»Gemeiner Mann« in Schwaben

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Wal­ter Schwarzbach –

Der Bau­ern­krieg des Jah­res 1525 ging maß­geb­lich vom Süd­wes­ten des dama­li­gen Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on aus, also von Baden, dem Elsaß und Würt­tem­berg. Auf­fäl­lig ist, daß es sich dabei meist um Regio­nen han­del­te, in denen – bis heu­te – Wein­bau betrie­ben wird. Schon »Vor­läu­fer« des Bau­ern­krie­ges ent­stan­den alle in Wein­bau­ge­gen­den. The­se: Wein läßt die Gedan­ken flie­gen und macht aufmüpfig!

Seit dem 19. Jahr­hun­dert war der Bau­ern­krieg Gegen­stand unzäh­li­ger Betrach­tun­gen in Poli­tik, Wis­sen­schaft, Lite­ra­tur und bil­den­der Kunst. So wur­de er unter ande­rem als »größ­tes Natur­er­eig­nis des deut­schen Staa­tes« (Leo­pold von Ran­ke) oder als »groß­ar­tigs­ter Revo­lu­ti­ons­ver­such des deut­schen Vol­kes« (Fried­rich Engels) bezeichnet. 

Für die bil­den­de Kunst ist für den Süd­wes­ten der »Her­ren­ber­ger Altar« des Malers Jerg Rat­geb, im Jahr 1525 Lei­ter der »Bau­ern­kanz­lei« in Her­ren­berg, zu nen­nen. Der Flü­gel­al­tar ist zwar schon 1519 bis 1521 ent­stan­den, greift aber in sei­nen Moti­ven bereits Ele­men­te auf, die im ­Bau­ern­krieg wirk­sam wer­den. Ist Jesus in da Vin­cis »Abend­mahl« von einer Schar eher »ver­geis­tig­ter« Jün­ger umge­ben, so sind Rat­gebs ver­sam­mel­te Apos­tel ersicht­lich Bau­ern und »klei­ne« Leu­te, die sich schneu­zen, Wein ver­schüt­ten und strei­ten. Judas wird durch eine deut­lich sicht­ba­re Erek­ti­on und Spiel­kar­ten als Zei­chen des Las­ters gekennzeichnet.

Pila­tus trägt die Züge Kai­ser Maxi­mi­li­ans I. Über der gesam­ten Kreu­zi­gungs­sze­ne schwebt das Ban­ner mit dem Dop­pel­ad­ler des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches, eine ver­steck­te Kri­tik Rat­gebs an der Herr­schaft der Habs­bur­ger. Die »Gei­ße­lung Jesu« ist an Dras­tik kaum zu über­bie­ten und nimmt die Grau­sam­kei­ten der Sie­ger über die Bau­ern vor­aus. Nach der für die Bau­ern ver­lo­re­nen Schlacht zu Böb­lin­gen (12. Mai 1525) wird auch Rat­geb gefan­gen, gefol­tert und schließ­lich öffent­lich gevierteilt. 

Zum Jubi­lä­um des Bau­ern­krie­ges sind zahl­rei­che Wer­ke (1) erschie­nen, die sich mit dem Gesche­hen aus­ein­an­der­set­zen. Doch gilt häu­fig, was Klaus Her­mann (2) schon 1991 fest­ge­stellt hat:

[…] daß gera­de in jüngs­ter Zeit vie­len der akri­bisch ver­faß­ten Stu­di­en jene Anschau­lich­keit der Ereig­nis­se des Bau­ern­kriegs abhan­den gekom­men ist, die die Wer­ke der ›Alt­meis­ter‹ der Bau­ern­kriegs­ge­schichts­schrei­bung, Wil­helm Zim­mer­mann und Gün­ther Franz (3), aus­zeich­net. Ob Mit­te des 19. oder in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ver­faßt, füh­ren sie noch immer unmit­tel­bar hin­ein in das Gesche­hen des 16. Jahr­hun­derts, las­sen sie Bau­ern und Lands­knech­te, Geist­li­che und Adli­ge leben­dig wer­den. Auf ein­mal ste­hen sie vor einem, die Mate­rn Feu­er­ba­cher und Hans Wun­de­rer, die Götz von Ber­li­chin­gen und Truch­seß von Wald­burg, die Auf­rüh­rer und die Bewah­rer der eta­blier­ten Ordnung.

Im Som­mer 1524 ent­stand am Süd­rand des Schwarz­wal­des Unru­he unter den Bau­ern. Angeb­lich hat­te die Grä­fin von Lup­fen den Bau­ern ihrer Land­graf­schaft Stüh­lin­gen aus­ge­rech­net wäh­rend der Ern­te­zeit befoh­len, Schne­cken­häu­ser zu sam­meln, um dar­auf Garn wickeln zu las­sen. Die­se Auf­for­de­rung war ver­mut­lich genau­so erfun­den wie jene Köni­gin Marie-Antoi­net­tes anno 1789, wonach das hun­gern­de Volk man­gels Bro­tes eben Kuchen essen sol­le. Gleich­wohl ver­dich­te­te sich in sol­chen Anek­do­ten die his­to­ri­sche Stimmung.

Der Unmut der Bau­ern ent­zün­de­te sich an der zuneh­men­den Zahl von Abga­ben und Fron­diens­ten. Die­se waren regio­nal oft unter­schied­lich aus­ge­stal­tet und an ver­schie­de­ne »Auto­ri­tä­ten«, vom Leib­herrn über den Kle­rus bis zum Lan­des­herrn und zum Kai­ser, zu ent­rich­ten. Beson­de­re Wut erreg­te beim Tod eines leib­ei­ge­nen Bau­ern der soge­nann­te Tod­fall, also das Recht des Leib­herrn, eine Art Erb­schafts­steu­er durch Ein­zug des bes­ten Stück Viehs oder Gerä­tes zu erheben.

Auch beschnit­ten die jewei­li­gen Her­ren die all­ge­mei­ne Nut­zung der Wäl­der und den Fisch­fang, wäh­rend die Belas­tung der Bau­ern durch herr­schaft­li­che Jag­den zunahm. Gleich­zei­tig schränk­te die zuneh­men­de lan­des­herr­li­che Zen­tral­ge­walt die ein­zel­ne Gemein­de­frei­heit ein. Hin­zu kamen in die­sen Jah­ren auch noch Mißern­ten. Doch die herr­schen­de Kas­te leb­te abge­schot­tet, das Schick­sal des »gemei­nen Man­nes« war ihr gleichgültig. 

All dies ent­wi­ckel­te sich vor dem Hin­ter­grund der Zei­ten­wen­de, die sich durch die Refor­ma­ti­on und den Buch­druck ergab. Die Beru­fung auf das Wort Got­tes, wie es Luther und der Schwei­zer Refor­ma­tor Zwing­li pre­dig­ten, wur­de zum zen­tra­len Argu­ment der Auf­stän­di­schen. Die poli­ti­sche Ord­nung soll­te mit dem »gött­li­chen Recht« der Hei­li­gen Schrift in Ein­klang gebracht werden.

Die Bau­ern Stüh­lin­gens erhiel­ten bald mora­li­sche und geist­li­che Unter­stüt­zung der nahen Stadt Walds­hut. Dort ver­kün­de­te ein cha­ris­ma­ti­scher Pre­di­ger, Bal­tha­sar Hub­mai­er, die Leh­ren Zwing­lis. Der Bau­ern­krieg war eben kei­nes­wegs nur ein Krieg der Bau­ern. Viel­mehr haben gro­ße Tei­le der (klein-)bürgerlichen Schich­ten der Städ­te deren Anlie­gen unterstützt.

Der Auf­stand blieb nicht auf die klei­ne Land­graf­schaft Stüh­lin­gen beschränkt. Durch die neue Tech­nik der Flug­schrif­ten ange­heizt, wei­te­te er sich mit unge­heu­rer Wucht zu einem Flä­chen­brand aus. Der Schwarz­wald, der Hegau, die Boden­see­re­gi­on, Ober­schwa­ben und das All­gäu gerie­ten in Auf­ruhr. Her­zog Ulrich von Würt­tem­berg ver­such­te (letzt­lich ver­geb­lich) die auf­stän­di­schen Bau­ern für sein Ziel ein­zu­span­nen, wie­der die Macht im Her­zog­tum zu erobern.

Die Habs­bur­ger, im süd­west­deut­schen Raum die Her­ren »Vor­der­ös­ter­reichs«, sowie der Schwä­bi­sche Bund, eine Koali­ti­on von Fürs­ten, Rit­tern und Reichs­städ­ten, hat­ten Ulrich wegen diver­ser Unta­ten (unter ande­rem wegen des Mor­des am adli­gen Ehe­mann sei­ner Gelieb­ten und des Über­falls auf die Freie Reichs­stadt Reut­lin­gen) mit Reichs­acht belegt und aus sei­nem Her­zog­tum Würt­tem­berg vertrieben.

Die Ruch­lo­sig­keit Ulrichs zeig­te sich dar­an, daß er 1514 mit Hil­fe des Schwä­bi­schen Bun­des und des­sen schon dama­li­gem, mili­tä­risch begab­tem Füh­rer, Georg Truch­seß von Wald­burg, den Bau­ern­auf­stand des »Armen Kon­rad« im Rems­tal mit gna­den­lo­ser Här­te nie­der­ge­schla­gen hatte. 

Anfang März 1525 ent­stan­den unter der Regie des Mem­min­ger Hand­wer­kers Sebas­ti­an Lot­zer die »Zwölf Mem­min­ger Arti­kel«. Sie ent­hiel­ten im wesent­li­chen For­de­run­gen, die oben geschil­der­ten Las­ten der Bau­ern und die Pri­vi­le­gi­en der Obrig­keit abzu­schaf­fen. Dies wur­de mit zahl­rei­chen Bibel­stel­len begründet.

Wo Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?

Der drit­te Arti­kel, das recht­li­che Kern­stück, sei in Aus­zü­gen und in Über­set­zung wört­lich zitiert:

Es ist bis­her der Brauch gewe­sen, daß uns die Her­ren für ihre Leib­ei­ge­ne gehal­ten haben. Das ist zum Erbar­men ange­sichts des­sen, daß uns Chris­tus alle mit sei­nem kost­ba­ren Blut­ver­gie­ßen erkauft hat, den Hir­ten eben­so wie den Höchs­ten, kei­nen aus­ge­nom­men. Daher ergibt sich aus der Schrift, daß wir frei sind, und das wol­len wir sein. Aber nicht, daß wir ganz und gar frei sein und kei­ne Obrig­keit haben wol­len, das lehrt uns Gott nicht.

Vie­le Autoren sehen die Mem­min­ger »Zwölf Arti­kel« als Beleg dafür, daß die Bau­ern für die »Demo­kra­tie« foch­ten. Bei die­ser Wer­tung han­delt es sich eher um eine für die Geschich­te des Bau­ern­krie­ges typi­sche Instru­men­ta­li­sie­rung für aktu­el­le poli­ti­sche Agen­den. Die »Zwölf Arti­kel« waren nicht eigent­lich revo­lu­tio­när. Tat­säch­lich woll­ten die Bau­ern »eher ihr Feld zurück­ha­ben und beten kön­nen, wie es ihnen paß­te«, so der His­to­ri­ker Simon Paint­ner-Frei (4).

Der Wort­laut des drit­ten Arti­kels legt jedoch nahe, daß der Wunsch nach Anwen­dung rechts­staat­li­cher Grund­sät­ze – Gleich­heit vor dem Gesetz – ein Motiv der Auf­stän­di­schen war, und ein Rechts­staat ist auch ohne Demo­kra­tie nach heu­ti­gem Ver­ständ­nis denkbar.

Nach Ver­hand­lun­gen mit der Obrig­keit hat­ten sich die Stüh­lin­ger Bau­ern und deren regio­na­le Nach­barn dar­auf ein­ge­las­sen, ihre Beschwer­den im April 1525 durch eine Kla­ge vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt zu Ess­lin­gen vor­zu­tra­gen. Inzwi­schen hat­te sich die mili­tä­ri­sche Lage jedoch ent­schei­dend ver­än­dert. Denn am 24. Febru­ar 1525 hat­te Kai­ser Karl V. bei Pavia mit Hil­fe deut­scher Lands­knech­te einen spek­ta­ku­lä­ren Sieg über den fran­zö­si­schen König Franz I. errungen. 

Fol­ge davon war, daß die kriegs­tüch­ti­gen Lands­knechts­hau­fen mit ihrem Feld­herrn Georg Truch­seß von Wald­burg jetzt in das Gesche­hen im Süd­wes­ten ein­grei­fen konn­ten. Die­ser Wan­del der Kräf­te­ver­hält­nis­se führ­te dazu, daß die jewei­li­gen Obrig­kei­ten bestehen­de Ver­ein­ba­run­gen mit den Bau­ern bra­chen oder Ver­hand­lun­gen nur führ­ten, um Zeit zu gewin­nen. Obwohl es im Ess­lin­ger Pro­zeß um Fra­gen von fun­da­men­ta­ler Bedeu­tung ging, zog sich das Gericht auf for­ma­lis­ti­sche Ver­fah­rens­fra­gen zurück, bis das Ver­fah­ren im Zuge der wei­te­ren Ereig­nis­se »ver­san­de­te«.

Wegen des unbe­frie­di­gen­den Ver­laufs der Ver­hand­lun­gen radi­ka­li­sier­ten sich die Bau­ern. Sie plün­der­ten und brand­schatz­ten Schlös­ser und Klös­ter und zer­stör­ten damit Kul­tur­gut. Dabei ging es den Bau­ern nicht nur dar­um, alles dem Erd­bo­den gleich­zu­ma­chen, son­dern die dort auf­be­wahr­ten Unter­la­gen, die ihre Ver­schul­dung und Zins­last beleg­ten, zu vernichten. 

Am 4. April 1525 kam es schließ­lich bei Leip­heim zu einer ers­ten gro­ßen Schlacht. Der für die Bau­ern kata­stro­pha­le Ver­lauf geriet zur Blau­pau­se künf­ti­ger Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Ent­ge­gen land­läu­fi­ger Ansicht lag es nicht allein an der Bewaff­nung der Bau­ern. Sie waren kei­nes­wegs nur mit Mist­ga­beln und Sen­sen bewaff­net, son­dern auch mit Geschüt­zen und Feuerwaffen.

Zudem waren mas­sier­te, in den Boden geramm­te Spie­ße, Hel­le­bar­den mit »Fer­sen­tren­nern«, gegen die Pfer­de der feind­li­chen Rei­te­rei im Ein­satz. Auch fan­den sich aus­ge­bil­de­te Lands­knech­te unter den Bau­ern. Ent­schei­dend war jedoch ein struk­tu­rel­les Pro­blem: Die Bau­ern – damals etwa 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung – muß­ten sich täg­lich um Vieh und Fel­der küm­mern. Sie konn­ten kei­ne zeit­rau­ben­den »Manö­ver« abhal­ten; es fehl­te an mili­tä­ri­scher Pra­xis und Dis­zi­plin. Zudem lähm­ten der Streit zwi­schen gemä­ßig­ten und radi­ka­len Kräf­ten, Bes­ser­wis­se­rei, Neid und die feh­len­de ein­heit­li­che »Befehls­struk­tur« die Schlagkraft.

Obwohl die Bau­ern bei Leip­heim ihre Stel­lung in der Nähe eines Sumpf­ge­bie­tes gut gewählt hat­ten, waren sie dem Ansturm der Über­macht von Lands­knech­ten und dem tak­ti­schen Geschick des Truch­ses­ses nicht gewach­sen. Zwi­schen 1000 und 3000 Bau­ern wur­den nie­der­ge­met­zelt. (Im Jah­re 1994 ent­deck­te man beim Bau einer Leip­hei­mer Groß­tank­stel­le Mas­sen­grä­ber; sie ent­hiel­ten Ske­let­te mit schwe­ren Hieb- und Schlag­ver­let­zun­gen, ein­zig­ar­ti­ge Relik­te die­ser Schlacht.)

Im Nach­gang gelang es Georg Truch­seß von Wald­burg, dem »Bau­ern­jörg«, auch bei Wurz­ach jene Bau­ern zu schla­gen, die zuvor unter dem Pfar­rer Flo­ri­an Grei­sel ver­geb­lich ver­sucht hat­ten, die Wald­burg, Stamm­burg des Truch­ses­ses, zu erobern. Die Sie­ger über­trie­ben die Zahl der Opfer, um unter den Bau­ern Angst und Schre­cken zu ver­brei­ten. Dies soll­te zu Weins­berg noch fata­le Fol­gen haben.

Der Truch­seß nahm sich nun den (Boden-)Seehaufen vor, der mit etwa 12 000 Bau­ern nahe dem Klos­ter Wein­gar­ten lager­te. Die­ser erschien ihm jedoch zu wehr­haft, als daß er ihn sofort hät­te angrei­fen kön­nen. Er ließ sich des­halb auf Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen von Abge­sand­ten der Stadt Ravens­burg mit den Bau­ern ein.

Jedoch kon­fron­tier­te er sie mit dem Ver­lan­gen nach völ­li­ger Unter­wer­fung. Als deren Anfüh­rer dies ablehn­ten, setz­te er die Bau­ern mili­tä­risch mit sei­nen »Renn­fah­nen« (vor­aus­ei­len­den Rei­ter­ab­tei­lun­gen) unter Druck. Die Bau­ern lenk­ten ein, und der Truch­seß rück­te wenigs­tens von sei­nen Maxi­mal­for­de­run­gen, wie völ­li­ge Ent­waff­nung und Bestra­fung der Rädels­füh­rer, ab. Zudem soll­te ein Schieds­ge­richt künf­tig über Beschwer­den der Bau­ern ent­schei­den. Ansons­ten hat­ten die Bau­ern ihrer bis­he­ri­gen Herr­schaft erneut zu hul­di­gen und Abga­ben und Diens­te auch künf­tig zu leisten.

Die­ses Ergeb­nis floß in den Ver­trag von Wein­gar­ten ein. Ver­mut­lich war dem Truch­seß klar­ge­wor­den, daß nie­mand mehr sei­ne eige­nen Fel­der bewirt­schaf­ten wür­de, wenn er wei­ter­hin so vie­le auf­stän­di­sche Bau­ern abschlach­te­te. Damit hat­te »der Bau­ern­auf­stand in Ober­schwa­ben als schöp­fe­ri­sche, die gan­ze Bewe­gung bestim­men­de Macht sein Ende gefun­den.« (­Gün­ther Franz) 

Wie zuvor in Baden und im Elsaß bil­de­ten sich Ende März 1525 auch in den Dör­fern des Neckar­tals, rund um Heil­bronn, Bau­ern­hau­fen. Ihre For­de­run­gen waren mit den Mem­min­ger »Zwölf Arti­keln« weit­ge­hend iden­tisch. Zu ihrem Haupt­mann wähl­ten sie den 25jährigen Jäck­lein Rohr­bach. Er war eine cha­ris­ma­ti­sche, schil­lern­de Figur, recht­ha­be­risch, ver­schul­det und gewalttätig.

Er haß­te Adel und »Pfaf­fen«. Sie soll­ten ihn »im Hin­tern lecken« und alle »tot­ge­schla­gen« wer­den, so sei­ne Reden im Wirts­haus sei­nes Hei­mat­or­tes Böckin­gen. Nach und nach schwoll der Hel­le christ­li­che Hau­fen auf etwa 8000 Mann an. Dazu stie­ßen bekann­te Rit­ter wie ­Flo­ri­an Gey­er mit sei­nem Schwar­zen Hau­fen und – wohl nicht so ganz frei­wil­lig – Götz von Berlichingen.

Die Trup­pen des Schwä­bi­schen Bun­des waren nicht vor Ort. Nie­mand hin­der­te die Rebel­len am Plün­dern. Die Bür­ger Neckar­sulms nah­men die Bau­ern als Freun­de auf. Denn die Her­ren des regio­nal ansäs­si­gen Deut­schen Ordens waren ver­haßt. Nahe Neckars­ulm liegt Weins­berg. Der Ober­vogt von Weins­berg war Graf Lud­wig von Helfenstein.

Er war mit einer außer­ehe­li­chen Toch­ter Kai­ser Maxi­mi­li­ans I. ver­hei­ra­tet, also einer Tan­te des aktu­el­len Kai­sers Karl V. Sie bewohn­ten mit ihrem klei­nen Sohn Schloß Weins­berg. Der Graf hat­te zuvor ver­geb­lich in Stutt­gart um Hil­fe nach­ge­sucht, die Stutt­gar­ter konn­ten ihm nur 70 Rit­ter und Rei­ter stel­len. Trotz­dem ließ er schon auf dem Weg von Stutt­gart nach Weins­berg vie­le Bau­ern niederstechen.

Am Oster­sonn­tag, dem 16. April, zog dann ein etwa 8000 Mann star­ker Bau­ern­hau­fen nach Weins­berg. Par­la­men­tä­re der Bau­ern ver­lang­ten die Über­ga­be der Stadt, wäh­rend der Graf in der Kir­che noch die Mes­se fei­er­te. Diet­rich von Wei­ler, die rech­te Hand des Gra­fen, der die Bau­ern als »Roßmu­cken« ver­ach­te­te, ließ auf die Par­la­men­tä­re schie­ßen. Die Schüs­se wur­den für die Bau­ern zum Fanal des Angriffs auf Schloß und Stadt.

Dabei feu­er­te eine »ganz eigen­tüm­li­che Gestalt im Bau­ern­hee­re« (­Wil­helm Zim­mer­mann) sie an. Es han­del­te sich um die »Schwar­ze Hof­män­nin«, eine rebel­li­sche Frau, die den Adel und die Städ­te­rin­nen zutiefst haß­te. Sie seg­ne­te die Bau­ern und ver­sprach ihnen Kugel­fes­tig­keit. Die Bau­ern dran­gen in die Stadt ein; schnell erlosch der Mut der Ver­tei­di­ger. Frau­en bedräng­ten den Gra­fen Hel­fen­stein, es nicht aufs Äußers­te ankom­men zu las­sen. Die Adli­gen flüch­te­ten mit ihren »Rei­si­gen« in die Kir­che. Es nütz­te ihnen nichts; die Bau­ern stürz­ten den ange­schos­se­nen Diet­rich von Wei­ler vom Kirch­turm; den Gra­fen nah­men sie samt sei­nen Rit­tern und Knech­ten gefan­gen. Inner­halb von zwei Stun­den war Weins­berg erobert. 

Hin­ter dem Rücken gemä­ßig­ter Bau­ern­füh­rer hiel­ten die Män­ner um Jäck­lein Rohr­bach »Kriegs­ge­richt« und beschlos­sen, »kei­nen Herrn, kei­nen von Adel, kei­nen Rei­si­gen leben zu las­sen«. Auf einer nahen Wie­se ver­kün­de­ten sie Hel­fen­stein und drei­zehn wei­te­ren Adli­gen samt ihren Knech­ten, sie durch die Spie­ße zu jagen, eine alte, beson­ders ehren­rüh­ri­ge Strafe.

Die Grä­fin von Hel­fen­stein fleh­te ver­geb­lich um das Leben ihres Man­nes. Die Bau­ern hat­ten wohl die Mas­sa­ker an ihren Lei­dens­ge­nos­sen bei Leip­heim und die ver­meint­lich hohe Zahl von Opfern bei Wurz­ach vor Augen. Sie trie­ben Hel­fen­stein als ers­ten erbar­mungs­los durch die Spie­ße. Mel­chi­or Non­nen­ma­cher, ein Musi­kant, der frü­her bei Fes­ten des Gra­fen auf­ge­spielt hat­te, beglei­te­te zum Hohn des­sen letz­ten Weg mit dem Zink.

Der Leich­nam des gefal­le­nen Gra­fen wur­de geschän­det; angeb­lich stach die schwar­ze Hof­män­nin ihn mit ihrem Mes­ser in den Bauch und schmiert sich mit dem her­aus­lau­fen­den Fett die Schu­he. Jäck­lein Rohr­bach leg­te sich Umhang und Schär­pe des Gra­fen an und prä­sen­tier­te sich so des­sen Wit­we, die die Bau­ern am Leben lie­ßen, jedoch halb­nackt mit ihrem Sohn auf einem Mist­kar­ren nach Heil­bronn schickten.

Die Wir­kung des Weins­ber­ger Blut­sonn­tags war unge­heu­er. Dazu mag noch bei­getra­gen haben, daß der Gaildor­fer Hau­fen, der sich am Oster­mon­tag gebil­det hat­te, die Klös­ter der wei­te­ren Umge­bung, näm­lich unter ande­rem die Klös­ter Lorch und Adel­berg, nie­der­brann­te. Zudem zer­stör­ten die Bau­ern ein altes Sym­bol der Kai­ser­herr­schaft, die Burg Hohenstaufen.

All die­se Schre­ckens­nach­rich­ten blie­ben auch Mar­tin Luther nicht ver­bor­gen. Die Bau­ern hat­ten sich auf sei­ne Leh­re beru­fen. Wohl schon aus Grün­den des »Selbst­schut­zes« ver­öf­fent­lich­te er des­halb unver­züg­lich nach der Weins­ber­ger Blut­tat die bekann­te Schrift Wider die mör­de­ri­schen und räu­be­ri­schen Rot­ten der Bau­ern. Dar­in cha­rak­te­ri­sier­te er die auf­stän­di­schen Bau­ern als Werk­zeu­ge des Teu­fels und rief jeden, der könn­te, auf, sie »gleich als einen tol­len Hund totzuschlagen«. 

Der Schwä­bi­sche Bund erkann­te den Ernst der Lage und sam­mel­te unter dem Truch­seß sei­ne Trup­pen. Wäh­rend­des­sen zog der Hel­le christ­li­che Hau­fen das Neckar­tal hin­auf. Ver­stär­kung erhielt er durch die Bau­ern des Bot­t­war­ta­les, die sich am 18. April 1525 auf dem Wun­nen­stein, einer alten Kult­stät­te, unter ihrem Haupt­mann Mate­rn Feu­er­ba­cher ver­sam­melt hat­ten. Dazu gesell­ten sich Bau­ern aus dem Zaber­gäu unter der Füh­rung des Hans Wun­de­rer aus Pfaffenhofen.

Zim­per­lich war die Trup­pe um Hans Wun­de­rer nicht. Über­grif­fe gegen Sachen und Per­so­nen waren an der Tages­ord­nung, und man kann sich vor­stel­len, war­um die Äbtis­sin des klei­nen Klos­ters Rechens­ho­fen Wun­de­rer auf­for­der­te, daß sei­ne Leu­te doch end­lich die »armen Weibs­bil­der« in Ruhe las­sen soll­ten. Die ver­ei­nig­ten Bau­ern­hau­fen zogen wei­ter in Rich­tung Stutt­gart. Dort wur­den sie recht gnä­dig von den Bür­gern empfangen.

Im fol­gen­den gelang es ihnen aber nicht, die nahe Reichs­stadt Ess­lin­gen zu erobern. Sie besetz­ten jedoch Kirch­heim unter Teck. Dort ent­stand Streit zwi­schen den Anfüh­rern Feu­er­ba­cher und Wun­de­rer über die Fra­ge, ob die Burg Teck erobert wer­den soll. Der radi­ka­le­re Wun­de­rer setz­te sich durch und brann­te die Burg in einem Hand­streich nieder. 

Am 8. Mai 1525 erober­ten die Bau­ern die Stadt Her­ren­berg und rich­te­ten dort ihre Kanz­lei ein, bis die Nach­richt ein­traf, daß der Truch­seß im Anmarsch sei. Erneut kam es zu inter­nem Streit, der dazu führ­te, daß Mate­rn Feu­er­ba­cher als mili­tä­ri­scher Füh­rer kurz­fris­tig abge­setzt und durch Bern­hard Schenk von Win­ter­stet­ten, einen Adli­gen, ersetzt wurde.

Die Bau­ern, mitt­ler­wei­le zwi­schen 12 000 und 15 000 Mann stark, bezo­gen eine an sich tak­tisch güns­ti­ge Stel­lung mit Gelän­de­vor­tei­len rund um die Stadt Böb­lin­gen. Kaum hat­ten die Trup­pen des Schwä­bi­schen Bun­des Böb­lin­gen besetzt, das den Bau­ern zu kei­nem Zeit­punkt gehul­digt hat­te, began­nen sie am 12. Mai 1525 die Flan­ke der Bau­ern­stel­lung zu beschie­ßen. Dies lös­te umge­hend Panik im Bau­ern­heer aus, die in wil­de Flucht ausartete.

Der »Bau­ern­jörg« schick­te den Flüch­ten­den sofort sei­ne Rei­ter nach, die einem regel­rech­ten Blut­rausch ver­fie­len. Es kam nicht zu einer Schlacht, son­dern allen­falls zu einem »Abschlach­ten« der Bau­ern – zwi­schen 2500 und 9000 Toten schwan­ken die Schät­zun­gen. Die Trup­pen des Truch­ses­ses erlit­ten kaum Ver­lus­te. Mit den gefan­ge­nen Anfüh­rern der Bau­ern ver­fuhr der Truch­seß wie gewohnt. Ent­we­der wur­den sie zu Tode gefol­tert, gehenkt oder zerstückelt.

Jäck­lein Rohr­bach und Mel­chi­or Non­nen­ma­cher, die Weins­ber­ger »Täter«, wur­den an Bäu­me gebun­den und lang­sam durch Feu­er zu Tode gerös­tet. Mit die­sem Rache­feld­zug der Obrig­keit ende­te, von Nach­we­hen im Breis­gau abge­se­hen, der Bau­ern­krieg im Südwesten. 

Hat das dama­li­ge Schick­sal der Bau­ern noch etwas mit ihrer aktu­el­len, weit­ge­hend agrar­in­dus­tri­ell gepräg­ten Situa­ti­on zu tun? Die heu­ti­gen Land­wir­te, etwa ein Pro­zent der Bevöl­ke­rung, sind zwar kei­ne Leib­ei­ge­nen mehr. Das struk­tu­rel­le Pro­blem ist jedoch das glei­che wie vor einem hal­ben Jahr­tau­send. Auch heu­te müs­sen sich die Bau­ern Tag für Tag um Vieh und Fel­der küm­mern. Ihre Geg­ner sind nicht mehr Lands­knech­te, son­dern EU-Büro­kra­ten, deren Vor­ga­ben frei­lich durch die deut­sche Ministerial­bürokratie häu­fig noch ver­schärft werden.

Die Sie­ger hat­ten vie­le besieg­te Bau­ern ent­eig­net. Dies führ­te zu gro­ßen Kon­zen­tra­tio­nen an Grund und Boden in der Land­wirt­schaft. Auch heu­te ist eine sol­che Ent­wick­lung zu beob­ach­ten, immer weni­ger, teils auch fach­frem­de Agrar­in­dus­tri­el­le bewirt­schaf­ten immer grö­ße­re Flä­chen. Ähn­lich wie die Ent­wick­lung der Mas­sen­tier­hal­tung, ist die­ser Hang zur Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft in BRD und frü­he­rer DDR, trotz unter­schied­li­cher Wirt­schafts­sys­te­me, durch­aus par­al­lel ver­lau­fen. Dies gefähr­det vor allem die tra­di­tio­nell klein­tei­li­ge und abwechs­lungs­reich struk­tu­rier­te Land­wirt­schaft im Südwesten.

Vor 500 Jah­ren haben unse­re Bau­ern durch ihren Kampf bezeugt, daß der Mensch zur Frei­heit beru­fen ist. Sie haben Frei­heit aber nicht als den bin­dungs­lo­sen Radi­kal­in­di­vi­dua­lis­mus der heu­ti­gen Zeit ver­stan­den. Ihnen war bewußt, daß sie ihre Kraft – wie der Rie­se Antai­os – nur durch Boden­haf­tung bewahren.

Die­ses Gefühl scheint sich unter den auto­chtho­nen Deut­schen wenigs­tens als Ahnung bewahrt zu haben. Auf­fal­lend ist jeden­falls, daß fast nur die­se sich zu den »klas­si­schen« Landwirtschafts­festen, Hengst­pa­ra­den, Schä­fer­ta­gen und Zie­gen­schau­en ein­fin­den. Frei­heit und Ver­wur­ze­lung blei­ben daher das Ver­mächt­nis des gro­ßen Deut­schen Bauernkrieges.

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 (1) Ulrich Mai­er: Der Bau­ernkrieg in Baden-Würt­tem­berg – die beein­dru­cken­de Geschich­te der Revo­lu­ti­on von 1525, Tübin­gen 2024; Chris­ti­an Pant­le: Der Bau­ern­krieg. Deutsch­lands gro­ßer Volks­auf­stand, Ber­lin 2024; Lyn­dal Roper: Für die Frei­heit. Der Bau­ern­krieg 1525, Frank­furt a. M. 2024; Gerd Schwer­hoff: Der Bau­ern­krieg. Geschich­te einer wil­den Hand­lung, Mün­chen 2024.

(2) Sehr lesens­wert: Klaus Herr­mann: Auf Spu­ren­su­che. Der Bau­ern­krieg in Süd­west­deutsch­land, Stutt­gart 1991.


(3) Wil­helm Zim­mer­mann: Der gro­ße deut­sche Bau­ern­krieg (1841 –1843), Volks­aus­ga­be (Nach­druck der Aus­ga­be von 1891), Ber­lin 51978; Gün­ther Franz: Der deut­sche Bau­ern­krieg (1933), Darm­stadt 71965.

(4) Die Zeit – Geschich­te. Der Bau­ern­krieg Nr. 6/2024, S. 49.






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