Vor zehn Jahren starb Rolf Peter Sieferle

Der Kulturphilosoph und Ökologe Rolf Peter Sieferle gehört zu jenen Autoren, die sich ab einem bestimmten Punkt ihres Lebens in der Nähe der  Neuen Rechten aufhielten, ohne sich je zu ihr zu bekennen und einen streng wissenschaftlichen Standpunkt zu verlassen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Sie­fer­le wur­de 1949 gebo­ren und schied vor zehn Jah­ren, am 17. Sep­tem­ber 2016, frei­wil­lig aus dem Leben. Die Lek­tü­re sei­nes Werks ist bis heu­te frucht­bar, sei­ne Kennt­nis kenn­zeich­net jene Leser, die sich nicht mit Sze­ne­wis­sen, Schlag­wör­tern und rech­tem Jar­gon begnügen.

Mit der Ver­öf­fent­li­chung von Sie­fer­les “Nacht­ge­dan­ken” aus dem Nach­laß – unter dem Titel Finis Ger­ma­nia – schrieb der Ver­lag Antai­os Ver­lags­ge­schich­te, lös­te einen Feuil­le­ton-Skan­dal aus und domi­nier­te die Bericht­erstat­tung über die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2017.

Sie­fer­les Werk wird auf vor­bild­li­che Wei­se im Ver­lag Manu­scrip­tum gepflegt. Antai­os führt alle lie­fer­ba­ren Titel – hier ist die Über­sicht. Für das bei Antai­os selbst erschie­ne­ne, längst ver­grif­fe­ne Staats­po­li­ti­sche Hand­buch, Band Vor­den­ker, hat der His­to­ri­ker Karl­heinz Weiß­mann den Ein­trag “Sie­fer­le” ver­faßt. Hier ist der Text.

– –

Rolf Peter Sie­fer­le gehört zur Alters­ko­hor­te der »Acht­und­sech­zi­ger«, dem­entspre­chend waren sei­ne frü­hen Ver­öf­fent­li­chun­gen – ins­be­son­de­re die bei Imma­nu­el Geiss ange­fer­tig­te Dis­ser­ta­ti­on über den Revo­lu­ti­ons­be­griff bei Marx – von Denk­ge­wohn­hei­ten der Lin­ken geprägt. Daß die­se ihm auf die Dau­er nicht genüg­ten, war aber bereits zu erken­nen, als Sie­fer­le in den acht­zi­ger Jah­ren begann, eine Rei­he von Büchern zu ver­öf­fent­li­chen, die sich mit der Geschich­te des mensch­li­chen Natur­ver­hält­nis­ses befaß­ten. Wer ver­mu­te­te, daß da jemand der »grü­nen« Mode folg­te, sah sich nach der Lek­tü­re rasch korrigiert.

Zwar ging es Sie­fer­le auch dar­um, die ver­ges­se­nen Vor­läu­fer der moder­nen Öko­lo­gie­be­we­gung, die Maschi­nen­stür­mer, Tier- und Hei­mat­schüt­zer (Fort­schritts­fein­de?, 1984), wie­der sicht­bar zu machen. Wich­ti­ger war ihm aber eine prä­zi­se Klä­rung der Art und Wei­se, in der der Mensch sei­ne Umwelt auf­ge­faßt hat, wie er sei­ne eige­ne Fähig­keit zur Natur­er­kennt­nis, Natur­be­herr­schung und Natur­zer­stö­rung ein­zu­schät­zen lern­te und wel­che zen­tra­le Bedeu­tung die wis­sen­schaft­li­che Inter­pre­ta­ti­on der Natur seit dem 18. Jahr­hun­dert auch für das Selbst­bild und Selbst­ver­ständ­nis von Homo sapi­ens gewann (Die Kri­se der mensch­li­chen Natur, 1989).

Konn­te man an die­ser Stel­le schon eine Kor­rek­tur frü­he­rer Ansich­ten fest­stel­len, galt das erst recht, als Sie­fer­le unter dem Ein­druck der Wen­de von 1989 ein Buch mit dem Titel Epo­chen­wech­sel (1994) ver­öf­fent­lich­te, des­sen Argu­men­ta­ti­on in man­cher Hin­sicht an Oswald Speng­lers Jah­re der Ent­schei­dung erin­ner­te. Sie­fer­le ent­wi­ckelt hier die The­se, daß der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus nicht auf Dau­er zur glo­ba­len Durch­set­zung eines neo­li­be­ra­len Kon­zepts unter Domi­nanz des Wes­tens füh­ren wer­de, son­dern daß älte­re Kon­flikt­li­ni­en wie­der auf­bre­chen könn­ten, ergänzt um neu­ar­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen wirt­schaft­li­cher, aber auch ideo­lo­gi­scher bzw. reli­giö­ser Natur.

Da Epo­chen­wech­sel im Ull­stein-Ver­lag unter der Ägi­de Zitel­manns erschie­nen war, wur­de Sie­fer­le rasch mit der »Neu­en Rech­ten« in Ver­bin­dung gebracht, obwohl er immer Distanz hielt und sich an den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der frü­hen neun­zi­ger Jah­re nicht betei­lig­te. Daß der gegen ihn gerich­te­te Ver­dacht einen gewis­sen ratio­na­len Kern hat­te, wur­de aller­dings deut­lich an der fol­gen­den Ver­öf­fent­li­chung über fünf bedeu­ten­de Ver­tre­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on (1995), wobei der Akzent erkenn­bar auf den Vor­den­kern eines »preu­ßi­schen Sozia­lis­mus« lag: Paul Lensch, Wer­ner Som­bart, Oswald Speng­ler, Hans Frey­er und Ernst Jün­ger.

Sie­fer­les Behaup­tung, man habe es im Fall der KR nicht mit einer »Gegen­mo­der­ne«, son­dern mit einer »alter­na­ti­ven Moder­ne« zu tun, lös­te fast noch hef­ti­ge­re Reak­tio­nen aus als die Ver­öf­fent­li­chung des Epo­chen­wech­sels. Infol­ge­des­sen hat er sich in der Fol­ge­zeit wie­der ganz auf die wis­sen­schaft­li­che Arbeit zurück­ge­zo­gen und vor allem im Rah­men der Breu­nin­ger-Stif­tung (Stutt­gart) eine ambi­tio­nier­te Schrif­ten­rei­he zum »euro­päi­schen Son­der­weg« her­aus­ge­ge­ben, die ver­sucht, das, was Max Weber das »okzi­den­ta­le Syn­drom« nann­te, durch einen beson­ders brei­ten Ansatz zu klären.

So bedau­er­lich man die Ent­schei­dung zum Rück­zug aus poli­ti­schen Grün­den fin­den muß, erlaub­te sie Sie­fer­le doch den Abschluß sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn. Er hat­te sich bereits 1984 in Neue­rer Geschich­te habi­li­tiert und 1991 eine außer­plan­mä­ßi­ge Pro­fes­sur für die­ses Fach an der Uni­ver­si­tät Mann­heim über­nom­men. Seit 2000 lehrt er an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len, aber erst seit 2005 als ordent­li­cher Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne Geschichte.

Sie­fer­le nahm sich am 17. Sep­tem­ber 2016 in Hei­del­berg das Leben.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (30)

RMH

17. September 2026 10:06

"Die Lektüre seines Werks ist bis heute furchtbar,"
Exakt diesen freudschen Verleser hatte ich bei dem Text. Ich habe damals "Finis Germania" aus dem Verlag Antaio natürlich in einer MSM-Buchhandlung bestellt, um damit ein kleines Zeichen gegen den Bann von den bekannten Listen & aus den Verkaugsregalen zu setzen. Das Büchlein habe ich dann auch brav gelesen, aber es fehlt mir das, was vor knapp 2 Wochen im Beitrag von Dr. Lehnert eörtert wurde: Hoffnung. Evtl. ist es das Ergebnis klar rationalen Denkens, wie es Dr. Sieferle praktizierte, keine Kinder in diese Welt zu setzen & sich am besten selber abzuräumen - aber denn will ich lieber in einer Welt leben, die auch irrational sein darf. Ist das dann Feigheit? Ich denke nein, Leben braucht immer auch Mut, daher auch der schöne deutsche Begriff vom Lebensmut. Am Ende bleibt ein toter Denker, dessen Werke mittlerweile durch die Preispolitik des ihn herausgebenden Verlages eher exklusiven Charakter bekommen haben. Aber das ggf. Teil der Strategie. Einen solchen Denker verramscht man nicht, den verkauft man wohl auch über den Veblen Effekt. Das Buch im Regal als Status-Symbol gewisser Kreise. Hoffentlich wird es dann auch gelesen und hoffentlich schwindert deshalb niemandem der Lebensmut. Den braucht unser Land dringend.

Majestyk

17. September 2026 10:12

Mir ist persönlich kein Volksschüler der 50er und frühen 60er Jahre bekannt, der je in seiner Jugend von Vergangenheitsbewältigung gehört hätte. Das dürfte in etwa der Kenntnisstand gewesen sein, falls man damaligen Medien trauen kann. Diese Jugendlichen sehen nicht sonderlich an der Vergangenheit leidend aus. Noch in meiner Jugend in den 70er Jahren in einem Arbeiterviertel war man ganz normal stolz aufs eigene Land. Man hatte zwar den Krieg verloren, aber Schuldkomplexe hatte in meiner Jugend niemand. Das erste Mal gehört, daß ich mich schämen soll habe ich von einem Herrn Weizsäcker. Damals wurde ja auch die These von der Befreiung populär. Mein Geschichtslehrer hat dem noch ganz entschieden widersprochen. Weder meine Eltern, noch Tanten, Onkel oder Großeltern hatten sich '45 befreit gefühlt. Die Trümmerwüste sah ja auch nicht danach aus, als hätte jemand versucht die Städte zu befreien. 

Ein gebuertiger Hesse

17. September 2026 10:21

Manchmal möchte man Selbstmörder einfach an den Schultern packen und schütteln. Ihr Verlust kostet die Zurückbleibenden schlichtweg ZU VIEL. Nicht auszudenken, was RPS über unser Heute zu sagen hätte.

Majestyk

17. September 2026 12:24

@ RMH:
"Das Büchlein habe ich dann auch brav gelesen, aber es fehlt mir das, was vor knapp 2 Wochen im Beitrag von Dr. Lehnert eörtert wurde: Hoffnung."
Der Autor hat sich umgebracht. Wie soll der Hoffnung vermitteln? Ich hatte ja selber mal einen Suizidfall in der Familie. Das war aber was anderes. Der Mann war 89 1/2. Zwar nicht ernsthaft krank, aber doch schon auf den letzten Metern. Frau tot, Verhältnis zum Sohn sachlich, aber nicht herzlich, Beziehung zum Enkel zerrüttet, alle Weggefährten im Ort weggestorben. Bin nicht in der Position das gutzuheißen oder zu verurteilen, kann es aber nachvollziehen, daß man dann vielleicht die Lust zu leben verliert. Wenn aber ein 67-Jähriger sich umbringt, der weder schwer krank ist, noch existenziell bedroht, dann läßt das nicht auf eine gesunde und intakte geistige Verfassung schließen. Woher soll da Optimismus herkommen? Bin mir auch nicht sicher, ob man dem Urteil von Leuten vertrauen kann, die an der Welt ernsthaft leiden. Bin selber ja wahrlich kein Musterbeispiel für Optimismus. Aber schlechter leben ist immer besser als gar nicht. Genau deswegen mag ich ja auch nicht die Einstellung, Deutschland hat sich verändert, ist leider nicht mehr wie es war oder hätte sein können, also mag man Deutschland nicht mehr. Man kann auf die Regierung schimpfen, auf die Mächtigen und auf den Apparat, aber nicht auf Heimat und Volk. Da bin ich bei Bismarck:
„Traue keinem, der sein Vaterland verlässt und auf seine Heimat schimpft.“

dojon86

17. September 2026 12:42

@Majestyk Mir auch nicht. Und ich habe diese Zeit als Volksschüler und Gymnasiast selbst erlebt. Eher beschwieg man selbst von linker Seite den Genozid an den Juden und die mörderische Besatzungspolitik im Osten. Was aber an sich schon auffällig war. Die Beschäftigung mit den Untaten der eigenen Seite setzte erst ab ca. 1980 ein. (Möglicherweise in Österreich etwas später als in Deutschland) Im übrigen setzten selbst Linke in den Nachkriegsjahren von Kurt Schuhmacher bis Rudi Dutscke klar nationale Akzente.

das kapital

17. September 2026 12:53

Es ist unendlich schade um Herrn Sieferle. Er dürfte einfach zu tief in den Abgrund geschaut haben und zumindest 2016 keinen Ausweg daraus für sich und andere gesehen haben. Wer sich anschaut, wie sich Deutschland seit 2016 zum Schlechteren verändert hat, wird das nachvollziehen können. /// Wir alle waren bessere Zeiten gewöhnt und dürfen uns sicher sein, dass Deutschland nie wieder so liebenswert lebenswert und leistungsfähig sein wird, wie es am 3. Oktober 1990 war. Soweit wir Kinder der Kriegsgeneration sind, haben unsere Eltern das genaue Gegenteil erlebt, erkämpft und erarbeitet. Für sie stand fest, dass Deutschland nie wieder so hassenswert lebensunwert und leistungsunfähig sein wird, wie es am 8. Mai 1945 war. Dafür haben sie gekämpft gelebt und gearbeitet. 1945 war ein selbstverschuldeter Untergang. 2026 ist es auch. Kriegstreiberei von der Leyen Merz Pistorius Wadephul Kiesewetter und Co. Nix Reformen nur weitere Zerstörung. Das ist schwer auszuhalten. Fast jeder wüsste, wie es besser ginge, aber jeder muss erkennen, dass er nicht die Macht hat, es besser zu organisieren, sondern Kräften ausgeliefert bleibt, die ihn ausplündern und zerstören. Er hat den Krieg nicht gewählt. Er bekommt ihn aber trotzdem. Er hat Selenksky nicht gewählt, zahlt aber trotzdem dessen korrupte Oligarchen.

das kapital

17. September 2026 13:05

„Traue keinem, der sein Vaterland verlässt und auf seine Heimat schimpft.“Das war Bismarck. Aber eben auch "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten"Gegen die Frankfurter Paulskirche und die Demokraten von 1848/1849 die wie z.B. Carl Schurz in den USA recht erfolgreich waren. (Er wurde dort Innenminister.)Die Rahmenbedingungen stimmen in Deutschland und in der EU immer weniger. Eine Verwaltungsoligarchie hat uns entmachtet entmutigt entmündigt ausgeplündert verarscht bevormundet und belogen und macht so ununterbrochen weiter. 8 Ministerpräsidenten der Union schleimen herum und der Rattenfänger von Brilon soll nach ihrer Meinung weitermachen. /// Die sind die Ursache der Probleme. Die haben keine Lösungen und kein Personal. Denen fehlt jedwedes geistige Rüstzeug für substantielle Verbesserungen. /// Es gibt keine guten Gründe mehr, in Deutschland oder anderen EU Ländern zu leben und zu arbeiten. Junge Deutsche sind gezwungen, sich außerhalb eine gute Zukunft auszubauen. Sonst sterben sie in den Schützengräber, zahlen von 18 bis 68 die Rente von anderen ohne jemals eine Rente zu erhalten, von der sie leben können. Abstimmung mit den Füßen, solange es noch geht.

RMH

17. September 2026 13:32

"Die Beschäftigung mit den Untaten der eigenen Seite setzte erst ab ca. 1980 ein."
@dojon86, Ich habe als erste, große gesellschaftliche Thematisierung darüber den TV- Mehrteiler "Holocaust" in Erinnerung, der lief 79, da war ich gerade noch Kind, auf dem Gymnasium in den 80ern war es natürlich Thema im Geschichtsunterricht, aber sehr sachlich präsentiert (an ein Einimpfen deutscher Schuld kann ich mich nicht erinnern). In meiner Familie waren alle auf Ebene Eltern, Onkel, Tanten und ältere Menschen, solche, die den Krieg und die NS Zeit selber erlebt haben und da waren die Verbrechen der Nazis in der Tat auch sehr lange kein Thema - die selbst durch Bomben, Flucht & Vertreibung erlittenen Verbrechen aber auch nicht. Das Schweigen war mithin gleichberechtigt verteilt. Das alles wurde erst zum Gegenstand von Gesprächen, als meine Verwandschaft Greise und Greisinnen von klar über 80 waren (ich bin ihnen dankbar, dass Sie überhaupt etwas erzählt haben). Vorher haben sie gearbeitet, Kinder groß gezogen und gelebt. Manches wird einem auch erst heute so richtig klar & bewusst.

Maiordomus

17. September 2026 13:50

@dojon86. Es stimmt  nicht, dass deutsche Schuld nach dem Krieg verdrängt wurde. Dies zeigten Auseinandersetzungen um Wiederbewaffnung und noch und noch Aussagen von Adenauer, der sich zwar nichtsdestotrotz verärgert zeigte gegen Wiedergutmachungserpressung amerikanischer Juden. Schuld, Schuld und nochmals Schuld appellierten nicht wenige zumal christlich orientierter Autoren zwischen 1950 und 1952, nicht nur Schneider und Bergengruen, auch der spätere Bundespräsident Heinemann, übrigens auch bedeutende Filme, etwa von Leiser. Selber habe ich in den späten 50er Jahren und zu Beginn der 60er Jahre im deutschen Fernsehen jede Menge von Dokumentarfilmen gesehen mit Bergen von Leichen usw. Aber klar, Millionen Familien hatteneigene Kriegsopfer zu beklagen und mit Schuld und Reue allein konnte man keinen Wiederaufbau bewältigen. Hingegen habe ich in jungen Jahren von alliierten Kriegsverbrechen abgesehen von Dresden fast nichts gehört. Das Wort "Rheinwiesenlager" kannte ich vor 2000 nicht. Sehr bekannt waren in der Schweiz aber die Massenvergewaltigungen kurz vor Kriegsende und ebenfalls früh das Verbrechen von Katyn, weil "wir" stets polenfreundlich gesinnt waren. Aber auch, weil man dies auch Berichten aus Deutschland glaubte, sich über das Vordringens der Sowjets nicht freute.       

Andreas J

17. September 2026 14:09

@Majestyk: Noch in meiner Jugend in den 70er Jahren in einem Arbeiterviertel war man ganz normal stolz aufs eigene Land. 
Siehe dazu das SPD-Wahlplakat von 1972, Slogan: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land. Wählt Willy Brandt."

Maiordomus

17. September 2026 14:43

Als Leser des Gesamtwerks von Rolf Peter Sieferle bin ich nicht darauf angewiesen, dasselbe auf seinen resignativen letzten Appell zu reduzieren. Letzter Buchtitel machte mir Mühe; hätte weder "Finis Germania" noch "Finis Germaniae" gewählt. Inhaltlich verdient Schwerpunktsetzung auf Demografie Zustimmung. Da war Sieferle (ehem. Uni St. Gallen) einer der unentbehrlichen Wissenschaftler unserer Gegenwart. Weil er den Finger auf einen heiklen Punkt legte, was allzu viele aus dem wissenschaftlichen Kollegenkreis, offenbar um keinen Anstoss zu erregen, entweder nicht wissen wollten oder es wussten, aber dazu lieber schwiegen. 
Dass politisch fatale Situationen Depressionen auslösen können, auch im Prinzip Klarsichtige zur Verzweiflung treiben, wissen wir nicht erst seit Stefan Zweig. An uns liegt es, Sieferles Denkansatz lösungsorientiert weiterzuführen. Dass man in meinem Land findet, es ginge uns mit 12 Millionen besser als mit längst schon Übervölkerung bei deren 10 (so 2 Millionen bei Gründung des Bundesstaates), halte ich langfristig für schädlicher als es eine militärische Besetzung je sein könnte.       

Dieter Rose

17. September 2026 16:17

@uns alle
Eigenartig, dass die damals durch alte Parteigenossen u.a. in der CDU (Beispiel Filbinger und Kiesinger) neu aufgebaute Demokratie nicht zum Gegenstand von Diskussionen und Omis gegen rechts u.a. geworden ist.
Je länger "die Zeit" hinter uns liegt, desto mehr Widerstandskämpfer wachen auf...

Mitleser2

17. September 2026 18:06

@Majestyk: Stimme zu. Vergangenheitsbewältigung und Schuldkult waren kein Thema 1972/74 am Gymnasium, wenn da auch die ersten 68er Junglehrer aufgetaucht waren. Die wollten eher Mao vermitteln.  Und auch nicht privat unter Eltern. Deswegen habe ich auch Zweifel, dass die Ursache amerikanische Re-Education ab 45 gewesen sei. Wann der Schuldkult großflächig losgetreten wurde, weiß ich nicht. 

Majestyk

17. September 2026 18:53

@ dojon86:
Österreich hat halt den Vorteil sich als erstes Opfer fühlen zu können. Natürlich war Kurt Schumacher Nationalist. Sagte auch Konrad Adenauer ca. Minute 22:55. Selbst die SPD meiner Jugend kann man nicht mit dem Ist-Zustand vergleichen. Nur kann mich niemand davon überzeugen, daß dafür Fremdeinflüße verantwortlich sind.
Folgende Zeilen schrieb ich schon 2024:
"Die Boomer wurden gezeugt, da verstaubten Re-Education Pläne längst in irgendwelchen Schubladen und Heino sang noch Schwarzbraun ist die Haselnuß. Ähnlich beschreibt es übrigens Gerhard Frey in seinem Aufsatz "Selbst Morgenthau wird übersteigert" im Buch "Der Völkermord an den Deutschen, 50 Jahre Vertreibung". Statt sich an den Chancen der Wiedervereinigung zu erfreuen begrüßte Heiner Geißler weitere Zuwanderung mit den Worten "Wir müssen Lobbyisten für die Ausländer sein, denn heute muss es der Hans nicht länger mit der Grete treiben.“"
 
 

Laurenz

17. September 2026 18:54

@Dojon86 @Majestyk ... Untaten der eigenen Seite ... werden entweder von Siegern etabliert, die Geld & Territorium abschöpfen, oder von politischen Kräften, die ein Volk destabilisieren wollen. Setzen sich die Briten wirklich mit den Holodomors der letzten 150 Jahre auseinander? Die Briten besitzen eben den Volks-Charakterzug anderen Leuten Geld & Essen abnehmen zu wollen. Die Franzosen stehen dem wenig nach. Während bei uns der rassistische Teil des Nationalsozialismus extrem nach Bibel ohne Gott stinkt. Man ist eben für oder gegen eine Ethnokratie. Wer hält die Schwarzen der USA auf, ins Land der Ur-Väter zu migrieren, nach Afrika? Aber man lebt dann doch irgendwie lieber mit den Nachkommen des Abschaums Europas zusammen. Kann sich Rußland aktuell identitäre Selbstzweifel erlauben? Es ist günstig bei den Fakten zu bleiben, aber bei den Urteilen Vorsicht walten zu lassen. Wir haben unser Leben in einer Zeit verbracht, in der man sich selten über existenzielle Entscheidungen Gedanken machen mußte. Damit meine ich zB die Frage, gibt es morgen noch was zu essen, oder überlebe ich, als Soldat, den aktuellen Fronteinbruch?

Adler und Drache

17. September 2026 19:18

"Finis Germania" war eine Wende für mich. Ich begriff, was das Wort "Schicksal" bedeutet, und ich begriff, dass ich mit meinem Eintritt in die Rechte in die Sphäre des Schicksals eingetreten war. 
Außerdem starrte ich ewiglang den Titel an und versuchte, seine Bedeutung zu ergründen, weil ich annahm, dass jeder Beteiligte wissen müsse, dass er grammatisch falsch wäre und er also eine tiefere Bedeutung haben müsste.
Hab's aber nicht rausgefunden.  
  

RMH

17. September 2026 21:25

"Wann der Schuldkult großflächig losgetreten wurde, weiß ich nicht."
@Mitleser2,
zum einen wurde als Preis dafür, dass Deutschland jetzt wiedervereinigt ist (also ab 1990) das Dauer-Mantra abgespult, dass das jetzt so große, angeblich "mächtige" Deutschland "in mitten von Europa" seiner "besonderen Verantwortung" gerecht werden muss  (ergo: die jeweiligen Flausen und Ansätze von Eigenheiten aus der Zeit der Teilung waren nicht mehr drin) und zum anderen starb die Erlebensgeneration, die als Wähler solchen Zumutungen einen Strich durch die Rechnung hätte machen können, immer mehr weg und verschwand in die Bedeutungslosigkeit. Je weniger Zeitzeugen auf deutscher Seite da sind, um so mehr wurden dann auf einmal alle, die damals gelebt haben, zu überzeugten Nazis gemacht, die "natürlich" wussten, was für Verbrechen es gab und selbstverständlich dazu (im geringsten Fall) mitläuferisch geschwiegen haben.
Kurzum: Mit der Wiedervereinigung gings m.M.n richtig los - auch die sog. Integration in die EU ist Teil der geplanten und von den Mainstream-Parteien von Anfang an auch offen befürworteten & vorangetriebenen Einhegung Deutschlands.

dojon86

17. September 2026 21:35

@RMH Genau. Dieser Dreiteiler war die Wendemarke. Ich las das Buch von Raul Hilberg: "The destruction of the European Jews" vor 1980 noch auf Englisch weil mir eine deutsche Übersetzung unbekannt war. Man kann die Breitenwirkung  Hollywoods praktisch nicht überschätzen wogegen man die Produktion der  Universitätsgelehrten in ihrer Breitenwirkung kaum unterschätzen kann.

das kapital

18. September 2026 03:35

@Dieter Rose Filbinger ist von Übel, Kiesinger eher nicht. Globke war von Übel. Dennoch hat ihn ein Verfolgter des Naziregimes in Führungsposition gebracht. Auch das "neue" Deutschland West hatte keine zweite Elite in Reserve, sondern die Elite der Vorkriegszeit hatte sich weitgehend den echten Nazis angedient. Danach hat sie sich eben in Trizonesien den Besatzern angedient, soweit sie sich durchschummeln konnte.  /// Einfach mal hinschauen, welcher soziale Druck sich ab 1933 aufgebaut hatte. Röhm "Putsch" 1934. Da wurden die eigenen Leute abserviert und gestandene Konservative. Der Anpassungsdruck war da. Auch bei den Unternehmern. Röhm wurde auch abserviert, weil er wie Lenin Stalin und Trotzki enteignen wollte. Das wurde durch Massenmord verhindert. Beeindruckt aber auch. "Wir wurden nicht enteignet. Die Nazis sind aber bereit, die eigenen Leute umzubringen, um ihren Willen durchzusetzen, also pass auf dich auf. // Der verlorene Krieg und die Besatzung haben die Überlebenden zusammengepresst, wenn nicht sogar zusammengeschweißt. Jeder, der geeignet war, wurde gebraucht, um Deutschland neu zu organisieren angesichts des Elends. Da gab es keine "Brandmauer" angesichts der verheerenden Verluste.

Maiordomus

18. September 2026 04:26

@Adler und Drache: "Finis Germania" hätte wohl mit einem Ausrufszeichen versehen müssen, dann wäre es lateinischer Vokativ gewesen, der "Anruf-Fall". Gemäss einem Schulkameraden, der Rektor der Uni St. Gallen wurde, galt Sieferle als ein eher stiller, fleissiger Gelehrter, der um seine Forschung selber wenig Aufhebens machte. 
@ "Verdrängung". Als ich Knabe von Fussball-WM 54 begeistert war, mich über Sieg der Deutschen freute, machte mich ein in der Schweiz lebender SPD-Deutscher auf Dachau, Buchenwald und Auschwitz aufmerksam. Schuldappelle v. Reinhold Schneider u.a. waren 1945/1948 für Gläubige unüberhorbar. Pazifisten wehrten sich auch wegen Lagerverbrechen gegen Wiederbewaffung. Friedenspreis des deutschen Buchhandels an Buber und andere war klar schuldorientiert, Prozess Eichmann u. weitere Prozesse vorher u. nachher erregten maximalstes Aufsehen. Zahl "6 Millionen" wurde früh weitestgehend unantastbarer Konsens v. Millionen auch Deutscher. Aber man sah Zusammenhänge anders als 68er, die Auschwitz als "Folge des Kapitalismus" sahen. Diese "Aufklärung" wiesen Juden Hayek u. Popper zurück.     

Maiordomus

18. September 2026 09:30

@das Kapital. Vor Jahren diskutierten wir kontrovers über den "Röhm"-Putsch, wobei man mir vorwarf, allzu sehr darauf "herumzureiten". Selber kannte ich einstige Hitler-Anhänger, Schweizer "Fröntler", welchen durch diese Mehr-als-Episode die Augen geöffnet wurden. Für Kuehnelt-Leddihn, der sich als "rechtsradikalen Liberalen" bezeichnete, war es die "Reichs-Mordwoche", zwingender Nachweis anscheinend auch für O. Spengler, "dass wir von Verbrechern regiert werden." Einer meiner später besten älteren Freunde wechselte deswegen vom Frontismus zum Marxismus, zuletzt glaubte er an Gorbatschow. Auch ein nachmalig bedeutender Schweizer Zeitungsverleger, Träumer vom Frontenfrühling, kehrte  zum herkömmlichen Freisinn zurück. Die Sache wurde früh dokumentiert im Umfeld der "Europäischen Blätter" v.. Willi Schlamm, Heinrich Mann u.a.. Bedeutend für meine Beschäftigung mit der Röhm-Sache wurden Dokumente betr. Edgar J. Jung, Papen (letzterer noch von Reinhold Schneider gewählt) und hauptsächlich die Befassung mit dem deutschen Religionsphilosophen und Goethepreisträger Leopold Ziegler. Dem Kreis um Jung angehörig, floh er nach Kreuzlingen, wo er einige Schweizer Frontenfreunde mit deutlichen Worten desillusionierte. Es gab aber auch unter meinen Bekannten weiterhin Unbelehrbare.      

KlausD.

18. September 2026 09:33

@das kapital  17. September 2026 13:05"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten"
Dieser Ausspruch ist der Schlusssatz im sogenannten  "Demokratenlied", das  Wilhelm von Merckel im Herbst 1848 verfasst hat.
Außerdem eine Äußerung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. an den Londoner Gesandten als Reaktion auf die Kaiserdeputation 1849.
 

Majestyk

18. September 2026 09:58

@ Maiordomus:
"Zahl "6 Millionen" wurde früh weitestgehend unantastbarer Konsens v. Millionen auch Deutscher."
Nicht in meinem Geschichte-Leistungskurs 1988 – 1990.
 
@ RMH:
"Ich habe als erste, große gesellschaftliche Thematisierung darüber den TV- Mehrteiler "Holocaust" in Erinnerung, der lief 79, da war ich gerade noch Kind,"
Holocaust war die kommerzielle Antwort der NBC auf den Erfolg der Sklavensaga Roots von ABC. Glaubt man Henryk Broder bekam das Shoah-Gedenken in den USA Auftrieb als man Israel beschwichtigen wollte, nachdem man die Saudis mit Waffen beliefert hatte. Was die mediale Aufarbeitung wie Holocaust angeht, vielleicht war die Zeit reif dafür und Geld ließ sich mit Aufarbeitungsdramen anscheinend auch verdienen, siehe Bürgerkriegsbewältigung wie North and South. Geschichte und Konfliktthemen waren in und wie im US-Medienbusiness üblich, wurde ein komplexes Thema wie der echte Holocaust auf ein simples Attraktionsniveau heruntergebrochen. Wenn man heute von Geschichte spricht, dann hat fast jeder nicht nur die historischen Ereignisse, sondern auch die mediale Rezeption im Kopf. Genauso redet man ja auch über die Nazis als die Überbösewichte, die Hollywood aus ihnen gemacht hat. Die echten Nationalsozialisten, die echte Judenverfolgung sind für die meisten Menschen längst hinter dem Medienbild verschwunden.

Majestyk

18. September 2026 10:20

Der Teilnehmer anatol broder erzählte im letzten Thema, daß er die Asylindustrie bereits Mitte der 90er Jahre wahrnahm als er nach Deutschland kam. Die von ihm beschriebenen Straßenschlachten von Russen und Türken, die nie den Weg in die Medien fanden, kenne ich auch. Wie anatol broder bin ich mir sicher, die Anfänge datieren vor der Wiedervereinigung. Mit ebenjener nahmen Einhegung, siehe EU und Massenzuwanderung richtig Fahrt auf. Ich habe nur wenige Jahre später beim Lokalradio die Erfahrung gemacht, daß man über bestimmte Themen nicht berichtet.
In meiner Wahrnehmung fing die Veränderung des Geschichtsbildes und Verengung dessen was zu sagen genehm war etwa Ende der 80er Jahre an. Damals gab es ja auch jenen Historikerstreit. Die Verschärfung des Volksverhetzungsparagraphen fand 1992 statt. Seit dem gilt manches als in Stein gemeißelt. Für mich sind Migrantismus und Schuldkult miteinander verzahnt. Ich sehe diese Entwicklung nur nicht nur auf Deutschlands begrenzt. Immerhin sollen sich Kinder in Kanada oder Australien auch für ihre Vorfahren entschuldigen und Muslime wurden bis in die USA importiert. Zu den Drahtziehern hierzulande gehört für mich die CDU, die sich ein Haus in Europa baute, transatlantisch bestens vernetzte, im Inland konfessionell tarnte, aber anders als Brandt oder Schmidt nie die Zahl der in Deutschland lebenden Türken antastete. Auch der Technologietransfer Richtung China geht aufs Konto der Christdemokraten.

Wahrheitssucher

18. September 2026 11:26

@ RMH
Zum Thema Einhegung Deutschlands seit 1990: Sie haben es auf den Punkt gebracht, ungeteilte Zustimmung! 

Maiordomus

18. September 2026 12:11

Betrifft noch: Rolf Peter Sieferle. In einer meiner seit Jahrzehnten meistbesuchten staatlichen Bibliothek sind mehr als ein halbes Dutzend Werke von Sieferle, auch frühe, die ihn umweltwissenschaftlich aktiv zeigen, ausleihbar. Nicht jedoch "Finis Germania", auch nicht im Bestand. 
Warum dies so sein dürfte, ergab sich aus der Gelegenheit, ein bei mir doppelt vorhandenes Kaplakenbuch Armin Mohler der Bibliothek zu verschenken, zumal sie über,rund 10 Titel von Mohler verfügen, meist Erstausgaben. Die Bibliothek erhielt das Kaplakenbuch ergänzend zu einer Postsendung eines Buches über Mohler und die deutsche intellektuelle Rechte, welches ich als vermisst ersetzte. Ich begründete das Geschenk als auch im Titel fundierten Beitrag zum philosophisch grundlegenden Thema "Nominalismus - Universalismus", dem philosophisch grundlegenden, bis heute nachwirkenden Universalienstreit. Die Antwort lautete, sie könnten dieses Geschenk nicht annehmen, weil es den Grundlagen bzw. Grundsätzen des Büchererwerbs dieser Bibliothek nicht entspreche. Es war damit keinesfalls die Praxis des Schenkens wissenschaftlich relevanter Bücher gemeint, wiewohl Buchgeschenke heute keinesfalls auch wegen Lagerungskapazität einfach angenommen werden können. Werde diesen Grundlagen, so weit sie schriftlich niedergelegt sind, wohl bei Gelegenheit noch nachgehen.  

Dieter Rose

18. September 2026 13:09

@das Kapital
Eben, damals wurden fähige Leute, egal welcher politischen Herkunft, zum Aufbau des Landes gebraucht, da fanden Ausgrenzungen nicht in dieser Kleinkariertheit wie heute statt. Nach vorne schauen...

Maiordomus

18. September 2026 14:08

PS. Betrifft Rückweisung von Antaios-Buch betr. "Die nominalistische Wende" wie auch das Nichtvorhandensein von  Sieferles "Finis Germania" in einer gebietskörperschaftlichem Verfassungsrecht unterstehenden Staatsbibliothek: "Leider können wir Ihr Geschenk nicht entgegennehmen, weil es den aktuellen Anforderungen einer Aufnahme in die Bibliothek (Anschaffungsbedingungen) nicht entspricht."
Der Begriff "aktuelle Anforderungen" bedeutet, dass dieselben nicht in einem referendumsfähigen Gesetz oder mutmasslich auch nicht in einer Verordnung der Regierung oder gar in einem Dekret des kantonalen Parlaments geregelt sind. Hier trifft mutmasslich auf Ebene der Leitungskompetenzen von nicht vom Volk gewählten Chefs die Losung zu: "Das Schönste am Regieren ist die Willkür." Ehrlich gesagt bietet das Beamtensystem kaum vermeidlichen Spielraum für Schikanen, zumal bei der heute materiell unüberschaubaren Buchproduktion (auch auf dem Gebiet der Wissenschaft) in Bibliotheken der Platz für Anschaffungen begrenzt ist.      

Karl

18. September 2026 14:40

Zum Thema „Re-education“:
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„Charakterwäsche.“ von Caspar von Schrenck-Notzing (1927–2009) erschien 1965 im Seewald-Verlag Stuttgart. Spätere Ausgaben und erweiterte Neuausgaben folgten (zuletzt 2018). Der Autor war Historiker und Mitbegründer der Zeitschrift Criticón. Er starb 81jährig, seine umfangreiche Bibliothek bildete den Grundstock der „Bibliothek des Konservatismus“, die 2012 in Berlin-Charlottenburg eröffnet wurde. Das Buch gilt als frühe Kritik an der amerikanischen Besatzungspolitik und wurde 1965 als Tabubruch wahrgenommen. 
Schrenck-Notzing beschreibt die Re-education nach 1945 als psychologisches Großexperiment: die Veränderung des „deutschen Volkscharakters“ durch Methoden der Psychologie. Er führt die Idee auf Debatten in den USA der Roosevelt-Ära zurück und verfolgt ihre Umsetzung in der amerikanischen Zone sowie ihre Auswirkungen auf Elite, Medien, Universitäten und die politische Kultur der Bundesrepublik. Die Deutschen hätten diese Prinzipien später eigenständig weitergeführt. Daran hatten die von den Alliierten lizenzierten Zeitungen ebenso ihren Anteil wie Parteien oder Universitäten. Das Buch übte an der Umerziehung bereits in einer Zeit fundamentale Kritik, als das amerikanische Vorbild für die Bundesrepublik noch als unantastbar galt. Die Frage der Umerziehung in Deutschland ist bis heute ein Tabuthema geblieben. Sie rührt an dem Innersten dieser Republik, an der Frage: Wie sind die Deutschen das geworden, was sie heute sind?
 

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