von Walter Schwarzbach –
Der Bauernkrieg des Jahres 1525 ging maßgeblich vom Südwesten des damaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aus, also von Baden, dem Elsaß und Württemberg. Auffällig ist, daß es sich dabei meist um Regionen handelte, in denen – bis heute – Weinbau betrieben wird. Schon »Vorläufer« des Bauernkrieges entstanden alle in Weinbaugegenden. These: Wein läßt die Gedanken fliegen und macht aufmüpfig!
Seit dem 19. Jahrhundert war der Bauernkrieg Gegenstand unzähliger Betrachtungen in Politik, Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst. So wurde er unter anderem als »größtes Naturereignis des deutschen Staates« (Leopold von Ranke) oder als »großartigster Revolutionsversuch des deutschen Volkes« (Friedrich Engels) bezeichnet.
Für die bildende Kunst ist für den Südwesten der »Herrenberger Altar« des Malers Jerg Ratgeb, im Jahr 1525 Leiter der »Bauernkanzlei« in Herrenberg, zu nennen. Der Flügelaltar ist zwar schon 1519 bis 1521 entstanden, greift aber in seinen Motiven bereits Elemente auf, die im Bauernkrieg wirksam werden. Ist Jesus in da Vincis »Abendmahl« von einer Schar eher »vergeistigter« Jünger umgeben, so sind Ratgebs versammelte Apostel ersichtlich Bauern und »kleine« Leute, die sich schneuzen, Wein verschütten und streiten. Judas wird durch eine deutlich sichtbare Erektion und Spielkarten als Zeichen des Lasters gekennzeichnet.
Pilatus trägt die Züge Kaiser Maximilians I. Über der gesamten Kreuzigungsszene schwebt das Banner mit dem Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches, eine versteckte Kritik Ratgebs an der Herrschaft der Habsburger. Die »Geißelung Jesu« ist an Drastik kaum zu überbieten und nimmt die Grausamkeiten der Sieger über die Bauern voraus. Nach der für die Bauern verlorenen Schlacht zu Böblingen (12. Mai 1525) wird auch Ratgeb gefangen, gefoltert und schließlich öffentlich gevierteilt.
Zum Jubiläum des Bauernkrieges sind zahlreiche Werke (1) erschienen, die sich mit dem Geschehen auseinandersetzen. Doch gilt häufig, was Klaus Hermann (2) schon 1991 festgestellt hat:
[…] daß gerade in jüngster Zeit vielen der akribisch verfaßten Studien jene Anschaulichkeit der Ereignisse des Bauernkriegs abhanden gekommen ist, die die Werke der ›Altmeister‹ der Bauernkriegsgeschichtsschreibung, Wilhelm Zimmermann und Günther Franz (3), auszeichnet. Ob Mitte des 19. oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfaßt, führen sie noch immer unmittelbar hinein in das Geschehen des 16. Jahrhunderts, lassen sie Bauern und Landsknechte, Geistliche und Adlige lebendig werden. Auf einmal stehen sie vor einem, die Matern Feuerbacher und Hans Wunderer, die Götz von Berlichingen und Truchseß von Waldburg, die Aufrührer und die Bewahrer der etablierten Ordnung.
Im Sommer 1524 entstand am Südrand des Schwarzwaldes Unruhe unter den Bauern. Angeblich hatte die Gräfin von Lupfen den Bauern ihrer Landgrafschaft Stühlingen ausgerechnet während der Erntezeit befohlen, Schneckenhäuser zu sammeln, um darauf Garn wickeln zu lassen. Diese Aufforderung war vermutlich genauso erfunden wie jene Königin Marie-Antoinettes anno 1789, wonach das hungernde Volk mangels Brotes eben Kuchen essen solle. Gleichwohl verdichtete sich in solchen Anekdoten die historische Stimmung.
Der Unmut der Bauern entzündete sich an der zunehmenden Zahl von Abgaben und Frondiensten. Diese waren regional oft unterschiedlich ausgestaltet und an verschiedene »Autoritäten«, vom Leibherrn über den Klerus bis zum Landesherrn und zum Kaiser, zu entrichten. Besondere Wut erregte beim Tod eines leibeigenen Bauern der sogenannte Todfall, also das Recht des Leibherrn, eine Art Erbschaftssteuer durch Einzug des besten Stück Viehs oder Gerätes zu erheben.
Auch beschnitten die jeweiligen Herren die allgemeine Nutzung der Wälder und den Fischfang, während die Belastung der Bauern durch herrschaftliche Jagden zunahm. Gleichzeitig schränkte die zunehmende landesherrliche Zentralgewalt die einzelne Gemeindefreiheit ein. Hinzu kamen in diesen Jahren auch noch Mißernten. Doch die herrschende Kaste lebte abgeschottet, das Schicksal des »gemeinen Mannes« war ihr gleichgültig.
All dies entwickelte sich vor dem Hintergrund der Zeitenwende, die sich durch die Reformation und den Buchdruck ergab. Die Berufung auf das Wort Gottes, wie es Luther und der Schweizer Reformator Zwingli predigten, wurde zum zentralen Argument der Aufständischen. Die politische Ordnung sollte mit dem »göttlichen Recht« der Heiligen Schrift in Einklang gebracht werden.
Die Bauern Stühlingens erhielten bald moralische und geistliche Unterstützung der nahen Stadt Waldshut. Dort verkündete ein charismatischer Prediger, Balthasar Hubmaier, die Lehren Zwinglis. Der Bauernkrieg war eben keineswegs nur ein Krieg der Bauern. Vielmehr haben große Teile der (klein-)bürgerlichen Schichten der Städte deren Anliegen unterstützt.
Der Aufstand blieb nicht auf die kleine Landgrafschaft Stühlingen beschränkt. Durch die neue Technik der Flugschriften angeheizt, weitete er sich mit ungeheurer Wucht zu einem Flächenbrand aus. Der Schwarzwald, der Hegau, die Bodenseeregion, Oberschwaben und das Allgäu gerieten in Aufruhr. Herzog Ulrich von Württemberg versuchte (letztlich vergeblich) die aufständischen Bauern für sein Ziel einzuspannen, wieder die Macht im Herzogtum zu erobern.
Die Habsburger, im südwestdeutschen Raum die Herren »Vorderösterreichs«, sowie der Schwäbische Bund, eine Koalition von Fürsten, Rittern und Reichsstädten, hatten Ulrich wegen diverser Untaten (unter anderem wegen des Mordes am adligen Ehemann seiner Geliebten und des Überfalls auf die Freie Reichsstadt Reutlingen) mit Reichsacht belegt und aus seinem Herzogtum Württemberg vertrieben.
Die Ruchlosigkeit Ulrichs zeigte sich daran, daß er 1514 mit Hilfe des Schwäbischen Bundes und dessen schon damaligem, militärisch begabtem Führer, Georg Truchseß von Waldburg, den Bauernaufstand des »Armen Konrad« im Remstal mit gnadenloser Härte niedergeschlagen hatte.
Anfang März 1525 entstanden unter der Regie des Memminger Handwerkers Sebastian Lotzer die »Zwölf Memminger Artikel«. Sie enthielten im wesentlichen Forderungen, die oben geschilderten Lasten der Bauern und die Privilegien der Obrigkeit abzuschaffen. Dies wurde mit zahlreichen Bibelstellen begründet.
Wo Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?
Der dritte Artikel, das rechtliche Kernstück, sei in Auszügen und in Übersetzung wörtlich zitiert:
Es ist bisher der Brauch gewesen, daß uns die Herren für ihre Leibeigene gehalten haben. Das ist zum Erbarmen angesichts dessen, daß uns Christus alle mit seinem kostbaren Blutvergießen erkauft hat, den Hirten ebenso wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Daher ergibt sich aus der Schrift, daß wir frei sind, und das wollen wir sein. Aber nicht, daß wir ganz und gar frei sein und keine Obrigkeit haben wollen, das lehrt uns Gott nicht.
Viele Autoren sehen die Memminger »Zwölf Artikel« als Beleg dafür, daß die Bauern für die »Demokratie« fochten. Bei dieser Wertung handelt es sich eher um eine für die Geschichte des Bauernkrieges typische Instrumentalisierung für aktuelle politische Agenden. Die »Zwölf Artikel« waren nicht eigentlich revolutionär. Tatsächlich wollten die Bauern »eher ihr Feld zurückhaben und beten können, wie es ihnen paßte«, so der Historiker Simon Paintner-Frei (4).
Der Wortlaut des dritten Artikels legt jedoch nahe, daß der Wunsch nach Anwendung rechtsstaatlicher Grundsätze – Gleichheit vor dem Gesetz – ein Motiv der Aufständischen war, und ein Rechtsstaat ist auch ohne Demokratie nach heutigem Verständnis denkbar.
Nach Verhandlungen mit der Obrigkeit hatten sich die Stühlinger Bauern und deren regionale Nachbarn darauf eingelassen, ihre Beschwerden im April 1525 durch eine Klage vor dem Reichskammergericht zu Esslingen vorzutragen. Inzwischen hatte sich die militärische Lage jedoch entscheidend verändert. Denn am 24. Februar 1525 hatte Kaiser Karl V. bei Pavia mit Hilfe deutscher Landsknechte einen spektakulären Sieg über den französischen König Franz I. errungen.
Folge davon war, daß die kriegstüchtigen Landsknechtshaufen mit ihrem Feldherrn Georg Truchseß von Waldburg jetzt in das Geschehen im Südwesten eingreifen konnten. Dieser Wandel der Kräfteverhältnisse führte dazu, daß die jeweiligen Obrigkeiten bestehende Vereinbarungen mit den Bauern brachen oder Verhandlungen nur führten, um Zeit zu gewinnen. Obwohl es im Esslinger Prozeß um Fragen von fundamentaler Bedeutung ging, zog sich das Gericht auf formalistische Verfahrensfragen zurück, bis das Verfahren im Zuge der weiteren Ereignisse »versandete«.
Wegen des unbefriedigenden Verlaufs der Verhandlungen radikalisierten sich die Bauern. Sie plünderten und brandschatzten Schlösser und Klöster und zerstörten damit Kulturgut. Dabei ging es den Bauern nicht nur darum, alles dem Erdboden gleichzumachen, sondern die dort aufbewahrten Unterlagen, die ihre Verschuldung und Zinslast belegten, zu vernichten.
Am 4. April 1525 kam es schließlich bei Leipheim zu einer ersten großen Schlacht. Der für die Bauern katastrophale Verlauf geriet zur Blaupause künftiger Auseinandersetzungen. Entgegen landläufiger Ansicht lag es nicht allein an der Bewaffnung der Bauern. Sie waren keineswegs nur mit Mistgabeln und Sensen bewaffnet, sondern auch mit Geschützen und Feuerwaffen.
Zudem waren massierte, in den Boden gerammte Spieße, Hellebarden mit »Fersentrennern«, gegen die Pferde der feindlichen Reiterei im Einsatz. Auch fanden sich ausgebildete Landsknechte unter den Bauern. Entscheidend war jedoch ein strukturelles Problem: Die Bauern – damals etwa 80 Prozent der Bevölkerung – mußten sich täglich um Vieh und Felder kümmern. Sie konnten keine zeitraubenden »Manöver« abhalten; es fehlte an militärischer Praxis und Disziplin. Zudem lähmten der Streit zwischen gemäßigten und radikalen Kräften, Besserwisserei, Neid und die fehlende einheitliche »Befehlsstruktur« die Schlagkraft.
Obwohl die Bauern bei Leipheim ihre Stellung in der Nähe eines Sumpfgebietes gut gewählt hatten, waren sie dem Ansturm der Übermacht von Landsknechten und dem taktischen Geschick des Truchsesses nicht gewachsen. Zwischen 1000 und 3000 Bauern wurden niedergemetzelt. (Im Jahre 1994 entdeckte man beim Bau einer Leipheimer Großtankstelle Massengräber; sie enthielten Skelette mit schweren Hieb- und Schlagverletzungen, einzigartige Relikte dieser Schlacht.)
Im Nachgang gelang es Georg Truchseß von Waldburg, dem »Bauernjörg«, auch bei Wurzach jene Bauern zu schlagen, die zuvor unter dem Pfarrer Florian Greisel vergeblich versucht hatten, die Waldburg, Stammburg des Truchsesses, zu erobern. Die Sieger übertrieben die Zahl der Opfer, um unter den Bauern Angst und Schrecken zu verbreiten. Dies sollte zu Weinsberg noch fatale Folgen haben.
Der Truchseß nahm sich nun den (Boden-)Seehaufen vor, der mit etwa 12 000 Bauern nahe dem Kloster Weingarten lagerte. Dieser erschien ihm jedoch zu wehrhaft, als daß er ihn sofort hätte angreifen können. Er ließ sich deshalb auf Vermittlungsbemühungen von Abgesandten der Stadt Ravensburg mit den Bauern ein.
Jedoch konfrontierte er sie mit dem Verlangen nach völliger Unterwerfung. Als deren Anführer dies ablehnten, setzte er die Bauern militärisch mit seinen »Rennfahnen« (vorauseilenden Reiterabteilungen) unter Druck. Die Bauern lenkten ein, und der Truchseß rückte wenigstens von seinen Maximalforderungen, wie völlige Entwaffnung und Bestrafung der Rädelsführer, ab. Zudem sollte ein Schiedsgericht künftig über Beschwerden der Bauern entscheiden. Ansonsten hatten die Bauern ihrer bisherigen Herrschaft erneut zu huldigen und Abgaben und Dienste auch künftig zu leisten.
Dieses Ergebnis floß in den Vertrag von Weingarten ein. Vermutlich war dem Truchseß klargeworden, daß niemand mehr seine eigenen Felder bewirtschaften würde, wenn er weiterhin so viele aufständische Bauern abschlachtete. Damit hatte »der Bauernaufstand in Oberschwaben als schöpferische, die ganze Bewegung bestimmende Macht sein Ende gefunden.« (Günther Franz)
Wie zuvor in Baden und im Elsaß bildeten sich Ende März 1525 auch in den Dörfern des Neckartals, rund um Heilbronn, Bauernhaufen. Ihre Forderungen waren mit den Memminger »Zwölf Artikeln« weitgehend identisch. Zu ihrem Hauptmann wählten sie den 25jährigen Jäcklein Rohrbach. Er war eine charismatische, schillernde Figur, rechthaberisch, verschuldet und gewalttätig.
Er haßte Adel und »Pfaffen«. Sie sollten ihn »im Hintern lecken« und alle »totgeschlagen« werden, so seine Reden im Wirtshaus seines Heimatortes Böckingen. Nach und nach schwoll der Helle christliche Haufen auf etwa 8000 Mann an. Dazu stießen bekannte Ritter wie Florian Geyer mit seinem Schwarzen Haufen und – wohl nicht so ganz freiwillig – Götz von Berlichingen.
Die Truppen des Schwäbischen Bundes waren nicht vor Ort. Niemand hinderte die Rebellen am Plündern. Die Bürger Neckarsulms nahmen die Bauern als Freunde auf. Denn die Herren des regional ansässigen Deutschen Ordens waren verhaßt. Nahe Neckarsulm liegt Weinsberg. Der Obervogt von Weinsberg war Graf Ludwig von Helfenstein.
Er war mit einer außerehelichen Tochter Kaiser Maximilians I. verheiratet, also einer Tante des aktuellen Kaisers Karl V. Sie bewohnten mit ihrem kleinen Sohn Schloß Weinsberg. Der Graf hatte zuvor vergeblich in Stuttgart um Hilfe nachgesucht, die Stuttgarter konnten ihm nur 70 Ritter und Reiter stellen. Trotzdem ließ er schon auf dem Weg von Stuttgart nach Weinsberg viele Bauern niederstechen.
Am Ostersonntag, dem 16. April, zog dann ein etwa 8000 Mann starker Bauernhaufen nach Weinsberg. Parlamentäre der Bauern verlangten die Übergabe der Stadt, während der Graf in der Kirche noch die Messe feierte. Dietrich von Weiler, die rechte Hand des Grafen, der die Bauern als »Roßmucken« verachtete, ließ auf die Parlamentäre schießen. Die Schüsse wurden für die Bauern zum Fanal des Angriffs auf Schloß und Stadt.
Dabei feuerte eine »ganz eigentümliche Gestalt im Bauernheere« (Wilhelm Zimmermann) sie an. Es handelte sich um die »Schwarze Hofmännin«, eine rebellische Frau, die den Adel und die Städterinnen zutiefst haßte. Sie segnete die Bauern und versprach ihnen Kugelfestigkeit. Die Bauern drangen in die Stadt ein; schnell erlosch der Mut der Verteidiger. Frauen bedrängten den Grafen Helfenstein, es nicht aufs Äußerste ankommen zu lassen. Die Adligen flüchteten mit ihren »Reisigen« in die Kirche. Es nützte ihnen nichts; die Bauern stürzten den angeschossenen Dietrich von Weiler vom Kirchturm; den Grafen nahmen sie samt seinen Rittern und Knechten gefangen. Innerhalb von zwei Stunden war Weinsberg erobert.
Hinter dem Rücken gemäßigter Bauernführer hielten die Männer um Jäcklein Rohrbach »Kriegsgericht« und beschlossen, »keinen Herrn, keinen von Adel, keinen Reisigen leben zu lassen«. Auf einer nahen Wiese verkündeten sie Helfenstein und dreizehn weiteren Adligen samt ihren Knechten, sie durch die Spieße zu jagen, eine alte, besonders ehrenrührige Strafe.
Die Gräfin von Helfenstein flehte vergeblich um das Leben ihres Mannes. Die Bauern hatten wohl die Massaker an ihren Leidensgenossen bei Leipheim und die vermeintlich hohe Zahl von Opfern bei Wurzach vor Augen. Sie trieben Helfenstein als ersten erbarmungslos durch die Spieße. Melchior Nonnenmacher, ein Musikant, der früher bei Festen des Grafen aufgespielt hatte, begleitete zum Hohn dessen letzten Weg mit dem Zink.
Der Leichnam des gefallenen Grafen wurde geschändet; angeblich stach die schwarze Hofmännin ihn mit ihrem Messer in den Bauch und schmiert sich mit dem herauslaufenden Fett die Schuhe. Jäcklein Rohrbach legte sich Umhang und Schärpe des Grafen an und präsentierte sich so dessen Witwe, die die Bauern am Leben ließen, jedoch halbnackt mit ihrem Sohn auf einem Mistkarren nach Heilbronn schickten.
Die Wirkung des Weinsberger Blutsonntags war ungeheuer. Dazu mag noch beigetragen haben, daß der Gaildorfer Haufen, der sich am Ostermontag gebildet hatte, die Klöster der weiteren Umgebung, nämlich unter anderem die Klöster Lorch und Adelberg, niederbrannte. Zudem zerstörten die Bauern ein altes Symbol der Kaiserherrschaft, die Burg Hohenstaufen.
All diese Schreckensnachrichten blieben auch Martin Luther nicht verborgen. Die Bauern hatten sich auf seine Lehre berufen. Wohl schon aus Gründen des »Selbstschutzes« veröffentlichte er deshalb unverzüglich nach der Weinsberger Bluttat die bekannte Schrift Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern. Darin charakterisierte er die aufständischen Bauern als Werkzeuge des Teufels und rief jeden, der könnte, auf, sie »gleich als einen tollen Hund totzuschlagen«.
Der Schwäbische Bund erkannte den Ernst der Lage und sammelte unter dem Truchseß seine Truppen. Währenddessen zog der Helle christliche Haufen das Neckartal hinauf. Verstärkung erhielt er durch die Bauern des Bottwartales, die sich am 18. April 1525 auf dem Wunnenstein, einer alten Kultstätte, unter ihrem Hauptmann Matern Feuerbacher versammelt hatten. Dazu gesellten sich Bauern aus dem Zabergäu unter der Führung des Hans Wunderer aus Pfaffenhofen.
Zimperlich war die Truppe um Hans Wunderer nicht. Übergriffe gegen Sachen und Personen waren an der Tagesordnung, und man kann sich vorstellen, warum die Äbtissin des kleinen Klosters Rechenshofen Wunderer aufforderte, daß seine Leute doch endlich die »armen Weibsbilder« in Ruhe lassen sollten. Die vereinigten Bauernhaufen zogen weiter in Richtung Stuttgart. Dort wurden sie recht gnädig von den Bürgern empfangen.
Im folgenden gelang es ihnen aber nicht, die nahe Reichsstadt Esslingen zu erobern. Sie besetzten jedoch Kirchheim unter Teck. Dort entstand Streit zwischen den Anführern Feuerbacher und Wunderer über die Frage, ob die Burg Teck erobert werden soll. Der radikalere Wunderer setzte sich durch und brannte die Burg in einem Handstreich nieder.
Am 8. Mai 1525 eroberten die Bauern die Stadt Herrenberg und richteten dort ihre Kanzlei ein, bis die Nachricht eintraf, daß der Truchseß im Anmarsch sei. Erneut kam es zu internem Streit, der dazu führte, daß Matern Feuerbacher als militärischer Führer kurzfristig abgesetzt und durch Bernhard Schenk von Winterstetten, einen Adligen, ersetzt wurde.
Die Bauern, mittlerweile zwischen 12 000 und 15 000 Mann stark, bezogen eine an sich taktisch günstige Stellung mit Geländevorteilen rund um die Stadt Böblingen. Kaum hatten die Truppen des Schwäbischen Bundes Böblingen besetzt, das den Bauern zu keinem Zeitpunkt gehuldigt hatte, begannen sie am 12. Mai 1525 die Flanke der Bauernstellung zu beschießen. Dies löste umgehend Panik im Bauernheer aus, die in wilde Flucht ausartete.
Der »Bauernjörg« schickte den Flüchtenden sofort seine Reiter nach, die einem regelrechten Blutrausch verfielen. Es kam nicht zu einer Schlacht, sondern allenfalls zu einem »Abschlachten« der Bauern – zwischen 2500 und 9000 Toten schwanken die Schätzungen. Die Truppen des Truchsesses erlitten kaum Verluste. Mit den gefangenen Anführern der Bauern verfuhr der Truchseß wie gewohnt. Entweder wurden sie zu Tode gefoltert, gehenkt oder zerstückelt.
Jäcklein Rohrbach und Melchior Nonnenmacher, die Weinsberger »Täter«, wurden an Bäume gebunden und langsam durch Feuer zu Tode geröstet. Mit diesem Rachefeldzug der Obrigkeit endete, von Nachwehen im Breisgau abgesehen, der Bauernkrieg im Südwesten.
Hat das damalige Schicksal der Bauern noch etwas mit ihrer aktuellen, weitgehend agrarindustriell geprägten Situation zu tun? Die heutigen Landwirte, etwa ein Prozent der Bevölkerung, sind zwar keine Leibeigenen mehr. Das strukturelle Problem ist jedoch das gleiche wie vor einem halben Jahrtausend. Auch heute müssen sich die Bauern Tag für Tag um Vieh und Felder kümmern. Ihre Gegner sind nicht mehr Landsknechte, sondern EU-Bürokraten, deren Vorgaben freilich durch die deutsche Ministerialbürokratie häufig noch verschärft werden.
Die Sieger hatten viele besiegte Bauern enteignet. Dies führte zu großen Konzentrationen an Grund und Boden in der Landwirtschaft. Auch heute ist eine solche Entwicklung zu beobachten, immer weniger, teils auch fachfremde Agrarindustrielle bewirtschaften immer größere Flächen. Ähnlich wie die Entwicklung der Massentierhaltung, ist dieser Hang zur Kollektivierung der Landwirtschaft in BRD und früherer DDR, trotz unterschiedlicher Wirtschaftssysteme, durchaus parallel verlaufen. Dies gefährdet vor allem die traditionell kleinteilige und abwechslungsreich strukturierte Landwirtschaft im Südwesten.
Vor 500 Jahren haben unsere Bauern durch ihren Kampf bezeugt, daß der Mensch zur Freiheit berufen ist. Sie haben Freiheit aber nicht als den bindungslosen Radikalindividualismus der heutigen Zeit verstanden. Ihnen war bewußt, daß sie ihre Kraft – wie der Riese Antaios – nur durch Bodenhaftung bewahren.
Dieses Gefühl scheint sich unter den autochthonen Deutschen wenigstens als Ahnung bewahrt zu haben. Auffallend ist jedenfalls, daß fast nur diese sich zu den »klassischen« Landwirtschaftsfesten, Hengstparaden, Schäfertagen und Ziegenschauen einfinden. Freiheit und Verwurzelung bleiben daher das Vermächtnis des großen Deutschen Bauernkrieges.
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(1) Ulrich Maier: Der Bauernkrieg in Baden-Württemberg – die beeindruckende Geschichte der Revolution von 1525, Tübingen 2024; Christian Pantle: Der Bauernkrieg. Deutschlands großer Volksaufstand, Berlin 2024; Lyndal Roper: Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525, Frankfurt a. M. 2024; Gerd Schwerhoff: Der Bauernkrieg. Geschichte einer wilden Handlung, München 2024.
(2) Sehr lesenswert: Klaus Herrmann: Auf Spurensuche. Der Bauernkrieg in Südwestdeutschland, Stuttgart 1991.
(3) Wilhelm Zimmermann: Der große deutsche Bauernkrieg (1841 –1843), Volksausgabe (Nachdruck der Ausgabe von 1891), Berlin 51978; Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg (1933), Darmstadt 71965.
(4) Die Zeit – Geschichte. Der Bauernkrieg Nr. 6/2024, S. 49.