Wann steht einer auf?

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

von Mar­tin Sellner

Die Lage scheint glän­zend: Im Früh­jahr 2025 liegt die AfD in den meis­ten Umfra­gen vor der Uni­on. Zudem star­tet die neue Koali­ti­on mit einem mas­si­ven Malus ins Amt, denn Merz’ Brand­mau­er ent­wi­ckel­te sich für ihn zum Gefäng­nis. Ohne FDP und BSW besitzt die AfD nun das Mono­pol auf Migra­ti­ons­kri­tik im Bun­des­tag, wäh­rend die Belas­tun­gen durch Krieg, Migra­ti­on und Ener­gie­wen­de unver­min­dert anhalten.

Doch auf den Stra­ßen herrscht gäh­nen­de Lee­re. Kei­ne Trau­er­zü­ge nach Ter­ror­an­schlä­gen und Mes­ser­mor­den, kein schwarz­rot­gol­de­nes Flag­gen­meer gegen die Schul­den­po­li­tik. Ver­ein­zelt hal­ten Vete­ra­nen der Coro­na-Pro­tes­te die Stel­lung auf der Stra­ße, und ein­zel­ne Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen set­zen ihr Pro­gramm in treu­deut­scher Ver­läß­lich­keit fort. Auf­bruchs­stim­mung? Fehlanzeige.

Aber Woche für Woche beklatscht man im patrio­ti­schen Lager die neu­en Umfra­ge­wer­te von INSA und you­gov. Es geht vor­an! Jedoch: Was folgt dar­aus kon­kret? Bli­cken wir nach Öster­reich: Dort führt die FPÖ seit drei Jah­ren kon­stant in den Umfra­gen, den­noch sind ihre Ideen gesell­schaft­lich macht­los, sie selbst poli­tisch iso­liert. Was Vil­fre­do Pare­to mit sei­ner berühm­ten 80/20-Regel erkann­te, gilt unverändert.

In Deutsch­land lie­gen die Grü­nen und die Lin­ken gemein­sam bei 20 bis 22 Pro­zent, doch ihre Ideo­lo­gie bestimmt gut 80 Pro­zent des Dis­kur­ses. Eine effek­ti­ve, gut orga­ni­sier­te Min­der­heit domi­niert die schwa­che, chao­ti­sche Mehrheit.

Die Uni­ver­si­tä­ten – Zukunfts­fa­bri­ken der Nati­on – sind nach wie vor lin­ke Fes­tun­gen. Die domi­nan­ten Begrif­fe kom­men wei­ter­hin ver­läß­lich von links, und die »Unwör­ter des Jah­res« von rechts. Mit der »Brand­mau­er«, ihrer meta­po­li­ti­schen Krea­ti­on, unter­bin­det die lin­ke Hege­mo­nie miß­li­e­bi­ge poli­ti­sche Alli­an­zen. Wer glaubt, man kön­ne sie mit ein paar Pro­zent­punk­ten ein­rei­ßen, irrt. Rech­te Par­tei­en bräuch­ten abso­lu­te Mehr­hei­ten für eine Regierung.

Kann die Stra­ße den Befrei­ungs­schlag für die­se Patt­si­tua­ti­on brin­gen? Stra­ßen­pro­tes­te sind nicht nur eine net­te Begleit­erschei­nung einer Wen­de, son­dern deren Schritt­ma­cher. Der Sozio­lo­ge Armin Nas­sehi attes­tiert Kund­ge­bun­gen, daß sie The­men so set­zen, »daß man an ihnen nicht vorbeikommt«.

Lin­ke NGOs haben das seit lan­gem erkannt. Nicht umsonst hält sich die­ses Lager eine Pri­vat­ar­mee aus Akti­vis­ten, Bür­ger­be­we­gun­gen, Bands und Ban­den. Rech­te belä­cheln oft den Typus des lin­ken »Berufs- und Dau­er­ak­ti­vis­ten«. Doch die­ses Lächeln ver­blaßt rasch, wenn der lin­ke Akti­vist spä­ter das eige­ne Kind in der Schu­le unter­rich­tet oder als »Diver­si­ty­be­auf­trag­ter« im eige­nen Unter­neh­men auf­taucht. Wer regel­mä­ßig Stra­ßen und Plät­ze besetzt, besetzt bald auch die Diskurse.

Eine Stu­die aus dem Jahr 2022 von Weiss­kir­cher, Hut­ter und Bor­báth ana­ly­siert die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Pro­test­be­we­gun­gen und poli­ti­schen Par­tei­en und iden­ti­fi­ziert zwei ent­schei­den­de Aus­wir­kun­gen: die »exter­ne Poli­ti­sie­rungs­spi­ra­le«, die direkt auf die Gesell­schaft wir­ke, und die »inner­par­tei­li­che Innovationsspirale«.

Als Bei­spiel nen­nen die Autoren die AfD, die sich durch die Pegi­da-Demons­tra­tio­nen gegen Isla­mi­sie­rung und Mas­sen­ein­wan­de­rung the­ma­tisch neu aus­rich­te­te. Die­se Mecha­nis­men sind inter­es­san­ter­wei­se beson­ders in den neu­en Bun­des­län­dern wirk­sam, weil dort die Bezie­hun­gen zwi­schen Stra­ßen­be­we­gun­gen und Par­tei­en inten­si­ver sind.

In Öster­reich lie­ßen die mas­si­ven Coro­na-Pro­tes­te den Ver­such schei­tern, »Unge­impf­te« als ver­spreng­te und extre­mis­ti­sche Min­der­heit dar­zu­stel­len. Der trot­zi­ge, sicht­ba­re Wider­stand gab den unsicht­ba­ren Impf­ver­wei­ge­rern Kraft. Die Impf­pflicht schei­ter­te – nicht durch Anträ­ge und Par­la­ments­de­bat­ten, son­dern auf­grund des Drucks von der Straße.

Gro­ße Kund­ge­bun­gen sind erwie­se­ner­ma­ßen wirk­sam. Wel­ches Poten­ti­al es für Mas­sen­de­mos gegen Mas­sen­mi­gra­ti­on geben könn­te, stell­ten die Pegi­da-Demons­tra­tio­nen 2015 unter Beweis, und in der Fol­ge die Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen an vie­len ande­ren Orten.

Damals steck­te das patrio­ti­sche Lager noch in den Kin­der­schu­hen. Seit­dem ist die Zahl der Video­for­ma­te, Pod­casts, Nach­rich­ten­sei­ten und Pos­tings explo­diert. Die rech­te Gegen­öf­fent­lich­keit war noch nie so mäch­tig und finanz­stark wie heu­te. Und doch waren die Stra­ßen nie lee­rer. War­um? Mei­ner Ansicht nach gibt es dafür drei ent­schei­den­de Gründe:

Wohl­stand und Gewöh­nung – »Dem Deut­schen geht es (noch) zu gut.« Das ist die Gene­ral­ant­wort vie­ler Rech­ter auf die Fra­ge, war­um die Mas­se auf der Stra­ße und bei den Wah­len aus­bleibt. Der Kühl­schrank ist voll, das Net­flix-Abo eben­so finan­zier­bar wie der Mal­lor­ca-Urlaub, und das Leben ist schön.

Wider­stand hin­ge­gen kos­tet viel Zeit, Geld und viel­leicht den Beruf. Eine berühm­te Stu­die von James C. Davies zeigt: Revo­lu­tio­nen bre­chen meist aus, wenn einer kri­ti­schen Mas­se ein rela­ti­ver sozia­ler Abstieg droht.

Auch in Deutsch­land ist die­ser Abstieg bemerk­bar. Doch er erfolgt lei­se, gut ver­wal­tet und schlei­chend. Daß die Repres­sio­nen im Jahr 2024, vom Com­pact-Ver­bot bis zur »Schwachkopf«-Razzia, deut­lich an Fahrt auf­nah­men, ist womög­lich sogar ein gutes Zei­chen. Es zeigt, daß Brot und Spie­le allein nicht aus­rei­chen, um die Mas­sen ruhigzustellen.

Den­noch wirkt der (noch) vor­han­de­ne Wohl­stand als Fak­tor gegen Mas­sen­pro­tes­te. Dazu hat man sich nach dem Schock von 2015 an die Über­frem­dung gewöhnt. Der Bevöl­ke­rungs­aus­tausch fin­det eben­so schlei­chend wie die Ver­ar­mung statt. Es ist weni­ger ris­kant, sich ein­zu­rich­ten, als aufzubegehren.

Erschöp­fung und Repres­si­on – Der zwei­te Grund wird oft über­se­hen: Jede Bewe­gung braucht eine idea­lis­ti­sche Avant­gar­de. Pegi­da speis­te sich aus einer der ers­ten Wel­len poli­ti­sier­ter Mit­tel­ständ­ler und Orga­ni­sa­to­ren mit Stra­ßen­er­fah­rung und dickem Telefonbuch.

Im Coro­na-Wider­stand stie­ßen Ärz­te, Anwäl­te und Mana­ger als Avant­gar­de hin­zu und per­fek­tio­nier­ten die Orga­ni­sa­ti­on. Das Sys­tem erkann­te das – und schlug zu. Ball­weg wur­de ver­haf­tet und Fuell­mich ver­ur­teilt. Ver­fah­ren und Raz­zi­en beschä­dig­ten unge­zähl­te sozia­le Existenzen.

Micha­el Ball­weg ant­wor­te­te in einem Inter­view auf die Fra­ge, war­um er kei­ne Mas­sen­pro­tes­te mehr organisiere:

Ich habe zwei­mal die Woche in Stutt­gart Gerichts­pro­zeß. Das bedeu­tet für mich, daß ich ins­ge­samt fünf Tage wöchent­lich mit der Vor- und Nach­be­rei­tung beschäf­tigt bin. […] Dazu kommt noch, daß vie­le der Demons­tran­ten, die seit 2020 unter­wegs sind, jetzt auch finan­zi­ell ein­fach am Ende sind. Ich tref­fe vie­le Leu­te – auch in mei­nem Gerichts­pro­zeß – die sagen: Ich habe hier ein Gerichts­ver­fah­ren, Straf­be­fehl wegen Nicht-Mas­ke-Tra­gen oder wegen Posts, wo die Staats­an­walt­schaft mich verfolgt.

Die­se Wahr­heit ist unan­ge­nehm. Sie zeigt uns, wie stark die Mas­sen­pro­tes­te von ein­zel­nen her­aus­ra­gen­den Indi­vi­du­en abhän­gen – und wie vie­le Leis­tungs­trä­ger des Wider­stands getrof­fen und womög­lich im Stich gelas­sen wur­den. Lenin hat­te fest­ge­stellt, daß »klein­bür­ger­li­che Pro­test­wel­len gewöhn­lich sie­ben Jah­re dau­ern.« Die spon­ta­nen, mora­lisch auf­ge­la­de­nen, aber nicht klar orga­ni­sier­ten oder stra­te­gisch ziel­ge­rich­te­ten Pro­tes­te ver­puff­ten rasch und brauch­ten stets lan­ge Zeit, um sich von den Fol­gen der Repres­sio­nen zu erholen.

Das Methu­sal­em­pro­blem – Der drit­te Grund ist für uns beson­ders schmerz­haft. Man­geln­den Idea­lis­mus kann man über­win­den, Repres­si­on kann man durch­tau­chen oder soli­da­risch kon­tern. Das deut­sche Methu­sal­em­pro­blem könn­te aber das end­gül­ti­ge Aus für Mas­sen­pro­tes­te bedeu­ten. Schon die Pegi­da-Pro­tes­te waren grau­me­liert. Die Coro­na-Demons­tra­tio­nen wirk­ten teil­wei­se bereits wie Seniorenausflüge.

Im 21. Jahr­hun­dert wur­den patrio­ti­sche Pro­tes­te bis­her haupt­säch­lich von den Gene­ra­tio­nen 50 + getra­gen. Das mag an ihrer Mas­se oder an ihrer Men­ta­li­tät lie­gen. Fest steht, daß wir alle nicht jün­ger wer­den. Jür­gen Elsäs­ser stell­te im Com­pact im März 2025 ernüch­tert fest:

Klas­si­sche Revo­lu­tio­nen waren immer eine Sache von jun­gen Män­nern, die Bar­ri­ka­den bau­ten. Die­se wäh­len zwar heu­te mehr­heit­lich AfD – aber es sind in unse­rer Rent­ner­ge­sell­schaft ein­fach zu weni­ge, um Innen­städ­te zu flu­ten oder den Bun­des­tag zu blo­ckie­ren. Selbst die Zah­len, die zum Bei­spiel Pegi­da vor zehn Jah­ren noch mobi­li­sier­te, sind der­zeit nicht erreich­bar – vie­le von damals sind mitt­ler­wei­le alters­be­dingt schon gestor­ben oder nicht mehr so mobil.

Die Demo­gra­phie bestimmt auch das Schick­sal der Revo­lu­ti­on. Es gab ein­mal ein ande­res Euro­pa: Zehn­tau­sen­de jun­ge Deut­sche dräng­ten aus dem Wan­der­vo­gel, den Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen und Schul­klas­sen nach Osten zur Ver­tei­di­gung Ober­schle­si­ens. Die­se jun­gen Män­ner stürm­ten am 21. Mai 1921 das Anna­berg-Pla­teau und hiel­ten es. In Ita­li­en folg­te die Jugend zwei Jah­re zuvor wie in einem Rausch D’Annunzio bei sei­ner »sacra entrata«.

Die Frei­wil­li­gen­ar­mee erober­te Fiume und grün­de­te einen Dich­ter­staat. In Ruß­land hat­te Trotz­ki den Anfang gemacht. Er knack­te mit sei­nen geschul­ten, revo­lu­tio­nä­ren, jun­gen Gar­den die Staats­ma­schi­ne. Im unüber­sicht­li­chen Gewühl der jun­gen Arbeits­lo­sen, Vete­ra­nen und Sol­da­ten in St. Peters­burg konn­te man sogar vor den Augen Ker­enskis in »unsicht­ba­ren Manö­vern« auf offe­ner Stra­ße den Auf­stand trainieren.

Die gro­ße Bewe­gung der jugend­li­chen Ener­gie, die durch Euro­pa ging, erschüt­ter­te die alte Ord­nung. Damals konn­ten die Völ­ker noch gera­de­zu ver­schwen­de­risch mit ihren Jun­gen umge­hen. Hin­ter vie­len Mas­ken und ideo­lo­gi­schen Recht­fer­ti­gun­gen waren die revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen auch und vor allem der Lebens­drang einer Generation.

Eben­so könn­te die Geschich­te der 68er-Bewe­gung aus demo­gra­phi­scher Sicht neu geschrie­ben wer­den. Neu­ro­tisch ent­na­zi­fi­ziert, war die Nach­kriegs­ge­nera­ti­on aber immer noch homo­gen und zahl­reich. Rein demo­gra­phisch war das Volk damals jung und revo­lu­ti­ons­be­reit. Heu­te ist das nicht mehr der Fall, und Fiume kehrt – vor­erst – nicht wieder.

Doch auch die­ser fata­le drit­te Punkt darf uns nicht ent­mu­ti­gen. Noch exis­tiert eine kri­ti­sche Mas­se an mobi­li­sier­ba­ren Deut­schen. Und auch älte­re Hau­de­gen sind in der Lage, Druck auf der Stra­ße auf­zu­bau­en. Sie kön­nen die Quan­ti­tät stel­len, die eine jun­ge Avant­gar­de dann stil­voll und stra­te­gisch auf­wer­tet. Bei den Coro­na-Pro­tes­ten wur­de das prak­tisch umge­setzt. Die schöns­ten Front­ban­ner, die die Mas­sen­de­mos ästhe­tisch auf­wer­te­ten, stamm­ten von jun­gen iden­ti­tä­ren Aktionsgruppen.

Die Jugend schafft iko­ni­sche Bil­der, wählt den Fokus und nimmt die meta­po­li­ti­schen Schlüs­sel­stel­len ins Visier. Die Älte­ren unter­stüt­zen sie mate­ri­ell und schaf­fen einen Mas­se­fak­tor auf der Stra­ße und an den Wahl­ur­nen. So wäre eine neue Bewe­gung denk­bar. Im ent­schei­den­den Zeit­fens­ter bis zum Kipp-Punkt im Bevöl­ke­rungs­aus­tausch rei­chen die Kräf­te für eine Mas­sen­be­we­gung auf der Stra­ße noch aus. Einer gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­den Remi­gra­ti­ons­al­li­anz könn­te in einer Zeit der Kri­sen und der wach­sen­den Repres­si­on eine Wen­de gelingen.

In der Stu­die »So You Say You Want a Revo­lu­ti­on: A Game Theo­re­tic Expl­ana­ti­on of Revo­lu­ti­on in Repres­si­ve Regimes« wer­den Revo­lu­tio­nen spiel­theo­re­tisch betrach­tet. Sie schei­tern meist an Koor­di­na­ti­ons­pro­ble­men und nicht dar­an, daß es den Unzu­frie­de­nen »zu gut geht«. Der Schlüs­sel zur Wen­de ist die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung des Volks: Es wägt jeweils zwi­schen Kos­ten (Repres­si­on) und Nut­zen (Wen­de) – und trifft sei­ne Ent­schei­dung unter Unsi­cher­heit über die Lage und die Reak­ti­on des Gegners.

Die Ent­schei­dung zur Teil­nah­me an Mas­sen­pro­tes­ten hängt immer von der Vor­stel­lung davon ab, wie vie­le ande­re auch mit­ma­chen wer­den. Je grö­ßer die Erwar­tung, des­to grö­ßer die Erfolgs­wahr­schein­lich­keit. Je mehr Mas­se auf der Stra­ße, des­to gerin­ger sind auch die indi­vi­du­el­len Repres­si­ons­kos­ten. Sozia­le Medi­en haben die­se Glei­chung bereits dras­tisch ver­än­dert: Sie sor­gen für »Infor­ma­tio­nal cas­ca­des« (Infor­ma­ti­ons­la­wi­nen), die rasch Mas­se sug­ge­rie­ren und die Mobi­li­sie­rung erleich­tern. Auch die KI-Tech­no­lo­gie eröff­net hier vie­le neue Möglichkeiten.

Ab einer gewis­sen Schwel­le kippt die Glei­chung. Aus der Angst vor Repres­si­on wird die Angst des Ver­pas­sens. Man will nicht zu Hau­se blei­ben und die »his­to­ri­sche Demo«, von der jeder ande­re Patri­ot Bil­der und »Sto­ries« pos­ten wird, aus­las­sen. Ernst Jün­ger beschrieb die­se Stim­mung so: »Ach, nur nicht zu Haus blei­ben, nur mit­ma­chen dür­fen!« Ziel der Mobi­li­sie­rung ist stets, in Zehn­tau­sen­den ein­zel­nen die­sen ideel­len Kipp-Punkt zu errei­chen. Men­schen revol­tier­ten nur, wenn sie glaub­ten, es wer­de funk­tio­nie­ren. Hier ent­deck­ten die For­scher ein para­do­xes Phä­no­men, das uns Hoff­nung machen darf.

Repres­si­on kann eine Bewe­gung glaub­wür­di­ger machen. Je här­ter der Staat gegen Dis­si­den­ten vor­geht, des­to eher glaubt die Mas­se ihnen, daß sie es ernst mei­nen. Die For­schung zeigt, daß es in Regi­men mit weni­ger Repres­si­on viel häu­fi­ger Pro­tes­te gab. Doch die Mas­se betei­lig­te sich nicht an ihnen und belä­chel­te sie oft nur. Je ris­kan­ter Pro­tes­te durch schar­fe Repres­sio­nen und Straf­ver­fol­gung wur­den, des­to sel­te­ner, aber wuch­ti­ger wur­den sie. Wer sich dort auf­lehn­te, setz­te alles aufs Spiel, und genau das wirk­te anziehend:

Wenn die Regie­rung in der Lage ist, Demons­tran­ten zu iden­ti­fi­zie­ren und zu bestra­fen, zögern die Dis­si­den­ten eher, sich zu mobi­li­sie­ren. Doch para­do­xer­wei­se ist die Mobi­li­sie­rung unter die­sen Umstän­den ein stär­ke­res Signal dafür, daß die Regie­rung schwach und nicht in der Lage ist, einer Rebel­li­on zu widerstehen.

Nicht trotz, son­dern gera­de durch Repres­si­on kann also die Oppo­si­ti­on Glaub­wür­dig­keit gewin­nen: Sie kann zei­gen, daß das Regime den Wider­stand nicht bre­chen kann. Die Repres­si­on kann die Erfolgs­chan­cen für eine umfas­sen­de Wen­de steigern.

Ein Zusam­men­wir­ken aus inne­rer Orga­ni­sa­ti­on und äuße­rer Not kann eine neue patrio­ti­sche Mas­sen­be­we­gung mög­lich machen. Auf das, was die Not bei­zu­tra­gen hat, haben wir kei­nen Ein­fluß. Aber an der inne­ren Orga­ni­sa­ti­on kön­nen wir arbei­ten. Es bedarf einer meta­po­li­ti­schen Aus­rich­tung der Par­tei, die das schlum­mern­de Poten­ti­al von der­zeit rund 15,7 Mil­lio­nen Stim­men ent­fes­seln und auf die Stra­ße brin­gen kann.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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