Er hatte einen stattlichen Embonpoint angesetzt, er gefiel sich. Irgendwann, da kannte ich ihn schon „ein wenig“, also vielleicht seit einer halben Stunde, fragte ich ihn nach seinem Alter. Er zierte sich übertrieben und hatte eine Philosophie dazu, „weißt Du, was soll Alter nach Zahlen…“.
Unter Pferdeleuten duzt man sich immer und sofort. So will es die Regel.
Mit uns ritt Nadine aus der Tschechei. Auch sie, neunundzwanzig, „aus der internationalen Gastronomie kommend“ und daher polyglott, lauschte Onur. Wir begegneten uns als Wanderreiter und hatten hier, im östlichen Mitteleuropa, einen Fünftagesritt gebucht. Heißt: Früh auf´s Pferd, am Nachmittag absteigen, dazwischen sechs Stunden in Schritt, Trab, Galopp durch Wälder und Felder.
Mit Nadine kam ich auf ein Doppelzimmer, Nutzung von Bad & WC zu viert. Onur hatte „deluxe“, also nicht nur Einzelzimmer. Er hatte hinzu 3x Massage, 1x Pediküre, 2x Sauna gebucht.
Du wirst fragen, warum macht Onur das. Hat er zuviel des Geldes. Hat er. Aber er hat zugleichen großen Kummer, und weil er zu Zeiten vieles schweigen wird, sagt er nun an.
Onurs Vater ist im Juni 2026 verstorben, im Alter von 82. Seine Mutter starb gleich drei Wochen später, „nur neunundsechzig, aber weißt du, es ist die Sache mit schlechte Gene oder gute Gene.“
Onur hat die guten Gene geerbt. (Sagt er.) Daher konnte er auch den Trend der Weiterentwicklung beflügeln, also den Aufwind, in dem er seine Genealogie sah. Sein Vater war Pferdezüchter gewesen in der Nähe von Izmir. Sehr erfolgreich zu seiner Zeit, dritte Generation, erzählte Onur, „aber vergangene Zeit.“ Er, Onur, habe mit „Pferdesachen“ aufgehört und sei Geschäftsmann geworden. International, aber noch tiefer international als Nadine.
Nun, der Tod des Vaters berühre ihn weitaus tiefer, als „ihr europäische Ladies vorstellen wollt.“ Ein türkischer „Vatertod“ sei etwas völlig anderes als der Tod eines „europäischen“ Vaters. Die Europäer, so Onurs These, hätten pro Person maximal ein Kind. Ein Ehepaar also zwei Kinder – nachvollziehbar und wahr, im Schnitt.
Bei ihm sei es völlig anders, und das könnten wir uns nicht vorstellen (ich sagte dazu nichts): Seine Eltern hätten zusammengezählt elf Geschwister. Er hätte 32 Cousins und Cousinen, hinzu zwei Geschwister. (Ich warf ein, daß das ein krasser demographischer Niedergang sei innerhalb zweier Generation. Er ging nicht drauf ein. Er wollte ohnehin bloß reden.)
Der Abschied von seinem Vater habe ihn extrem mitgenommen. Man möge sich mal so eine Beerdigung mit 250 Personen vorstellen. Ein ganzes Leben – und wie er ihn verehrt habe, den Vater! Wir Deutschen (er gemeindete Nadine ein) hätten GAR KEIN BEGRIFF VON DEM. Es folgte ein Traktat über türkische Vaterliebe, und wie tief die säße.
Kein Türke würde sagen: geh Altenheim, Vater. Ihr Deutsche seid in meinem Auge bekloppt.
Na gut, dritter Wein. Dieser Ritt mit all seinem Luxus sei also auch als Abschiedstour von seinem Vater, dem Pferdezüchter, zu verstehen.
Ich greife vor: Onur schwieg die nächsten Tage tatsächlich. Nahezu völlig, als hätte er ein Gelübde abgegeben. Manchmal versuchte Nadine ihn aufzuheitern, vergeblich. Er saß auf seinem Pferd wie ein Sack, ein trauriger Sack. Onur schwieg, versunken.
Damals, an jenem späten Nachmittag in Ostmitteleuropa, warteten wir noch auf die beiden deutschen Mitreiter.
Eckhart und Anita hatten sich im Gewusel zwischen haptischer Landkarte und Google Maps völlig vertan. Klassische Boomer, westdeutsch. Eckhart entschied nach dem ersten überfröhlichen „Hallihallo“, daß wir alle miteinander Englisch sprechen sollten. Das gebiete die schiere Höflichkeit, und „gerade wir als Deutsche…“ Eckhart war der Typ, der einen Raum betritt und gewohnt ist, daß fortan alle Augen ihm folgen. Laut, kernig, durchaus charismatisch.
Nagut! Also nun in english! Damit hatte auch niemand ein Problem, außer Eckhart und Anita. „I know not ze Word, I have to zink how I can explanise…“ So it go ze follou days.
Wir hatten dann am Abend eine Probereitstunde, damit unsere Rittführerin Sonja uns passende Pferde für die kommenden fünf Tage zuteilen konnte. Es kam zu sage und schreibe fünf Stürzen. Sonja hatte dergleichen nie erlebt. Onur (sackartig) bekam eine Schonfrist (die er überstehen würde): die beiden Boomer mußten leider vom Ritt ausgeschlossen werden.
Und nun folgt die Geschichte, warum Boomer Boomer sind und was so abscheulich ist an ihnen. (Wobei ich einschränken muß: Je näher du einer Person kommst, wenn du ihr stundenlang dein Ohr öffnest – du wirst viel Mitgefühl in dir erwecken und feststellen: auch dieser Mensch hat ein Schicksal zu tragen.)
Eckhart war stinksauer. Er (der auf dem armem Pferd hing wie ein Zementklotz, Hände hoch!) war nämlich bereits in Griechenland geritten, auf Java, in der Mongolei, „im Outback“, in Moldawien, „im Southwest“ und eigentlich überall, und niemand hatte je was dagegen gehabt!
Hier nun schon, und er würde fortan reichlich über diese persönliche Kränkung schwadronieren. Stundenlang. Nun durften die beiden sportlichen Alten uns auf Drahteseln begleiten, von Herberge zu Herberge.
Im Überschwang (und wohl um ah!s und oh!s auszulösen, die aber ausblieben, weil außer mir niemand so genau seinem Schwall lauschte) hatte Eckhart erzählt, er sei ja „vor dem Krieg“ geboren. Stellte sich später heraus – er war Jahrgang 1944, wozu also übertreiben um fünf Jahre? Gut, er sah nicht aus wie 82, eher wie 65. Sein Ehegespons, das dritte, war 63.
Eckhart und Anita waren sogenannte Vielgereiste. Reisen war ihr Hobby. „Immer total individuell, nichts mit so Kreuzfahrten!“ Eckhart wußte nicht nur alles. Er wußte alles besser! Viel, viel besser. Er hatte bereits acht Bücher veröffentlicht. Erwähnte er mehrfach. Reisetagebücher… ich hab nachgeschaut, er muß aus Eitelkeit ordentlich draufgezahlt haben.
Während der feiste Onur nun all die Tage tatsächlich stur sein Schweigen hielt, plapperte der drahtige Eckhart (drei Kinder aus zwei Ehen, jeweils Kontaktabbruch) umso mehr. Klassisch: Er war damals („it was 2016?“-„no, it was 2017, in ze June“ – „no, it was in ze Dschulei“; die Ehepartner stritten sich stets heftig über Details) irgendwo, wo sich irgendetwas ereignet hatte. Eckart wie Anita hatten ihre Handys parat, auf Weitsichtigkeit gestellt, und wir anderen bekamen Photos und Routen von annodazumal gezeigt und durften staunen. Ich sagte Sachen wie „kraß, diese unheimliche Weite!“, dabei langweilte mich dieser Stuff unheimlich. Ich schaute mir unglaublich viele unglaubliche Aufnahmen an. Ich sah interessante Vögel und interessante Pflanzen.
Mein Lieblingsstück mit Eckhart war das: Ich hatte einmal erzählt, daß ich „südlich von Halle“ käme. Andermal, daß die Gegend „Saale-Unstrut“ sei. Irgendwann erwähnte ich, daß ich „bei Naumburg“ wohnte.
Eckhart, jäh: „Bitte? Naumburg? Da komme ich doch her!“ – Ich: „Nee… wirklich? Ihr kommt doch aus Köln?“ – Eckhart: „Das ist verrückt!! Sie kennt Uta und Ekkehart nicht, die Stifterfiguren aus dem Naumburger Dom!“ Mit genau diesem Spruch begannen die letzten Tage. Was für ein Elend es doch sei, daß ich den Ekkehart nicht kenne!
Eckhart hatte mir auch seine politische „Sicht der Dinge“ ungefragt haarklein dargelegt. Er schlottere vor Angst „wegen Sachsen-Anhalt“. Als ich nachfragte, kam nichts zurück. Er war nicht der Typ, der Antworten gab und auf ein Gespräch oder sogar auf eine Diskussion aus war. Er hatte ja sein Weltbild, das genügte. Vermutlich war deshalb Onur sein liebster Gesprächspartner: Der schwieg nach dem ersten Tag einfach. E. fiel es nicht einmal auf.
Alex Schleyer
Diese Eckhardts und Anitas schwadronieren unglaublich gern und viel, leben im Altbau-Eigentum und fühlen sich mit ihrer Reiserei in Rente total weltoffen. In Wirklichkeit sind die aber noch nie in einem drogenverseuchten 30-Dollar-Motel im ländlichen Kentucky abgestiegen oder haben im Tausch gegen ein paar Englisch-Stunden mit nepalesischen Bergbauern in einer unbeheizten Hütte gefroren, weil sie sich gar nicht trauen würden, die Komfortzone wirklich zu verlassen und es sie auch gar nicht interessiert. Das sind die Typen, die auf dem Food Market in Bangkok mit Desinfektionsspray herumspritzen und über "ihre" Flüchtlinge wie über ihre Kinder reden, solange sie nicht im gleichen Kiez wohnen. Ich wäre Team Omur.