Karlstadt – Luthers Nemesis

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Jörg Seidel –

»Munt­zer, Karl­stad et simi­lis fari­nae ­homi­nes mei sunt incar­na­ti Dia­bo­li.« Luthers Urteil (1531) stand fest. Andre­as Boden­stein, genannt »Karl­stadt« (1480 – 1541), sei ein »rot­ti­scher, stür­mi­scher, schwär­me­ri­scher«, ein »All­stet­ter Geist«. Und die­ses Urteil blieb an dem Man­ne haf­ten, der einst sein Kampf­ge­fähr­te, Leh­rer und Schü­ler und dar­über in Ver­ruf und fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten war.

Knapp 400 Jah­re nach Luthers Dik­tum begann Karl­stadt wie­der ins his­to­ri­sche Bewußt­sein zu rücken, als ihn vor allem Her­mann Bar­ge mit einer Monu­men­tal­bio­gra­phie (1905) wie­der­be­leb­te – aber auch die war pro­luthe­risch. Gänz­lich ver­ges­sen war Karl­stadts Den­ken frei­lich nie – es wirk­te sub­ku­tan in Wie­der­täu­fer-Bewe­gun­gen und im Pie­tis­mus wei­ter und noch der Mys­ti­ker Valen­tin Weigel (1533 – 1588) berief sich darauf. 

Die Refor­ma­ti­ons­for­schung hat in den letz­ten Deka­den enor­me Fort­schrit­te gemacht, Karl­stadt wur­de neu bewer­tet, und mit dem dies­jäh­ri­gen Abschluß der Kri­ti­schen Gesamt­aus­ga­be in neun volu­mi­nö­sen Bän­den dürf­te bald eine zwei­te Renais­sance zu erwar­ten sein. Immer­hin hat­te schon die Lite­ra­tur das enor­me Poten­ti­al die­ser wen­dungs- und ereig­nis­rei­chen Figur ent­deckt, allen vor­an Alfred Otto Schwe­des Der Wider­sa­cher.

Auch in der neue­ren Luther-Bio­gra­phik tritt Karl­stadt pro­mi­nen­ter her­vor, bil­det mit­un­ter sogar das heim­li­che Zen­trum des Refor­ma­tor-Lebens. Die Refor­ma­ti­on dreh­te sich um Luther, aber Luther kreis­te bis 1525 wesent­lich um Karlstadt.

Bei­der Leben waren so kom­plex wie ihre Zeit, sie lau­fen in selt­sa­mer Ver­qui­ckung neben­ein­an­der ab, mit auf­fäl­li­gen Par­al­le­len und Abhän­gig­kei­ten und einem Hang zum gegen­sei­ti­gen Über­trump­fen. Bei­de stu­dier­ten zur sel­ben Zeit in Erfurt, hat­ten eine schick­sal­haf­te Rom­rei­se, die sie dem Papis­mus ent­frem­de­te, bei­de ein »Stot­tern­heim-Erleb­nis«, bei­de hat­ten dem Theo­lo­gen Johann von Staupitz geis­ti­ge Durch­brü­che zu ver­dan­ken, waren stark von der Mys­tik, von Tau­ler und der Theo­lo­gia Deutsch beein­flußt, sie teil­ten auch ein ent­schei­den­des Augus­tin-Erleb­nis. Karl­stadt (von der Scho­las­tik kom­mend, aber auch damals schon Ori­gi­na­li­tät bean­spru­chend) lehr­te als Pro­fes­sor, Dekan und Archi­dia­kon der Stifts­kir­che seit 1511 an der Leu­co­rea in Wittenberg.

Er hat­te Augus­tin erst durch sei­nen Dok­to­ran­den Luther ken­nen­ge­lernt. Für den Augus­ti­ner­mönch war das eine fes­te Auto­ri­tät, Karl­stadt mein­te, ihn wider­le­gen zu kön­nen, las ihn und muß­te sich revi­die­ren. Das war ein Cha­rak­ter­zug, den er Luther vor­aus­hat­te: Er neig­te nicht zum Dog­ma­tis­mus, änder­te sei­ne Posi­tio­nen, woll­te ler­nen statt leh­ren, aber für ihn schien jede neue Erkennt­nis zugleich einen Ver­kün­di­gungs­auf­trag zu beinhalten.

Kaum hat­te sich Karl­stadt zur frühlu­the­ri­schen Theo­lo­gie durch­ge­run­gen, hef­te­te er ein hal­bes Jahr vor Luthers ver­meint­li­cher Pio­nier­tat gleich 152 The­sen an die Kir­chen­tür – das ers­te refor­ma­to­ri­sche Doku­ment in Wit­ten­berg. Luther war begeistert.

Noch stark am Kir­chen­leh­rer ori­en­tiert, rang sich der eins­ti­ge Tho­mist Karl­stadt fast zum Sola-scrip­tu­ra-Gedan­ken durch, schloß sich Augus­tins sola gra­tia an, begann an der päpst­li­chen Auto­ri­tät zu zwei­feln, erklär­te die Kon­zi­li­en für fehl­bar und allein den Glau­ben als Weg zur Recht­fer­ti­gung (sola fide) – das war in nuce ein kom­plet­tes Refor­ma­ti­ons­pro­gramm! Doch es muß­te erst Luthers Ablaß­kri­tik kom­men, um das Faß zum Über­lau­fen zu bringen. 

Für eine kur­ze Wei­le gin­gen die bei­den Refor­ma­to­ren zusam­men, zeit­ge­nös­si­sche Quel­len stel­len sie auch so dar, Karl­stadt mit­un­ter in füh­ren­der Posi­ti­on. Mit sei­nen 95 The­sen über­nahm Luther kurz­zei­tig die Füh­rung im sich beschleu­ni­gen­den refor­ma­to­ri­schen Pro­zeß, die Ver­hö­re beim päpst­li­chen Lega­ten Cajet­an (Okto­ber 1518) und Nun­ti­us Mil­titz (Janu­ar 1519) führ­ten nur zur Ver­schär­fung der Span­nung. Karl­stadt hat­te da bereits den Streit mit Johan­nes Eck pro­vo­ziert, der zur legen­dä­ren Dis­pu­ta­ti­on auf der Plei­ßen­burg (Juli 1519) führte.

Karl­stadt mach­te auf­grund sei­ner pedan­ti­schen Art kei­ne gute Figur und war dem Rhe­to­ri­ker unter­le­gen – ein­mal mehr erwies sich sei­ne scho­las­ti­sche Schu­lung als Hin­der­nis. Auch konn­te er sich auf­grund einer hart­nä­cki­gen Papst­treue – immer­hin stan­den Pfrün­de auf dem Spiel – noch nicht auf Luthers Ablaß­kri­tik ein­las­sen, was schon 1516 zu Frik­tio­nen geführt hat­te. Unge­dul­dig riß Luther das Gespräch an sich und ließ sich zur Ver­tei­di­gung eini­ger Posi­tio­nen des Jan Hus hin­rei­ßen, ein Skan­dal, der ihm schließ­lich die Vor­la­dung nach Worms (1521) einbrachte. 

Karl­stadt war da schon nicht mehr dabei. Sich lang andeu­ten­de theo­lo­gi­sche und per­sön­li­che Dis­kre­pan­zen kamen zum Aus­bruch. In der Fra­ge nach der Auto­ri­tät des Paps­tes lagen dem sogar bio­gra­phi­sche Prä­gun­gen zugrun­de: Luther kämpf­te vor allem in sei­ner Jugend gegen die über­mäch­ti­ge Vater­fi­gur, die er auch in sei­ner Theo­lo­gie oder in sei­ner Teu­fels­fi­xie­rung sub­li­mier­te; Karl­stadt hing an sei­ner Mut­ter, und die war stren­ge Papistin.

Karl­stadt wand­te sich nun ver­stärkt der Bibel zu. Aus sei­nen Über­le­gun­gen zu Schrift, Geschrie­be­nem und Beschrei­ben­dem lie­ße sich eine ers­te semio­ti­sche, struk­tu­ra­lis­ti­sche Theo­rie fil­tern. Er las über die Jako­bus­brie­fe. Die hat­ten bei Luther kei­nen guten Leu­mund. Jako­bus ver­bin­det den Glau­ben mit den Wer­ken, ein Gedan­ke, der Luthers Turm­er­leb­nis, also die licht­vol­le Erkennt­nis aus Röm 1,17 – »Der Gerech­te lebet aus Glau­ben« –, gleich dop­pelt wider­sprach, denn Pau­lus hat­te sich auch Chris­tus unter­zu­ord­nen. Ver­nunft war für den Juris­ten ein wich­ti­ges Hilfs­mit­tel, für Luther war es die »Hure«, die den Glau­ben behinderte.

Schon 1520 reagier­te Karl­stadt auf die Abwei­sun­gen, Anfein­dun­gen und Ent­frem­dun­gen auch im fami­liä­ren Kreis mit einem Gelas­sen­heits-Kon­zept, das aus­zu­bau­en er genö­tigt sein wür­de. Zuvor aber war er mit einem ers­ten Bil­der-Flug­blatt inno­va­tiv auf­ge­tre­ten. Luther hat­te die Macht des neu­en Druck­me­di­ums schnell begrif­fen und über­schwemm­te den Markt mit eige­nen Schrif­ten; in Zusam­men­ar­beit mit Cra­nach war Karl­stadt der ers­te, der die Macht der Bil­der erfaßt hat­te und ein Blatt vor­leg­te, das man heu­te als Comic beschrei­ben könnte.

Zu sehen waren zwei Fuhr­wa­gen, auf dem Weg in den Him­mel oder die Höl­le, und den Rei­sen­den wur­den Gedan­ken­bla­sen zuge­ord­net, in denen sich ihr Glau­be, ihre Theo­lo­gie aus­sprach. Die Gelas­sen­heit war pro­mi­nent ver­tre­ten, aber auch die Fra­ge des frei­en Willens. 

Was in Wit­ten­berg geschah, als Luther auf der Wart­burg saß, gehört zu den am häu­figs­ten erzähl­ten Geschich­ten. Die Bewe­gung radi­ka­li­sier­te sich rasant. Mit Gabri­el Zwil­ling oder den Zwi­ckau­er Pro­phe­ten tra­ten noch ent­schie­de­ne­re Kräf­te auf, die Luthers Gedan­ken wei­ter­trei­ben und in die Tat umge­setzt sehen woll­ten. Als der Luthe­ra­ner Melan­chthon Ende 1521 eine Pri­vat­mes­se in bei­der­lei Gestalt abge­hal­ten hat­te – es wur­den Brot und Wein gereicht –, kün­dig­te Karl­stadt zum Weih­nachts­tag die ers­te öffent­li­che evan­ge­li­sche Mes­se an, an der 2000 Men­schen in der Schloß­kir­che teilnahmen.

Sie ent­hielt ein gan­zes Bün­del an Neue­run­gen: Es gab kei­ne Beicht­pflicht zur Kom­mu­ni­on, der Pre­di­ger trat in Lai­en­klei­dung auf, er sprach deutsch, die Ele­va­ti­on der Hos­tie wur­de unter­las­sen und damit die Trans­sub­stan­tia­ti­on in Fra­ge gestellt, Hos­tie und Kelch wur­den gereicht und von den Gläu­bi­gen sogar in die Hand genom­men – was zu Schwä­che­an­fäl­len geführt haben soll. All das kann man auch als Ver­such lesen, die wild­ge­wor­de­ne Bewe­gung in fes­te Bah­nen zu lei­ten. Kurz dar­auf hob der Prä­lat durch die Ehe mit einem 15jährigen Mäd­chen das Zöli­bat auf und leg­te alle aka­de­mi­schen Titel ab, auf die er einst so stolz gewe­sen war.

Berühmt-berüch­tigt wur­de Karl­stadts Schrift Von abtuhung der Byl­der (1522). Auch sie dien­te der Kon­trol­le, der gesit­te­ten Abnah­me der Bil­der, in denen er Göt­zen ver­mu­te­te, die vom Glau­ben ablenk­ten. Weni­ger bekannt ist ihr zwei­ter Teil, gegen die Bet­te­lei gerich­tet, der in nuce ein sozi­al­po­li­ti­sches Pro­gramm ent­hielt. Dar­in der rich­tungs­wei­sen­de Satz:

Dan vor allen sol­len wir den unße­ren helf­fen, und aller meins­te sorg haben, wie die unße­re ern­ert werden.

Doch zwangs­läu­fig kam es zu Zer­stö­rungs­or­gi­en. Da stieg Luther von sei­nem Berg her­ab und don­ner­te der Welt sei­ne rhe­to­risch bril­lan­ten und psy­cho­lo­gisch aus­ge­klü­gel­ten ­Invo­ca­vit­pre­dig­ten ent­ge­gen, setz­te sich kraft­voll wie­der an die Spit­ze der Bewe­gung und nahm alle Neue­run­gen zurück, um sie in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten kon­trol­liert meist wie­der einzuführen …

Es gab zahl­rei­che Dif­fe­ren­zen zwi­schen den bei­den Haupt­prot­ago­nis­ten der frü­hen Refor­ma­ti­on, in der Bil­der- und der Abend­mahls­fra­ge konn­te es kei­ne Kom­pro­mis­se geben. Karl­stadt flüch­te­te sich erneut in die Gelas­sen­heit, bau­te ein bis­lang noch kaum wahr­ge­nom­me­nes eige­nes Ver­ständ­nis, ja ein geschlos­se­nes Sys­tem auf, und er zog die prak­ti­sche Kon­se­quenz und wur­de Bauer.

Dar­in schei­ter­te er, von Luther gejagt. Wäh­rend Karl­stadt vom pfrün­de­beses­se­nen Kar­rie­ris­ten zu Gelas­sen­heit, Aske­se und kör­per­li­cher Arbeit gefun­den hat­te, wur­de aus dem spin­del­dür­ren Mönch Luther ein Wein, Weib und Gesang lie­ben­der, feis­ter Patron. Karl­stadt war der hells­te Komet am refor­ma­to­ri­schen Him­mel, Luther setz­te sich selbst als Fix­stern, der bis heu­te leuchtet.

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