Die Bundeshauptstadt besitzt eine politische Kultur, die sich nur begrenzt mit jener in den deutschen Flächenländern vergleichen lässt. Was anderswo als Stadt-Land-Gegensatz erscheint, verdichtet sich hier auf wenigen Kilometern zu einem Nebeneinander gesellschaftlicher und kultureller Welten. Zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf liegen keine hundert Kilometer Provinz, sondern nur einige S‑Bahn-Stationen. Politisch sind es jedoch inzwischen recht unterschiedliche Welten.
In dieser Atmosphäre erweisen sich die Großkonflikte der Moderne als Beschleuniger einer räumlichen Fragmentierung. Herkunft, Alter, Bildung, Wohnform, Lebensstil und ökonomische Sicherheit verdichten sich zunehmend zu geographisch sichtbaren Wahlmilieus.
Die Linke wurde mit 25,7% zur stärksten Kraft, die CDU fiel auf 18,8% (das drittschlechteste Ergebnis in der Geschichte einer Berlin-Wahl, die AfD erreichte mit 16,3% ihr bislang bestes Berliner Ergebnis, während Grüne und SPD auf 14,3 beziehungsweise 12,1% zurückgingen und maßgeblich von der Linkspartei als neue dominierende Kraft des Mitte-Links-Spektrums abgelöst wurden.
Nach der Wiedervereinigung erreichten CDU und SPD 1990 zusammen mehr als 70% in Berlin. Inzwischen ist dieser Anteil auf 30% zusammengebrochen. Hier zeigt sich innerhalb eines räumlichen Brennglases die Erosion der alten Kräfte der Volksparteihegemonie und ihre Verschiebung hin zu neuen parteipolitischen Faktoren. Dies zeichnet sich, wie bereits eingangs geäußert, in einer räumlichen Dimension ab, die vormals alte geographische Differenzen zwischen Ost vs. West zunehmen in Richtung Innenstadtkern vs. Außenbezirke verschiebt.
Im stark verdichteten Zentrum dominieren Linke und teilweise Grüne. Im wohlhabenderen Südwesten kann sich die CDU halten. Im Osten und Nordosten gewinnen AfD und teilweise BSW an Gewicht. Das alte Ost-West-Schema wird dadurch zwar nicht aufgehoben, aber von einer Zentrum-Peripherie-Achse zunehmend überlagert. Während Die Linke innerhalb des S‑Bahn-Rings auf 35,2% der Zweitstimmen kletterte, verzeichnete sie außerhalb nur 22%. In innerstädtischen Wahlkreisen wie Neukölln und Mitte durchbrach Die Linke gar die Marke von 50 %.
Innerhalb des linken Spektrums vollzieht sich gleichzeitig ein Generationswechsel. Die Grünen verlieren gerade jene Milieus, deren politische Heimat sie im vergangenen Jahrzehnt geworden waren. Die Linke erreicht 43% bei den 16- bis 24-Jährigen und 49% bei den 25- bis 34-Jährigen. Bei jungen Frauen liegt sie insgesamt über 50%. Die Grünen fallen in diesen Altersgruppen zwar deutlich zurück, aber liegen dennoch auf hohem Niveau.
Insgesamt muss man hier konstatieren, dass in der Bundeshauptstadt mehr als 80% der jungen Frauen zwischen 16–24 Jahren Parteien am linksprogressiven Rand wählen. Diese Geschlechterlücke zeigte sich unter Jungwählern auch schon bei vergangenen Wahlen, aber bildet sich in Berlin nochmals in einer extremeren Polarisierung ab. Die Linke konnte sich durch eine konsequente Zuspitzung der Mietenfrage („Enteignung“) und eine aggressive Aktivierung migrantischer Wählerpotentiale durch den Nahost-Konflikt als die kompromisslosere Projektionsfläche für das fortschrittsgläubige, staatlich alimentierte Prekariat der Innenstadt etablieren.
Die Linke verbindet in Berlin eine Wählerkoalition, deren politische Interessen nicht zwangsläufig identisch sein müssen. Einerseits junge, hochgebildete Großstadtmilieus und ökonomisch verunsicherte Wähler andererseits. Unter formal Hochgebildeten erreicht sie 30% und bei Personen mit negativ eingeschätzter eigener Wirtschaftslage 32%. Die Grünen geraten dadurch in eine strukturell schwierige Lage. Sie bleiben die Partei eines gehobenen Bildungssegments, verlieren aber ihre frühere Exklusivität bei jungen Akademikern. Die Linke tritt nun in denselben Quartieren auf, ist jünger, weiblicher und zugleich sozialpolitisch schärfer profiliert.
Im innerstädtischen Parteienwettbewerb verschiebt sich damit die Achse von Grün gegen Schwarz zunehmend zu Linke gegen ein fragmentiertes übriges Feld. Die Linke wird damit zur kulturell und demografisch modernsten Partei eines beträchtlichen Teils der urbanen Linken. Ihre historischen Wurzeln liegen zwar in der ostdeutschen PDS und der westdeutschen Sozial- und Gewerkschaftslinken aber ihre Berliner Wählerschaft 2026 wird dagegen maßgeblich von jungen Frauen, Akademikern und Studenten geprägt. Zugleich bleibt sie an anschlussfähig an materiell deprivierte Gruppen. Gerade diese Verbindung unterscheidet ihr neues Profil von dem der Grünen, deren Wählerschaft sich immer noch verstärkt auf finanziell abgesicherte Wohlstandsgruppen bezieht.
Wo sich die Muster der AfD-Sozialstruktur in den Flächenbundesländern meist recht ähnlich sind, weicht dies zumindest im Rahmen der Altersgruppierungen teilweise erheblich ab. Sie ist in Berlin eben nicht primär eine junge Partei. Unter 45-Jährigen bleibt sie unter ihrem Landesergebnis, ihre stärksten Werte erreicht sie im mittleren und höheren Erwerbsalter. Die stärksten Zugewinne fährt sie in der Altersgruppe 60–69-Jahren ein.
Selbst junge Männer weisen in Berlin keine erhöhte AfD-Affinität auf. Dafür bleibt jedoch die sozioökonomische Struktur vertraut. 30% der Arbeiter stimmen für die AfD. Bei mittlerer und niedriger Bildung erreicht sie Werte zwischen 26–26%. Menschen, die ihre wirtschaftliche Lage als weniger gut oder schlecht bewerten, wählen sie mit 26% beinahe doppelt so häufig wie Personen, die ihre Lage positiv einschätzen.
Bemerkenswert ist darüber hinaus die Wählerwanderung. Die AfD erhält netto rund 60.000 frühere CDU-Wähler aber zugleich 61.000 ehemalige Nichtwähler. Der Zugewinn aus der politischen Nichtteilnahme ist somit mindestens ebenso bedeutsam wie jener aus den CDU-Milieus.
Die Befürworter eines eher bürgerlich- und klassisch liberalkonservativen Kurses in der AfD, werden sich über diese Wählerströme selbstverständlich bestätigt fühlen. Es gäbe somit offensichtlich noch klare Mobilisierungsreserven bei der CDU, die nur durch einen eher zurückhaltenden und bewusst „bürgerlich“ auftretenden Kurs in Großstädten zu aktivieren wäre.
Dabei ist diese These in ihrer umgekehrten Lesart noch gar nicht abschließend widerlegt, da es auch historische Gegenbeispiele wie die Republikaner Ende der 80er Jahre in Berlin und die Schill-Partei Anfang der 2000er in Hamburg zeigen, dass urbane Wahlkämpfe für rechte Parteien durchaus viel Zuspitzungspotential haben, da die politischen Dysfunktionalitäten sehr konkret und nicht nur abstrakt und imaginiert aufgezeigt werden können.

Ein Punkt über dem gestrichelten inneren Kreis weist auf einen überdurchschnittlichen Zusammenhang in der Wählerschaft der jeweiligen Partei hin.
Man kann sich in der Berliner AfD natürlich auch unter dieser neuen soziostrukturellen Bedingung einer überdurchschnittlichen Wählermobilisierung der über 60-Jährigen nun mit einer Sonderrolle in der Partei begnügen. Ob dies aber am Ende auch die Erzählung sein soll, die kommenden Kampagnen und das Außenbild der Landespartei prägt ist zumindest diskussionswürdig.
Mit klassischen Sozialthemen, die sich immer auch an eine identitätspolitische Fragestellung rund um Gerechtigkeit- und Verteilungsfragen zwischen Deutschen und Ausländern verknüpfen ließen, hätte man in Berlin womöglich ebenfalls eine Option, um in neue Wählermilieus auszugreifen und bestehende Stammwählermilieus zu verbreitern.






RMH
Frage: Wurde, nachdem M.S. im Artikel zuvor bereits die ethnische Komponente der Wahl (oder besser: bestimmter Ethnien) gezeigt hatte, bei dieser Analyse jetzt bewusst auf dieses Element weitestgehend verzichtet (einen Satz dazu findet man ja)? Sie liest sich ansonsten so, als ob es keine Vielzahl an "Neuwählern" (im geringeren Maße durch Herabsetzung des Wahlalters und im höheren durch die unzähligen Einbürgerungen) gegeben hätte und ein Satz wie dieser in Bezug auf die Linken:
".... ihre Berliner Wählerschaft 2026 wird dagegen maßgeblich von jungen Frauen, Akademikern und Studenten geprägt."
stellt dann die Frage im Hinblick auf die "Maßgeblichkeit", was die eingebürgerten jungen Frauen und die Studenten aus den migrantischen Millieus gewählt haben. Da wird wohl das Datenmaterial nicht genug hergeben, vermute ich.