Traumwelt und Politik

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Tag- und Nachttraum

Sich weg­träu­men, in etwas hin­ein­träu­men, einem Traum nach­ja­gen – was für ein unan­ge­mes­se­nes Ansin­nen im poli­ti­schen Raum! Denn wir brau­chen im Moment kei­ne Träu­mer, son­dern Leu­te, die eine Sache rich­tig anpa­cken. Ver­träumt zu sein: nied­lich, aber schwach, etwas für spä­ter, irgend­wann einmal.

Träu­men hat einen dop­pel­ten Sitz im Leben. Ein­mal geht es um die poli­ti­sche Uto­pie, die­ses »I have a dream!«, dann um das nächt­li­che, sehr per­sön­li­che Träu­men. Es gibt zahl­rei­che Stim­men, die fest­ge­stellt haben wol­len, wir Rech­ten hät­ten kei­ne Träu­me, kei­ne Uto­pien. Sie haben recht, das paßt im Poli­ti­schen nicht zu uns. Unrecht hat aber, wer behaup­tet, wir sei­en immer nur dage­gen: gegen … und so weiter.

»Und wo bleibt das Posi­ti­ve, Herr Käst­ner?« Jener Ange­spro­che­ne, der pro­ble­ma­ti­sche Sei­ten hat­te (wir genie­ßen ihn spar­sam, von sei­nen for­mi­da­blen Kin­der­bü­chern abge­se­hen), ant­wor­te­te mit einem Gedicht, aus dem wir drei Stro­phen zitieren:

 

Und immer wie­der schickt ihr mir Briefe,

in denen ihr, dick unter­stri­chen, schreibt:

»Herr Käst­ner, wo bleibt das Positive?«

Ja, weiß der Teu­fel, wo das bleibt.

 

Die Spe­zi­es Mensch ging aus dem Leime

und mit ihr Haus und Staat und Welt.

Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,

und denkt, daß es dann zusammenhält?

 

Ich will nicht schwin­deln. Ich wer­de nicht schwindeln.

Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.

Es gibt genug Lie­fe­ran­ten von Windeln.

Und man­che lie­fern zum Selbstkostenpreis.

 

Ja, es sind heu­te wie damals »schwar­ze Zei­ten«. Und wenn Käst­ner schon vor x Jahr­zehn­ten davor warn­te, daß die Men­schen und der Staat »aus dem Lei­me« gin­gen, auf wel­cher Ska­la sehen wir uns dann bit­te erst heute?

Die Ange­le­gen­heit bleibt viru­lent: Wo bleibt das Posi­ti­ve? Zuge­ge­ben fand ich die Fra­ge oft naiv. Häu­fig und seit lan­gem errei­chen uns als Redak­teu­re der Sezes­si­on fra­gen­de Leser­brie­fe die­ses Musters:

Seit über x Jah­ren lese ich Ihre Zeit­schrift mit Gewinn. Ihre Autoren ana­ly­sie­ren präch­tig. Die­se Zeit­dia­gno­sen sind groß­ar­tig. Aber wo wol­len wir denn ­EIGENTLICH hin?

Naiv erschien mir das, weil es doch unmög­lich oder wenigs­tens äußerst kind­lich wäre, auf dem Reiß­brett ein »Traum­land« zu ent­wer­fen. Im Kin­der­gar­ten pla­nen sie so was, viel­leicht mit Lego: Hier wäre die Eis­die­le, da der Bolz­platz, dort das Gefäng­nis, und wer wie­der lieb ist, darf wie­der raus auf den Bolz­platz oder zur Eisdiele.

Es ist apo­li­tisch, als Erwach­se­ner so (oder ähn­lich, hof­fent­lich etwas aus­ge­feil­ter) zu den­ken. Es ist eine Art inver­tier­ter Mach­bar­keits­wahn: Unse­re Geg­ner wol­len dies und das poli­tisch erzwin­gen, was total wider­na­tür­lich ist (erspa­re mir die Bei­spie­le, jeder kennt sie). 

»Wir« (um im Duk­tus die­ser Leser­brief­schrei­ber zu blei­ben) sol­len hin­ge­gen etwas oktroy­ie­ren, wenigs­tens mög­lichst kon­kret skiz­zie­ren, was viel­leicht »natür­lich« wäre, aber doch lei­der aus der Zeit gefal­len ist? Nein, bit­te. »In mei­ner idea­len Welt …« ist ein hüb­scher Auf­satz­be­ginn. Mehr nicht.

»Wer Visio­nen hat, soll­te zum Arzt gehen« – die Gelehr­ten strei­ten sich dar­über, ob die­ser Satz von Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt stammt oder vom ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen Kanz­ler Franz Vra­nitz­ky. Gemeint war jeden­falls: Wer absur­den Ideen anhängt, ist eher ein Fall für den Psych­ia­ter als für die poli­ti­sche Büh­ne. Zu deren Zeit war das ver­mut­lich ein tref­fen­des Bonmot.

Nur, wie defi­nie­ren wir heu­te »Absur­di­tät«? Als Bei­spiel: Was in den 1990ern als »völ­lig absurd« galt (etwa das Stich­wort Remi­gra­ti­on), ist heu­te – zum Glück – nor­ma­li­siert. Es galt sogar noch vor zehn Jah­ren als undenk­bar, über strik­te Grenz­schlie­ßun­gen zu debat­tie­ren. Mitt­ler­wei­le ist die­se Fra­ge sogar im bür­ger­li­chen Feuil­le­ton ange­kom­men. Rich­tig lag, wer es sich erträum­te! (Rich­tig lagen aller­dings auch unse­re Alp­träu­me: Daß ein Mensch mit Penis offi­zi­ell als Frau geführt wer­den könn­te, hät­te vor zwan­zig Jah­ren auch jeder unter »Quatsch mit Soße« rubriziert.)

Das hin­zu­neh­men heißt nicht, einem Rela­ti­vis­mus zu frö­nen, nach die­ser »unschlag­ba­ren«, viel­be­müh­ten Argumentationskette:

Schau, vor 300 Jah­ren war es kom­plett undenk­bar, daß eine deut­sche Frau einen Dok­tor­ti­tel erwirbt. Vor 200 Jah­ren haben sie über die Vor­stel­lung eines Auto­mo­bils gelacht. Vor 60 Jah­ren war Homo­se­xua­li­tät noch straf­bar. Heu­te lachen wir doch über dies alles!

So spricht der Pro­gres­sist. Mot­to: »Ihr wart doch immer gegen all dies – und heu­te ist es völ­lig normal.«

Damit sind »sie«, die Pro­gres­si­ven, natür­lich im Vor­teil. Auch, weil kein Kon­ser­va­ti­ver bei Ver­stand dis­kur­siv ver­lo­re­ne Schlach­ten auf­wärmt (»Dür­fen Frau­en an der Waf­fe die­nen?« »Darf es ›die Pil­le‹ auch für unver­hei­ra­te­te Frau­en geben?« »Soll­te der Staat Krip­pen­plät­ze für sechs­mo­na­ti­ge Kin­der vor­hal­ten?« etc. pp.). 

Bei sol­chen sehr kon­kre­ten Fra­gen kön­nen wir zuge­ge­ben kei­nen Stich mehr machen, ohne uns ins Abseits zu schie­ßen. Die Wirk­lich­keit, und sei sie noch so »gemacht«, also durch Mani­pu­la­ti­on und Indok­tri­na­ti­on ent­stan­den, ist schwer­lich hin­ter­geh­bar. Es brauch­te wie­der­um einen län­ge­ren Atem als den nur einer Generation.

Inter­es­sant ist aber, daß das visio­nä­re Den­ken unter der Hand den Herrn gewech­selt hat. Der rech­te Blick auf die Men­schen, auf die Welt, ist der beweg­li­che, der dehn­ba­re! Das unter­schei­det ihn vom »lin­ken Blick«, der durch ein stäh­ler­nes Rohr visiert und stei­fe Meß­da­ten zur Hand hat. Eini­ge Bei­spie­le: Bis 2035 soll nach dem Wil­len der Regie­ren­den kein Ver­bren­ner mehr zuge­las­sen werden.

Bis 2030 soll die »Armuts­quo­te« in Deutsch­land um 30 Pro­zent redu­ziert wer­den. Eben­falls bis 2030 sol­len im Sin­ne der Geschlech­ter­gleich­heit 50 Pro­zent der Füh­rungs­po­si­tio­nen durch Frau­en besetzt wer­den. Auch bis 2030 sol­len 60 Pro­zent der Erwerbs­tä­ti­gen jähr­lich an Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men teil­neh­men. So visio­nie­ren Lin­ke! Sank­tio­nen, Ver­bo­te, Sub­ven­tio­nen und die ent­spre­chen­den Excel-Tabel­len stets zur Hand. So geht beam­te­tes Träu­men. Man ver­fährt. Es sind loch­ba­re Vor­gän­ge. Der Mensch: eine Verfahrensmasse.

Anders als die Lin­ke mit ihren star­ren For­de­run­gen ist die Rech­te eine atmen­de Mem­bran. Wie gut, denn nur so kann man frei träu­men! Und man MUSS ja träu­men, auch als bein­har­ter Rea­list. Wer sagt, er träu­me nie, hat ein­fach den Schlüs­sel zu sei­nen Näch­ten ver­legt. Auch das wird sich aus­zah­len. Das gewal­ti­ge Impe­ri­um der Traum­welt schlägt dann zurück. 

Wer »nie träumt«, wer die­sen kos­ten­lo­sen Frei­raum also ent­behrt, wird es in Neu­ro­sen aus­agie­ren müs­sen. Vie­le unse­rer Bes­ten kla­gen über »Schlaf­lo­sig­keit«. In Wahr­heit ist Traum­lo­sig­keit das Problem!

 

Luzi­de Nächte

Ich träu­me luzi­de. Dabei war das nie ein Vor­ha­ben, ein Plan, son­dern es wur­de mir geschenkt. Erst spät habe ich es durch Übung opti­miert. Näm­lich zu mei­nem größ­ten Ver­gnü­gen! Ich hat­te als Kind ein »Freund­schafts­buch« (so was war frü­her à la mode, eine rudi­men­tä­re Früh­form von Insta­gram qua­si), in dem Klas­sen­ka­me­ra­den sol­che Fra­gen beant­wor­te­ten wie »Was ißt Du gern?«, »Was kannst Du gar nicht lei­den?« etc. Natür­lich habe ich mich selbst ein­ge­schrie­ben ins eige­ne Buch. »Wor­auf wür­dest Du nie ver­zich­ten wol­len?« Ich, mit elf: »Auf mei­ne nächt­li­chen Träume.« 

Ich führ­te und füh­re gleich­sam eine Art Dop­pel­le­ben: ein täg­li­ches – ein nächt­li­ches. Mei­ne Mut­ter war genervt, wenn ich mor­gens in der Küche mei­ne jüngs­ten Aben­teu­er berichtete:

Träu­me sind Schäu­me. Das bil­dest du dir alles ein – daß du im Traum weißt, daß du träumst: Das ist doch Quatsch. Und nie­mand kann wil­lent­lich einen Traum beeinflussen.

Doch. Kann man, und ich mei­ne sogar, ziel­ge­rich­te­tes Träu­men kann man ein­üben. An was man fest glaubt, was man träu­mend hun­dert­fach durch­ex­er­ziert, das bekommt irgend­wann eine eige­ne Macht. Und es ist gran­di­os, das sage ich noch Jahr­zehn­te später. 

Die ein­zel­nen Chif­fren (bei mir ist es stets Was­ser: Schwimm­bad, Teich, Meer; meist wun­der­ba­res Wel­len­rei­ten, manch­mal auch pein­li­che Din­ge wie »ohne Bade­an­zug«) bestim­me nicht ich. Aber ich kann mich aus jedem Alp­traum her­aus­zie­hen, bevor er zu einem sol­chen wird. Ich kann ein­grei­fen und die Din­ge zum Guten wen­den. Das ist wunderbar.

Man könn­te mei­nen: Na und, gäbe es pri­va­te­re Din­ge als Träu­me? Nur schwappt das Geträu­me, um in die­ser Was­ser-Meta­pho­rik zu blei­ben, ja ins öffent­li­che Leben über. Ja, man kann gutes Träu­men trainieren.

 

Das Toten­reich

Das Aller­schöns­te an mei­nen luzi­den Träu­men sind mei­ne Toten. Ich begeg­ne ihnen zuver­läs­sig min­des­tens wöchent­lich. Es sind immer wie hei­li­ge Momen­te. Mei­ne Toten tau­chen in belie­bi­gen Sze­nen auf, die im Grun­de gar nicht auf sie zuge­schnit­ten sind, näm­lich ein ganz ande­res »The­ma« haben, und mir wird sofort klar: Jetzt mußt du GANZ behut­sam sein! Es ist dann, als ob der Traum ein­frie­re oder auf Geschwin­dig­keit 0,25 laufe. 

Ich sehe nicht nur die Tan­te Maria und die Tan­te Hele­ne, mei­ne Oma und mei­ne Mut­ter – nein, das gan­ze erleb­te Leid die­ser hei­mat­ver­lo­re­nen Schle­sie­rin­nen schwingt mit, und ich kann es ein biß­chen bes­ser machen, indem ich eine traum­haf­te Dank­bar­keit über­mitt­le, daß es sie gibt. Nicht GAB, son­dern daß sie nicht ver­gan­gen sind und immer noch ihr Wesen trei­ben. Auch ver­stor­be­ne Leh­re­rin­nen und ande­re mir lie­be Tote tau­chen ger­ne auf. »Der Mensch ist erst dann tot, wenn nie­mand mehr an ihn denkt«, hat ­Ber­tolt Brecht gesagt; dies ist gewiß eines sei­ner bes­se­ren Zitate.

Seit ich den ers­ten Toten gese­hen habe (einen Onkel), ich war fünf, beschäf­ti­gen mich Tod und See­len­le­ben sehr und stän­dig. Seit­her habe ich fünf »ech­te Lei­chen« gese­hen und bebe­tet, und man könn­te sich fra­gen, ob das viel oder wenig ist für ein fünf­zig­jäh­ri­ges Leben – ich mei­ne, im Welt­maß­stab. Dar­an gemes­sen dürf­te es sehr wenig sein. 

Wie hef­tig und unmit­tel­bar wird in ande­ren Welt­ge­gen­den gestor­ben! Wir »West­ler« sind den Toten ja völ­lig ent­frem­det! Meist begeg­nen wir uns­ren Toten abs­trakt als Asche in einer Urne. Erd­be­stat­tun­gen, schon gar mit Trau­er­fei­er am offe­nen Sarg, sind völ­lig außer der Mode. Ich habe das Gefühl, daß die­ses uralte Kul­tur­gut (Dar­stel­lung des Leich­nams bei der Trau­er­fei­er) heu­te sogar als »leicht per­vers« gele­sen wird.

Obwohl dau­ernd gestor­ben wird, haben wir den Tod und die Toten wie aus­ge­klam­mert – rein in den Ofen (weil »hygie­nisch«; bloß in Bay­ern über­wie­gen noch die tra­di­tio­nel­len Erd­be­stat­tun­gen und, ja, natür­lich bei unse­ren zuge­wan­der­ten Musel­ma­nen), raus ins Behältnis.

Nichts an mei­nem Toten­ge­den­ken ist sen­ti­men­tal, aber auch nichts dar­an aka­de­misch. Ich bin sicher ratio­nal und ana­ly­tisch ver­an­lagt, aber unge­eig­net für abs­trak­te Gedan­ken­gän­ge. Daher kann ich mit phi­lo­so­phi­schen Abhand­lun­gen zum Leib-See­le-Dua­lis­mus wenig anfan­gen. Mir genügt es völ­lig, die Toten ins Reich mei­ner Träu­me auf­ru­fen zu kön­nen. Und ich sehe ja, daß die so gern zu mir kommen!

Mein Traum­trai­ning ist dabei anstren­gungs­los und unter­liegt kei­ner beson­de­ren Dis­zi­plin. Im Grun­de ist die ein­zi­ge Übung, beim Auf­wa­chen gedank­lich nicht in die Jetzt­welt (»um 14 Uhr die Toch­ter abho­len«, »unbe­dingt X und Y ant­wor­ten«, etc. pp.) zu glei­ten, son­dern par­tout im Traum zu ver­har­ren, dar­an anzu­hän­gen, ihn im Halb­schlaf zu reka­pi­tu­lie­ren und durch­zu­ar­bei­ten. In Rat­ge­bern fürs luzi­de Träu­men steht, man müs­se die Träu­me schrift­lich festhalten.

Man darf das aus mei­ner Sicht unkon­ven­tio­nell hand­ha­ben. Man muß sich – und kann sich leicht – einen schwel­ge­ri­schen Umgang mit der Traum­welt ange­wöh­nen. Wer ein­mal »drin« ist und sei­ne Träu­me als »Second life« begrif­fen hat, wird sich leicht damit tun und sich eine wun­der­ba­re Welt eröff­nen. Eben auch in die­se frem­de Ander­welt namens Jen­seits. »Gut träu­men« heißt, alle Dimen­sio­nen zu berücksichtigen.

 

Bar­fuß über Kohlen

Der mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Fuß­ball­trai­ner Chris­toph Daum ließ sei­ne ihm anver­trau­ten Sport­ler über glü­hen­de Koh­len und über Scher­ben lau­fen. Bei­des gilt als »men­ta­les Trai­ning« und ist kein Hexen­werk. Man kann ratio­nal erklä­ren, war­um bei­des gut ohne grö­ße­re Ver­let­zun­gen funk­tio­niert. Sol­cher­lei Spiel­chen fun­gie­ren seit lan­gem als »Team-Buil­ding-Maß­nah­men« und als Auto­sug­ges­ti­ons-Boos­ter. Das ist ein äußerst ver­füh­re­ri­sches Spiel! Es »läuft«, näm­lich als Mode: »Du kannst alles, wenn du es nur willst.«

Das geht nun also an die Adres­se der »Wil­lens-Rech­ten«: Ech­te Kopf­füß­ler strei­ten heu­te dar­um, inwie­fern der ori­gi­nä­re »Wil­le« eine Rol­le spie­le bei der Ent­wick­lung einer »rech­ten Visi­on«. Das hat etwas von einer Selbst­ka­ri­ka­tur an sich: Zwar sind die gro­ßen Schlach­ten längst geschla­gen, aber jun­ge Män­ner träu­men auch heu­te noch von einem irgend­wie gear­te­ten, jähen, kraft­vol­len Aufbegehren.

Sie haben Tau­sen­de Likes hin­ter sich, blü­hen aber nur in ihrer Bla­se. Ist das schon das Leben? Ist die­ses digi­ta­le Auf­be­geh­ren das, was ein Leben »aus­rich­ten« könn­te? Sind die Hel­den­bil­der, die dort, in einer KI-Welt, gene­riert wer­den (stets mus­kel­be­packt und ganz Mann und ganz Frau), irgend­wie ernst zu nehmen?

Nein, und das Spiel mit poli­ti­schen (kon­kre­ten) Visio­nen / Träu­men /Utopien neig­te immer schon zum Lächer­li­chen. Irgend­wann hat­te der dis­si­den­te »Frie­dens­for­scher«, Ex-Grü­ne und Ex-Offi­zier (ja, der galt mal als »Vor­den­ker« und wur­de in den spä­ten 1990ern von der Neu­en Rech­ten hofiert!) Alfred Mech­ters­hei­mer (1939 – 2018) eine sol­che umfäng­li­che Visi­on präsentiert.

Das war sehr lieb gemeint, fröh­lich gestimmt, und es ähnel­te eben den KI-Film­chen. Fröh­li­che jun­ge deut­sche Men­schen in wun­der­schö­nen Land­schaf­ten! Es gibt seit­her etli­che froh­ge­stimm­te Nach­ma­cher mit guter Phan­ta­sie. Sol­che Manu­skrip­te erei­len uns lau­fend. Soll einer sagen, es gebe kei­ne Uto­pien mehr!

 

Real­po­li­tik und Traum

»Der Gegen­pol der Uto­pie heißt Real­po­li­tik. Sie, die uns umgibt, hat den beträcht­li­chen Vor­teil vor der Uto­pie, daß sie in der Tat exis­tiert. Aber es ist auch ihr ein­zi­ger.« Das schrieb Georg Quab­be (1887 – 1950), der sicher einer der ori­gi­nells­ten Den­ker der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, zumal ihres »jung­kon­ser­va­ti­ven« Zweigs war.

Quab­be, der vor allem 1927 mit sei­nem Weck­ruf Tar a Ri reüs­siert hat­te, ver­öf­fent­lich­te 1933 Das letz­te Reich in Kon­fron­ta­ti­on zu Moel­ler van den Brucks Das Drit­te Reich. Es ist eine küh­ne, wohl­über­leg­te (und zuge­ge­ben oft unsym­pa­thi­sche, weil ver­nich­ten­de) Abrech­nung mit uto­pi­schem Den­ken. Quab­be kon­sta­tiert zunächst, daß wohl »90 Pro­zent aller Men­schen die­ser Erde mit Freu­de ihre geis­ti­ge Frei­heit für ein gesi­cher­tes Leben« hingäben.

Das soll­te man sich immer vor Augen füh­ren, wenn das über­schwäng­li­che Den­ken beginnt … Die Mehr­zahl all unse­rer Mit­men­schen hat nichts Küh­nes im Sinn und wird es auf abseh­ba­re Zeit auch nicht haben.

Auch eine Regie­rung Merz mit ihren »Merz­ge­fal­le­nen« wird dar­an nichts ändern. Unser Volk ist so alt, sei­ne Träu­me sind maxi­mal nach Haus­frau­en­art. Sicher­heit, Ren­te, gute Pfle­ge­kräf­te, gern auch aus Asi­en. Noch ein­mal Quabbe:

Nun sind sich zwar alle kon­ser­va­ti­ven Den­ker von heu­te dar­über einig, daß das soge­nann­te geis­ti­ge Leben von heu­te nur das in einem Kada­ver herr­schen­de Würm­er­le­ben ist, sie sind sich wei­ter – sonst wäre es ja sinn­los, von Kon­ser­va­ti­vis­mus zu spre­chen – dar­über einig, daß irgend etwas Wesent­li­ches ver­schüt­tet, aber auf­de­ckungs- und erhal­tungs­wert ist.

Sprich: Wir träu­men heu­te einen ähn­li­chen Traum wie vor 92 Jah­ren! Geschich­te wie­der­holt sich. Nicht grad als Kreis­lauf, son­dern, Nietz­sche dixit, spi­ral­för­mig. Unse­re Träu­me soll­ten so mutig sein wie gut kal­ku­liert. Lei­den­schaft und Rea­li­täts­sinn müs­sen ein Paar erge­ben, sich gegen­sei­tig befeu­ern. Wenn es je klappt mit dem »guten Träu­men«, wer­den sich Wahr­heit und Wirk­lich­keit auch annä­hern. Wir müs­sen uns anstren­gen, jeder von uns. Es kann ja nur bes­ser werden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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