Tag- und Nachttraum
Sich wegträumen, in etwas hineinträumen, einem Traum nachjagen – was für ein unangemessenes Ansinnen im politischen Raum! Denn wir brauchen im Moment keine Träumer, sondern Leute, die eine Sache richtig anpacken. Verträumt zu sein: niedlich, aber schwach, etwas für später, irgendwann einmal.
Träumen hat einen doppelten Sitz im Leben. Einmal geht es um die politische Utopie, dieses »I have a dream!«, dann um das nächtliche, sehr persönliche Träumen. Es gibt zahlreiche Stimmen, die festgestellt haben wollen, wir Rechten hätten keine Träume, keine Utopien. Sie haben recht, das paßt im Politischen nicht zu uns. Unrecht hat aber, wer behauptet, wir seien immer nur dagegen: gegen … und so weiter.
»Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?« Jener Angesprochene, der problematische Seiten hatte (wir genießen ihn sparsam, von seinen formidablen Kinderbüchern abgesehen), antwortete mit einem Gedicht, aus dem wir drei Strophen zitieren:
Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?
Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.
Ja, es sind heute wie damals »schwarze Zeiten«. Und wenn Kästner schon vor x Jahrzehnten davor warnte, daß die Menschen und der Staat »aus dem Leime« gingen, auf welcher Skala sehen wir uns dann bitte erst heute?
Die Angelegenheit bleibt virulent: Wo bleibt das Positive? Zugegeben fand ich die Frage oft naiv. Häufig und seit langem erreichen uns als Redakteure der Sezession fragende Leserbriefe dieses Musters:
Seit über x Jahren lese ich Ihre Zeitschrift mit Gewinn. Ihre Autoren analysieren prächtig. Diese Zeitdiagnosen sind großartig. Aber wo wollen wir denn EIGENTLICH hin?
Naiv erschien mir das, weil es doch unmöglich oder wenigstens äußerst kindlich wäre, auf dem Reißbrett ein »Traumland« zu entwerfen. Im Kindergarten planen sie so was, vielleicht mit Lego: Hier wäre die Eisdiele, da der Bolzplatz, dort das Gefängnis, und wer wieder lieb ist, darf wieder raus auf den Bolzplatz oder zur Eisdiele.
Es ist apolitisch, als Erwachsener so (oder ähnlich, hoffentlich etwas ausgefeilter) zu denken. Es ist eine Art invertierter Machbarkeitswahn: Unsere Gegner wollen dies und das politisch erzwingen, was total widernatürlich ist (erspare mir die Beispiele, jeder kennt sie).
»Wir« (um im Duktus dieser Leserbriefschreiber zu bleiben) sollen hingegen etwas oktroyieren, wenigstens möglichst konkret skizzieren, was vielleicht »natürlich« wäre, aber doch leider aus der Zeit gefallen ist? Nein, bitte. »In meiner idealen Welt …« ist ein hübscher Aufsatzbeginn. Mehr nicht.
»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen« – die Gelehrten streiten sich darüber, ob dieser Satz von Altkanzler Helmut Schmidt stammt oder vom ehemaligen österreichischen Kanzler Franz Vranitzky. Gemeint war jedenfalls: Wer absurden Ideen anhängt, ist eher ein Fall für den Psychiater als für die politische Bühne. Zu deren Zeit war das vermutlich ein treffendes Bonmot.
Nur, wie definieren wir heute »Absurdität«? Als Beispiel: Was in den 1990ern als »völlig absurd« galt (etwa das Stichwort Remigration), ist heute – zum Glück – normalisiert. Es galt sogar noch vor zehn Jahren als undenkbar, über strikte Grenzschließungen zu debattieren. Mittlerweile ist diese Frage sogar im bürgerlichen Feuilleton angekommen. Richtig lag, wer es sich erträumte! (Richtig lagen allerdings auch unsere Alpträume: Daß ein Mensch mit Penis offiziell als Frau geführt werden könnte, hätte vor zwanzig Jahren auch jeder unter »Quatsch mit Soße« rubriziert.)
Das hinzunehmen heißt nicht, einem Relativismus zu frönen, nach dieser »unschlagbaren«, vielbemühten Argumentationskette:
Schau, vor 300 Jahren war es komplett undenkbar, daß eine deutsche Frau einen Doktortitel erwirbt. Vor 200 Jahren haben sie über die Vorstellung eines Automobils gelacht. Vor 60 Jahren war Homosexualität noch strafbar. Heute lachen wir doch über dies alles!
So spricht der Progressist. Motto: »Ihr wart doch immer gegen all dies – und heute ist es völlig normal.«
Damit sind »sie«, die Progressiven, natürlich im Vorteil. Auch, weil kein Konservativer bei Verstand diskursiv verlorene Schlachten aufwärmt (»Dürfen Frauen an der Waffe dienen?« »Darf es ›die Pille‹ auch für unverheiratete Frauen geben?« »Sollte der Staat Krippenplätze für sechsmonatige Kinder vorhalten?« etc. pp.).
Bei solchen sehr konkreten Fragen können wir zugegeben keinen Stich mehr machen, ohne uns ins Abseits zu schießen. Die Wirklichkeit, und sei sie noch so »gemacht«, also durch Manipulation und Indoktrination entstanden, ist schwerlich hintergehbar. Es brauchte wiederum einen längeren Atem als den nur einer Generation.
Interessant ist aber, daß das visionäre Denken unter der Hand den Herrn gewechselt hat. Der rechte Blick auf die Menschen, auf die Welt, ist der bewegliche, der dehnbare! Das unterscheidet ihn vom »linken Blick«, der durch ein stählernes Rohr visiert und steife Meßdaten zur Hand hat. Einige Beispiele: Bis 2035 soll nach dem Willen der Regierenden kein Verbrenner mehr zugelassen werden.
Bis 2030 soll die »Armutsquote« in Deutschland um 30 Prozent reduziert werden. Ebenfalls bis 2030 sollen im Sinne der Geschlechtergleichheit 50 Prozent der Führungspositionen durch Frauen besetzt werden. Auch bis 2030 sollen 60 Prozent der Erwerbstätigen jährlich an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. So visionieren Linke! Sanktionen, Verbote, Subventionen und die entsprechenden Excel-Tabellen stets zur Hand. So geht beamtetes Träumen. Man verfährt. Es sind lochbare Vorgänge. Der Mensch: eine Verfahrensmasse.
Anders als die Linke mit ihren starren Forderungen ist die Rechte eine atmende Membran. Wie gut, denn nur so kann man frei träumen! Und man MUSS ja träumen, auch als beinharter Realist. Wer sagt, er träume nie, hat einfach den Schlüssel zu seinen Nächten verlegt. Auch das wird sich auszahlen. Das gewaltige Imperium der Traumwelt schlägt dann zurück.
Wer »nie träumt«, wer diesen kostenlosen Freiraum also entbehrt, wird es in Neurosen ausagieren müssen. Viele unserer Besten klagen über »Schlaflosigkeit«. In Wahrheit ist Traumlosigkeit das Problem!
Luzide Nächte
Ich träume luzide. Dabei war das nie ein Vorhaben, ein Plan, sondern es wurde mir geschenkt. Erst spät habe ich es durch Übung optimiert. Nämlich zu meinem größten Vergnügen! Ich hatte als Kind ein »Freundschaftsbuch« (so was war früher à la mode, eine rudimentäre Frühform von Instagram quasi), in dem Klassenkameraden solche Fragen beantworteten wie »Was ißt Du gern?«, »Was kannst Du gar nicht leiden?« etc. Natürlich habe ich mich selbst eingeschrieben ins eigene Buch. »Worauf würdest Du nie verzichten wollen?« Ich, mit elf: »Auf meine nächtlichen Träume.«
Ich führte und führe gleichsam eine Art Doppelleben: ein tägliches – ein nächtliches. Meine Mutter war genervt, wenn ich morgens in der Küche meine jüngsten Abenteuer berichtete:
Träume sind Schäume. Das bildest du dir alles ein – daß du im Traum weißt, daß du träumst: Das ist doch Quatsch. Und niemand kann willentlich einen Traum beeinflussen.
Doch. Kann man, und ich meine sogar, zielgerichtetes Träumen kann man einüben. An was man fest glaubt, was man träumend hundertfach durchexerziert, das bekommt irgendwann eine eigene Macht. Und es ist grandios, das sage ich noch Jahrzehnte später.
Die einzelnen Chiffren (bei mir ist es stets Wasser: Schwimmbad, Teich, Meer; meist wunderbares Wellenreiten, manchmal auch peinliche Dinge wie »ohne Badeanzug«) bestimme nicht ich. Aber ich kann mich aus jedem Alptraum herausziehen, bevor er zu einem solchen wird. Ich kann eingreifen und die Dinge zum Guten wenden. Das ist wunderbar.
Man könnte meinen: Na und, gäbe es privatere Dinge als Träume? Nur schwappt das Geträume, um in dieser Wasser-Metaphorik zu bleiben, ja ins öffentliche Leben über. Ja, man kann gutes Träumen trainieren.
Das Totenreich
Das Allerschönste an meinen luziden Träumen sind meine Toten. Ich begegne ihnen zuverlässig mindestens wöchentlich. Es sind immer wie heilige Momente. Meine Toten tauchen in beliebigen Szenen auf, die im Grunde gar nicht auf sie zugeschnitten sind, nämlich ein ganz anderes »Thema« haben, und mir wird sofort klar: Jetzt mußt du GANZ behutsam sein! Es ist dann, als ob der Traum einfriere oder auf Geschwindigkeit 0,25 laufe.
Ich sehe nicht nur die Tante Maria und die Tante Helene, meine Oma und meine Mutter – nein, das ganze erlebte Leid dieser heimatverlorenen Schlesierinnen schwingt mit, und ich kann es ein bißchen besser machen, indem ich eine traumhafte Dankbarkeit übermittle, daß es sie gibt. Nicht GAB, sondern daß sie nicht vergangen sind und immer noch ihr Wesen treiben. Auch verstorbene Lehrerinnen und andere mir liebe Tote tauchen gerne auf. »Der Mensch ist erst dann tot, wenn niemand mehr an ihn denkt«, hat Bertolt Brecht gesagt; dies ist gewiß eines seiner besseren Zitate.
Seit ich den ersten Toten gesehen habe (einen Onkel), ich war fünf, beschäftigen mich Tod und Seelenleben sehr und ständig. Seither habe ich fünf »echte Leichen« gesehen und bebetet, und man könnte sich fragen, ob das viel oder wenig ist für ein fünfzigjähriges Leben – ich meine, im Weltmaßstab. Daran gemessen dürfte es sehr wenig sein.
Wie heftig und unmittelbar wird in anderen Weltgegenden gestorben! Wir »Westler« sind den Toten ja völlig entfremdet! Meist begegnen wir unsren Toten abstrakt als Asche in einer Urne. Erdbestattungen, schon gar mit Trauerfeier am offenen Sarg, sind völlig außer der Mode. Ich habe das Gefühl, daß dieses uralte Kulturgut (Darstellung des Leichnams bei der Trauerfeier) heute sogar als »leicht pervers« gelesen wird.
Obwohl dauernd gestorben wird, haben wir den Tod und die Toten wie ausgeklammert – rein in den Ofen (weil »hygienisch«; bloß in Bayern überwiegen noch die traditionellen Erdbestattungen und, ja, natürlich bei unseren zugewanderten Muselmanen), raus ins Behältnis.
Nichts an meinem Totengedenken ist sentimental, aber auch nichts daran akademisch. Ich bin sicher rational und analytisch veranlagt, aber ungeeignet für abstrakte Gedankengänge. Daher kann ich mit philosophischen Abhandlungen zum Leib-Seele-Dualismus wenig anfangen. Mir genügt es völlig, die Toten ins Reich meiner Träume aufrufen zu können. Und ich sehe ja, daß die so gern zu mir kommen!
Mein Traumtraining ist dabei anstrengungslos und unterliegt keiner besonderen Disziplin. Im Grunde ist die einzige Übung, beim Aufwachen gedanklich nicht in die Jetztwelt (»um 14 Uhr die Tochter abholen«, »unbedingt X und Y antworten«, etc. pp.) zu gleiten, sondern partout im Traum zu verharren, daran anzuhängen, ihn im Halbschlaf zu rekapitulieren und durchzuarbeiten. In Ratgebern fürs luzide Träumen steht, man müsse die Träume schriftlich festhalten.
Man darf das aus meiner Sicht unkonventionell handhaben. Man muß sich – und kann sich leicht – einen schwelgerischen Umgang mit der Traumwelt angewöhnen. Wer einmal »drin« ist und seine Träume als »Second life« begriffen hat, wird sich leicht damit tun und sich eine wunderbare Welt eröffnen. Eben auch in diese fremde Anderwelt namens Jenseits. »Gut träumen« heißt, alle Dimensionen zu berücksichtigen.
Barfuß über Kohlen
Der mittlerweile verstorbene Fußballtrainer Christoph Daum ließ seine ihm anvertrauten Sportler über glühende Kohlen und über Scherben laufen. Beides gilt als »mentales Training« und ist kein Hexenwerk. Man kann rational erklären, warum beides gut ohne größere Verletzungen funktioniert. Solcherlei Spielchen fungieren seit langem als »Team-Building-Maßnahmen« und als Autosuggestions-Booster. Das ist ein äußerst verführerisches Spiel! Es »läuft«, nämlich als Mode: »Du kannst alles, wenn du es nur willst.«
Das geht nun also an die Adresse der »Willens-Rechten«: Echte Kopffüßler streiten heute darum, inwiefern der originäre »Wille« eine Rolle spiele bei der Entwicklung einer »rechten Vision«. Das hat etwas von einer Selbstkarikatur an sich: Zwar sind die großen Schlachten längst geschlagen, aber junge Männer träumen auch heute noch von einem irgendwie gearteten, jähen, kraftvollen Aufbegehren.
Sie haben Tausende Likes hinter sich, blühen aber nur in ihrer Blase. Ist das schon das Leben? Ist dieses digitale Aufbegehren das, was ein Leben »ausrichten« könnte? Sind die Heldenbilder, die dort, in einer KI-Welt, generiert werden (stets muskelbepackt und ganz Mann und ganz Frau), irgendwie ernst zu nehmen?
Nein, und das Spiel mit politischen (konkreten) Visionen / Träumen /Utopien neigte immer schon zum Lächerlichen. Irgendwann hatte der dissidente »Friedensforscher«, Ex-Grüne und Ex-Offizier (ja, der galt mal als »Vordenker« und wurde in den späten 1990ern von der Neuen Rechten hofiert!) Alfred Mechtersheimer (1939 – 2018) eine solche umfängliche Vision präsentiert.
Das war sehr lieb gemeint, fröhlich gestimmt, und es ähnelte eben den KI-Filmchen. Fröhliche junge deutsche Menschen in wunderschönen Landschaften! Es gibt seither etliche frohgestimmte Nachmacher mit guter Phantasie. Solche Manuskripte ereilen uns laufend. Soll einer sagen, es gebe keine Utopien mehr!
Realpolitik und Traum
»Der Gegenpol der Utopie heißt Realpolitik. Sie, die uns umgibt, hat den beträchtlichen Vorteil vor der Utopie, daß sie in der Tat existiert. Aber es ist auch ihr einziger.« Das schrieb Georg Quabbe (1887 – 1950), der sicher einer der originellsten Denker der Konservativen Revolution, zumal ihres »jungkonservativen« Zweigs war.
Quabbe, der vor allem 1927 mit seinem Weckruf Tar a Ri reüssiert hatte, veröffentlichte 1933 Das letzte Reich in Konfrontation zu Moeller van den Brucks Das Dritte Reich. Es ist eine kühne, wohlüberlegte (und zugegeben oft unsympathische, weil vernichtende) Abrechnung mit utopischem Denken. Quabbe konstatiert zunächst, daß wohl »90 Prozent aller Menschen dieser Erde mit Freude ihre geistige Freiheit für ein gesichertes Leben« hingäben.
Das sollte man sich immer vor Augen führen, wenn das überschwängliche Denken beginnt … Die Mehrzahl all unserer Mitmenschen hat nichts Kühnes im Sinn und wird es auf absehbare Zeit auch nicht haben.
Auch eine Regierung Merz mit ihren »Merzgefallenen« wird daran nichts ändern. Unser Volk ist so alt, seine Träume sind maximal nach Hausfrauenart. Sicherheit, Rente, gute Pflegekräfte, gern auch aus Asien. Noch einmal Quabbe:
Nun sind sich zwar alle konservativen Denker von heute darüber einig, daß das sogenannte geistige Leben von heute nur das in einem Kadaver herrschende Würmerleben ist, sie sind sich weiter – sonst wäre es ja sinnlos, von Konservativismus zu sprechen – darüber einig, daß irgend etwas Wesentliches verschüttet, aber aufdeckungs- und erhaltungswert ist.
Sprich: Wir träumen heute einen ähnlichen Traum wie vor 92 Jahren! Geschichte wiederholt sich. Nicht grad als Kreislauf, sondern, Nietzsche dixit, spiralförmig. Unsere Träume sollten so mutig sein wie gut kalkuliert. Leidenschaft und Realitätssinn müssen ein Paar ergeben, sich gegenseitig befeuern. Wenn es je klappt mit dem »guten Träumen«, werden sich Wahrheit und Wirklichkeit auch annähern. Wir müssen uns anstrengen, jeder von uns. Es kann ja nur besser werden.