West und Ost

Ulf Poschardt hat gerade Höcke (oder mich) für verrückt erklärt, weil Höcke mein Editorial aus der 133. Sezession mit einer gelben, zustimmenden Markierung bei X veröffentlichte. Es geht dabei um folgende Passage, die in drei groben Strichen eine der Verhaltenskurven nach der Wende von 1989 skizziert: "Aus der Nachahmungsbegeisterung der Ossis ist eine Nachahmungsskepsis geworden, und in vielen Bereichen haben wir es sogar mit Nachahmungsverweigerung zu tun."

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Die­ser Gedan­ke und die Begriff­lich­keit der “Nach­ah­mung” des (sieg­rei­chen) Wes­tens durch den (unter­le­ge­gen) Osten stammt (das weiß Pos­ch­ardt natür­lich nicht) aus dem Buch Das Licht, das erlosch von Ivan Kras­tev und Ste­phen Hol­mes, das es als Taschen­buch noch immer zu kau­fen gibt. Es ist eines der erhel­lends­ten Bücher über den Nie­der­gang der libe­ra­len Idee nach andert­halb Jahr­zehn­ten ihrer unein­ge­schränk­ten Herr­schaft, die man auch als “Ende der Geschich­te” bezeich­net hat­te. Kras­tev und Hol­mes exer­zie­ren die­sen Gedan­ken­gang an Ruß­land und Ungarn und an den mit­tel­deut­schen Län­dern durch.

Pos­ch­ardt, ganz Krie­ger des Wes­tens, irrt als einer, der sich die Vor­wen­de-BRD zurück­wünscht, wenn er denkt, daß sich jemand die DDR zurück­wün­sche. Aber eine erfah­rungs­s­at­te Kor­rek­tur des rein west­li­chen Weges – das wünscht man sich durch­aus dort, wo man ihn zuerst begeis­tert und auf­at­mend nach­ah­men woll­te, dann sep­tisch wur­de und sich nun zu ver­wei­gern beginnt, um vom Vater­land zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. Von Spal­tung redet dabei niemand.

Kurz­um: Die­ser Gedan­ke ist beden­kens­wert. Hier nun das Edi­to­ri­al, und hier geht es zur Druck­aus­ga­be.

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West und Ost

Im Gespräch mit Roger Köp­pel, dem Chef­re­dak­teur der Welt­wo­che, gab Björn Höcke zu Pro­to­koll, daß er die deut­sche­ren Deut­schen im Osten und die ame­ri­ka­ni­sche­ren im Wes­ten ver­or­te, und daß die­ser Umstand das unter­schied­li­che Wahl­ver­hal­ten, den kla­re­ren Ost- und den moral­blin­de­ren West-Blick auf die sub­stan­ti­el­le Bedro­hung der Deut­schen als Volk zu erklä­ren helfe.

Kei­ne Aus­sa­ge aus Höckes über zwei­ein­halb­stün­di­gen Gespräch ist so hef­tig skan­da­li­siert wor­den wie die­se: Er spre­che dem Wes­ten ab, deutsch zu sein, hieß es, und er trei­be den Keil, der West und Ost spal­te, tie­fer in den Riß. Ein­ge­üb­te Refle­xe funk­tio­nier­ten: Es sei der „ame­ri­ka­ni­sche­re Wes­ten“ gewe­sen, der den Osten nach der Wen­de finan­ziert und auf­ge­baut habe, und der Dank dafür sei­en Ruß­land­blind­heit, Undank­bar­keit und die über­heb­li­che Behaup­tung, man sei poli­tisch wei­ter, wacher, verantwortungsbewußter.

Indes: Was Höcke ansprach, ist ein alter Zopf. Daß die re-edu­ca­ti­on, die Umer­zie­hung der Deut­schen ein von den US-Ame­ri­ka­nern ange­sto­ße­nes und durch­ge­führ­tes und von den Deut­schen über­nom­me­nes und per­fek­tio­nier­tes Mit­tel der poli­ti­schen Indok­tri­na­ti­on war und ist, haben nicht nur kon­ser­va­ti­ve, rech­te Wis­sen­schaft­ler und Publi­zis­ten beschrie­ben. Deutsch­lands Wes­ten war nach 1945 das idea­le Expe­ri­men­tier­feld für den inne­ren, den geis­ti­gen, den men­ta­len Umbau einer Gesellschaft.

Er war es, weil die Natio­nal­so­zia­lis­ten Stoff genug für eine scho­ckie­ren­de Erzäh­lung und für die mora­li­sche Schei­dung his­to­ri­scher Abläu­fe in gut und böse, weiß und schwarz gelie­fert hat­ten. Er war es außer­dem, weil die West­al­li­ier­ten auf­grund der bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on Deutsch­lands die Bedin­gun­gen für den Um- und Neu­bau der Gesell­schaft im Wes­ten mit nie­man­dem aus­han­deln mußten.

Die Sowjet­uni­on konn­te und durf­te das in Mit­tel­deutsch­land auch, der Osten war sowie­so als Aus­gleich für die West­ver­schie­bung Polens vor­ge­se­hen und wur­de eth­nisch gesäu­bert. Mit­tel­deutsch­land also, den „Osten“ nen­nen wir es mitt­ler­wei­le. Jeden­falls: Der Zugriff der Sowjets war hart, das Gebiet der spä­te­ren DDR wur­de gründ­lich aus­ge­plün­dert und erhielt rasch und kon­se­quent eine sozia­lis­ti­sche Staats­struk­tur. Man nag­te das har­te Brot der Besat­zung und bekam davon am 17. Juni 1953 noch ein­mal vor­ge­legt, als sowje­ti­sche Pan­zer und Batail­lo­ne den Auf­stand niederschlugen.

Im Wes­ten trank man im Gegen­satz dazu ein süßes Gift: Die Kon­struk­teu­re der Umer­zie­hung gin­gen sub­til vor und sorg­ten dafür, daß die gewünsch­ten Erzäh­lun­gen den Weg über die Uni­ver­si­tä­ten und die Leh­rer­aus­bil­dung, den Jus­tiz­ap­pa­rat und die Ver­wal­tun­gen nahmen.

Das Ange­bot lau­te­te, daß man mit dem deut­schen Lebens­aus­druck von vor 1945 nicht viel zu tun haben müs­se, mit­hin von ganz ande­rem Schla­ge sei und mit gekapp­ter Wur­zel schö­ner blü­hen kön­ne. Man dür­fe sich auf die Sei­te der Sie­ger schla­gen und Hit­ler noch etli­che Male besie­gen: durch Bekennt­nis, selek­ti­ve Geschichts­wahr­neh­mung, ein­deu­ti­ge Schuld­zu­wei­sung, Ver­ur­tei­lung der frü­he­ren Gene­ra­ti­on und unaus­ge­setz­te Bekämp­fung des­sen, was man das deut­sche Täter-Gen nen­nen müs­se und des­sen Spur sich wie bei kei­nem ande­ren Volk durch die Epo­chen schlän­gel­te, bis sei­ne Trä­ger zwi­schen 1933 und 1945 voll aus­ge­men­delt den Völ­ker­mord began­gen hätten.

Wir sehen, wor­auf es hin­aus­läuft: Geschichts­po­li­tik und Ver­gan­gen­heits­po­li­tik sind des­halb so wich­ti­ge Poli­tik­fel­der, weil sie den Blick len­ken und Selbst­be­wußt­sein stif­ten oder beschä­di­gen. Der Wes­ten hat den ame­ri­ka­ni­schen Blick auf die deut­sche Geschich­te über­nom­men und möch­te sich auf­lö­sen, der Osten den der Rus­sen nicht. Wäh­rend der Nach­wen­de­eu­pho­rie trat die­ser Umstand nicht deut­lich zuta­ge. Er tut es jetzt, weil die Eupho­rie längst ver­flo­gen ist und der Osten im Wes­ten gera­de geis­tig nicht fand, was er suchte.

Aus der Nach­ah­mungs­be­geis­te­rung der Ossis ist eine Nach­ah­mungs­skep­sis gewor­den, und in vie­len Berei­chen haben wir es sogar mit Nach­ah­mungs­ver­wei­ge­rung zu tun. „Im Osten war nicht alles schlecht“ ist die popu­lärs­te Phra­se, die ihren Ursprung in die­ser Ver­wei­ge­rung hat. Dar­aus sind der kla­re­re Blick und der poli­ti­sche Trotz ent­stan­den, aber auch die genaue­re Prü­fung und Teil­ab­leh­nung der west­deut­schen Bestän­de. In die­sem Sin­ne sind es die noch immer suchen­den Deut­schen, die im Sep­tem­ber viel­leicht für his­to­ri­sche Wahl­er­geb­nis­se sor­gen werden.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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