von Jörg Seidel –
»Muntzer, Karlstad et similis farinae homines mei sunt incarnati Diaboli.« Luthers Urteil (1531) stand fest. Andreas Bodenstein, genannt »Karlstadt« (1480 – 1541), sei ein »rottischer, stürmischer, schwärmerischer«, ein »Allstetter Geist«. Und dieses Urteil blieb an dem Manne haften, der einst sein Kampfgefährte, Lehrer und Schüler und darüber in Verruf und fast in Vergessenheit geraten war.
Knapp 400 Jahre nach Luthers Diktum begann Karlstadt wieder ins historische Bewußtsein zu rücken, als ihn vor allem Hermann Barge mit einer Monumentalbiographie (1905) wiederbelebte – aber auch die war prolutherisch. Gänzlich vergessen war Karlstadts Denken freilich nie – es wirkte subkutan in Wiedertäufer-Bewegungen und im Pietismus weiter und noch der Mystiker Valentin Weigel (1533 – 1588) berief sich darauf.
Die Reformationsforschung hat in den letzten Dekaden enorme Fortschritte gemacht, Karlstadt wurde neu bewertet, und mit dem diesjährigen Abschluß der Kritischen Gesamtausgabe in neun voluminösen Bänden dürfte bald eine zweite Renaissance zu erwarten sein. Immerhin hatte schon die Literatur das enorme Potential dieser wendungs- und ereignisreichen Figur entdeckt, allen voran Alfred Otto Schwedes Der Widersacher.
Auch in der neueren Luther-Biographik tritt Karlstadt prominenter hervor, bildet mitunter sogar das heimliche Zentrum des Reformator-Lebens. Die Reformation drehte sich um Luther, aber Luther kreiste bis 1525 wesentlich um Karlstadt.
Beider Leben waren so komplex wie ihre Zeit, sie laufen in seltsamer Verquickung nebeneinander ab, mit auffälligen Parallelen und Abhängigkeiten und einem Hang zum gegenseitigen Übertrumpfen. Beide studierten zur selben Zeit in Erfurt, hatten eine schicksalhafte Romreise, die sie dem Papismus entfremdete, beide ein »Stotternheim-Erlebnis«, beide hatten dem Theologen Johann von Staupitz geistige Durchbrüche zu verdanken, waren stark von der Mystik, von Tauler und der Theologia Deutsch beeinflußt, sie teilten auch ein entscheidendes Augustin-Erlebnis. Karlstadt (von der Scholastik kommend, aber auch damals schon Originalität beanspruchend) lehrte als Professor, Dekan und Archidiakon der Stiftskirche seit 1511 an der Leucorea in Wittenberg.
Er hatte Augustin erst durch seinen Doktoranden Luther kennengelernt. Für den Augustinermönch war das eine feste Autorität, Karlstadt meinte, ihn widerlegen zu können, las ihn und mußte sich revidieren. Das war ein Charakterzug, den er Luther voraushatte: Er neigte nicht zum Dogmatismus, änderte seine Positionen, wollte lernen statt lehren, aber für ihn schien jede neue Erkenntnis zugleich einen Verkündigungsauftrag zu beinhalten.
Kaum hatte sich Karlstadt zur frühlutherischen Theologie durchgerungen, heftete er ein halbes Jahr vor Luthers vermeintlicher Pioniertat gleich 152 Thesen an die Kirchentür – das erste reformatorische Dokument in Wittenberg. Luther war begeistert.
Noch stark am Kirchenlehrer orientiert, rang sich der einstige Thomist Karlstadt fast zum Sola-scriptura-Gedanken durch, schloß sich Augustins sola gratia an, begann an der päpstlichen Autorität zu zweifeln, erklärte die Konzilien für fehlbar und allein den Glauben als Weg zur Rechtfertigung (sola fide) – das war in nuce ein komplettes Reformationsprogramm! Doch es mußte erst Luthers Ablaßkritik kommen, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.
Für eine kurze Weile gingen die beiden Reformatoren zusammen, zeitgenössische Quellen stellen sie auch so dar, Karlstadt mitunter in führender Position. Mit seinen 95 Thesen übernahm Luther kurzzeitig die Führung im sich beschleunigenden reformatorischen Prozeß, die Verhöre beim päpstlichen Legaten Cajetan (Oktober 1518) und Nuntius Miltitz (Januar 1519) führten nur zur Verschärfung der Spannung. Karlstadt hatte da bereits den Streit mit Johannes Eck provoziert, der zur legendären Disputation auf der Pleißenburg (Juli 1519) führte.
Karlstadt machte aufgrund seiner pedantischen Art keine gute Figur und war dem Rhetoriker unterlegen – einmal mehr erwies sich seine scholastische Schulung als Hindernis. Auch konnte er sich aufgrund einer hartnäckigen Papsttreue – immerhin standen Pfründe auf dem Spiel – noch nicht auf Luthers Ablaßkritik einlassen, was schon 1516 zu Friktionen geführt hatte. Ungeduldig riß Luther das Gespräch an sich und ließ sich zur Verteidigung einiger Positionen des Jan Hus hinreißen, ein Skandal, der ihm schließlich die Vorladung nach Worms (1521) einbrachte.
Karlstadt war da schon nicht mehr dabei. Sich lang andeutende theologische und persönliche Diskrepanzen kamen zum Ausbruch. In der Frage nach der Autorität des Papstes lagen dem sogar biographische Prägungen zugrunde: Luther kämpfte vor allem in seiner Jugend gegen die übermächtige Vaterfigur, die er auch in seiner Theologie oder in seiner Teufelsfixierung sublimierte; Karlstadt hing an seiner Mutter, und die war strenge Papistin.
Karlstadt wandte sich nun verstärkt der Bibel zu. Aus seinen Überlegungen zu Schrift, Geschriebenem und Beschreibendem ließe sich eine erste semiotische, strukturalistische Theorie filtern. Er las über die Jakobusbriefe. Die hatten bei Luther keinen guten Leumund. Jakobus verbindet den Glauben mit den Werken, ein Gedanke, der Luthers Turmerlebnis, also die lichtvolle Erkenntnis aus Röm 1,17 – »Der Gerechte lebet aus Glauben« –, gleich doppelt widersprach, denn Paulus hatte sich auch Christus unterzuordnen. Vernunft war für den Juristen ein wichtiges Hilfsmittel, für Luther war es die »Hure«, die den Glauben behinderte.
Schon 1520 reagierte Karlstadt auf die Abweisungen, Anfeindungen und Entfremdungen auch im familiären Kreis mit einem Gelassenheits-Konzept, das auszubauen er genötigt sein würde. Zuvor aber war er mit einem ersten Bilder-Flugblatt innovativ aufgetreten. Luther hatte die Macht des neuen Druckmediums schnell begriffen und überschwemmte den Markt mit eigenen Schriften; in Zusammenarbeit mit Cranach war Karlstadt der erste, der die Macht der Bilder erfaßt hatte und ein Blatt vorlegte, das man heute als Comic beschreiben könnte.
Zu sehen waren zwei Fuhrwagen, auf dem Weg in den Himmel oder die Hölle, und den Reisenden wurden Gedankenblasen zugeordnet, in denen sich ihr Glaube, ihre Theologie aussprach. Die Gelassenheit war prominent vertreten, aber auch die Frage des freien Willens.
Was in Wittenberg geschah, als Luther auf der Wartburg saß, gehört zu den am häufigsten erzählten Geschichten. Die Bewegung radikalisierte sich rasant. Mit Gabriel Zwilling oder den Zwickauer Propheten traten noch entschiedenere Kräfte auf, die Luthers Gedanken weitertreiben und in die Tat umgesetzt sehen wollten. Als der Lutheraner Melanchthon Ende 1521 eine Privatmesse in beiderlei Gestalt abgehalten hatte – es wurden Brot und Wein gereicht –, kündigte Karlstadt zum Weihnachtstag die erste öffentliche evangelische Messe an, an der 2000 Menschen in der Schloßkirche teilnahmen.
Sie enthielt ein ganzes Bündel an Neuerungen: Es gab keine Beichtpflicht zur Kommunion, der Prediger trat in Laienkleidung auf, er sprach deutsch, die Elevation der Hostie wurde unterlassen und damit die Transsubstantiation in Frage gestellt, Hostie und Kelch wurden gereicht und von den Gläubigen sogar in die Hand genommen – was zu Schwächeanfällen geführt haben soll. All das kann man auch als Versuch lesen, die wildgewordene Bewegung in feste Bahnen zu leiten. Kurz darauf hob der Prälat durch die Ehe mit einem 15jährigen Mädchen das Zölibat auf und legte alle akademischen Titel ab, auf die er einst so stolz gewesen war.
Berühmt-berüchtigt wurde Karlstadts Schrift Von abtuhung der Bylder (1522). Auch sie diente der Kontrolle, der gesitteten Abnahme der Bilder, in denen er Götzen vermutete, die vom Glauben ablenkten. Weniger bekannt ist ihr zweiter Teil, gegen die Bettelei gerichtet, der in nuce ein sozialpolitisches Programm enthielt. Darin der richtungsweisende Satz:
Dan vor allen sollen wir den unßeren helffen, und aller meinste sorg haben, wie die unßere ernert werden.
Doch zwangsläufig kam es zu Zerstörungsorgien. Da stieg Luther von seinem Berg herab und donnerte der Welt seine rhetorisch brillanten und psychologisch ausgeklügelten Invocavitpredigten entgegen, setzte sich kraftvoll wieder an die Spitze der Bewegung und nahm alle Neuerungen zurück, um sie in den folgenden Jahrzehnten kontrolliert meist wieder einzuführen …
Es gab zahlreiche Differenzen zwischen den beiden Hauptprotagonisten der frühen Reformation, in der Bilder- und der Abendmahlsfrage konnte es keine Kompromisse geben. Karlstadt flüchtete sich erneut in die Gelassenheit, baute ein bislang noch kaum wahrgenommenes eigenes Verständnis, ja ein geschlossenes System auf, und er zog die praktische Konsequenz und wurde Bauer.
Darin scheiterte er, von Luther gejagt. Während Karlstadt vom pfründebesessenen Karrieristen zu Gelassenheit, Askese und körperlicher Arbeit gefunden hatte, wurde aus dem spindeldürren Mönch Luther ein Wein, Weib und Gesang liebender, feister Patron. Karlstadt war der hellste Komet am reformatorischen Himmel, Luther setzte sich selbst als Fixstern, der bis heute leuchtet.