. Allerdings erscheint die benachbarte Taschenbuchreihe (Selbstbeschreibung, auch anno 2026: „flott geschrieben“) bereits seit 1958.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wirk­lich flott geschrie­ben ist die aktu­el­le Num­mer, Der Humor stirbt zu aller­letzt. Man liest „mal so rein“ – und prompt gibt es kein Hal­ten mehr, und am Ende (also andern­tags) gibt es den schö­nen Schmerz namens Lach­mus­kel­ka­ter. Autor Mar­tin Hobek erweist sich hier als Sach­kun­di­ger und Allein­un­ter­hal­ter zugleich. Sach­kun­dig, weil er die Geschich­te, die For­men und Wei­sen des Humors sorg­fäl­tig seziert.

Wir fin­den hier Humor­theo­rien, wir neh­men – sehr schön, sehr ambi­va­lent – den Witz im „Drit­ten Reich“ aus­ein­an­der, inklu­si­ve Abbil­dun­gen ent­spre­chen­der Buch­co­ver: Lachen im Arbeits­la­ger. Das lus­ti­ge Buch vom Deut­schen Arbeits­dienst; Front­sol­da­ten lachen (in Frak­tur), Kriegs­ka­me­rad Humor. Es gab tat­säch­lich ein Buch titels Ras­se und Humor (1930) des eins­ti­gen SPD- und spä­te­ren NSDAP-Mit­glieds Sieg­fried Kad­ner. Kad­ner pries den „nor­di­schen Humor“ als den ein­zig wah­ren.  Die Kas­per-Figur im Kin­der­thea­ter defi­nier­te er trenn­scharf als „dina­ri­schen Typus“. Den oft selbst­iro­ni­schen jüdi­schen Witz wer­te­te er als Ein­ge­ständ­nis in die ras­si­sche Verderbtheit.

Oder neh­men wir den Komö­di­an­ten Wer­ner Finck, der ins Visier der „Kul­tur­kon­trol­leu­re“ der Par­tei gera­ten war.  Die­se Leu­te waren bei den Auf­trit­ten leicht aus­zu­ma­chen. Finck, wage­mu­tig: „Soll ich lang­sa­mer spre­chen? Kom­men Sie mit? Oder soll ich mit­kom­men?“ Tat­säch­lich lan­de­te der kecke Finck irgend­wann im KZ (Ester­we­gen an der nie­der­län­di­schen Gren­ze). Dort durf­te er sogar ein Kaba­rett­pro­gramm bespie­len, Titel: „Kei­ne Angst, wir sind ja drin.“

Wir fer­ti­gen mit Hobek Sieg­mund Freuds komi­sche wie ver­que­re Witz­ein­las­sun­gen kun­dig ab, wir ler­nen tra­di­tio­nel­le Witz­fi­gu­ren (Klein-Erna in Ham­burg, Tün­nes & Schäl in Köln, Graf Bob­by in Wien und Antek/Franzek in Ostost­deutsch­land – die KI kennt letz­te­re Namen nicht!) ken­nen. Wir erfah­ren, daß die Lasen in der nord­öst­li­chen Tür­kei (wo es zehn Mona­te im Jahr durch­reg­net) eine Art Ost­frie­sen sind. Hobek berei­tet uns die Kon­tro­ver­se zwi­schen Sal­cia Land­mann (Der jüdi­sche Witz) und Fried­rich Tor­berg (der eine acht­zehn­sei­ti­ge Schmäh­kri­tik dazu ver­faß­te) auf eine Art auf, die wohl kaum jemand kann­te und die äußerst illus­ter ist: „In der Tat, Land­mann wirkt wie ein Nil­pferd, das sich als Fein­me­cha­ni­ker versucht.“

Hobek benennt und erklärt aus­ster­ben­de Wit­ze (Radio Eri­wan, logisch; aber er nennt auch die „Alle Kinder“-Witze, zumal sich ein­fach nichts auf „Moha­med“ rei­me, naja, hier könn­te man gegen­hal­ten), Wit­ze „mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund“, Blon­di­nen- und Irrenhauswitze.

Daß das alles so sys­te­ma­tisch wie kna­ckig geschieht, ist bereits lobens­wert. Auch in den aka­de­mi­schen Tei­len die­ses Büch­leins wird der Rat beher­zigt, daß Lang­wie­rig­keit die Poin­te verdirbt.

Das Unter­hal­tungs­ta­lent des Autors tritt dar­in zuta­ge, daß jedes ein­zel­ne der kennt­nis­rei­chen Kapi­tel von Wit­zen durch­zo­gen ist – oder mit Anek­do­ten. Neben­bei wird aka­de­misch erklärt, was eigent­lich eine Anek­do­te und was ihr Wert ist. Hobek ist ein begna­de­ter Erzähler!

Es beginnt gleich mit dem berühm­ten wie medio­kren Kaba­ret­tis­ten Wer­ner Schney­der. Hobek konn­te bereits als jun­ger Mann des­sen „gesell­schafts­kri­ti­sche“ Lie­der nicht aus­ste­hen, er fand ihn hys­te­risch. Fast könn­te man von einer aus­ge­wach­se­nen Feind­schaft spre­chen. Zufäl­lig kam Hobek im Kino ein­mal hin­ter Schney­der zu sit­zen – im Kino, in einem Film, der flopp­te. Zwei aber muß­ten bei der Vor­füh­rung laut­hals und an den sel­ben Stel­len lachen: ratet, wer! Humor ver­bin­det eigentümlich.

Hier gibt es kei­ne Fuß­no­ten – die Wit­zisch­kei­ten durch­zie­hen den kom­plet­ten Text en pas­sant.  Joseph Ratz­in­ger soll ein­mal gesagt haben, er mache nun einen Witz, „einen deut­schen – der muß nicht lus­tig sein.“ Es gibt wohl auch die Scherz­fra­ge, was der Unter­schied zwi­schen einem deut­schen Witz und einem deut­schen Pan­zer sei – der Pan­zer sei lus­ti­ger.  Nun, Hobek ist Österreicher.

Und war­um stirbt der Humor „zu aller­letzt“?  Eigent­lich stirbt doch die Hoff­nung zuletzt (aber: sie stirbt). Nun, man kennt den „Gal­gen­hu­mor“, aber von „Gal­gen­hoff­nung“ war nie die Rede.  (Hobek hat viel Komi­sches über die „letz­ten Din­ge” parat.) Der bes­te und blö­des­te Witz geht nach mei­nem Dafür­hal­ten übri­gens über den heu­te kaum mehr bekann­ten Best­sel­ler­au­tor Johan­nes Mario Sim­mel – aber das muß man schon selbst nachlesen!

Mar­tin Hobek: Der Humor stirbt zu aller­letzt, Wien: ÖLM 2026, 124 Sei­ten, 11, 50 € – hier bestel­len

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (38)

Beta Jas

20. August 2026 17:58

Jan Fleischhauer attestierte vor Jahren der deutschen Linken eine Humorlosigkeit. Es gibt ein Kapitel in seinem "Aussteigerbuch" zum Thema "Die Worte des Baumes – Die Linke und der Humor" wo er schreibt: "Wenn Linke lustig sind, dann wider Willen – oder aber in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung. Damit wäre der Linke dann also lustig gegen seine politische Überzeugung, ein politisch-humoristischer Überläufer."
Damit haben Linke und Rechte nach meiner Meinung wieder etwas gemeinsam: Niemand geht auf Selbstdistanz, erst recht nicht, wenn es um harte Machtpolitik geht. Gerade am Thema Humor wird dies besonders deutlich. Wenn überhaupt nur aufgesetzt, nach Schablone, was man im öffentlich:rechtlichen dann serviert bekommt.
Jan Fleischhauer zu dem Thema: 
Warum Linke keinen Humor haben
Die Nackten und Doofen
Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

Maiordomus

20. August 2026 17:59

@EK. Gedrucktes Heft präsentiert mit @Emilietta Beall eine Mitarbeiterin, die zu "Hexe, Prozess, Wahn" via "Hexen vor Gericht" v. Kai Lehmann (2026) vieles aus rund 33 000 europ. Hexenprozessen bestellenswert präsentiert, und zwar jenseits herkömmlicher Clichés: insofern viele Prozesse vom intellektuellen Niveau her heutigen Corona- und Wetter-Klimaanalysen argumentativ verwandter zu sein schienen als wir heute zugeben möchten. Seit Behringer (München 2001) eine der weiterführenden forensischen Darstellungen. Mit Interesse liest man @Sommerfelds in die Tiefe gehende Kurz-Analyse der Paulus-Biographie von O. Wischmeyer jenseits von "Vermessung" des Völkerapostels, dessen "somatische" Begegnung mit Jesus Christus in der Substanz der sog. Real-Präsenz liegt, was auch Luther zur Beibehaltung der Mundkommunion veranlasste. In Sachen Literatur erweisen sich @Lommatzsch betr. Maron und @Pommerening betr. Heiner Müller als Spitzenklasse, so wie @Brockschmidt die Proportionen zu Benn "einordnet". @Scheils Essay über "Das Reich als politische Form" lässt den diesbezüglich unentbehrlichen Hinweis auf Reinhold Schneider vermissen zugunsten der nationalen Dimension. Wo aber sonst wird derlei erörtert?       

Lady

20. August 2026 18:20

EK
"Der beste und blödeste Witz geht nach meinem Dafürhalten übrigens über den heute kaum mehr bekannten Bestsellerautoren Johannes Mario Simmel"
AUTOR wird STARK dekliniert!

Kositza: ok danke

Laurenz

20. August 2026 19:22

Auch wenn ich die Meinung von Christoph Waltz nicht teile & die Ösis heutzutage für preußischer als die Deutschen erachte, so ist es trotzdem lustig, der Überzeugung Waltz' zuzuhören. https://youtu.be/F5T2-u5WJH8 

Ein gebuertiger Hesse

20. August 2026 19:25

Schöner Buchhineis. Der Humor (so ihn wenigstens zwei Leute teilen) stellt eine Königsklasse des menschlichen Miteinander-Dialogs dar. "Geht 'n Mann zum Arzt ..." - für sowas ist unsereins gemacht, sehr viel weniger für moralische Entrüstung ob "falsch" gesetzter Pointen.
 
 
 

Franz Bettinger

20. August 2026 21:32

@Laurenz: There's a saying about the difference between the English and the Germans which, I think, does hold some truth: The English are too polite to be honest, while the Germans are too honest to be polite. 

Franz Bettinger

20. August 2026 21:59

Es müsste mal einer (Klonovsky?) ein Essay schreiben über das Wesen von Stehparties, insbesondere englischer. (Gibt es überhaupt andere?) Ich habe 2 oder 3 erleben oder besser gesagt erleiden dürfen, wo ich ungeduldig darauf wartete, dass sich endlich einer hinsetzt, auf dass der gemütliche Teil des Abends begänne, was aber nie geschah. Also auch auf Stehparties springt einem der Unterschied ins Auge zwischen denen, denen die lockere Unterhaltung angeboren ist, den Angelsachsen, und dem Rest der Welt, z.B. den Deutschen. Wer wie ich anfangs den Fehler begeht, ernsthafte Themen anzuschlagen, steht am Ende sehr alleine da, bzw. nur noch von der eigenen Frau ernstgenommen da. Die Stehpartie ist eine durchaus ernste und wichtige Sache - eine Kunstform! Die Unterhaltung dabei ist ein Ritt auf dem Drahtseil, der gekonnt sein will. Es gilt die Balance zu halten zwischen schmerzlosen Oberflächlichkeiten & echten Geistreicheleien like „when it flies, floats or fucks, rent it, don’t buy it“. Man muss es im Blut haben. 

Beta Jas

20. August 2026 22:55

@Laurenz
Das ist ein historischer Witz, das die Österreicher es schaffen nicht als Deutsche wahrgenommen zu werden. Große Kunst seit 1945!

RMH

21. August 2026 08:00

Sind "Comedians" Humoristen oder Komiker?
Und ist Nikolai Binner ein "rechter" "Comedian"?

RMH

21. August 2026 09:34

"Stehparties, insbesondere englischer"
@F.B., irgendeine Form von Strafe muss ja dafür geben, wenn man sein im Inland erworbenes Vermögen (ausgerechnet noch in der Sozialindustrie) im sicheren Ausland verprasst. Da sie in british irony & sarcasm geschult sind, kann ich mir das Augenzwinker-Smily an dieser Stelle sparen, schreibe diesen Satz daher auch nur für die Mitlesenden.

RMH

21. August 2026 09:37

"Das ist ein historischer Witz, das die Österreicher es schaffen nicht als Deutsche wahrgenommen zu werden. Große Kunst seit 1945!"
@Beta Jas, 
Allerdings! Selbst der Artikel fällt, trotz korrektem Anfang "von der Österreichischen Landsmannschaft" später auf diesen Treppenwitz herein "Es gibt wohl auch die Scherzfrage, was der Unterschied zwischen einem deutschen Witz und einem deutschen Panzer sei – der Panzer sei lustiger.  Nun, Hobek ist Österreicher." -> Hobek ist darüber hinaus eben Deutscher.

Maiordomus

21. August 2026 11:05

@EK. Zu Ihrer "diesmaligen" Thematik: Für mich das lebenslang bedeutendste und lehrreichste Werk über Humor und Komik bleibt "Le Rire", das Lachen, von Henri Bergson, das im ontologisch Komischen etwas Versteifendes, Verklemmendes sieht im Zustand der Selbstoffenbarung als Selbstentlarvung. Hochgradig lesenswert, ein Gross-Essay, keineswegs ein Schmöker. Deutsch u.a. bei Schifferles Arche-Verlag.
@Meines Erachtens sollte usgiebiger über das gedruckte Heft diskutiert werden. Beitrag über Monika Maron liest sich so, dass diese geschätzte Autorin eher etwas zurückzustufen wäre, Heiner Müller aber nebst G. de Bruyne je länger desto mehr der letztlich profilierteste DDR-Autor, von Bedeutung u.a. als Erneuerer des Blankverses, wer weiss das schon? Aber der weltanschaulich lehrreichste Artikel war wohl der über die "Vendée", weil Basis neuzeitlicher Ideologiekritik sowie Kritik am "Linkssein" im Grunde Kritik an der Franz. Revolution sein sollte, was ich selber als Kenner der Genfer Ursprünge dieses Autors aber nie mit Rousseau-Kritik verwechselt habe. Die "Vendée" war in Frankreich die freiheitliche Alternative der Königstreuen!    

Ein gebuertiger Hesse

21. August 2026 11:21

Am Rande: Freuds Buch "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1905) ist staunenswert was die darin zitierten Witze angeht. Um Himmels Willen, möchte man als Heutiger ausrufen, SIND DIE UNLUSTIG! Bei manchen erkennt man die Pointen kaum, so harmlos und läppisch sind sie. An dieser Front - kommunzierter Humor in Form von Witzen -, scheinen in den vergangenen 125 Jahren gleich mehrere Jahrhunderte vergangen zu sein.

Franz Bettinger

21. August 2026 12:51

@RMH: Sehe mich in meiner Ex-Wahl-Heimat eher als Stachel im Fleisch der Kolonialherren. Gerade die (nicht ganz kleine) deutsche Kolonie hat sich dort kräftig und mit Opfern (worunter auch ich zähle, aber das wäre eine andere Geschichte) gg den Corona-Staats-Terror hervorgetan. Und Prassen? Das tue ich grundsätzlich nicht. Das wäre mir zuwider. Ich fahre hier in D wie dort in Übersee ein 34 Jahre altes Auto, & bin sogar stolz darauf. Sie sollten mal meinen Kleiderschrank sehen. Karg! Reich bin ich aufgrund anderer Dinge. Dinge (Erlebnisse...) die man mir nie wegnehmen kann. 

Maiordomus

21. August 2026 13:41

@Nachtrag betr. DDR-Literatur: Natürlich ist zu unterscheiden zwischen kommunistischen Klassikern wie Brecht und Anna Seghers, auch Johannes R. Becher, allenfalls Arnold Zweig u. neueren Autoren, welche die Wende mitgeprägt haben, zu denen die vielverwöhnte Christa Wolf gehörte. als deren für mich bedeutendsten Text ich "Kein Ort. Nirgends" zähle betr. Kleist und Günderrode., Umgekehrt kritisierte ich vor 40 Jahren wohl zurecht "Kassandra" mit "verlogenen" Notizen zu Griechenlandreise, weil die geringste Andeutung fehlt, warum ausgerechnet, sie, Wolf, sich dort aufhält und nicht etwa gewöhnlich sterbliche ihrer damaligen Landsleute, so in der Art von Bosselmann. Um solche Fragen stritt ich mich mit dem per VW Golf in die Schweiz gereisten Ehepaar Hirsch-Schuder, von denen Ehefrau Rosemarie mir "Versuchungen idealistischer Natur" unterstellte bei gepflegten Debatten sogar über Benn. Noch regelmässig rezensierte ich Werke von Fritz Rudolf Fries und dem Musikschriftsteller Ingo Zimmermann, der Reinhold Schneider rezipierte, 1988 in Freiburg seiner "Gorbi"-Begeisterung Ausdruck gab. Der glaubwürdigste ev. Pastor blieb für mich ein Herr Bungers aus Wismar, der ein Buch schrieb über die Abendmahlslehre v. Paracelsus  

RMH

21. August 2026 15:06

@F.B., mein Beitrag war auch nicht bierernst gemeint.

Majestyk

21. August 2026 20:51

Finde nicht, daß Linke gar keinen Humor haben, konnte immer wunderbar über Hildebrandt, Pispers oder Schramm lachen, auch über Pelzig alias Barwasser. Pispers und Nuhr empfand ich im persönlichen Umgang als nicht so witzig. Mit dem Kölner Jürgen Becker habe ich zweimal ein Bier getrunken, der konnte damals schon über sich selber lachen. Das kann aber nicht jeder und bekanntlich lacht man lieber, wenn der Gegner verspottet wird. Ich wollte dem Kommentariat neulich auch einen Witz über einen Atheisten im Himmel erzählen, irgendwer in der Moderation fand den nicht so lustig wie ich. Dabei bin ich hier der größte Humorist, allerdings ein Unverstandener. Einen habe ich noch:
Was ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und Theologie? Wissenschaft ist, wenn ich vermute, daß Bier im Kühlschrank ist und nachsehe ob dies tatsächlich stimmt. Theologie ist, wenn ich behaupte im Kühlscharnk ist Bier, aber kein Interesse habe dies nachzuprüfen. Wenn ich behaupte im Kühlschrank ist Bier, obwohl ich nachgesehen und keines gefunden habe, dann ist das Esoterik. Wenn ich vorher schon weiß, daß kein Bier im Kühlschrank ist und behaupte, es wäre Bier drin, dann bin ich Politiker.   
Im Ernst, ich halte Humorkompatibilität für verbindend, vielleicht mehr als Herkunft oder Positionierung. Frei nach dem Motto: Wo man lacht da laß dich nieder....

Laurenz

21. August 2026 23:08

Das mit Beurteilungen der Widsischkeit ist alles nur weitere Unterhaltung, um Zeit zu schinden. Ob Monika Gruber, Dave Chappelle, Bill Burr, Ricky Gervais, Arynne Wexler, Nicolai Binner, Leonarda Jonie (die härteste), ist völlig wumpe. Ich kann da nicht immer lachen, aber eben oft. In Mode sind auch die ganzen Ehepaar-Humor-Shorts von Mike & Joelle oder den Harrissons, auch häufig lustig. Manchmal weiß man dann auch, warum man nicht verheiratet ist, dann ist es noch lustiger. Auch Tom, the Mime, ist häufig lustig. Der Künstler muß hier in Bruchteilen von Sekunden reagieren & die Situation einschätzen. https://www.youtube.com/shorts/ipiTkfNi4Qk?feature=share

Majestyk

22. August 2026 00:53

@ Laurenz:
Wir zwei haben anscheinend einen doch recht ähnlichen Humor. Vielleicht sollten wie beide Content Creator werden. Nicht als Ehepaar wie Michael und Jennifer Harrison, eher so als Neuinterpretation von Waldorf und Statler.

ofeliaa

22. August 2026 00:56

Die Deutschen sind bekannt in der Welt, so viel kann man sagen. Es gibt viele Scherze über uns, dass wir es zweimal mit der kompletten Welt aufgenommen haben. Manche schreiben dann in den Kommentaren: ,,Wenn die Deutschen erst einmal wieder aufwachen - zieht euch warm an" ... Darüber muss dann wiederum ich lachen, obwohl es gar nicht der Witz an sich ist, sondern nur deren Reaktion auf den Witz und auch nicht als Witz gemeint ist. Aber als Deutsche kann man darüber nur müde lächeln, denn wann werden wir schon mal "wieder aufwachen"? Hahahah...

anatol broder

22. August 2026 03:15

@ maiordomus 11:05
danke für den hinweis zu bergsons lachen. ich kenne die schrift nicht, habe sie bestellt. mit bergsons metaphysik kann ich recht viel anfangen.
ich forsche auf dem gebiet des humors privat seit bald zehn jahren. im rückblick stelle ich fest, dass meine fortschritte und die beschäftigung mit der christlichen theologie zeitlich zusammenfallen. ich schliesse nicht aus, dass die verbindung bei mir früchte trägt. freue mich über literaturhinweise zu folgenden fragen: (1) gibt es unter christlichen theologen meinungen dazu, ob gott lachen kann? was kann gott zum lachen bringen? (2) wie oft kann gott lachen? (3) wie verändert sich die lage durch die dreifaltigkeit? (4) mit welchen qualitäten gottes wird lachen verbunden?
@ ein gebuertiger hesse 11:21
ich denke, dass die umständlichen witze nur in ihrem umfeld richtig verfangen. das ist der grund für ihre schwache wirkung auf aussenstehende, die wir solche sind, liegen doch zwischen uns und freud mehrere generationen.
auch den heute wohl bekanntesten witz über freud finden nur die lustig, die ihn als sexualforscher und zigarrenraucher kennen. vor und nach dem zeitalter des tabaks ist der witz unzugänglich.
@ ellen kositza
ich erinnere mich an einen guten witz über johannes mario simmel, wobei mir die erste hälfte nicht mehr wortgetreu einfällt. wahrscheinlich erzählt martin hobek genau den.

Laurenz

22. August 2026 07:55

@Majestyk @L. ... Lassen Sie Sich meine Epost-Adresse geben. Finde zwar das neue Schnellroda-Video, moderiert durch GK mit Tillschneider & Moosdorf ziemlich gut, würde aber in vielen Punkten den Herren in Fragen Deutscher Kultur/Kunst & Kultur/Kunst per se widersprechen.

Maiordomus

22. August 2026 08:24

@Majestyk. Dass im Zusammenhang mit Humor erzählt wird, mit wem man "zweimal ein Bier getrunken" hat, ist für mich, vgl. eigene Erzählungen, keine eitelseinwollende Selbstdarstellung, sondern zur Sache passende Authentizität.. Bei @L interessanter Hinweis auf Ehewitze, für mich zwar kein Argument gegen, eher für eine erträgliche Ehe. Diese ist, wie K. Kraus treffsicher vermerkte, nun mal  "ein Eingriff ins Privatleben". Kein Zufall die Erfahrung, dass Komiker beim Biertrinken nicht automatisch lustig sein wollen. Beim Kölner Becker würde mich interessieren, ob er auch Witze über Albertus Magnus u. Adenauer gemacht habe. Meine Gespräche mit Ehepaar Schuder: sie Nationalpreisträgerin, Hirsch Spezialist für DDR-Krimis und jüd. Israelhasser, auch Verteidiger der Volksarmee: "Nicht der Stechschritt ist militaristisch, die Neutronenbombe ist militaristisch." So beim Bier, steht nicht in Publikationen. Drum bringt's was, mit den Leuten persönlich gesprochen zu haben. Der Pastor v. Wismar hiess Michael B u n n e rs. Er war wirklich kenntnisreich in mecklenburgischer lokaler Kirchengeschichte. Auf selber vor Ort recherchierte, zT.anekdotische Details kommt's an, lieber @L, weniger auf zufällig oder tendenziös angeeignetes "Allerweltswissen".     

Maiordomus

22. August 2026 08:41

@a. broder. Wenn Gott lacht, wird es echt ungemütlich. Im Alten Testament kommt so etwas wie Schadenfreude Gottes vor. Der entschiedenste Humorgegner der evangelischen Kirchengeschichte war ausgerechnet ein Schwabe, Johannes Hausschein, genannt Oekolampadius, der Reformator Basels mit Denkmal vor dem Münster, verstorben an Krebs. Er wandte sich vom katholischen Unernst ab in seiner dissertationsartigen, unlängst wieder publizierten Schrift gegen den unchristlichen und unbiblischen Brauch des Osterlachens, der tatsächlich schon im Spätmittelalter ein Symptom für den angeblichen Verfall und Tiefstand der katholischen Theologie war, u.a. war der Abt Trithemius von Sponheim, Lehrer des Paracelsus, Meister der satirischen Predigt. Aber beim Osterlachen war es nun mal Brauch, dass auch subgeniale Theologen sich gehalten sahen, zur Erheiterung der durch die Fastenzeit gebeutelten Gläubigen von der Kanzel herab einen Witz zu erzählen; es wurde von diesen nachgerade erwartet. Für Oekolampad aber stand fest, "dass Christus niemals gelacht" habe und er stellte auch die langfristig nicht totzukriegende Basler Fasnacht ab. Calvin schrieb sein düsteres Religionslehrbuch ebenfalls in Basel. So also wurde der "christliche Ernst" wieder reformiert!   

Laurenz

22. August 2026 09:56

@Maiordomus @Anatol Broder ... Calvin bleibt müßig. Calvin wurde verfolgt & verfolgte selbst. Was für ein martialisches Stasi- & Gegen-Stasi-Pack. Diesen mittelalterlichen Lubjanka-Scheiß braucht man sich nun wirklich nicht antun. Übrigens, mir reicht mein Allerweltswissen. Und was ich nicht weiß, aber brauche, kann ich recherchieren.

Hartwig aus LG8

22. August 2026 10:25

Apropos Ehewitze: Gerd Dudenhöffer, alias Heinz Becker.  Der darf hier nicht fehlen.

Franz Bettinger

22. August 2026 10:59

@Broder: Mephisto sagt zu Gott (im Prolog von Faust): „Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen, und wenn mich auch der ganze Kreis (der Engel) verhöhnt: mein Pathos brächte Dich (Gott) bestimmt zum Lachen, hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt …“ - Ich fand „le rire“ sehr anstrengend zu lesen.  Das Lachen ist eine der wohl-tuendsten (übrigens: non-verbalen) Kommunikations-Formen, denke ich. Es bedeutet, dass man sich versteht, bzw. sich mag. (Das Auslachen einer Person ist aber etwas ganz anderes.)

Maiordomus

22. August 2026 11:44

"Martialisches Stasi- & Gegen-Stasi-Pack." Das ist die Situation, wie sie war und wie sie gegenwärtig unter neuen technischen Bedingungen sich wieder andeutet, nur dass etwa der Thüringer VS-Chef, der mit Bart, im Vergleich zu Mielke nicht erst in der Alters-Schlussphase zur Real-Satire quasi entartete. Unglaublich, dass diejenigen, die ihn anstellten, dies nur schon vom Lebenslauf her nicht sehen wollten. Dennoch sehen Sie bei Calvin die Proportionen nicht. Hatte im Winter 88/89 ein halbes Jahr Kurs über Calvin und Serveto vorzubereiten, worüber Schuder Roman geschrieben hat, mit DDR-Anspielungen. Es war indes, ausser konsequenten Hexenverfolgungen aus Sicht der Nachwelt ein fast singulärer, aber hochrepräsentativer Sündenfall aus der Überlegung, dass die wichtigste Überzeugung die man hat, siehe heute, Toleranz nun mal ausschliesst. Am schlimmsten war, dass Calvin von etwa 8 protestantischen Städten je einstimmige synodale Zustimmung zur Verbrennung Servetos anforderte und erhielt:, da war er moderner und totalitärer als ein Gross-Inquisitor, der gerade noch auf Zustimmung von Papst und König setzte. Die "synodale" Kirche denkt bei Feindbildern bereits heute in Richtung Calvin 1553. Er selber hätte angeblich Hinrichtung ohne Verbrennung vorgezogen.         

Maiordomus

22. August 2026 12:03

PS. Sich mit Calvin zu befassen lohnt sich allein schon von wegen seinem bedeutendsten Kritiker, Sebastian Castello, über den Stefan Zweig eine zwar noch ungenügende Biografie geschrieben hat. Unterdessen will sich die Stadt Basel noch über Paracelsus und Erasmus sich seiner rühmen, wiewohl sein Exil dort ziemlich elend war, u.a. als Fähr-Gehilfe. In 5 Sprachen verkündet die erst um ca. 2022 angebrachte Gedenktafel: Hominem occidere non est doctrinam tueri sed est hominem occidere. Verdient wie oben im Gedächtnis behalten zu werden, wie Castellio es 10 Jahre nach Servetos Tod schrieb (1563), für heutige Touristen: To kill a man is not to protect a doctrine, but is to kill a man. Oder zu deutsch: "Einen Menschen töten heisst nicht eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen töten."
Zitiert u.a. in: Arnold Stadler: Mein Leben mit Mark. Unterwegs in der Welt des Maler Mark Tobey (1890 - 1976, begraben in Basels Hörnli-Friedhof) , Hanser 2022.      

Majestyk

22. August 2026 14:22

@ anatol broder, Maiordomus:
Gott erschuf den Mann, stellte ihm ein nacktes Weib als Gefährtin an die Seite und warf ihn von seinem Grundstück, als der Mann anfing das nackte Weib zu begehren, wie es seiner Natur entsprach. Wenn das kein Zeichen von Humor ist.
Im Himmel gibt es übrigens deutsche Technik, französisches Essen und englischen Humor. In der Hölle gibt es französische Technik, englisches Essen und deutschen Humor. 

Carsten Lucke

22. August 2026 18:50

@ Bettingers Franz  (20.8. um 21.32 und 21.59)
Soll das - passend zum Thema - ein Witz sein ?
Oder die feine englische Art ?
Sie bringen hier einen Beitrag mit Klonovsky-Empfehlung, der vorhin fast wortgleich bei diesem erschien.
Sehr merkwürdig. Oder befällt mich gerade "kognitive Dissonanz" ?
 

Waldgaenger aus Schwaben

22. August 2026 21:29

Ein Witz aus der DDR: Ein Mann kommt zur Volkspolizei. "Ich  möchte eine Anzeige machen: Zwei Schweizer Soldaten haben mir meine russische Uhr abgenommen."
An den muss ich oft bei deutschen Krimis im TV denken. Der Täter immer deutsch. Das Opfer oft nicht-deutsch.

Waldgaenger aus Schwaben

22. August 2026 21:33

Noch was: Ein Zeit lang gab es Dünnstes-Buch-Witze:

500 Jahre deutscher Humor
Italienische Heldensagen

Carsten Lucke

22. August 2026 21:50

Das hat nicht hingehau'n mit dem Link - hier (etwas runterscrollen) der 2. Versuch : https://www.klonovsky.de/acta-diurna/

Maiordomus

23. August 2026 09:31

@Majestyk. Zur Rechtfertigung des deutschen Humors, der zwar tatsächlich speziell ist, möchte ich auf den diesbezüglich auf seine Weise doch bedeutendsten, aber vergleichsweise wenig gelesenen Dichter hinweisen: Jean Paul, notabene der für die DDR-Literatur, so weit an dieser wirklich was dran ist, bedeutendste Klassiker. Er begann mit den kaum mehr gelesenen Satiren "Grönländische Prozesse" mit der freilich bis heute nicht mehr übertroffenen Militär-Satire über die "Wiederverwertung der menschlichen Haut", nämlich als Kampfanzüge, ein gewiss sehr makabrer Humor, dann Katzenbergers Badereise und als wohl feinsten Humor überhaupt die Geschichte vom Schulmeisterlein Wutz, für Karl Philipp Moritz unsterbliche Literatur schlechthin, Wenn man denkt, dass selbst der Schweizer Humor von Gottfried Keller ein Kind von Jean Paul gewesen ist, und im übrigen würde ich auch den guten alten Wilhelm Busch nicht unterschätzen. Natürlich hat aber schon Hans Sachs, vgl. seinen "Doktor mit der grossen Nasen" etwas vom eher grobschlächtigen, angeblich deutschen Humor, wie er auch in Luthers Tischreden und in den Invektiven von Paracelsus zum Ausdruck kommt. Auch Wilhelm Raabe gehört zu den Geheimtipps deutschen Humors.        

Majestyk

23. August 2026 14:35

@ Maiordomus:
Natürlich haben auch Deutsche Humor. Es gab auch viele große deutsche Humoristen, Karl Valentin, Erich Kästner, Heinz Erhard oder der unvergleichliche Loriot. Der Deutsche muß schon viel Humor besitzen, sonst würde er nicht Friedrich Merz für einen Konservativen halten.

anatol broder

25. August 2026 01:32

@ majestyk 14:35
jedes volk bringt menschen mit humor und menschen ohne humor hervor. die humorlosen können in den zynismus verfallen, der technische eigenschaften mit humor teilt. gefühlsmässig läuft dabei etwas anderes ab, wie franz bettinger oben anmerkt. dann gibt es noch die verrückten, die unfreiwillig komisch sein können.
friedrich schiller halte ich übrigens für humorvoll.

Majestyk

25. August 2026 11:52

@ anatol broder:
"jedes volk bringt menschen mit humor und menschen ohne humor hervor"
Kann sein. Fraglich ist, ob man den Humor der anderen Kultur versteht, nicht nur sprachlich. Als Beispiel. Die Engländer mögen einen anderen Humor haben, dennoch bleibt der verständlich. Wenn Franzosen oder Italiener Komödien drehen, können auch Deutsche darüber lachen. Mit asiatischen Filmen ist es etwas anders. Asiatischer Humor ist für mich oft schwer nachvollziehbar. Humor kann bekanntlich Brücken bauen. Ohne gemeinsamen Humor bzw. Humorkompatibilität fehlt ein wesentlicher Teil der Kommunikation. Selbst Lächeln wird je nach Kultur anders verstanden.