Die Widmung war, wie Peter-André Alt, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Verfasser der maßgeblichen Schiller-Biographie, zeigt, bewußt doppeldeutig gehalten. Jünger traute Kohl auf ästhetischem und philosophischem Gebiet wenig zu; ungefährlich konnte die Begegnung nur deshalb bleiben, weil der Kanzler auf diesem Terrain kein wirklicher Gesprächspartner war.
Die Begegnung, die Jünger in seinem Tagebuch nicht erwähnt, ist mehr als eine hübsche Anekdote; sie formuliert die zentrale Frage von Alts umfangreicher Monographie Die Kanzler und die Intellektuellen: Was suchen Geist und Macht beieinander, und wie verhalten sie sich, wenn sich ihre Wege kreuzen?
Das Verhältnis zwischen Kanzlern und Intellektuellen war in der Bundesrepublik selten harmonisch. Adenauer hielt die geistige Welt auf Distanz, Erhard bemühte sich um Einbindung, und Kiesinger überschätzte seine geistige Autorität. Willy Brandt suchte die Nähe von Schriftstellern und Publizisten. Bei Helmut Schmidt entstanden Freundschaften, die die Grenzen zwischen Privatheit und Politik aufhoben.
Auf dem Höhepunkt des RAF-Terrors lud der Kanzler Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz und den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld ins Kanzleramt ein, um sich über die Lage auszutauschen. Helmut Kohl blieb der kulturellen Elite wegen seiner hemdsärmeligen Art fremd, während Gerhard Schröder Intellektuelle und Künstler für seine politische Selbstdarstellung zu nutzen wußte.
Bei Angela Merkel und Olaf Scholz veränderte sich die Art des Austausches; er wurde schnelllebiger und digitaler.
Aus der Perspektive des Literaturwissenschaftlers rekonstruiert Alt diese Beziehungen. Seine erzählerische Stärke zeigt sich darin, daß er politische und geistige Konstellationen durch Begegnungen, Gespräche und Anekdoten sichtbar macht und aus solchen Miniaturen größere, vom Konflikt um politische und kulturelle Legitimation geprägte Zusammenhänge hervortreten läßt.
Er beschränkt seine Darstellung nicht auf die linksliberale Intelligenz; konservative und rechte Intellektuelle finden ihren Platz, darunter Armin Mohler und Caspar von Schrenck-Notzing. Alt begegnet diesen Autoren und ihrer intellektuellen Leistung mit deutlicher Skepsis; diese Skepsis tritt umso stärker hervor, je näher das Buch an die Gegenwart heranreicht.
Alts Darstellung führt zu einem fast tragischen Befund: Der klassische Intellektuelle, der mit eigenem geistigen Anspruch in die politische Öffentlichkeit tritt und seine Autorität aus der Distanz zur Macht bezieht, scheint zu verschwinden. An seine Stelle tritt zunehmend die schnelllebige und ausgehöhlte Figur des Medienintellektuellen, der auf jede Entwicklung reagieren muß.
Eine frühe Ausprägung dieser Entwicklung hat Axel Schildt in Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik beschrieben; heute scheint sie sich fortzusetzen. Er ist weniger durch die Unabhängigkeit vom politischen Betrieb als durch die Einbindung in die Mechanismen medialer Öffentlichkeit bestimmt. Seine Wirkung beruht auf der Fähigkeit, Debatten möglichst rasch zu besetzen. Damit verändert sich das Verhältnis von Geist und Macht.
Der Medienintellektuelle muß anschlußfähig sein, schnell reagieren und sich leicht konsumierbar präsentieren. Seine Interventionen sind stärker auf den Takt von Nachrichten und sozialen Medien abgestimmt als auf das Durchdringen eines gesellschaftlichen Problems. Was an Reichweite gewonnen wird, kann an geistiger Tiefe verloren gehen.
Alt erzählt nicht nur von Geist und Macht, sondern macht sichtbar, wie sich die Figur des Intellektuellen wandelt. Der klassische Intellektuelle konnte der Macht aus der Distanz widersprechen; der Medienintellektuelle wirkt – berechenbar – innerhalb des medialen Systems, das die politische Macht begleitet, kommentiert und hervorbringt. Diese Nähe zur Öffentlichkeit ist seine prägende Stärke – und seine begrenzende Schwäche.
Peter-André Alt: Die Kanzler und die Intellektuellen. Geschichte einer unbequemen Beziehung, München 2026. 811 S., 48 € – hier bestellen