Kritik der Woche (87): Der Humor stirbt zu allerletzt

Die „Eckartschriften“, herausgegeben von der Österreichischen Landsmannschaft, sind in Form und Inhalt eine Art austriakische Ausgabe der kaplaken. Nur sind sie bereits bei Nr. 265 angelangt, kaplaken erst bei 103. Allerdings erscheint die benachbarte Taschenbuchreihe (Selbstbeschreibung, auch anno 2026: „flott geschrieben“) bereits seit 1958.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wirk­lich flott geschrie­ben ist die aktu­el­le Num­mer, Der Humor stirbt zu aller­letzt. Man liest „mal so rein“ – und prompt gibt es kein Hal­ten mehr, und am Ende (also andern­tags) gibt es den schö­nen Schmerz namens Lach­mus­kel­ka­ter. Autor Mar­tin Hobek erweist sich hier als Sach­kun­di­ger und Allein­un­ter­hal­ter zugleich. Sach­kun­dig, weil er die Geschich­te, die For­men und Wei­sen des Humors sorg­fäl­tig seziert.

Wir fin­den hier Humor­theo­rien, wir neh­men – sehr schön, sehr ambi­va­lent – den Witz im „Drit­ten Reich“ aus­ein­an­der, inklu­si­ve Abbil­dun­gen ent­spre­chen­der Buch­co­ver: Lachen im Arbeits­la­ger. Das lus­ti­ge Buch vom Deut­schen Arbeits­dienst; Front­sol­da­ten lachen (in Frak­tur), Kriegs­ka­me­rad Humor. Es gab tat­säch­lich ein Buch titels Ras­se und Humor (1930) des eins­ti­gen SPD- und spä­te­ren NSDAP-Mit­glieds Sieg­fried Kad­ner. Kad­ner pries den „nor­di­schen Humor“ als den ein­zig wah­ren.  Die Kas­per-Figur im Kin­der­thea­ter defi­nier­te er trenn­scharf als „dina­ri­schen Typus“. Den oft selbst­iro­ni­schen jüdi­schen Witz wer­te­te er als Ein­ge­ständ­nis in die ras­si­sche Verderbtheit.

Oder neh­men wir den Komö­di­an­ten Wer­ner Finck, der ins Visier der „Kul­tur­kon­trol­leu­re“ der Par­tei gera­ten war.  Die­se Leu­te waren bei den Auf­trit­ten leicht aus­zu­ma­chen. Finck, wage­mu­tig: „Soll ich lang­sa­mer spre­chen? Kom­men Sie mit? Oder soll ich mit­kom­men?“ Tat­säch­lich lan­de­te der kecke Finck irgend­wann im KZ (Ester­we­gen an der nie­der­län­di­schen Gren­ze). Dort durf­te er sogar ein Kaba­rett­pro­gramm bespie­len, Titel: „Kei­ne Angst, wir sind ja drin.“

Wir fer­ti­gen mit Hobek Sieg­mund Freuds komi­sche wie ver­que­re Witz­ein­las­sun­gen kun­dig ab, wir ler­nen tra­di­tio­nel­le Witz­fi­gu­ren (Klein-Erna in Ham­burg, Tün­nes & Schäl in Köln, Graf Bob­by in Wien und Antek/Franzek in Ostost­deutsch­land – die KI kennt letz­te­re Namen nicht!) ken­nen. Wir erfah­ren, daß die Lasen in der nord­öst­li­chen Tür­kei (wo es zehn Mona­te im Jahr durch­reg­net) eine Art Ost­frie­sen sind. Hobek berei­tet uns die Kon­tro­ver­se zwi­schen Sal­cia Land­mann (Der jüdi­sche Witz) und Fried­rich Tor­berg (der eine acht­zehn­sei­ti­ge Schmäh­kri­tik dazu ver­faß­te) auf eine Art auf, die wohl kaum jemand kann­te und die äußerst illus­ter ist: „In der Tat, Land­mann wirkt wie ein Nil­pferd, das sich als Fein­me­cha­ni­ker versucht.“

Hobek benennt und erklärt aus­ster­ben­de Wit­ze (Radio Eri­wan, logisch; aber er nennt auch die „Alle Kinder“-Witze, zumal sich ein­fach nichts auf „Moha­med“ rei­me, naja, hier könn­te man gegen­hal­ten), Wit­ze „mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund“, Blon­di­nen- und Irrenhauswitze.

Daß das alles so sys­te­ma­tisch wie kna­ckig geschieht, ist bereits lobens­wert. Auch in den aka­de­mi­schen Tei­len die­ses Büch­leins wird der Rat beher­zigt, daß Lang­wie­rig­keit die Poin­te verdirbt.

Das Unter­hal­tungs­ta­lent des Autors tritt dar­in zuta­ge, daß jedes ein­zel­ne der kennt­nis­rei­chen Kapi­tel von Wit­zen durch­zo­gen ist – oder mit Anek­do­ten. Neben­bei wird aka­de­misch erklärt, was eigent­lich eine Anek­do­te und was ihr Wert ist. Hobek ist ein begna­de­ter Erzähler!

Es beginnt gleich mit dem berühm­ten wie medio­kren Kaba­ret­tis­ten Wer­ner Schney­der. Hobek konn­te bereits als jun­ger Mann des­sen „gesell­schafts­kri­ti­sche“ Lie­der nicht aus­ste­hen, er fand ihn hys­te­risch. Fast könn­te man von einer aus­ge­wach­se­nen Feind­schaft spre­chen. Zufäl­lig kam Hobek im Kino ein­mal hin­ter Schney­der zu sit­zen – im Kino, in einem Film, der flopp­te. Zwei aber muß­ten bei der Vor­füh­rung laut­hals und an den sel­ben Stel­len lachen: ratet, wer! Humor ver­bin­det eigentümlich.

Hier gibt es kei­ne Fuß­no­ten – die Wit­zisch­kei­ten durch­zie­hen den kom­plet­ten Text en pas­sant.  Joseph Ratz­in­ger soll ein­mal gesagt haben, er mache nun einen Witz, „einen deut­schen – der muß nicht lus­tig sein.“ Es gibt wohl auch die Scherz­fra­ge, was der Unter­schied zwi­schen einem deut­schen Witz und einem deut­schen Pan­zer sei – der Pan­zer sei lus­ti­ger.  Nun, Hobek ist Österreicher.

Und war­um stirbt der Humor „zu aller­letzt“?  Eigent­lich stirbt doch die Hoff­nung zuletzt (aber: sie stirbt). Nun, man kennt den „Gal­gen­hu­mor“, aber von „Gal­gen­hoff­nung“ war nie die Rede.  (Hobek hat viel Komi­sches über die „letz­ten Din­ge” parat.) Der bes­te und blö­des­te Witz geht nach mei­nem Dafür­hal­ten übri­gens über den heu­te kaum mehr bekann­ten Best­sel­ler­au­tor Johan­nes Mario Sim­mel – aber das muß man schon selbst nachlesen!

Mar­tin Hobek: Der Humor stirbt zu aller­letzt, Wien: ÖLM 2026, 124 Sei­ten, 11, 50 € – hier bestel­len

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (5)

Beta Jas

20. August 2026 17:58

Jan Fleischhauer attestierte vor Jahren der deutschen Linken eine Humorlosigkeit. Es gibt ein Kapitel in seinem "Aussteigerbuch" zum Thema "Die Worte des Baumes – Die Linke und der Humor" wo er schreibt: "Wenn Linke lustig sind, dann wider Willen – oder aber in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung. Damit wäre der Linke dann also lustig gegen seine politische Überzeugung, ein politisch-humoristischer Überläufer."
Damit haben Linke und Rechte nach meiner Meinung wieder etwas gemeinsam: Niemand geht auf Selbstdistanz, erst recht nicht, wenn es um harte Machtpolitik geht. Gerade am Thema Humor wird dies besonders deutlich. Wenn überhaupt nur aufgesetzt, nach Schablone, was man im öffentlich:rechtlichen dann serviert bekommt.
Jan Fleischhauer zu dem Thema: 
Warum Linke keinen Humor haben
Die Nackten und Doofen
Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

Maiordomus

20. August 2026 17:59

@EK. Gedrucktes Heft präsentiert mit @Emilietta Beall eine Mitarbeiterin, die zu "Hexe, Prozess, Wahn" via "Hexen vor Gericht" v. Kai Lehmann (2026) vieles aus rund 33 000 europ. Hexenprozessen bestellenswert präsentiert, und zwar jenseits herkömmlicher Clichés: insofern viele Prozesse vom intellektuellen Niveau her heutigen Corona- und Wetter-Klimaanalysen argumentativ verwandter zu sein schienen als wir heute zugeben möchten. Seit Behringer (München 2001) eine der weiterführenden forensischen Darstellungen. Mit Interesse liest man @Sommerfelds in die Tiefe gehende Kurz-Analyse der Paulus-Biographie von O. Wischmeyer jenseits von "Vermessung" des Völkerapostels, dessen "somatische" Begegnung mit Jesus Christus in der Substanz der sog. Real-Präsenz liegt, was auch Luther zur Beibehaltung der Mundkommunion veranlasste. In Sachen Literatur erweisen sich @Lommatzsch betr. Maron und @Pommerening betr. Heiner Müller als Spitzenklasse, so wie @Brockschmidt die Proportionen zu Benn "einordnet". @Scheils Essay über "Das Reich als politische Form" lässt den diesbezüglich unentbehrlichen Hinweis auf Reinhold Schneider vermissen zugunsten der nationalen Dimension. Wo aber sonst wird derlei erörtert?       

Lady

20. August 2026 18:20

EK
"Der beste und blödeste Witz geht nach meinem Dafürhalten übrigens über den heute kaum mehr bekannten Bestsellerautoren Johannes Mario Simmel"
AUTOR wird STARK dekliniert!

Kositza: ok danke

Laurenz

20. August 2026 19:22

Auch wenn ich die Meinung von Christoph Waltz nicht teile & die Ösis heutzutage für preußischer als die Deutschen erachte, so ist es trotzdem lustig, der Überzeugung Waltz' zuzuhören. https://youtu.be/F5T2-u5WJH8 

Ein gebuertiger Hesse

20. August 2026 19:25

Schöner Buchhineis. Der Humor (so ihn wenigstens zwei Leute teilen) stellt eine Königsklasse des menschlichen Miteinander-Dialogs dar. "Geht 'n Mann zum Arzt ..." - für sowas ist unsereins gemacht, sehr viel weniger für moralische Entrüstung ob "falsch" gesetzter Pointen.