Grund dafür ist ein kollektiver Stimmungswandel. Auslöser dieses massenpsychologischen Vorgangs ist Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD im Land und vielleicht bald der erste Ministerpräsident aus den Reihen der AfD. Wer Siegmund auf einem der Familienfeste oder einer der Simson-Touren erlebt hat, die in Sachsen-Anhalt den Wahlkampf der AfD prägen, weiß, was damit gemeint ist: Die Menschen glauben daran, daß er die politische Wende in Gang setzen könnte. Sie wollen Teil eines energiegeladenen, kraftvollen Aufbruchs sein und verstärken ihn durch ihre Teilhabe. Die politische Konkurrenz steht ratlos und ohnmächtig vor diesem sich selbst verstärkenden Phänomen.
Auch auf dem 2. Bundeskongreß der AfD-Jugend war das gestern in Magdeburg zu beobachten. Dieser Kongreß war mit knapp 400 Delegierten gut besucht, er war professionell organisiert und auf ein knappes Arbeitspensum angelegt, das ohne Überraschungen und Konflikte bewältigt wurde. Man konnte einem geölten Betrieb dabei zusehen, wie er sich weiter konsolidierte und an den Stellschrauben nachjustierte.
Die Stimmung änderte sich, als mitten im Nachmittag Siegmunds Ankunft angekündigt wurde. Aus dem Saal drängender AfD-Nachwuchs stand Spalier, applaudierte später stehend minutenlang und bildete zuletzt eine Schlange, um zum Selfie und zur Unterschrift zu kommen: SPIEGEL-Cover sorgsam in Klarsichtfolie mitgeführt, T‑Shirts, irgendwas.
Stehender Applaus junger Parteimitglieder aus allen Teilen Deutschlands, mehrere Male mußte Siegmund seine knappe Rede unterbrechen. Er bespielte die Klaviatur so, wie man es von ihm erwarten durfte, und er hob, indem er Stimmung machte, vor allem auf die Bedeutung der Gestimmtheit für die Bewältigung der großen politischen Aufgaben ab: Voller Hoffnung an die Arbeit zu gehen sei allemal besser, als für Rückzugsgefechte zu werben und die Grenzen des Machbaren zu eng zu ziehen.
“Alles ist möglich” – das ist aus Sicht der lebenserfahrenen und politisch wachen Individualpsyche eine steile Behauptung: Sie möchte argumentativ überzeugt werden, möchte differenziert antworten und wird nicht in allem zustimmen. Aus Sicht der Massenpsyche ist es hingegen die Umwandlung verzweifelten Widerstands in eine Siegeszuversicht, die im Moment und darüber hinaus keine Differenzierung mehr kennt und jedem einzelnen im Saal innerhalb von Millisekunden riet, die Bewegungen, die Begeisterung, den Adrenalinschuß mitzunehmen und dadurch die Stimmung zu verstärken.
Nichts anderes ist im Wahlkampf die Aufgabe eines Politikers. Diese Phase, dieser Arbeitsabschnitt muß frei gehalten werden von differenzierter Argumentation, Ambivalenz und zuviel Realitätssinn. Es gibt nicht nur eine romantische, sondern auch eine politische Verzauberung der Welt. Die ausgeklügelte Programmatik hat keinen Anteil daran, das Bild, der Film, die Inszenierung, der Sog, die Steigerung, das Momentum haben das hingegen schon. Deshalb spielt das Filmkunstkollektiv rund um Simon Kaupert eine so wichtige Rolle.
Siegmund hat begriffen, daß es für die Mobilisierung und die Ausrichtung von Massen in einer Massendemokratie auf die Oberfläche ankommt. Das meint nicht, daß es keine tiefgreifenden, manifesten Probleme und Verwerfungen im realen Leben gäbe. Man kann mittels Suggestion, Propaganda und überspringendem Funken nicht alles verkaufen, schon gar nicht in einem politischen System, das zwischen die Aufwallung, die begeisterte Stimmung noch eine letzte Nacht, einen Gang ins Wahllokal und die Einsamkeit in der Wahlkabine montiert hat – aus Gründen. Am Ende soll es eben doch die Individualpsyche sein, die den Stift führt.
Natürlich tut sie es nicht. Aber es ist dennoch ein Unterschied, ob man auf Veranstaltungen gemeinsam akklamiert und dadurch wählt, oder ob es jeder einzelne ist, der einen zwar kurzen, aber dennoch bürokratischen Prozeß absolvieren muß, bis seine Stimme in der Wahlurne liegt. Beim individuellen Wahlgang muß die Stimmung durchtragen.
Vermutlich ist es besser, in der Phase der Ausrichtung hunderttausender Wähler auf den Wahltag nicht in lange Podcasts zu gehen, in denen es differenziert zugeht und in denen man auf das Nachfragen und Nachbohren reagieren muß. Konkret: Siegmund bei Ben ungeskriptet lag deswegen in der Logik des Wahlkampfs, weil die Reichweite absehbar unfaßbar groß würde und weil Ben nicht wirklich kritisch nachhakt, sondern erzählen läßt. Siegmund bei Kosubek: besser nach der Wahl, Tillschneider bei Amann unframed auch: Beide Formate erzielen keine wahlrelevante und wählerinteressante Reichweite; aber die Aussagen in diesen Formaten können den gegen die AfD anschreibenden Medien etwas von dem Futter geben, nach dem sie so verzweifelt suchen.
Auch das ist ja ein interessantes Thema: Am Rande des Jugend-Bundeskongresses kam es zu vielen Gesprächen mit gründlich ratlosen Journalisten. Über den SPIEGEL schüttelte man unisono den Kopf. Vielleicht hatte man sich von diesem Leitmedium einen nicht argumentativen, sondern massenpsychologisch relevanten Angriff auf den Siegeszug erhofft – und keine Titelseite, die Siegmund aus der Luft pflücken, signieren und unters Volk werfen konnte.
Aber auch über die politische Konkurrenz der AfD fiel kein gutes Wort, so, als verziehe man es denen nicht, deren absehbare Aufgabe es seit mindestens einem Jahr ist, zum “Phänomen Siegmund” ein wirkmächtiges Gegenbild zu entwerfen und im Spiel “Alle gegen Einen” nicht nur als panische Verhinderer anzutreten.
Dies zuletzt, und vielleicht ist das ein Schlüssel: Siegmund hat der Konkurrenz sogar das Ost-West-Argument aus der Hand genommen. Als er im “Alten Theater” in Magdeburg zur Parteijugend sprach, begrüßte er die Westteilnehmer mit dem Hinweis, daß man sich in Sachsen-Anhalt von den Härten erholen könne, AfD-Mann in Hamburg, Hessen und dem Rheinland zu sein. Er machte daraus aber keine Grundsatzfrage, er fragte nicht nach dem grundsätzlichen Unterschied zwischen einer Ost- und einer West-Sozialisation, sondern betonte, daß auch der Westen längst aufgewacht sei und die alte Herrschaft abzuschütteln beginne, und daß es ihm sowieso ums ganze Land gehe: um die Rückeroberung der ganzen großartigen Heimat, bis in den letzten Winkel. Frenetischer Applaus.
Was wird abgelöst innerhalb der AfD? Die Vorstellung, man müsse sich erklären, sogar rechtfertigen; die Neigung, auf Fairneß zu pochen, auf das, was einem in einer Demokratie zustehe; die Stimmung aus Wut, Verzeiflung und Widerstandsappell. Siegmund läßt an seiner Zuversicht, daß man siegen werde, so oder so, keinen Zweifel.
Bezeichnend war, daß später, als die Veranstaltung vorbei war, draußen die Journalisten wieder zu munkeln begannen: ob nicht Siegmund dadurch, daß er auch über das Szenario einer verfehlten absoluten Mehrheit gesprochen habe, für das Scheitern schon vorbauen wollte? Und: Wie die innerparteiliche Konkurrenz sich entwickle?
Scheitern … mit über 40 Prozent … Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sinngemäß sagte Siegmund im Saal, daß eine Regierung aus CDU und Linker und noch irgendwem eher über kurz als über lang zu einem Aufstand jener CDU-Teile führen werde, denen es nicht nur um Macht und Verhinderung um jeden Preis gehe. Er und seine Partei würden die Zeit für den Auf- und Ausbau außerparlamentarischer Strukturen nutzen, also für das, was jenseits aller Ergebnisschwankungen stehen bleibt und an sich schon das Land verändert.
Außerdem werde man alles tun, um in Thüringen oder Sachsen oder Brandenburg den Aufschlag durchzubringen – eben ein, zwei Jahre später. Aufs Ganze gesehen sei es nämlich unerheblich, wo es beginne. Hauptsache, es beginne endlich. Was genau, wie genau, mit wem nochmal, und: Was geht überhaupt? Unerheblich in der jetzigen Phase, wirklich unerheblich. “Alles ist möglich!” – mehr Botschaft ist bis zum Wahltag nicht nötig. Sie paßt auf die Oberfläche eines Plakats und dorthin, wo es im Kopf um Emotionen geht.
ofeliaa
Ich denke politisch und gesellschaftlich zuversichtlich werde ich dann, wenn Merz endlich abtritt und an seine Stelle kein Klingbeil oder anderer Verschnitt tritt. Doch dann steht noch die Durchsetzung der Remigration an, die Verhinderung der Turboeinbürgerungen, die Unterlassung finanzieller und anderer sozialstaatlicher Leistungen für Ausländer, sowie massive und weitreichende Gesetzesänderungen. Dann ... könnte man das erste mal überhaupt wieder frei atmen.