Hoffnung und Erfahrung

Als der konservative Soziologe Helmut Schelsky 1979 seine Abrechnung mit Ernst Bloch veröffentlichte, nannte er das Buch Die Hoffnung Blochs.[1] Das war naheliegend, denn Ernst Bloch hatte vor allem mit einem Buch dafür gesorgt, daß der Marxismus im Westen Deutschlands ein menschliches Antlitz erhielt, Das Prinzip Hoffnung.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Bloch hat­te es wäh­rend des Exils in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten geschrie­ben, 1954/55 erst in der DDR, wo er eine Pro­fes­sur in Leip­zig erhal­ten hat­te, und 1959 in der BRD ver­öf­fent­licht. Da war er in der DDR bereits in Ungna­de gefal­len, 1962 blieb er nach einer Vor­trags­rei­se in der BRD, wo er dafür sorg­te, daß der Neo­mar­xis­mus an den Uni­ver­si­tä­ten zur domi­nie­ren­den Ideo­lo­gie wur­de. Für Schelsky stell­te sich daher vor allem eine Fra­ge: War­um ist die­se Phi­lo­so­phie im Wes­ten so erfolgreich?

Da das Buch Blochs einen Umfang von 1600 Sei­ten hat, läßt sich die­se Fra­ge nicht leicht beant­wor­ten. Schelsky bezieht sich daher vor­wie­gend auf das Vor­wort, in dem Bloch die Grund­aus­sa­gen des Buches zusam­men­faßt. Das ist auch not­wen­dig, da der Leser durch das Asso­zia­ti­ons­feu­er­werk, das Bloch in dem Buch abbrennt, leicht den Über­blick verliert.

Dabei ist das Werk sys­te­ma­tisch auf­ge­baut, wenn Bloch sein Prin­zip Hoff­nung aus­ge­hend von den »Tag­träu­men« des gewöhn­li­chen Men­schen über die gesell­schaft­li­chen Ver­wick­lun­gen, die dar­aus erwach­sen, hin zu den Wunsch­bil­dern und Uto­pien führt, um schließ­lich bei der »Iden­ti­tät« zu enden. Der berühm­te letz­te Satz lau­tet.[2]:

Hat er [der Mensch] sich erfaßt und das Sei­ne ohne Ent­äu­ße­rung und Ent­frem­dung in rea­ler Demo­kra­tie begrün­det, so ent­steht in der Welt etwas, das allen in die Kind­heit scheint und wor­in noch nie­mand war: Heimat

Die­se Sät­ze kom­men uns bekannt vor. Viel­leicht nicht wört­lich, aber doch dem Sinn nach als Ver­hei­ßung, die sich nur schwer in Wor­te fas­sen läßt. Sie schwin­gen immer dann mit, wenn es dar­um geht, eine Hoff­nung zu wecken, die alle Wider­stän­de für über­wind­bar hält, wenn man nur will. Was zunächst wie ein roman­tisch ver­klär­ter Vol­un­t­a­ris­mus klingt, ist der von jeg­li­chem Rea­li­täts­be­zug gelös­te Mar­xis­mus, von dem Bloch behaup­tet, nur er kön­ne die »Glücks­wer­dung«[3] eröffnen:

Das Mit­tel der ers­ten Mensch­wer­dung war die Arbeit, der Boden der zwei­ten ist die klas­sen­lo­se Gesell­schaft, ihr Rah­men ist eine Kul­tur, deren Hori­zont von lau­ter Inhal­ten fun­dier­ter Hoff­nung, als dem wich­tigs­ten, dem posi­ti­ven In-Mög­lich­keit-Sein, umzo­gen ist.[4]

Man kann das als his­to­risch erle­dig­te Träu­me­rei eines Mar­xis­ten abtun. Was dabei aber über­se­hen wird, ist, daß wir es hier mit einem Mus­ter zu tun haben, das sich im Bereich der poli­ti­schen Ver­hei­ßung eben­so zeigt wie bei gewis­sen eso­te­ri­schen Welt­an­schau­un­gen, die Geheim­wis­sen und Erlö­sung ver­spre­chen. Carl Chris­ti­an Bry hat dafür in den 1920er Jah­ren den Begriff »ver­kapp­te Reli­gio­nen« geprägt, deren Gefahr er dar­in sah, den »Men­schen vor­zei­tig zu trös­ten, ihm eine Zuflucht zu bie­ten, wäh­rend doch der Kampf nicht aus­ge­kämpft ist, noch nicht ein­mal begon­nen hat, ihn zum Deser­teur an der eige­nen Sache zu machen«.[5]

Die­se Hal­tung nennt Schelsky »Erfah­rungs­ver­wei­ge­rung«, und er setzt Blochs Prin­zip Hoff­nung sein eige­nes ent­ge­gen: das »Prin­zip Erfah­rung«, das der inner­welt­li­chen Erlö­sungs­bot­schaft, der »Tran­szen­denz im Dies­seits« (Arnold Geh­len), abge­schwo­ren hat.

Die Erfah­rung als Lebens- und Denk­prin­zip, was bedeu­tet das? Schelsky führt das lei­der nicht aus, ein geplan­tes Buch mit die­sem The­ma konn­te er nicht mehr fer­tig­stel­len, streut aber in die Kri­tik an Bloch immer wie­der Hin­wei­se dar­auf ein, wor­auf er sei­ne Kri­tik begrün­det.[6]

Vor allem: Nur das eige­ne geleb­te und noch zu leben­de Leben begrün­det Selbst­er­fah­rung und Selbst­ver­ant­wor­tung, gibt dem Leben über­haupt erst Sinn. Schelsky pole­mi­siert gegen die Flucht in die Geschich­te, vor allem die Geschichts­phi­lo­so­phie als Sinn­ge­bungs­in­stanz. Die Beschränkt­heit des Men­schen auf sein eige­nes Leben müs­se ange­nom­men wer­den, die Flucht in Kol­lek­ti­ve und Denk­sys­te­me, auch wenn sie mit­un­ter »lebens­stüt­zend« sei­en, müs­se wenigs­tens als sol­che erkannt wer­den. »Man lebt nur sich selbst. Man ent­äu­ßert sich in Wer­ken und Geschaf­fe­nem, in Arbeit und Aus­druck nur, um immer wie­der bei sich blei­ben zu kön­nen. Das ist der Weg zur Frei­heit, für den es nur den Bereich des eige­nen Lebens und nur das Mit­tel der eige­nen Erfah­run­gen gibt.«[7]

Schelsky ver­ge­wis­sert sich für sei­ne Posi­ti­on der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on eben­so, wie Bloch das für sei­ne tut. Schelsky führt Kants Ideen­leh­re an, der gera­de ver­mie­den habe, die Denk­pos­tu­la­te zu seins­haf­ten Sub­jek­ten zu machen, und Scho­pen­hau­ers Prin­zip »Wil­le und Vor­stel­lung« nimmt er für die »Lebens­span­ne der Ich-Exis­tenz« in Anspruch, da sich in ihm »Rea­li­täts­be­wußt­sein und Zukunfts­hoff­nung als geführ­tes Leben« ver­bin­de.[8]

Hier deu­tet sich an, daß Schelsky den Men­schen nicht in einer tier­haf­ten, tota­len Gegen­wart gefan­gen sieht, son­dern durch­aus weiß, daß er der Hoff­nung bedarf. Die Fra­ge ist nur, wor­auf sich die­se Hoff­nung grün­det. Auf eine außer­halb mensch­li­chen Han­delns lie­gen­de Uto­pie oder auf einen Abgleich mit dem Erfah­re­nen, mit der Wirk­lich­keit, um so zu einer rea­lis­ti­schen Hoff­nung zu gelangen?

Oder anders gefragt: Wie läßt sich in einer Zivi­li­sa­ti­on wie der uns­ri­gen, mit all ihren Sach­zwän­gen, die uns unter­wer­fen, wie kann sich dar­in der Mensch als selbst­be­stimm­te und selbst­ver­ant­wort­li­che Per­sön­lich­keit erhal­ten? Da gibt es kei­ne Lösung, kei­nen Aus­weg, die Anti­no­mie zwi­schen Frei­heit und Not­wen­dig­keit ist unauf­heb­bar. Die Ver­mitt­lung die­ses Wider­spruchs wird auch nicht den­ke­risch gelin­gen. Die Hoff­nung Blochs, für Schelsky ein »Eska­pis­mus aus der Gegen­wart«, ist eine Schein­lö­sung, eine Flucht vor der Rea­li­tät des Lebens.

Die Ein­heit ist der Lebens­voll­zug selbst […] Lebens­er­fah­rung, das ist Arbeit und Den­ken, Han­deln und Lei­den, Hoff­nung und Erin­ne­rung, Erfolg und Schei­tern […].[9]

Schelsky geht es also nicht um einen »erfah­re­nen« Men­schen im Sin­ne eines Fach­manns, der sein Gebiet beherrscht, weil er dar­in lang­jäh­ri­ge Übung und sich dar­in bewährt hat.

Arnold Geh­len hat schon in einem frü­hen Auf­satz dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es bei der Erfah­rung immer um Lebens­er­fah­rung geht:

Ein Mensch die­ser Art ist den man­nig­fal­ti­gen Ansprü­chen und For­de­run­gen, die das Leben regel­mä­ßig oder auch über­ra­schend uns ent­ge­gen­wirft, nicht unter­wor­fen, son­dern gewach­sen, und er begeg­net der Brei­te der Lebens­si­tua­tio­nen mit der­sel­ben Bestimmt­heit, die im Wol­len ein­deu­tig und gera­de des­halb im Durch­füh­ren viel­sei­tig ist, wie es der her­vor­ra­gen­de Fach­mann auf sei­nem Gebie­te tut.[10]

Die­se Lebens­er­fah­rung, so wirft Geh­len noch am Ran­de ein, sei in Frie­dens­zei­ten sel­ten, weil die mühe­lo­se Befrie­di­gung aller Bedürf­nis­se der Aus­bil­dung sol­cher Eigen­schaft nicht gera­de för­der­lich sei.

Der Phi­lo­so­phie unter­stellt Geh­len, daß sie Erfah­rung vor allem für ein Bewußt­seins- und Erkennt­nis­pro­blem hal­te. Aber Erfah­rung sei eben mehr als ein rich­ti­ges Urteil, sie »ist Aus­übung, Aus­wahl und Ver­wer­fung, Schöp­fung und Auf­bau«.[11] Da der Mensch, das Män­gel­we­sen, im Unter­schied zum Tier einer offe­nen, unbe­stimm­ten Welt gegen­über­steht, muß er die­se erfah­ren, um sich dar­in zu ori­en­tie­ren (und zu über­le­ben). Sei­ne Erfah­run­gen stel­len einen Schatz dar, der immer wie­der ergänzt wer­den muß, wobei die Aus­wahl der neu hin­zu­kom­men­den Eigen­schaf­ten sich an dem ori­en­tiert, was schon da ist. Geh­len bringt das auf die For­mel »Erle­di­gung und Ver­fü­gung«, wenn er sagen will, daß uns die Erfah­rung ent­las­tet und den nächs­ten Schritt ermöglicht.

Die Aus­bil­dung des Cha­rak­ters hängt fest mit die­sen Erfah­run­gen zusam­men, die im Hin­blick auf den »Bewußt­seins­strom« eine Len­kungs­funk­ti­on haben. Hier sagt Geh­len nicht weni­ger, als daß sich unser Cha­rak­ter ent­lang »unse­rer tra­gen­den Inter­es­sen« aus­bil­det. Der Cha­rak­ter besteht nicht ledig­lich aus bestimm­ten Eigen­schaf­ten oder Über­zeu­gun­gen, son­dern er ist »ein Sys­tem über­nom­me­ner, gezüch­te­ter Anla­gen, die man aus­wählt und anein­an­der ori­en­tiert«. Cha­rak­ter ist eine der »Stel­lung­nah­men«, mit denen wir uns mit der Welt aus­ein­an­der­set­zen. Denn das mensch­li­che Wesen lebt nicht ein­fach sein Leben, son­dern führt es

aus Erfah­run­gen und Leis­tun­gen her­aus, die es selbst ange­legt und groß­ge­zo­gen hat und auf die sogar der blo­ße vita­le Ablauf der Lebens­vor­gän­ge in sei­nem Leib ange­wie­sen ist.[12]

Die Anpas­sung an all­zu beque­me Lebens­be­din­gun­gen bedeu­tet ein Abwei­chen von den Füh­rungs­ge­set­zen, es kommt zu einer gefähr­li­chen Weltfremdheit.

Auf die­se For­mel der Welt­fremd­heit hat ein ande­rer Phi­lo­soph, Odo Mar­quard, die Gegen­wart gebracht, genau­er auf die »tacho­ge­ne Welt­fremd­heit«, ange­lehnt an den grie­chi­schen Begriff der Geschwin­dig­keit. Denn Mar­quard sieht als Ursa­che der Welt­fremd­heit die »beschleu­nig­te Schnel­lig­keit« des Wirk­lich­keits­wan­dels.[13] Das ist etwas, das 1984, als der Text erschien, noch völ­lig harm­los gewirkt haben muß. Wenn man bedenkt, wie die Welt 1984 aus­sah und wie sie heu­te aus­sieht, dürf­te sich Mar­quard bestä­tigt fühlen.

Er macht die tacho­ge­ne Welt­fremd­heit an eini­gen Bei­spie­len fest. Die Erfah­rung, das ein­zi­ge Mit­tel gegen Welt­fremd­heit, hilft nicht mehr bei der Ori­en­tie­rung in der Welt, weil das Ver­trau­te immer schnel­ler ver­al­tet und die zukünf­ti­ge Welt ganz anders aus­se­hen wird als die gegen­wär­ti­ge. Die Situa­tio­nen, in denen wir unse­re Erfah­run­gen gemacht haben, keh­ren immer (Beschleu­ni­gung) sel­te­ner wie­der. Es kommt zur »Kar­rie­re des Hören­sa­gens«, zur Ten­denz, daß zwar unglaub­lich vie­le Erfah­run­gen (Ent­de­ckun­gen, Ent­wick­lun­gen) gemacht werden:

Aber wir machen sie nicht mehr selbst, son­dern ande­re machen sie für uns.

Das ist eigent­lich ein Merk­mal des Kind­li­chen, daß ihm Erwach­se­ne mit den eige­nen Erfah­run­gen aus­hel­fen (bis die Kin­der ihre eige­nen machen und erwach­sen wer­den). Das geschieht jetzt aber für alle Erwach­se­nen, was sich in der »Expan­si­on der Schu­le« zeigt, die dafür sorgt, daß wir die Erfah­run­gen, die wir selbst nicht mehr machen, bei­gebracht bekom­men. Das war zwar für die Her­an­wach­sen­den seit Ein­füh­rung der Schul­pflicht so, aber Mar­quard sieht eine Ver­schie­bung im Gan­ge, die schließ­lich dazu führt, daß die Schu­le selbst zur Wirk­lich­keit wird.

Ent­schei­dend ist in bezug auf die Prin­zi­pi­en Hoff­nung und Erfah­rung aber die zuneh­men­de Illu­si­ons­be­reit­schaft: Die Kluft zwi­schen Erfah­rung und Erwar­tung wird immer grö­ßer, da das Zukünf­ti­ge immer weni­ger Maß an der eige­nen, am Ver­gan­ge­nen ori­en­tier­ten Erfah­rung hat. »So wird die Erwar­tung […] maß­los« und der Ten­denz nach illu­sio­när. Aus dem Erfah­rungs­ver­lust wird ein Erfah­rungs­ver­zicht, wenn die­se Not zur Tugend erklärt wird. Es kommt zur Auf­wer­tung von Heilserwartungen:

Je mehr Ver­traut­heit nicht mehr erfah­ren wird, um so mehr wird sie – unge­dul­dig – erwar­tet: durch die Illu­si­on einer end­gül­tig nicht mehr frem­den, einer end­gül­tig hei­len Dies­seits­welt.[14]

Die­se Nah­erwar­tung, so Mar­quard, sei der »men­ta­le Ted­dy­bär«, den die Erwach­se­nen mit sich her­um­schlep­pen, weil ihnen in der gegen­wär­ti­gen Welt alles fremd und unver­traut sei. Bei Odo Mar­quard folgt das Lob der Gegen­wart, der Kon­ti­nui­tät, des Geschichts­sinns, des Gespürs für Tra­di­tio­nen und der Skep­sis, die er nicht nur im Wort­sin­ne als unvor­ein­ge­nom­me­ne Beob­ach­tung ver­steht, die sich mit den Din­gen nicht gemein macht, son­dern als ein Lebens­prin­zip ansieht, das er als Gewal­ten­tei­lung bezeich­net, das bis »zur Tei­lung auch noch jener Gewal­ten, die die Über­zeu­gun­gen sind«, reicht.

Skep­ti­ker ist nicht der, der – als Inha­ber geball­ter Rat­lo­sig­keit – gar kei­ne Posi­ti­on hat, son­dern zu vie­le […].[15]

Näm­lich min­des­tens zwei, die sich im Sin­ne der Gewal­ten­tei­lung gegen­sei­tig begren­zen. Es geht also nicht so sehr um den Zwei­fel um des Zwei­fels wil­len, son­dern um ein Kor­rek­tiv, das uns schon bei Eras­mus von Rot­ter­dam begegnet:

Der Name ›Skep­ti­ker‹ ent­spricht dem, was Skep­ti­ker tun: Sie erfor­schen und den­ken gründ­lich nach. Es fällt ihnen schwer, sich auf etwas Bestimm­tes fest­zu­le­gen, und sie ver­tei­di­gen auch nicht das, was sie ver­mu­ten. Die Skep­ti­ker fol­gen dem, was sich bewährt hat, Nicht-Skep­ti­ker aber dem, was sie für gewiß hal­ten.[16]

Kann man mit die­ser Hal­tung Poli­tik machen? In der Poli­tik geht es dar­um, auf der Grund­la­ge unvoll­stän­di­ger Infor­ma­tio­nen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Die Lebens­er­fah­rung, von der die gegen­wär­ti­ge Poli­ti­ker­ge­nera­ti­on weni­ger hat als alle Gene­ra­tio­nen vor ihr – da unter­schei­den sich Poli­ti­ker und Nicht­po­li­ti­ker kaum –, müß­te in die­ser Hin­sicht sen­si­bel machen. Und auf die­sem Weg zumin­dest ver­hin­dern, daß Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, die den Zeit­ho­ri­zont eines Men­schen über­schrei­ten. Die­se Hal­tung müß­te auch dafür sor­gen, das Bestehen­de zu ach­ten und zu ver­tei­di­gen, und es nicht zu zer­stö­ren. Schon weil wir uns der Fol­gen nicht gewiß sein können.

Doch in der Poli­tik geht es auch dar­um, Mehr­hei­ten zu gewin­nen. Und wenn die Mehr­heit in dem oben geschil­der­ten Dilem­ma aus irra­tio­na­ler Hoff­nung, Igno­ranz der Füh­rungs­ge­set­ze und Welt­fremd­heit gefan­gen ist, wird es schwie­rig, sie mit dem Hin­weis auf die zwie­späl­ti­ge Natur des Men­schen zur Wahl­ur­ne zu treiben.

Daher wird der welt­frem­de Poli­ti­ker dem Wahl­volk das geben, was es zur Mobi­li­sie­rung braucht: die Illu­si­on einer dies­sei­ti­gen hei­len Welt. Und der lebens­er­fah­re­ne Poli­ti­ker wird das auch tun, weil er gar kei­ne ande­re Wahl hat, und weil er aus Erfah­rung weiß, wie er die Leu­te erreicht. Wenn er geschickt ist, ver­birgt er sich hin­ter der Mas­ke der Welt­fremd­heit, weil ihn sonst ein Vor­wurf trifft, der die Sün­de wider die Demo­kra­tie ist: die Mani­pu­la­ti­on der Wäh­ler. Was kann es Schlim­me­res geben, als den mün­di­gen Bür­ger an der Nase herumzuführen?

Dabei muß das Wecken von Hoff­nung nicht grund­sätz­lich mani­pu­la­ti­ven oder ent­las­ten­den Cha­rak­ter haben. Selbst die här­tes­ten Rea­lis­ten müs­sen die Lücke fül­len, die zwi­schen der eige­nen Arbeit und einem allein nicht erreich­ba­ren Ziel klafft, müs­sen Begeis­te­rung und Nach­fol­ge wecken. Dar­aus wird die Hal­tung, trotz aller Erfah­run­gen zu hof­fen, verständlich.

Wir sehen die Par­tei­en­de­mo­kra­tie am Ende und hof­fen auf eine Par­tei, die im Rah­men eben­die­ser Demo­kra­tie zur Wir­kung gelan­gen will. Wir ken­nen die eher­nen Geset­ze der Par­tei­en­so­zio­lo­gie und hof­fen den­noch, daß sie eine Aus­nah­me zulas­sen wer­den. Das bedeu­tet: Wir brau­chen die Hoff­nung, auch wenn wir uns ange­sichts der Fak­ten, sei es Geo­po­li­tik oder Demo­gra­phie, förm­lich dazu zwin­gen müssen.

Aber es ist eben­so klar, daß die­se Hoff­nung trü­gen wird, wenn sie nicht bereit ist, sich ein­zu­ge­ste­hen, daß »nicht das Blü­hen des Som­mers« vor uns liegt, »son­dern zunächst eine Polar­nacht von eisi­ger Fins­ter­nis und Här­te«.[17] Wer nicht bereit ist, die­se Nacht zu durch­schrei­ten, mit allem »Blut, Schweiß und Trä­nen«, der kann nicht erwar­ten, daß sei­ne Hoff­nung, die Ret­tung Deutsch­lands, in Erfül­lung gehen wird.

– – –

[1]            Hel­mut Schelsky: Die Hoff­nung Blochs. Kri­tik der mar­xis­ti­schen Exis­tenz­phi­lo­so­phie eines Jugend­be­weg­ten, Stutt­gart 1979.

[2]            Ernst Bloch: Das Prin­zip Hoff­nung. In fünf Tei­len, 2 Bde., Frank­furt a. M. 1959, S. 1628.

[3]            Ebd., S. 16.

[4]            Ebd., S. 242.

[5]            Carl Chris­ti­an Bry: Ver­kapp­te Reli­gio­nen, Gotha 1924.

[6]            Wei­te­re Hin­wei­se fin­den sich in einem Vor­trag, den Schelsky 1977 in Mainz hielt: Das Prin­zip Erfah­rung. Lebens­grund­la­ge einer Gene­ra­ti­on (als Son­der­druck der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer für Rhein­hes­sen erschienen).

[7]            Schelsky: Hoff­nung Blochs, S. 46.

[8]            Ebd., S. 51 f.

[9]            Ebd., S. 76.

[10]          Arnold Geh­len: »Vom Wesen der Erfah­rung« (1936), in: ders.: Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie und Hand­lungs­leh­re, Frank­furt a. M. 1983 (= Gesamt­aus­ga­be; 4), S. 3 – 24, hier S. 3.

[11]          Ebd., S. 6.

[12]          Ebd., S. 18.

[13]          Odo Mar­quard: »Zeit­al­ter der Welt­fremd­heit? Bei­trag zur Ana­ly­se der Gegen­wart« (1984), in: ders.: Apo­lo­gie des Zufäl­li­gen. Phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en, Stutt­gart 2002, S. 76 – 97, hier S. 82.

[14]          Ebd., S. 87.

[15]          Odo Mar­quard: »Skep­sis in der Moder­ne. Über­le­gun­gen im Blick auf Hein­rich Hei­ne«, in: ders.: Skep­sis in der Moder­ne. Phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en, Stutt­gart 2007, S. 40 – 54, hier S. 51 f.

[16]          Eras­mus von Rot­ter­dam: Hyper­as­pis­tes dia­tri­bae adver­sus ser­vum arbi­tri­um Mar­ti­ni Luthe­ri (1526), zitiert nach: Eli­sa­beth Gut­jahr: Stu­di­en zu didak­ti­schen Leit­vor­stel­lun­gen in den Tra­di­tio­nen von Skep­sis und Rhe­to­rik, Würz­burg 2004, S. 94.

[17]          Max Weber: Poli­tik als Beruf, München/Leipzig 1919, S. 66.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (30)

Maiordomus

6. September 2026 19:43

Bloch ist nicht uninteressant, insofern er mit dem Prinzip Hoffnung am relativ konsequentesten die Ideologie eines Sozialismus entwirft, welche einen Ersatz für sonst nicht mehr stillbare religiöse Bedürfnisse darstellt. Nach Nietzsche die illusionäre Weltanschauung des sogenannten Unvollständigen Nihilismus, auch eine Art Sozialreligion. Die staatsnahen Kirchen nähern sich dieser Richtung, wohl auch Grüne verschiedener Schattierungen. 
Ein interessanterer Philosoph, der zur Intelligenz der Gegenwart zu zählen wäre, würde er noch leben (1928 - 2015), ist der zitierte Odo Marquard. Ein attraktiver lesenswerter Titel von ihm, preiswert bei Reclam erhältlich, ist "Philosophie des Stattdessen". Passt einigermassen zu Bloch, hat aber Distanz, steht sogar als Zeitkritiker dem zivilreligiösen Atheismus nahe, dem wohl einzigen Atheismus mit menschlichem Gesicht. Er stand lebenslang dem um zwei Jahre älteren, aber noch lebenden Hermann Lübbe nahe, also den 68ern gegenüber kritisch denkend.
Noch am interessantesten hier, was man aus Sicht von Gehlen über Erfahrung nachlesen kann. Was heute abend in Deutschland einfährt, kann man wohl mit Gehlens Umschreibung vieler Aspekte der Wahrheit mitreflektieren. Bloch selber wird heute wohl auch selbst den Linken schnurze sein.  

RMH

6. September 2026 20:00

Am Tag des großen Wahlgetöses, bei dem - während ich diesen Beitrag schreibe - in der ARD-Wahlsendung die Linke versucht, Chrupalla herunter zu schreien, eine CDU Generalsekträrin versucht, oberlehrerhaft das Ergebnis weg zu lächeln, ein SPD Generallsekretär wiederholt erklärt, was angeblich "die Menschen wollen" (aber nicht sagt, warum die SPD ztotzdem nicht mehr gewählt wird) und das erwartbare Theater stattfindet, wird auf SiN trocken ein Highlight-Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Sezession veröffentlicht. Ist das Wahnsinn? Nein, dass ist Schnellroda!
Genau so geht Metapolitik, Danke! Schelsky steht zurecht auf der Lektüreliste.
 

Christa

6. September 2026 20:10

Geschätzter Dr. Erik Lehnert: Ein schöner Artikel, der ja auch in der Sezession zu lesen steht. Dass Hoffnung und Erfahrung zusammen zu denken sind, ist jedenfalls die Quinetessenz. Von früher Jugend ging ich von der Hoffnung aus, dass es linke Parteien seien, "unsere Demokratie", die Deutschlands Zukunft sichen. Seit etwa 25 Jahren haben wir erfahren, dass es sich gegenteilig verhält. Im Jahr 2013 betrat die AfD die politische Bühne. In Sachsen Anhalt brachte heute fast jeder zweit Wähler die Hoffnung zum Ausdruck, dass sich was zum Besseren verändern kann, wenn die AfD regiert. Nun bleibt abzuwarten, welche Erfahrungen damit einhergehen werden. Ich hoffe und wünsche mir, dass wirklich "ein Ruck durch das Land" geht.

Maiordomus

6. September 2026 20:58

Betrifft: Gehlen. Bei ihm via den Artikel oben nachlesen, was für Gesichtspunkte der Erfahrung es gibt und dann diese Gesichtspunkte auf Erfahrungen, die man heute gemacht hat, auch betreffend Erfahrung des politischen Schicksals Deutschlands, "abgleichen". Das wäre dann "die Wahrheit" über den heutigen Tag.  
Selber habe ich noch heute früh ein Wahlergebnis sinngemäss eine Stimme unter der absoluten Mehrheit als das ideale bezeichnet. Höre unterdessen von Siegmund, dass ihm  eine Stimme über dem Trennungsstrich der Hälfte kein zuverlässiges Resultat zum Regieren wäre, wiewohl das Resultat zumindest den Verhandlungsauftrag zur Regierungsbildung mehr als nur andeutet. Der Ministerpräsidentenkandidat der CDU hat bei  18,5% zumindest heute abend noch keinen "Bock", dies als Regierungsauftrag zu interpretieren. Es war bei der Erläuterung des Befundes sogar Scham mit dabei.   

Rudolf Kayser

7. September 2026 07:18

Ein philosophischer Artikel, weil er seminaristisch Philosophen zitiert? Das Problem der deutschen Philosophie, mindestens seit dem 20. Jahrhundert, ist, dass sie Reaktionsphilosophie ist, kein Denken. Der Stil des Philosophierens muss sich ändern. Sie muss aufhören, Banalitäten umständlich aufzublasen. Oder sie zu austauschbaren Prinzipien wie Hoffnung oder Erfahrung aufzublasen. Der Mensch lebt nicht nach Prinzipien: Er ist ein Gelegenheitswesen, ein Stimmungswesen, ein Impulswesen und ein Wesen mit Prägung, Veranlagung und Ge-Schick. Und die erste Bürgerpflicht jedes Philosophen ist, morgens nach dem Aufstehen sich einen Satz vorzusprechen: 99,999 Prozent der Menschen denken und leben weder philosophisch noch nach Prinzipien. Sie "führen" auch nicht ihr Leben. Sie be-sorgen es. Sorge - back to Heidegger. Darüber hinaus ist erwiesen, dass der einzelne Mensch eine vertrauliche oder verlässliche Vergemeinschaftung nur etwa in der Größe eines Dorfes oder einer kleinen Stadt wirklich spüren, fühlen und leben kann. Diese bodenständige, gesunde und geerdete Lokalität der kleineren Gemeinden sind Machtpsychopathen immer ein Dorn im Auge. Dagegen müssen Zentralismen gesetzt werden, Monotheismen, Kaisertümer, Pristerkasten, Riesenreiche, Zukünfte, Angstregime, kurz: die Fatamorganen der Sinn-Paläste gegen die Hütten der Realität. Der Weltzustand der Moderne ist nicht philosophisch, sondern psychopathisch. 

lucianocali2

7. September 2026 07:29

Lieber Dr Lehnert,
Sie werden zu den wenigen gehören, die Max Stirners berühmtes Buch von 1844 nicht nur als angebliche Orgie des Solipsismus abtun, aber dafür gründlich gelesen haben. Stimmen Sie mir zu, daß dort, fast 80 Jahre vor Bry, verkappte Religionen, bei Stirner auch 'Sparren' oder 'Popanz' genannt, schon vorkommen? "Unsere Atheisten sind fromme Leute".
So gab er  den Menschheitsgläubigen einen mit. 
Subkutan ist der Stirner bei Nietzsche und Bry zu finden und sicher haben ihn auch Bloch und Schelsky gelesen, aber er wird von den meisten ungern genannt. Selbst  Nietzsche schweigt von ihm.
Aber hat er nicht als Erster mit Hohn auf die Weltfremdheit derer hingewiesen, die immer ein Höheres brauchen, um nur zum 'Eigenen' es bei niemandem kommen zu lassen? 
Stand eigentlich in der Sezession mal was zu Stirner? Wenn nicht, sollten S i e dazu nicht etwas schreiben? 

Kurativ

7. September 2026 07:49

Ich denke, dass der Umgang mit Hoffnung und Würde uns Rechten von den Linken unterscheidet. Hoffnung kann man besser als inneres Gefühl definieren, welches mit der Gott-Gemeintheit zu beschreiben ist. Würde istder  Oberbegriff, welche Ehre mit einschließt. Er bildet zum Beispiel ab, dass man sein eigenes "Brot" (Geld) verdienen können muss und nicht als Sozialstaatssklave an der SPD-Nadel hängt.

Karl

7. September 2026 11:37

@Rudolf Kayser 7. September 2026 07:18
Vielen Dank für Ihren anregenden Kommentar, dem ich in der Grundrichtung zustimme.
Zwei Einwände:
Erstens blähen auch Sie eine richtige Einsicht zu einer Typologie auf. Aus „der Mensch ist kein Prinzipienwesen“ wird das Bild der gesunden Dorfhütte gegen die Machtpsychopathen mit Zentralismen, Monotheismen, Priesterkasten und Sinn-Palästen. Das ist rhetorisch stark aber analytisch unscharf. Großverbände entstehen nicht nur aus Herrschaftslust, sondern aus Koordinationsproblemen, Handel, infrastrukturellen Erfordernissen und Skaleneffekten. Die begrenzte Zahl pflegbarer persönlicher Beziehungen — ungefähr die 150er-Schwelle (Dunbar-Zahl) — erklärt, warum abstrakte Großordnungen fremd und unverbindlich sind und soziale wie psychische Folgekosten haben. Jenseits dieser Schwelle braucht Sozialstruktur Institutionen, Rollen und Regeln; das ist ein Skalenproblem, kein bloßes Psychopathieproblem.
Zweitens haben Dorf und Kleinstadt eigene Pathologien: Enge, Konformitätsdruck, beschränkten Horizont, lokale Fehden. Die Formel, der Weltzustand der Moderne sei nicht philosophisch, sondern psychopathisch, ist Kulturpessimismus im Aphorismus. Die Moderne hat atomisiert, bürokratisiert und ideologisiert; sie hat zugleich Lebenserwartung, materiellen Spielraum, Erkenntnismöglichkeiten und individuelle Freiheit erweitert.
Beides gehört in die Bilanz.

Karl

7. September 2026 14:17

Ist es nicht übertrieben zu schreiben, Bloch habe dafür gesorgt, dass der Neomarxismus an den Universitäten zur dominierenden Ideologie wurde? Er war ein wichtiger Resonanzboden, ein Rad im Getriebe, nicht der Motor. Wirkmächtiger waren die Frankfurter Schule und Marcuse; und selbst dann galt die Dominanz des Neomarxismus eher für die Geisteswissenschaften als für die Universitäten insgesamt.

Rudolf Kayser

7. September 2026 14:53

@Karl, mit ihrer Replik vollkommen einverstanden. Lese  das Problem genau so wie sie. (1500 Zeichen) Aber wie kann man kontramodern denken ohne antimodern oder idyllesk rüberzukommen. Der Text oben ist ja auch spurleitend. Doch am Ende landet rechtes Denken oder die Analyse im besten Fall in einer - auf neudeutsch formuliert - Ambiguitätstoleranz und des berühmten Aushaltens der Widersprüche. Das ist nobel skeptisch oder skeptisch nobel. Doch es endet im Schulterzucken und im Verweis auf Komplexität. Man kommt nicht weiter. Doch wir sehen, dass das gesamte Moderne-Projekt die Verblödungen technologisch nur skaliert hat, (Geringe Kindersterblichkeit, aber zwei Weltkriege und Atombombe) aber nicht reduziert. Deshalb würde es sich lohnen, nach einem anderen Denkstil zu suchen. Also Moderne 2.0, die Fakten einfach ernst nimmt, wie die von Ihnen erwähnte Dunbar-Zahl oder meinen Verdacht, dass wir unter einer Art intellektuellen Umweltverschmutzung der Theorie- und Prinzipienbildung leiden.  Oder eine politische Ethik, die Fragen beantwortet wie: Wo und wann beginnt ein Denken und Handeln, das sowohl individuelle Freiheit und auch Gemeinschaft zerstört, was sind die Ursachen, nicht die Sympthome....etc...
 

Laurenz

7. September 2026 15:12

In diesem Fall ist der Vortrag besser als der Artikel, herzlichen Dank dafür. https://youtu.be/wm-oAiHmmLE

Karl

7. September 2026 15:15

Lehnert will Blochs utopische Hoffnung von der Hoffnung seines Schlusssatzes unterscheiden: Hoffnung trotz Fakten, aber nur wenn sie Webers Polarnacht aushält.
Drei Anmerkungen dazu, dass sich am Ende dennoch verwandte Figuren versammeln.
Erstens: Michels’ Parteiensoziologie soll gelten — und zugleich eine Partei die Ausnahme sein. Das ist die Figur, Wirklichkeit zu kennen und sie durch ein privilegiertes Subjekt zu suspendieren. Bei Bloch heißt das Subjekt Menschheit, Proletariat oder konkrete Utopie, hier Partei und „wir“.
Zweitens „Rettung Deutschlands“. Das Wort Rettung hebt die Hoffnung aus der begrenzten Politik — Mehrheit, Kompromiss, Schadenminderung — in das Register der Heilsgüter. Weber wollte den Berufspolitiker gerade vor dem Gesinnungspathos der Erlösung warnen. Polarnacht plus Rettung der Nation ist eine instabile Mischung: die Härte klingt erfahren, das Ziel bleibt überhöht.
Drittens das „Wir“. Bloch mobilisiert über ein kollektives Noch-Nicht. Lehnert auch: wir sehen das Ende, wir hoffen auf die Ausnahme, unsere Hoffnung ist die Rettung. Erfahrung im Sinne Schelskys wäre begrenzter: dieses Amt, diese Frist, dieser erreichbare Erfolg. Das nationale Rettungsobjekt bleibt Vorschein einer "heilen Ordnung".

Adler und Drache

7. September 2026 15:18

Ich kenne von Bloch nur "Spuren".
Mag ich sehr!

heinrichbrueck

7. September 2026 16:53

In der modernen Demokratietheorie und im Verfassungsrecht liberaler Demokratien gibt es kein demokratisches Prinzip, das darauf abzielt, einen ethnischen Mehrheitswillen zu erhalten. 

Gracchus

7. September 2026 16:54

Aber @Herr Kayser: Gehört Hoffnung nicht zur Gestimmtheit? Ist Heideggers Seyn nicht ein Monotheismus, nur unpersönlich, weshalb sein Denken wenig von Liebe weiß. Überhaupt klingt Heidegger oft wie ein Theologe, der aus der monotheistischen Offenbarungs-Tradition abkupfert, dies nur eben ins Unpersönliche wendet. Zu kritisieren ist mit Heidegger das Denken in abstrakten Begriffen bzw. dessen behaupteter Vorrang. Das ist ärgerlich. Heideggers eigene Sprache greift zwar ins Poetische aus, bleibt aber auch sehr im Abstrakten. 99,9% der Menschen sprechen nicht so. Ich ziehe ganz einfach das biblische Sprechen vor.  

Laurenz

7. September 2026 17:23

@@Adler & Drache ... Ich mag Stalins Datschen. Bloch ist nicht anderes, als ein weiterer linker Scharlatan, der seine miesen, menschenfeindlichen Absichten mit Gülle im Sonnenschein verbrämte.

Rudolf Kayser

7. September 2026 18:03

Beim späten Heidegger gibt es eine sehr aufschlussreiche Notiz in seinen Arbeitsheften: "Wir fragen: Wo ist Gott? Aber wissen wir den eigentlich wo dieses Wo ist, nach dem wir fragen?" 
Genau hier müsste neues Denken ansetzen. 

Rudolf Kayser

7. September 2026 18:53

@Graccus, es ist richtig, dass Heidegger, ich sag jetzt mal: semitheologisch zu schillern scheint. Aber ist es nicht konsequenter und ehrlicher, nach dem Wo unseres "Wo"s zu fragen, anstatt die Leerstelle, kryptotheologisch mit allen möglichen ismen, Totalitarismen, Kommunismen, Faschismen..oder mit Ou-Topien zu zustopfen. Der ganze Bloch hat zur Basis seines Denkens den Ou-Topos. Outopien sind die Fatamorganen der Sinnpaläste. Während Heidegger nach der Wahrheit des Seins fragt. Haben wir überhaupt schon begriffen, wo dieses Wo ist, nach dem wir fragen. Das ist tausendmal tiefer und ehrlicher gefragt, als Blochs Theologische Löcherstopferei und all die "Menschheiten" der Aushilfseschatologien des 20. Jahrhunderts. Was den Sprachkomplex bei Heidegger betrifft, nun, da würde ich sagen: Es war bei ihm ein In-die-deutsche-Sprache hineinhören, also eine Form angewandter Überlieferung. So spricht  keiner, das stimmt auch. Aber die Sprache "spricht" eben auch selbst. Ich achte es als Denkmethode oder Denkstütze, nicht zur sklavischen Nachahmung. 

Karl

7. September 2026 21:16

@Rudolf Kayser 7. September 2026 14:53
1 (von 2)
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ein neues basiertes, ortsverbundenes Denken könnte — vorsichtig gesagt — aus den Büchern von Iain McGilchrist Anhalt finden: The Master and His Emissary: The Divided Brain and the Making of the Western World (2009, ca. 600 Seiten) und The Matter With Things: Our Brains, Our Delusions and the Unmaking of the World (2021, zwei Bände, ca. 1500 Seiten). Diesen Autor hat einer der Mitforisten hier empfohlen (RMH?); ich habe bisher nur Sekundärliteratur dazu gelesen. Beide Werke sind nicht ins Deutsche übersetzt.
McGilchrist (Neurowissenschaftler) behauptet, daß beide Hemisphären an fast allem beteiligt sind; verschieden ist die Art der Aufmerksamkeit. Die rechte erfasst das Lebendige im Zusammenhang: Gegenwart, Körper, Ort, Beziehung, das Unerwartete. Die linke isoliert, benennt, zerlegt und macht die Welt verfügbar — Karte statt Gelände, Werkzeug statt Ding. Der „Meister“ wäre die rechte Hemisphäre, der „Gesandte“ die linke. Die moderne westliche Welt, so die Kulturgeschichte des ersten Buches, gerät zunehmend unter die Herrschaft des Gesandten: Abstraktion, System, Quantität, Verwaltung. 

Karl

7. September 2026 21:19

@Rudolf Kayser
2 (von 2)
Das zweite Werk erweitert das in Erkenntnistheorie und Metaphysik. Band I prüft Wege zur Wahrheit (Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Urteil, Wissenschaft, Vernunft, Intuition, Einbildungskraft). Band II fragt, was wahr sei: Zeit, Materie, Bewusstsein, Wert, Zweck, das Heilige. Die Diagnose lautet: Eine linkshemisphärisch verengte Weltsicht hält die Wirklichkeit für einen Haufen benutzbarer Dinge. Darin läge die Brücke zu Ihrem Einwand gegen Sinn-Paläste und Prinzipien: nicht ein neues Prinzip, sondern ein anderer Modus — gebunden an Ort, Leib und konkrete Erfahrung statt an austauschbare Großbegriffe. Ob daraus ein Denken wird, steht dahin; als Gegengewicht zur seminaristischen Prinzipiensprache ist der Ansatz jedenfalls ernst zu nehmen.

Gracchus

7. September 2026 22:07

@Rudolf Kayser: Na, wie gesagt, ich bleibe lieber gleich bei der jüdisch-christlichen Offenbarung (und Eschatologie). Ich will jetzt kein Fass aufmachen, es war wohl unvermeidlich, dass die frühe Kirche sich beim begrifflichen Denken der griechischen Philosophie und später beim römischen Recht bedient hat - die Bibel spricht aber eine andere - eben keine philosophisch-begriffliche - Sprache. Frei nach Pascal: "Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht der Gott der Philosophen". Von daher kann ich Heideggers metaphysischen Abräumarbeiten einiges abgewinnen; sein Sprachverständnis scheint mir dem biblischen sogar nahe zu kommen, insofern, als schonmal die Sprache nicht bloßes Werkzeug des Bewusstseins ist. Zeit spielt in der Bibel auch eine andere Rolle als im griechischen Raumdenken. Nur ist der Unterschied: Das Seyn monologisiert; Gott ruft, damit der Mensch antworte. Kontemplative Gelassenheit hat auch keinen Vorrang vor dem Handeln.

Laurenz

7. September 2026 22:09

@Rudolf Kayser ... "Beim späten Heidegger gibt es eine sehr aufschlussreiche Notiz in seinen Arbeitsheften: "Wir fragen: Wo ist Gott" ... Schrieb Heidegger tatsächlich im Pluralis Majestatis? Oder meinen Sie uns? Warum sollten wir Gott suchen? Außer kosmische, also übermenschliche Phänomene, gibt es keine kollektiven Wunder, die alle wahrnehmen können. Die maximal kollektivste spirituelle Erfahrung in meinem Leben waren Familienaufstellungen, Konzerte oder vielleicht auch mal Sport, alles besser als Gottesdienste. Wenn hier wer Zwiesprache mit Gott abhält, kann er das immer nur alleine tun. Warum sollten wir daran Gedanken verschwenden? Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

Gracchus

7. September 2026 22:16

@Karl: Die Anregung zu McGilchrist - nicht Empfehlung (da ich's noch nicht durchgeackert habe) - kam von mir. 
Noch zu Ihrem Kommentar, 15:15 Uhr: Ehen scheitern - trotzdem wird geheiratet. Der Nachwuchs ist eine Plage - trotzdem war eine schwangere Frau früher zumindest guter Hoffnung. Will sagen: Ohne Naivität ist kein Handeln möglich, da kann man sich gleich ins Grab legen. Allzuviel Skepsis lähmt das Handeln. 

Gracchus

7. September 2026 22:25

@Adler und Drache, Rudolf Kayser
Ich kenne von Bloch auch nur Spuren. Fand ich nicht schlecht. Bloch war Fan von Karl May und G. K. Chesterton. Was Heidegger und Bloch eint - vielleicht das einzige - die Liebe zu Johann Peter Hebel. Blochs "Schon und noch nicht" geht m. E. auf Paulus zurück. Säkularisierte Eschatologie. Wie Heidegger haben sich auch bei Bloch etliche Theologen bedient. Welche Schmach.
Vielleicht ist Hoffnung auch etwas Konservatives, Regressives - dass nämlich etwas von dem schon heute Guten morgen noch und sogar gesteigert fortbestehe. Bloch weist nicht umsonst in die Kindheit. Die marxistischen Utopien zielen auch auf intrauterine Vollversorgung. 
 

anatol broder

8. September 2026 00:53

@ erik lehnert
vielen dank für den artikel. somit wäre auch die postheroische gesellschaft abgehandelt.

Rudolf Kayser

8. September 2026 08:50

@Karl, danke für den Lektüretipp. Ich kann mir vorstellen, dass der Autor durchaus richtig liegt und einen Argumentationsapparat liefert, der etwas richtiges erfasst, Paarbildungen, Antagonismen, Spieler und Gegenspieler, wie man sie auch aus den Mythen und Überlieferungen kennt. Komplementaritäten aus Ferne und Nähe, Instrumen und Landschaft, Werkzeug und Ding. Ferne und Heimat. Odysseus als Gesandter und Meister. Da steckt viel drin. Wahrscheinlich besteht die Aufgabe darin, bestimmte anthropologische Konstanten auf geschickte Art umzuadressieren. Ein Beispiel: Wenn wir sagen, Aggressivität gehört zur anthropolgischen Konstante, dann sei Dir der Wahl bewusst, die Du hast. Du kannst Krieg führen (schlechte Aggressivität) Oder Naturwissenschaft betreiben (Dinge analysieren, auseinandernehmen, gute Agressivität) nur so als Beispiel. 

Rudolf Kayser

8. September 2026 09:14

@Graccus, gerade Kindheit wird oft verkürzt auf Paradis. Und da finde ich Bloch auch wirklich primitiv: Kindheit ist maximale Verletzlichkeit, Offenheit, Staunen, Schmerz, Weltoffenheit und In-der-Welt-sein. Kindheit kann alles sein, nur nicht bloß schön. Sie ist reich, aber nicht automatisch angenehm. Vollversorgung mit Welt oder mit Unmittelbarkeit, jedoch nicht mit Sicherheit. 

Umlautkombinat

8. September 2026 09:27

Zu @McGilchrist. Da ich den wohl als Erster hier vor einiger Zeit einmal erwaehnt hatte :) ...
Ich hatte einige Erwartungen, als ich ihn mir vornahm, da mich Hemisphaerenunterschiede interessieren. Allerdings sollte jedem nach sehr kurzer Zeit - keine 40 Seiten im genannten Buch (aber anderen wie "The Matter with Things" auch) - auffallen, dass er keine Synergie anstrebt, wie von ihm versprochen. Seine Charakterisierung der linken Hirnhaelfte ist durchgehend negativ bis massiv ins Pejorative ("technokratisch", "buerokratisch", "mechanisch", "besitzergreifend") und gar Personifizierendes ("single-minded", "herrschsuechtig") hinein. Dagegen steht eine spiegelbildliche Ueberhoehung der rechten Seite. Prinzipiell fuehrt er einen Krieg, das ist keine Wissenschaft. 
 
Das fuehrt erwartungsgemaess auch zu methodischen Schwaechen. Die Buecher sind voll mit pathologischen Beispielen - Lobotomien, Schlaganfaelle etc. - die angeblich wenn links verortet prinzipiell durch rechts ausgleichbar sind, aber nie andersherum. Das ist so nicht simpel schliessbar. Was umgekehrt durchgehend fehlt, ist selbst nur der Versuch einer Verortung existierender materieller Strukturen, die die Unterschiede abbilden. Ob Neurochemie (wird behauptet, aber nicht belegt) oder neuronale Teilnetze - nichts. Forderungen nach jeglichem Beobacht- und Messbaren in der Struktur weist er zurueck. Das oeffnet Spekulativem nach eigenem gusto Tuer und Tor.
 

Guilelmia

8. September 2026 11:13

Herr Lehnert, ich muss Sie und Ihre Hoffnung vollkommen ent-täuschen. Der Gedanke einer in Erfüllung gehenden Hoffnung ist Ausdruck einer pathologischen Romantik – ein tausendjähriges Deutsches Reich der  Glückseligkeit wird es nicht geben, das verspreche ich Ihnen. Vielmehr bedeutet Politik nach Max Weber, sich mit den diabolischen Mächten einzulassen, die in jeder Gewaltsamkeit lauern. Halte dich nicht in Sehnsuchtsorten auf, baue den Staat (Benn)!

Laurenz

8. September 2026 20:47

@Guilelmia @EL ... Hat EL Ihnen irgendein Reich irgendwo im Artikel versprochen? Ich habe nichts davon gelesen. Der Vortrag ELs ist in meinen Augen deswegen so gut, weil EL für Normalsterbliche wie mich, die Philosophie der Hoffnung einerseits & der Erfahrung andererseits auf reine Logik heruntergebrochen hat, & zwar so schlicht, daß sich die Reichweite im Verständnis frappant erhöht. Davor ziehe ich meinen Hut. Das können so nicht viele. Man muß seine eigene Historie (als Volk) kennen, damit man weiß wo man herkommt. Aber was die Zukunft angeht, so brauchen wir unser Herz nicht an gescheiterte Deutsche Projekte der Vergangenheit hängen. Man sollte, anders als die Linke, aus vergangenen Fehlern lernen & etwas besseres Neues erschaffen. Da ist dann schon das Wort Reich zu viel.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.