Vor 50 Jahren starb Margret Boveri

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Erik Lommatzsch –

Wer mag es wohl, als »Geheim­nis­vol­ler Zier­bock« klas­si­fi­ziert zu wer­den? Mar­gret Boveri soll jeden­falls gelacht haben, als Armin Moh­ler ihr mit­teil­te, daß Ernst Jün­ger die Jour­na­lis­tin in sei­ner Anschrif­ten-Kar­to­thek unter dem Namen »Ana­glyp­tus mys­ti­cus L.«, der wis­sen­schaft­li­chen Bezeich­nung des Käfers, führ­te. Nach eige­ner Dar­stel­lung hat­te Boveri zunächst »als Anti-Mili­ta­ris­tin aus Prin­zip nie eine Zei­le Jün­gers gelesen«.

Wäh­rend ihrer Inter­nie­rung auf Ellis Island – als New Yor­ker Kor­re­spon­den­tin der Frank­fur­ter Zei­tung wur­de sie hier Ende 1941 fest­ge­setzt – ent­deck­te sie über Auf den Mar­mor­klip­pen Jün­gers Werk für sich und zeig­te sich fort­an fas­zi­niert, sie erin­ner­te sich etwa an die

Wir­kung, die ›Gär­ten und Stra­ßen‹, die­ses atmo­sphä­risch dem Natio­nal­so­zia­lis­mus so kon­trä­re Buch, damals ausübte

Erst­mals brief­li­chen Kon­takt such­te sie im Juli 1946. Mit­un­ter nahm die von ihr arti­ku­lier­te Jün­ger-Ver­eh­rung pein­lich-devo­te For­men an. Im Juni 1947 schrieb sie an ihn:

Allein durch Ihr Vor­han­den­sein, durch Ihre Gedan­ken und Schrif­ten, set­zen Sie eine sol­che Ord­nung, in der man, wenn man sie erfaßt hat, steht, ohne daß es äuße­rer Zei­chen bedarf. […] ich weiß auch nicht, ob wir es erwar­ten dür­fen, daß Sie ein­mal direk­te Losun­gen aus­ge­ben […] oder ob die Erfül­lung Ihrer Auf­ga­be dar­in liegt, eine für uns gül­ti­ge Ord­nung neu sicht­bar zu machen.

Die­se Dik­ti­on will so gar nicht zur viel­zi­tier­ten Eti­ket­tie­rung durch den FAZ-Mit­be­grün­der Karl Korn pas­sen, der von Boveri als der »gro­ßen Dame des poli­ti­schen Jour­na­lis­mus« sprach. Bove­ris blei­ben­de Bewun­de­rung Jün­gers wich spä­ter nüch­ter­ne­ren Tönen. Bei einem Zusam­men­tref­fen im März 1950 war bei aller intel­lek­tu­el­len Ver­bun­den­heit und viel­fach geteil­ten Ansich­ten bezüg­lich der Lage »kein Fun­ken übergesprungen«.

Jün­ger schätz­te Bove­ris Bücher, ins­be­son­de­re das Werk über den Ver­rat im XX. Jahr­hun­dert, in dem er eige­ne, von ihr auf­ge­nom­me­ne Denk­an­sät­ze fin­den konn­te. Sie besprach sei­ne Neu­erschei­nun­gen inten­siv. Ihre Rezen­si­on zu den Strah­lun­gen, so Moh­ler im Novem­ber 1949, habe Jün­ger »auf­merk­sam bis zur letz­ten Zei­le« gele­sen, »was er sonst kaum tut«, und her­vor­ge­sto­ßen: »Das ist gut, sehr gut«.

Boveri wird am 14. August 1900 in Würz­burg gebo­ren, als Toch­ter des Zoo­lo­gen Theo­dor Boveri. Die Mut­ter, eine Ame­ri­ka­ne­rin, ist eben­falls Bio­lo­gin. Der mit der Fami­lie befreun­de­te Wil­helm Con­rad Rönt­gen fun­giert nach dem Tod des Vaters 1915 als Vor­mund. Das Ein­zel­kind fühlt sich vor allem von der Mut­ter über­wacht und schreibt spä­ter, daher sei viel­leicht die »Manie für das Allein­sein entstanden«.

Eine musi­ka­li­sche Kar­rie­re wird erwo­gen, ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um bricht sie ab. Sie wird zur Leh­re­rin aus­ge­bil­det, übt nach dem Refe­ren­da­ri­at den Beruf aber nie aus. Seit Som­mer 1927 arbei­tet sie als Sekre­tä­rin an der Zoo­lo­gi­schen Sta­ti­on Nea­pel, an der auch ihr Vater zeit­wei­se forsch­te. In die­ser Zeit erschei­nen ers­te Arti­kel. 1929 über­sie­delt sie nach Ber­lin. Ein Geschichts­stu­di­um schließt sie 1932 mit einer Dis­ser­ta­ti­on über den bri­ti­schen Außen­mi­nis­ter Edward Grey ab.

»Ich wuß­te, was ich woll­te: Außen­po­li­tik machen«, wird sie spä­ter in ihren Erin­ne­run­gen erklä­ren. Der Wunsch geht in Erfül­lung, in Form des Jour­na­lis­mus. Paul Schef­fer, der Chef­re­dak­teur des Ber­li­ner Tage­blatts, för­dert sie, dort ist sie von 1934 bis 1937 tätig. 1965 wird sie mit Wir lügen alle eine umfang­rei­che Dar­stel­lung der Zei­tung »unter Hit­ler« veröffentlichen. 

Die begab­te Boveri ent­wi­ckelt sich zu einer aner­kann­ten Ana­lys­tin der inter­na­tio­na­len Ent­wick­lun­gen. Früh­zei­tig beginnt sie mit der Anla­ge eines eige­nen Archivs. Aben­teu­er­freu­dig unter­nimmt sie aus­ge­dehn­te Repor­ta­ge­rei­sen, etwa über Ägyp­ten bis in den Sudan oder in den Ori­ent; ihre Erleb­nis­se fin­den Nie­der­schlag in Repor­ta­ge­bü­chern wie Ein Auto, Wüs­ten, blaue Per­len. Bericht über eine Fahrt durch Vorder­asien (1939).

Das Auto repa­riert sie im Not­fall selbst, auch Flug­un­ter­richt nimmt sie zu jener Zeit. Sie schreibt für die Rei­se­zeit­schrift Atlan­tis, spä­ter für Das Reich. Als die Frank­fur­ter Zei­tung sie 1940 als Kor­re­spon­den­tin nach New York schickt, steu­ert sie, den Umstän­den geschul­det, ihr Ziel aus öst­li­cher Rich­tung an, eine lan­ge Stre­cke legt sie mit der Trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn zurück. In Lis­sa­bon ist sie tätig und an der deut­schen Bot­schaft in Madrid. Im März 1944 kehrt sie nach Deutsch­land zurück, Ber­lin wird bis zum Schluß ihr Lebens­mit­tel­punkt bleiben.

»Ich bin loya­le Deut­sche«, hat sie geant­wor­tet, als sie sich im Dezem­ber 1941 auf Ellis Island als Emi­gran­tin hät­te regis­trie­ren las­sen kön­nen. 1946 ver­öf­fent­licht sie die schma­le Ame­ri­ka-­Fi­bel für erwach­se­ne Deut­sche. Die Ken­ne­rin der USA will »Ver­ständ­nis« für das »von Grund auf Anders­ar­ti­ge« wecken. Aller­dings prä­sen­tiert sie unter Kapi­tel­über­schrif­ten wie »Con­form or star­ve. Oder: Die Umer­zie­hung zum neu­en Men­schen­typ« die auf Stan­dar­di­sie­rung aus­ge­rich­te­te und unter dem Dik­tat der öffent­li­chen Mei­nung ste­hen­de ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaft als wenig ver­hei­ßungs­voll. Der Ame­ri­ka­ner hin­ge­gen sehe

in jedem Deut­schen einen Men­schen, der ver­fehlt hat, um sei­ner Frei­heit wil­len aus­zu­wan­dern […] daß Men­schen ihr Land in bösen Zei­ten eben­so wenig ver­las­sen wol­len wie eine Mut­ter ihre gefähr­lich erkrank­ten Kin­der […] das ist dem Ame­ri­ka­ner unbegreiflich

Boveri schreibt jetzt frei, im Mer­kur und in der 1949 gegrün­de­ten FAZ erschei­nen wesent­li­che Arti­kel. Eine Fest­an­stel­lung bei letz­te­rer lehnt sie ab, weil sie deren Unter­stüt­zung der Deutsch­land- und Außen­po­li­tik ­Ade­nau­ers nicht mit­zu­tra­gen gewillt ist. Für sie gibt es

seit 1945 nur ein ein­zi­ges poli­ti­sches Anlie­gen: die Wie­der­ver­ei­ni­gung der ­aus­ein­an­der­ge­schnit­te­nen Tei­le Deutschlands

Schon früh­zei­tig posi­tio­niert sie sich. Begrif­fe wie Frei­heit und Men­schen­wür­de wür­den vom Wes­ten miß­braucht, sie sei­en ihr »schon genau so fatal wie frü­her der ›End­sieg‹«. Die Luft­brü­cke nach Ber­lin zei­ge, »wie eine Stadt aus Pro­pa­gan­da­grün­den dra­ma­ti­siert wer­de«, zum »Wider­lichs­ten«, was sie bis­her erlebt habe, gehö­re das. Die Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik ist ihr »Thea­ter der Normalität«.

Mit der Wäh­rungs­re­form oder der Kon­sti­tu­ie­rung der Bun­des­re­pu­blik habe immer wie­der der Wes­ten »den ers­ten Schritt« getan, deut­sche Poli­ti­ker hät­ten klar­ma­chen müs­sen, »daß die Ent­schei­dun­gen, die hier getrof­fen wur­den, alli­ier­te und nicht deut­sche Ent­schei­dun­gen waren«.

Sie beklagt das »Dop­pel­ver­hal­ten«, die pro­pa­gier­te, aber nicht wirk­lich erstreb­te Ein­heit in der west­deut­schen Poli­tik. In ihrer Kor­re­spon­denz äußert sie gar den Wunsch, Ade­nau­er, des­sen Poli­tik sie »für immer ver­häng­nis­vol­ler« hält, möge »nun doch bald der Schlag treffen«.

In ihrem im Juni 1954 im Mer­kur ver­öf­fent­lich­ten Essay »Die Deut­schen und der Sta­tus quo« spricht sie sich für eine »befris­te­te Neu­tra­li­sie­rung« Deutsch­lands aus. Nach­dem das Land »instand gesetzt« sei, könn­ten außen­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den. Spä­ter, mit der Ost­po­li­tik Brandts, wird sie ihre ableh­nen­de Posi­ti­on gegen­über der Bun­des­re­pu­blik ändern.

Bove­ris Opus magnum ist zwei­fels­frei die von 1956 bis 1960 erschie­ne­ne vier­bän­di­ge Stu­die Der Ver­rat im XX. Jahr­hun­dert. Abge­han­delt wer­den Kol­la­bo­ra­teu­re mit dem NS-Regime eben­so wie der deut­sche Wider­stand und die den Sowjets zuar­bei­ten­den west­li­chen Agen­ten im Kal­ten Krieg. Vor allem aber setzt Boveri ­Akzen­te mit ihren Grundierungen.

Vor­aus­set­zung für die Ent­ste­hung der heu­ti­gen ›Land­schaft des Ver­rats‹ war […] die Ver­wand­lung der euro­päi­schen Welt durch die in der Auf­klä­rung wur­zeln­de Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, durch die Iden­ti­fi­ka­ti­on von Volk und Staat, das Ent­ste­hen des Natio­na­lis­mus und den seit Jahr­hun­der­ten ver­brei­te­ten Ver­lust eines reli­giö­sen Prin­zips, auf das Treue letz­ten Endes zu bezie­hen war. Die gro­ße Wel­le, die nach den Ereig­nis­sen von 1789 ganz Euro­pa überflutete

habe spren­gend und zer­set­zend gewirkt. »Im Inne­ren, im Auf­lö­sen alter For­men, han­del­te es sich um einen Vor­gang sozia­ler Nivel­lie­rung und tech­ni­scher Ver­ein­heit­li­chung.« Der

Über­gang vom Vater­land zur Nati­on, der sich im Gefol­ge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on voll­zog, […] war der Über­gang von einem Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl, das unab­hän­gig vom herr­schen­den Regime, im Boden, in der Tra­di­ti­on, der Spra­che, der Land­schaft wur­zel­te und eine Ange­le­gen­heit des Her­zens war, zu dem revo­lu­tio­nä­ren Patrio­tis­mus, der auf dem Glau­ben an eine volon­té géné­ra­le beruh­te, der vom Kopf stär­ker als vom Gemüt diri­giert wur­de und die Nati­on mit einer poli­ti­schen Losung identifizierte.

1968 wer­den ihre Auf­zeich­nun­gen Tage des Über­le­bens. Ber­lin 1945 publi­ziert, notiert hat­te sie kurz vor Kriegs­en­de unter anderem:

Wenn die Ame­ri­ka­ner u. Eng­län­der seit letz­tem Herbst ihre Bom­ben­an­grif­fe auf den West­wall statt auf die Städ­te kon­zen­triert hät­ten, wäre die Front längst zerbrochen.

In den letz­ten Lebens­jah­ren führ­te ihr enger Freund Uwe John­son Gesprä­che mit ihr, er drängt sie zu Refle­xio­nen über Anpas­sun­gen in der NS-Zeit. Zugleich sorgt er dafür, daß zumin­dest ein Teil ihrer Auto­bio­gra­phie zu Papier kommt, den er pos­tum ver­öf­fent­li­chen wird.

Ich habe zwar zu Hau­se Moral mit­be­kom­men, aber kei­ne Reli­gi­on. Moral ohne Rück­halt der Reli­gi­on hält in extre­mis nicht stand

erklärt Mar­gret Boveri. Am 6. Juli 1975 stirbt sie in Berlin.

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