Doch es kam zum Bruch: Themen, die man nicht „groß“ machen durfte, Restriktionen, die ihm nicht einleuchteten, schließlich: die schleichende Entfremdung von einem Betrieb, der mit dem politischen Komplex eine ideologische wie ökonomische Zweckehe einging.
Das behagte Karon nicht, er scherte aus. Und landete 2021 beim Medienunternehmen Nius, wo er – mit Björn Harms und Jens Winter – eine dezidiert rechte Minderheitsfraktion unter einer liberal-libertären Regie formierte und reichweitenstarke Reportagen und Analysen produzierte.
Im Frühsommer nun kündigte Karon (wie auch Harms) beim Imperium, das Ex-Bild-Größe Julian Reichelt verantwortet. Das mag auch mit vorliegender Publikation Bastardmoderne zusammenhängen, die als Band 2 der Reihe „Edition Tumult“ der gleichnamigen Dresdner Zeitschrift erschienen ist. Denn darin geht Karon über das hinaus, was im Nius-Kosmos sag- und tragbar erscheint.
Bastardmoderne – das ist für Karon jene Epoche, die für Niedergang und Zerfall steht. Glaubensverlust, gebrochene Wahrheitssysteme, Elitensterben, Infantilisierung und linksliberal-zivilreligiöse Überformung der Verhältnisse stünden für eine „Late Stage BRD“, einen Spätzustand der Bundesrepublik, in der die Fassaden eines einstmals funktionablen Gemeinwesens an alte Stärke erinnern. Ansonsten herrschen „Stillstand, Paralyse, Agonie“.

Er läßt dabei kaum einen Stein auf dem anderen: luzide Liberalismus- und Kapitalismuskritik auf Höhe der Zeit, die er mit einer radikalen Linkenschelte und hochaktuellen Beispielfällen aus Kultur, Fußball und Alltag koppelt, so daß die Analyse ihren Platz im Leben jedes einzelnen Lesers findet – der praktische Reportageprofi Karon entdeckt hier seine theorieaffine Seite und verbindet beides zu einer ziemlich originellen Mixtur, die zudem – wie von Karons Nius-Publizistik bekannt – in einem sehr persönlichen, sehr speziellen Ton daherkommt.
Das, was Karon ausformuliert, ist eine radikale, durchaus unversöhnliche Kritik an den Verhältnissen, die ihn selbst – ganz subjektiv – aus seiner vorgezeichneten Mainstream-Karrierebahn katapultierten. Karon weiß, daß er recht hat, was sein Selbstbewußtsein stärkt und den Lesern, die an ihrer Zahl stetig wachsen, wuchtig vermittelt wird.
Reicht Aufklärung, Analyse, Anklage? Karon warnt:
Die Mitte wird zur Bestie, die um sich schlägt, weil sie keine Argumente mehr hat, aber eine rechte Machtoption nicht mit der eigenen antifaschistischen DNA vereinbaren kann.
Das scheint zutreffend, aber hier hat Karon eine Leerstelle: Es gibt keinerlei positive Tendenz, kein vorgeschlagener oder auch nur angedeuteter Ausweg führt aus der Malaise. Das mag man damit erklären, daß Karon eben ein Journalist, kein Aktivist oder Politiker ist. Aber wenn er schon erfolgreich Nius-Leser über Nius hinausführt – dann wäre eine Perspektive politischer Veränderungen durch den Einzelnen wie auch durch organisierte Gemeinschaften hilfreich.
Ein wenig überraschend ist da, auch angesichts der sonst üblichen, distinguiert-feingeistigen Linie der Tumult-Herausgeberschaft, das Ende des Vorwortes zum Werk Jan A. Karons. Darin schreibt Frank Böckelmann, „jedes Mittel ist gerechtfertigt und jedes apokalyptische Ereignis willkommen, wenn sie verhindern, dass wir zugleich überall und nirgends weilen“. Diese verantwortungsfremde Apodiktik („jedes“) führt nicht zwingend zum Besseren.
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Jan A. Karon: Bastardmoderne, Uhingen 2026. 275 S., 19 € – hier bestellen.

Laurenz
Wieder einer, der vom Paulus zum Saulus mutiert ist, weil er nicht an Magengeschwüren in jungen Jahren verrecken will.