Noch einmal Thomas Mann

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Eva Rex –

Am 6. Juni 2025 jährt sich der Geburts­tag des Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers zum 150. Mal mit all den erwart­ba­ren Hul­di­gun­gen, Fei­er­lich­kei­ten, inter­na­tio­na­len Tagun­gen, Neu-Edi­tio­nen und Son­der­aus­stel­lun­gen. Das Lübe­cker Bud­den­brook­haus läßt es sich nicht neh­men, die­ses Datum wie einen Staats­akt zu zele­brie­ren: Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er wird eine Fest­re­de hal­ten, flan­kiert vom schles­wig-hol­stei­ni­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Dani­el Gün­ther sowie der Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Düzen Tek­kal, geht es doch um immens »Poli­ti­sches« und »Aktu­el­les« – iro­ni­scher­wei­se bei einem, der in sei­nen berühm­ten Betrach­tun­gen nicht weni­ger als 600 Sei­ten brauch­te, um zu erklä­ren, war­um er sich als unpo­li­tisch begriff.

Unge­ach­tet der zahl­rei­chen Wider­sprü­che, die sich beim Stu­di­um der Mann-Lite­ra­tur und sei­ner Bio­gra­phie auf­tun, ist es der Lei­te­rin des Bud­den­brook­hau­ses, ­Caren Heu­er, ein drin­gen­des Anlie­gen, die »zeit­lo­se Bedeu­tung Tho­mas Manns als poli­ti­scher Den­ker« herauszustellen. 

An des­sen »lei­den­schaft­li­ches Ein­tre­ten für Demo­kra­tie und sei­ne War­nun­gen vor anti­de­mo­kra­ti­schen und tota­li­tä­ren Gefah­ren« zu erin­nern sei gera­de heu­te so wich­tig wie nie zuvor. Daß die­se ein­sei­ti­ge und ten­den­ziö­se Ver­ein­nah­mung im Diens­te pro­pa­gan­dis­ti­scher Inter­es­sen steht, muß hier nicht wei­ter aus­ge­führt werden.

Das hat Erik Leh­nert in der vor­aus­ge­gan­ge­nen Aus­ga­be der Sezes­si­on bereits getan und unter dem Titel »Der rech­te Mann« das Indif­fe­ren­te her­aus­ge­ar­bei­tet: War doch gera­de in demo­kra­ti­scher Hin­sicht kaum einer so unzu­ver­läs­sig wie der han­sea­ti­sche Bür­ger­sohn, der Zeit sei­nes Lebens par­al­lel zu sei­nen schein­bar ein­deu­ti­gen »Bekennt­nis­sen« immer auch den ent­ge­gen­ge­setz­ten Stand­punkt ein­ge­nom­men hat, indem er in einer unnach­ahm­li­chen ­Balance­be­we­gung alle poli­ti­schen Posi­tio­nen in sich vereinte.

Es war kein Gerin­ge­rer als Joa­chim Fest, der sich schon in sei­nem 1985 ver­faß­ten Essay Die unwis­sen­den Magi­er (Über Tho­mas und Hein­rich Mann, Ber­lin: Sied­ler 1985) dar­über mokier­te, daß die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Publi­zis­tik die Ten­denz auf­wei­se, den Groß­schrift­stel­ler Mann in mora­li­sie­ren­der Absicht poli­tisch zu verabsolutieren:

Wer daher nicht ein­fach gut­gläu­big ist oder zu den ideo­lo­gi­schen Pro­se­ly­ten­ma­chern zählt, die auf bestän­di­ger Suche nach Zeu­gen und Eides­hel­fern der demo­kra­ti­schen Sache sind, wird mit der poli­ti­schen Stand­ort­be­stim­mung des Dich­ters eini­ge Mühe haben.

Tat­säch­lich ver­trat der Dich­ter eine kom­ple­xe und viel­schich­ti­ge Lebens­phi­lo­so­phie, die sich im Lau­fe sei­nes Lebens nicht nur stets ver­än­der­te, son­dern ihn sogar an man­che – ver­meint­lich über­wun­de­ne – Posi­tio­nen zu ­einem spä­te­ren Zeit­punkt wie­der anknüp­fen ließ. Wenn es etwas Sta­bi­les in sei­nem Den­ken gab, so war dies sein Fest­hal­ten an der Unver­füg­bar­keit von Kunst und Lite­ra­tur sowie an der Kraft des Geistes. 

In der gän­gi­gen Lite­ra­tur hin­ge­gen wird, was Manns poli­ti­sche Aus­rich­tung angeht, stets eine Gegen­über­stel­lung gemacht: die Zeit vor und nach den Betrach­tun­gen. War er vor der gro­ßen Zäsur von 1922 der reichs­treue Kon­ser­va­ti­ve des Ers­ten Welt­kriegs, so wan­del­te er sich nach dem Zusam­men­bruch der Mon­ar­chie in einem schmerz­haf­ten Pro­zeß zum »Ver­nunft­re­pu­bli­ka­ner« – und wur­de nach sei­ner Emi­gra­ti­on in die USA sogar zum »Wan­der­red­ner der Demokratie«.

Erzählt wird die gera­de­zu reli­gi­ös auf­ge­la­de­ne Geschich­te vom unein­sich­ti­gen Reak­tio­när, der, gefan­gen im Sün­den­stand natio­na­lis­ti­scher Ver­stockt­heit, spä­ter in einer »nicht ganz frei­wil­li­gen, doch vom Druck der Umstän­de bewirk­ten Bekeh­rung« schließ­lich das Heils­ziel der »poli­ti­schen Ver­nunft« erlangte.

Daß ein wirk­li­cher Wan­del sei­ner Grund­über­zeu­gun­gen statt­ge­fun­den hat, bezwei­felt unter­des­sen der His­to­ri­ker Man­fred Gör­tema­ker. In sei­ner Unter­su­chung Tho­mas Mann und die Poli­tik (Frank­furt a. M.: S. Fischer 2005) beschei­nigt er dem Groß­schrift­stel­ler per­ma­nen­te Sprung­haf­tig­keit und Käl­te. Gewiß, es gab die fei­er­li­chen und lei­den­schaft­li­chen Pro­kla­ma­tio­nen zur Repu­blik, zum Welt­bür­ger­tum und zum sozia­len Fort­schritt, in Wahr­heit jedoch habe der Geistes­aristokrat Mann mit der Demo­kra­tie nichts anzu­fan­gen gewußt. 

Fest­zu­hal­ten ist, daß Tho­mas Manns Ver­ständ­nis von Poli­tik sich in ers­ter Linie an Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie ori­en­tier­te und vor allem ästhe­ti­schen Grund­sät­zen folg­te. Schopen­hauer, Nietz­sche, Goe­the und Tol­stoi steck­ten den geis­ti­gen Rah­men ab, inner­halb des­sen der Dich­ter es wag­te, poli­ti­sche Spe­ku­la­tio­nen in erstaun­li­cher Varia­ti­ons­brei­te anzustellen.

So weist der Schwei­zer Jour­na­list Phil­ipp Gut in sei­ner Schrift Tho­mas Manns Idee einer deut­schen Kul­tur (Frank­furt a. M.: S. Fischer 2008) dar­auf hin, daß Tho­mas Mann in unter­schied­li­chen his­to­ri­schen Pha­sen gegen­sätz­li­che Vor­stel­lun­gen ver­trat (zum Bei­spiel  Natio­nal­kul­tur ver­sus Welt­zi­vi­li­sa­ti­on, deut­sche Beseelt­heit ver­sus Irra­tio­na­lis­mus) und in der Lage war, selbst inner­halb eines bestimm­ten Tex­tes kon­trä­re Ansich­ten zu äußern, indem er die Ver­tei­di­ger­per­spek­ti­ve belie­big wechselte.

Manns Äuße­run­gen waren stets »Spie­gel sei­ner Exis­tenz, deren Schöp­fer­kraft sich aus der Span­nung von Gegen­sät­zen nähr­te«. Dies schlug sich gera­de auch in sei­nem poli­ti­schen Den­ken nie­der, denn »rela­tiv zum Geg­ner ändert sich sei­ne Position«.

Gegen­über dem unga­ri­schen Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Karl Keré­nyi hat­te Tho­mas Mann ein­mal bemerkt:

Ich bin ein Mensch des Gleich­ge­wichts. Ich leh­ne mich instink­tiv nach links, wenn der Kahn rechts zu ken­tern droht, – und umgekehrt.

Die­ser Aus­spruch ist wohl die tref­fends­te Beschrei­bung sei­ner Phi­lo­so­phie der Dop­pel­deu­tig­keit, die sei­nem tief ver­an­ker­ten »Grund­be­dürf­nis nach Balan­ce und Mitt­ler­tum« (Joa­chim Fest) ent­sprang. Gegen­sät­ze zu for­mu­lie­ren und die­se, der geis­ti­gen Erkennt­nis zulie­be, in schar­fen Kon­tras­ten von­ein­an­der abzu­he­ben, um sie anschlie­ßend mit lite­ra­risch-rhe­to­ri­schen Mit­teln mit­ein­an­der zu ver­söh­nen, ist das wie­der­keh­ren­de Leit­prin­zip, wel­ches Manns gesam­tes Den­ken und Schaf­fen durchdringt.

Es han­delt sich dabei um ein Aus­lo­ten gedank­li­cher Mög­lich­kei­ten, das sich vor allem in sei­ner dia­lek­ti­schen Ver­fah­rens­wei­se nie­der­schlägt: in der Kunst der iro­ni­schen Bre­chung, die jede Über­zeu­gung, sobald sie geäu­ßert wird, sogleich zu ent­schär­fen und abzu­schwä­chen weiß, indem der Spre­chen­de noch wäh­rend sei­ner Rede schon zur Front des Geg­ners überläuft.

Vor allem im Zau­ber­berg erreich­te die­se Ver­fah­rens­wei­se ihren meis­ter­schaft­li­chen Höhe­punkt. Hier gelang es dem Dich­ter, ideo­lo­gi­sche Stand­punk­te, die im Grun­de unver­ein­bar sind, mit vol­ler Wucht auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen. Im Kampf der welt­an­schau­lich-poli­ti­schen Lager jener Zeit – per­so­ni­fi­ziert im kom­mu­nis­ti­schen Jesui­ten Naph­ta und sei­nem Gegen­spie­ler, dem Auf­klä­rer und Mensch­heits­be­glü­cker Settem­b­ri­ni – tri­um­phiert der Wider­spruch als Kon­zept. Die vie­len Anti­the­sen, Para­do­xa und Pola­ri­sie­run­gen, von denen es im Roman nur so wim­melt, sind Stil­mit­tel, die dazu die­nen, jeg­li­cher Form von »Rich­ter- und Kün­der­tum« eine Absa­ge zu erteilen.

Es ist die Dua­li­tät, die Manns ­Den­ken und Werk so unent­wirr­bar ver­wi­ckelt macht: die Bipo­la­ri­tät sei­ner Bekun­dun­gen, die Schau­kel­be­we­gung zwi­schen Ent­we­der-Oder und Sowohl-Als-auch, die dop­pel­te Optik (Nietz­sche), die Simul­ta­ni­tät von gegen­sätz­li­chen inhalt­li­chen Aus­sa­gen. Tho­mas Mann war Zeit sei­nes Lebens vom Dua­lis­mus fasziniert.

In einem beson­ders erhitzt aus­ge­tra­ge­nen Rede­du­ell wirft Naph­ta sei­nem Kon­tra­hen­ten Settem­b­ri­ni »Monis­mus« vor, was durch­aus als Belei­di­gung gele­sen wer­den darf und auf den grund­sätz­lich dua­lis­ti­schen Cha­rak­ter des Geis­tes hin­weist: »Der Dua­lis­mus, die Anti­the­se, das ist das bewe­gen­de, das lei­den­schaft­li­che, das dia­lek­ti­sche, das geist­rei­che Prin­zip. Die Welt feind­lich gespal­ten sehen, das ist Geist.«

Wie sein Prot­ago­nist Hans Cas­torp sah ­Tho­mas Mann sich als »Herr der Gegen­sät­ze« – und das ist vor allem der Künst­ler, der Geistes­akrobat, der sou­ve­rä­ne Autor. Weit­ab von jeg­li­cher Fest­le­gung, weit ent­fernt auch von Recht­ha­ben­wol­len und »dok­tri­nä­rer Into­le­ranz« mied er das akti­vis­ti­sche Enga­ge­ment. Statt des­sen lie­fer­te er skep­ti­sche Meta-Refle­xi­on, die sich dem Zugriff all jener »Sozi­al-Mora­lis­ten und Ver­kün­der ent­schlos­se­ner Men­schen­lie­be« ent­zieht, die er so tref­fend in sei­nen Betrach­tun­gen kari­kiert hat. Joa­chim Fest faß­te es so zusammen:

Schon die­se weni­gen Andeu­tun­gen machen offen­bar, wie irrig im Fal­le Tho­mas Manns der blo­ße Ver­such einer genaue­ren poli­ti­schen Posi­ti­ons­be­stim­mung ist. Man ver­fehlt sein Wesen selbst, die Lust am Vexa­to­ri­schen, an Schein, Rol­len­tausch und höhe­rem Ver­steck­spiel, sofern man ihn beim Wort nimmt. Sein inners­tes Bedürf­nis ging durch­weg gegen Par­tei­nah­me, Ten­denz und Enga­ge­ment, sogar gegen alle For­men öffent­li­cher Mit­ma­che­rei. Alle ­Gesin­nungs­zu­ge­hö­rig­kei­ten waren sei­ner Natur tief zuwider.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)