von Erik Lommatzsch –
Wer mag es wohl, als »Geheimnisvoller Zierbock« klassifiziert zu werden? Margret Boveri soll jedenfalls gelacht haben, als Armin Mohler ihr mitteilte, daß Ernst Jünger die Journalistin in seiner Anschriften-Kartothek unter dem Namen »Anaglyptus mysticus L.«, der wissenschaftlichen Bezeichnung des Käfers, führte. Nach eigener Darstellung hatte Boveri zunächst »als Anti-Militaristin aus Prinzip nie eine Zeile Jüngers gelesen«.
Während ihrer Internierung auf Ellis Island – als New Yorker Korrespondentin der Frankfurter Zeitung wurde sie hier Ende 1941 festgesetzt – entdeckte sie über Auf den Marmorklippen Jüngers Werk für sich und zeigte sich fortan fasziniert, sie erinnerte sich etwa an die
Wirkung, die ›Gärten und Straßen‹, dieses atmosphärisch dem Nationalsozialismus so konträre Buch, damals ausübte
Erstmals brieflichen Kontakt suchte sie im Juli 1946. Mitunter nahm die von ihr artikulierte Jünger-Verehrung peinlich-devote Formen an. Im Juni 1947 schrieb sie an ihn:
Allein durch Ihr Vorhandensein, durch Ihre Gedanken und Schriften, setzen Sie eine solche Ordnung, in der man, wenn man sie erfaßt hat, steht, ohne daß es äußerer Zeichen bedarf. […] ich weiß auch nicht, ob wir es erwarten dürfen, daß Sie einmal direkte Losungen ausgeben […] oder ob die Erfüllung Ihrer Aufgabe darin liegt, eine für uns gültige Ordnung neu sichtbar zu machen.
Diese Diktion will so gar nicht zur vielzitierten Etikettierung durch den FAZ-Mitbegründer Karl Korn passen, der von Boveri als der »großen Dame des politischen Journalismus« sprach. Boveris bleibende Bewunderung Jüngers wich später nüchterneren Tönen. Bei einem Zusammentreffen im März 1950 war bei aller intellektuellen Verbundenheit und vielfach geteilten Ansichten bezüglich der Lage »kein Funken übergesprungen«.
Jünger schätzte Boveris Bücher, insbesondere das Werk über den Verrat im XX. Jahrhundert, in dem er eigene, von ihr aufgenommene Denkansätze finden konnte. Sie besprach seine Neuerscheinungen intensiv. Ihre Rezension zu den Strahlungen, so Mohler im November 1949, habe Jünger »aufmerksam bis zur letzten Zeile« gelesen, »was er sonst kaum tut«, und hervorgestoßen: »Das ist gut, sehr gut«.
Boveri wird am 14. August 1900 in Würzburg geboren, als Tochter des Zoologen Theodor Boveri. Die Mutter, eine Amerikanerin, ist ebenfalls Biologin. Der mit der Familie befreundete Wilhelm Conrad Röntgen fungiert nach dem Tod des Vaters 1915 als Vormund. Das Einzelkind fühlt sich vor allem von der Mutter überwacht und schreibt später, daher sei vielleicht die »Manie für das Alleinsein entstanden«.
Eine musikalische Karriere wird erwogen, ein naturwissenschaftliches Studium bricht sie ab. Sie wird zur Lehrerin ausgebildet, übt nach dem Referendariat den Beruf aber nie aus. Seit Sommer 1927 arbeitet sie als Sekretärin an der Zoologischen Station Neapel, an der auch ihr Vater zeitweise forschte. In dieser Zeit erscheinen erste Artikel. 1929 übersiedelt sie nach Berlin. Ein Geschichtsstudium schließt sie 1932 mit einer Dissertation über den britischen Außenminister Edward Grey ab.
»Ich wußte, was ich wollte: Außenpolitik machen«, wird sie später in ihren Erinnerungen erklären. Der Wunsch geht in Erfüllung, in Form des Journalismus. Paul Scheffer, der Chefredakteur des Berliner Tageblatts, fördert sie, dort ist sie von 1934 bis 1937 tätig. 1965 wird sie mit Wir lügen alle eine umfangreiche Darstellung der Zeitung »unter Hitler« veröffentlichen.
Die begabte Boveri entwickelt sich zu einer anerkannten Analystin der internationalen Entwicklungen. Frühzeitig beginnt sie mit der Anlage eines eigenen Archivs. Abenteuerfreudig unternimmt sie ausgedehnte Reportagereisen, etwa über Ägypten bis in den Sudan oder in den Orient; ihre Erlebnisse finden Niederschlag in Reportagebüchern wie Ein Auto, Wüsten, blaue Perlen. Bericht über eine Fahrt durch Vorderasien (1939).
Das Auto repariert sie im Notfall selbst, auch Flugunterricht nimmt sie zu jener Zeit. Sie schreibt für die Reisezeitschrift Atlantis, später für Das Reich. Als die Frankfurter Zeitung sie 1940 als Korrespondentin nach New York schickt, steuert sie, den Umständen geschuldet, ihr Ziel aus östlicher Richtung an, eine lange Strecke legt sie mit der Transsibirischen Eisenbahn zurück. In Lissabon ist sie tätig und an der deutschen Botschaft in Madrid. Im März 1944 kehrt sie nach Deutschland zurück, Berlin wird bis zum Schluß ihr Lebensmittelpunkt bleiben.
»Ich bin loyale Deutsche«, hat sie geantwortet, als sie sich im Dezember 1941 auf Ellis Island als Emigrantin hätte registrieren lassen können. 1946 veröffentlicht sie die schmale Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche. Die Kennerin der USA will »Verständnis« für das »von Grund auf Andersartige« wecken. Allerdings präsentiert sie unter Kapitelüberschriften wie »Conform or starve. Oder: Die Umerziehung zum neuen Menschentyp« die auf Standardisierung ausgerichtete und unter dem Diktat der öffentlichen Meinung stehende amerikanische Gesellschaft als wenig verheißungsvoll. Der Amerikaner hingegen sehe
in jedem Deutschen einen Menschen, der verfehlt hat, um seiner Freiheit willen auszuwandern […] daß Menschen ihr Land in bösen Zeiten ebenso wenig verlassen wollen wie eine Mutter ihre gefährlich erkrankten Kinder […] das ist dem Amerikaner unbegreiflich
Boveri schreibt jetzt frei, im Merkur und in der 1949 gegründeten FAZ erscheinen wesentliche Artikel. Eine Festanstellung bei letzterer lehnt sie ab, weil sie deren Unterstützung der Deutschland- und Außenpolitik Adenauers nicht mitzutragen gewillt ist. Für sie gibt es
seit 1945 nur ein einziges politisches Anliegen: die Wiedervereinigung der auseinandergeschnittenen Teile Deutschlands
Schon frühzeitig positioniert sie sich. Begriffe wie Freiheit und Menschenwürde würden vom Westen mißbraucht, sie seien ihr »schon genau so fatal wie früher der ›Endsieg‹«. Die Luftbrücke nach Berlin zeige, »wie eine Stadt aus Propagandagründen dramatisiert werde«, zum »Widerlichsten«, was sie bisher erlebt habe, gehöre das. Die Gründung der Bundesrepublik ist ihr »Theater der Normalität«.
Mit der Währungsreform oder der Konstituierung der Bundesrepublik habe immer wieder der Westen »den ersten Schritt« getan, deutsche Politiker hätten klarmachen müssen, »daß die Entscheidungen, die hier getroffen wurden, alliierte und nicht deutsche Entscheidungen waren«.
Sie beklagt das »Doppelverhalten«, die propagierte, aber nicht wirklich erstrebte Einheit in der westdeutschen Politik. In ihrer Korrespondenz äußert sie gar den Wunsch, Adenauer, dessen Politik sie »für immer verhängnisvoller« hält, möge »nun doch bald der Schlag treffen«.
In ihrem im Juni 1954 im Merkur veröffentlichten Essay »Die Deutschen und der Status quo« spricht sie sich für eine »befristete Neutralisierung« Deutschlands aus. Nachdem das Land »instand gesetzt« sei, könnten außenpolitische Entscheidungen getroffen werden. Später, mit der Ostpolitik Brandts, wird sie ihre ablehnende Position gegenüber der Bundesrepublik ändern.
Boveris Opus magnum ist zweifelsfrei die von 1956 bis 1960 erschienene vierbändige Studie Der Verrat im XX. Jahrhundert. Abgehandelt werden Kollaborateure mit dem NS-Regime ebenso wie der deutsche Widerstand und die den Sowjets zuarbeitenden westlichen Agenten im Kalten Krieg. Vor allem aber setzt Boveri Akzente mit ihren Grundierungen.
Voraussetzung für die Entstehung der heutigen ›Landschaft des Verrats‹ war […] die Verwandlung der europäischen Welt durch die in der Aufklärung wurzelnde Französische Revolution, durch die Identifikation von Volk und Staat, das Entstehen des Nationalismus und den seit Jahrhunderten verbreiteten Verlust eines religiösen Prinzips, auf das Treue letzten Endes zu beziehen war. Die große Welle, die nach den Ereignissen von 1789 ganz Europa überflutete
habe sprengend und zersetzend gewirkt. »Im Inneren, im Auflösen alter Formen, handelte es sich um einen Vorgang sozialer Nivellierung und technischer Vereinheitlichung.« Der
Übergang vom Vaterland zur Nation, der sich im Gefolge der Französischen Revolution vollzog, […] war der Übergang von einem Zugehörigkeitsgefühl, das unabhängig vom herrschenden Regime, im Boden, in der Tradition, der Sprache, der Landschaft wurzelte und eine Angelegenheit des Herzens war, zu dem revolutionären Patriotismus, der auf dem Glauben an eine volonté générale beruhte, der vom Kopf stärker als vom Gemüt dirigiert wurde und die Nation mit einer politischen Losung identifizierte.
1968 werden ihre Aufzeichnungen Tage des Überlebens. Berlin 1945 publiziert, notiert hatte sie kurz vor Kriegsende unter anderem:
Wenn die Amerikaner u. Engländer seit letztem Herbst ihre Bombenangriffe auf den Westwall statt auf die Städte konzentriert hätten, wäre die Front längst zerbrochen.
In den letzten Lebensjahren führte ihr enger Freund Uwe Johnson Gespräche mit ihr, er drängt sie zu Reflexionen über Anpassungen in der NS-Zeit. Zugleich sorgt er dafür, daß zumindest ein Teil ihrer Autobiographie zu Papier kommt, den er postum veröffentlichen wird.
Ich habe zwar zu Hause Moral mitbekommen, aber keine Religion. Moral ohne Rückhalt der Religion hält in extremis nicht stand
erklärt Margret Boveri. Am 6. Juli 1975 stirbt sie in Berlin.