Dieser Gedanke und die Begrifflichkeit der “Nachahmung” des (siegreichen) Westens durch den (unterlegegen) Osten stammt (das weiß Poschardt natürlich nicht) aus dem Buch Das Licht, das erlosch von Ivan Krastev und Stephen Holmes, das es als Taschenbuch noch immer zu kaufen gibt. Es ist eines der erhellendsten Bücher über den Niedergang der liberalen Idee nach anderthalb Jahrzehnten ihrer uneingeschränkten Herrschaft, die man auch als “Ende der Geschichte” bezeichnet hatte. Krastev und Holmes exerzieren diesen Gedankengang an Rußland und Ungarn und an den mitteldeutschen Ländern durch.
Poschardt, ganz Krieger des Westens, irrt als einer, der sich die Vorwende-BRD zurückwünscht, wenn er denkt, daß sich jemand die DDR zurückwünsche. Aber eine erfahrungssatte Korrektur des rein westlichen Weges – das wünscht man sich durchaus dort, wo man ihn zuerst begeistert und aufatmend nachahmen wollte, dann septisch wurde und sich nun zu verweigern beginnt, um vom Vaterland zu retten, was noch zu retten ist. Von Spaltung redet dabei niemand.
Kurzum: Dieser Gedanke ist bedenkenswert. Hier nun das Editorial, und hier geht es zur Druckausgabe.
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West und Ost
Im Gespräch mit Roger Köppel, dem Chefredakteur der Weltwoche, gab Björn Höcke zu Protokoll, daß er die deutscheren Deutschen im Osten und die amerikanischeren im Westen verorte, und daß dieser Umstand das unterschiedliche Wahlverhalten, den klareren Ost- und den moralblinderen West-Blick auf die substantielle Bedrohung der Deutschen als Volk zu erklären helfe.
Keine Aussage aus Höckes über zweieinhalbstündigen Gespräch ist so heftig skandalisiert worden wie diese: Er spreche dem Westen ab, deutsch zu sein, hieß es, und er treibe den Keil, der West und Ost spalte, tiefer in den Riß. Eingeübte Reflexe funktionierten: Es sei der „amerikanischere Westen“ gewesen, der den Osten nach der Wende finanziert und aufgebaut habe, und der Dank dafür seien Rußlandblindheit, Undankbarkeit und die überhebliche Behauptung, man sei politisch weiter, wacher, verantwortungsbewußter.
Indes: Was Höcke ansprach, ist ein alter Zopf. Daß die re-education, die Umerziehung der Deutschen ein von den US-Amerikanern angestoßenes und durchgeführtes und von den Deutschen übernommenes und perfektioniertes Mittel der politischen Indoktrination war und ist, haben nicht nur konservative, rechte Wissenschaftler und Publizisten beschrieben. Deutschlands Westen war nach 1945 das ideale Experimentierfeld für den inneren, den geistigen, den mentalen Umbau einer Gesellschaft.
Er war es, weil die Nationalsozialisten Stoff genug für eine schockierende Erzählung und für die moralische Scheidung historischer Abläufe in gut und böse, weiß und schwarz geliefert hatten. Er war es außerdem, weil die Westalliierten aufgrund der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands die Bedingungen für den Um- und Neubau der Gesellschaft im Westen mit niemandem aushandeln mußten.
Die Sowjetunion konnte und durfte das in Mitteldeutschland auch, der Osten war sowieso als Ausgleich für die Westverschiebung Polens vorgesehen und wurde ethnisch gesäubert. Mitteldeutschland also, den „Osten“ nennen wir es mittlerweile. Jedenfalls: Der Zugriff der Sowjets war hart, das Gebiet der späteren DDR wurde gründlich ausgeplündert und erhielt rasch und konsequent eine sozialistische Staatsstruktur. Man nagte das harte Brot der Besatzung und bekam davon am 17. Juni 1953 noch einmal vorgelegt, als sowjetische Panzer und Bataillone den Aufstand niederschlugen.
Im Westen trank man im Gegensatz dazu ein süßes Gift: Die Konstrukteure der Umerziehung gingen subtil vor und sorgten dafür, daß die gewünschten Erzählungen den Weg über die Universitäten und die Lehrerausbildung, den Justizapparat und die Verwaltungen nahmen.
Das Angebot lautete, daß man mit dem deutschen Lebensausdruck von vor 1945 nicht viel zu tun haben müsse, mithin von ganz anderem Schlage sei und mit gekappter Wurzel schöner blühen könne. Man dürfe sich auf die Seite der Sieger schlagen und Hitler noch etliche Male besiegen: durch Bekenntnis, selektive Geschichtswahrnehmung, eindeutige Schuldzuweisung, Verurteilung der früheren Generation und unausgesetzte Bekämpfung dessen, was man das deutsche Täter-Gen nennen müsse und dessen Spur sich wie bei keinem anderen Volk durch die Epochen schlängelte, bis seine Träger zwischen 1933 und 1945 voll ausgemendelt den Völkermord begangen hätten.
Wir sehen, worauf es hinausläuft: Geschichtspolitik und Vergangenheitspolitik sind deshalb so wichtige Politikfelder, weil sie den Blick lenken und Selbstbewußtsein stiften oder beschädigen. Der Westen hat den amerikanischen Blick auf die deutsche Geschichte übernommen und möchte sich auflösen, der Osten den der Russen nicht. Während der Nachwendeeuphorie trat dieser Umstand nicht deutlich zutage. Er tut es jetzt, weil die Euphorie längst verflogen ist und der Osten im Westen gerade geistig nicht fand, was er suchte.
Aus der Nachahmungsbegeisterung der Ossis ist eine Nachahmungsskepsis geworden, und in vielen Bereichen haben wir es sogar mit Nachahmungsverweigerung zu tun. „Im Osten war nicht alles schlecht“ ist die populärste Phrase, die ihren Ursprung in dieser Verweigerung hat. Daraus sind der klarere Blick und der politische Trotz entstanden, aber auch die genauere Prüfung und Teilablehnung der westdeutschen Bestände. In diesem Sinne sind es die noch immer suchenden Deutschen, die im September vielleicht für historische Wahlergebnisse sorgen werden.