Schon Tage und Wochen zuvor vermittelten sowohl Umfragen als aber noch viel mehr die emotionalen Eindrücke das Bild einer beispiellosen Mobilisierung, die zumindest im deutschsprachigen Raum nur mit einem Phänomen wie Jörg Haider vergleichbar ist.
Mit 43,8% der Stimmen gewinnt die AfD 23 Prozentpunkte hinzu und lässt eine auf 17,2% halbierte CDU weit hinter sich. SPD, Grüne und Linke bleiben jeweils einstellig und das BSW zieht mit 5,3% knapp in den Landtag ein. Diese Zahlen dokumentieren eine politische Kräfteverschiebung, deren Bedeutung weit über das Bundesland Sachsen-Anhalt hinausweist.
Am Wahlsonntag schaute man schon 12:00 Uhr, 14:00 Uhr und 16:00 Uhr gebannt auf die Wahlbeteiligung, bei der sich ein neuer Rekord für das Bundesland abzeichnete. Dieses Muster zahlte bei vergangenen Wahlen zwar zuverlässig auf das Konto der AfD ein, aber angesichts der bundesweiten Bedeutung und polarisierenden Zuspitzung konnte eine starke Gegenmobilisierung der linken Mitte zwischenzeitlich nicht ausgeschlossen werden.
Die Gewißheit kam dann schließlich mit der 18:00 Uhr Prognose. Mit einer Wahlbeteiligung von 77,8% war es die höchste Wahlbeteiligung in der Geschichte Sachsen-Anhalts nach 1990 und zugleich die zweithöchste Wahlbeteiligung bei einer ostdeutschen Landtagswahl. Insbesondere in den ländlichen Wahlkreisen stieg die Wahlbeteiligung außergewöhnlich stark an.
Absolut betrachtet mobilisierte die AfD doppelt so viele Nichtwählerstimmen wie CDU, SPD, Grüne und Linke zusammen. 70% der gesamten Nichtwählermobilisierung entfiel auf die AfD. Innerhalb der eigenen elektoralen Zusammensetzung der AfD waren 30% Stammwähler aus dem Jahr 2021. 38% waren hinzugekommene Nichtwähler, 18% ehemalige CDU-Wähler und der Rest der AfD-Gesamtstimmen setze sich über die restlichen Parteien zusammen. Absolut betrachtet wuchsen die Gesamtstimmen von 231.000 auf 576.000 Stimmen um mehr als das doppelte.
Der AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt war keine klassische und staubige 0815-Plakatkampagne, die immer wieder in die gleiche völlig uninspirierte kommunikative Toolkiste greift. Stattdessen setzte die Partei auf eine emotionalisierte und vor allem „rollende“ Lifestyle-Kampagne, die politische Botschaft und Gemeinschaftserlebnis miteinander verband.
Besonders sichtbar wurde dies bei den sogenannten „Simson-Touren“. Hunderte bis Tausende Bürger und insbesondere junge Leute, fuhren gemeinsam mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf den kultisch aufgeladenen DDR-Mopeds durch Dörfer und Kleinstädte des Landes. Diese Eventisierung des Politischen erinnerte zuweilen an hochgradig professionelle Tonalitäten des US-amerikanischen Kampagnenhandwerks.
Während die CDU mit einer eher staatsmännischen und bürokratisch wirkenden Ästhetik auftrat, inszenierte die AfD Wahlkampf als gemeinschaftliches Erlebnis. Gerade dies wirkte als effektiver sozialer und milieuorientierter Bindungsmechanismus, der emotionale Distanz abbaute, Zugehörigkeit erzeugte und vor allem bei Jungwählern wieder ein attraktives Politangebot mit Ereignischarakter schuf.
Diese Attraktivität und Anziehung der Jungwähler machte sich schließlich auch in den Mobilisierungszahlen deutlich bemerkbar. Die AfD wurde in allen Altersgruppen bis 70+ zur stärksten Kraft. Lediglich die Tatsache, dass 47% der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt über 60 Jahren sind, liefere den letzten, dünnen Schutzschild für die CDU und ihren Ministerpräsidenten Sven Schulze. Auch bei der Direktwahlfrage zum Ministerpräsidenten lag Schulze einzig bei den über 60-Jährigen vorn. In der gesamten Altersspanne der 18- bis 49-Jährigen schlug Ulrich Siegmund den Amtsinhaber in dieser Kategorie deutlich. Bei den unter 25-Jährigen holte die AfD Ergebnisse nahe ihrer absoluten Dominanz.
Die Rebellion kommt nicht mehr von links. Im Osten ist sie blau und jung. Die politische Mitte verwaltet derweil nur noch ein schrumpfendes, alterndes Depot der Vergangenheit, während die produktive Zukunft des Landes längst auf der Gegenseite steht.
In den meisten soziodemographischen und geographischen Faktoren zeigte sich bei der AfD ein Muster, welches auch schon aus den vergangenen Wahlerfolgen bekannt geworden ist, aber in Sachsen-Anhalt nochmals ein anderes Niveau erreicht. Die AfD erschließt nicht permanent völlig neue Wählersegmente, sondern verdichtet bestehende Hochburgen, stabilisiert ihre Kernmilieus und erweitert diese schrittweise um angrenzende Gruppen. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Arbeitern, von denen 61% für die AfD stimmten. Auch bei Wählern mit einfacher formaler Bildung erreichte die Partei außergewöhnlich hohe Werte und vor allem Zuwächse.
Ähnlich eindeutig fällt das geographische Muster aus. In allen 218 Gemeinden Sachsen-Anhalts wurde die AfD zur stärksten Kraft. Zum Vergleich: 2021 waren es nur 4! In Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern liegt die Partei im Durchschnitt bei etwa 51%, in mittelgroßen Gemeinden zwischen 20.000 und 50.000 Einwohnern bei ungefähr 45%. Halle, Magdeburg und Dessau-Roßlau kommen zusammengenommen dagegen nur auf etwa 32%. Auch hier wird somit deutlich, dass die Partei vor allem dort stark hinzugewinnt, wo sie auch schon vorher ihr größtes Potential abrufen konnte.
Während auf Wahlkreisebene sich das flächendeckend ländliche Sachsen-Anhalt blau einfärbte, boten die urbanen Zentren Halle und Magdeburg das Bild fast schon verzweifelter, hochgradig taktischer Abwehrkämpfe. Das prägnanteste Laboratorium hierfür war der Wahlkreis Halle III. Jannik-Loris Balint von der Linkspartei gewann dort mit 39,9% der Erststimmen souverän das Direktmandat, obwohl die Linke bei den Zweitstimmen lediglich 13,8% erreichte. Gleichzeitig erzielten die Grünen, deren Direktkandidat nur auf 12,2%kam, bei den Zweitstimmen außergewöhnliche 33,7%.
Die Differenz zwischen Personen- und Parteistimme war damit klarer Ausdruck einer bewussten taktischen Koordination. Ein Teil des akademisch-urbanen Elektorats bündelte die Erststimme auf den aussichtsreichsten Gegenkandidaten zur AfD und nutzte gleichzeitig die Zweitstimme zur Stärkung des Grünen-Ergebnisses, um diese über die notwendige 5%-Hürde zu tragen. Ein Trend der im linken Parteienblock des Ostens womöglich Schule machen könnte, denn auch in Mecklenburg-Vorpommern rufen die Grünen bereits aktiv zu einer taktischen Zweitstimmenkampagne für sich auf.
In meinem jüngst beim Verlag Antaios erschienen Buch „Auf dem Weg zur Volkspartei“ habe ich in Reihe von Merkmalen beschrieben, die den Charakter einer Volkspartei in der Vergangenheit und für die Zukunft prägen könnten. Neben starken Wahlergebnissen, breitem Wählerspektrum, offenen Milieuzugängen gehört dabei auch eine wachsende programmatische Vertrauenswahrnehmung dazu. Dieser Faktor wird zwar häufig auch durch die projizierten Wählerwahrnehmungen verzerrt, aber dennoch ist er für die langfristige Verankerung einer Partei von Bedeutung.
Die AfD wird längst nicht mehr nur ausschließlich mit ihren klassischen Kernthemen Migration, innere Sicherheit oder Asylpolitik verbunden. Sie konnte ihre Kompetenzzuschreibungen auch auf jene Felder ausweiten, die traditionell das Fundament anderer Parteien bildeten. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Wirtschaftspolitik. Gegenüber der vorherigen Landtagswahl legte die AfD bei der zugeschriebenen Wirtschaftskompetenz um knapp 22% zu, während die CDU ausgerechnet auf ihrem traditionellen Kernfeld 13 Punkte verlor.
Auch bei Arbeitsplätzen und sozialer Gerechtigkeit gewann die AfD deutlich an Vertrauen. Genau darin liegt eine qualitativ neue Entwicklungsstufe. Solange eine Partei lediglich bei ein oder zwei konfliktgeladenen Themen dominiert, bleibt ihre gesellschaftliche Reichweite strukturell begrenzt. Erst wenn ihr Wähler zutrauen, auch Wirtschaft, Sozialstaat, Bildung oder Infrastruktur politisch gestalten zu können, entsteht die Möglichkeit einer umfassenderen parteipolitischen Bindung.
Die AfD beginnt damit in Sachsen-Anhalt, das klassische Instrument einer reinen Protestpartei des „Issue Ownership“ aufzubrechen. Das alte Parteiensystem verliert damit zunehmend etwas von seiner alten funktionalen Zuschreibung, dass die CDU klassisch wirtschaftsorientiert sei und die SPD für soziale Gerechtigkeit stünde. All diese früheren Gewissheiten, werden durch die Erfolgswelle der AfD in Frage gestellt und rekonfiguriert.
Mit 43,8% hat die AfD in Sachsen-Anhalt die Schwelle zur Volkspartei faktisch überschritten. Die schwierigere Schwelle besteht nun jedoch darin auch aus dieser Dominanz mittelfristig politische Macht zu formen. Volksparteien waren historisch betrachtet nicht nur Sammelbecken verschiedener Milieus, sondern zugleich effektive Machtorganisationen. Sie verfügten über institutionelle Verankerung und die selbstverständliche Möglichkeit, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Dies bleibt bei der AfD jedoch ein Sonderfall.
Die politische Mitte existiert in Sachsen-Anhalt parlamentarisch nun nur noch als Negativkoalition gegen den stärksten Block. Es lassen sich aus dem Wahlabend einige Lehren ziehen, die ich hier ausgebreitet habe. Die taktischen Überlegungen einer möglichen Transformation zum realen Machtfaktor, sollten aber zumindest zu diesem Zeitpunkt andere anstellen.






