Ich darf diesem Themenheft eine abweichende, anekdotische Wendung geben. Unsere Familie hat nämlich eine besondere Nähe zum Bauernkrieg. Sie wurde ihr zugewiesen. Das hat eine Vorgeschichte.
Meine Kinder sind durch mich nicht planmäßig politisiert worden. Sprich, ich habe sie nie weltanschaulich »geschult«, mir dieses oder jenes Thema vorgenommen, über das ich sie »aufklären« hätte wollen. Die Lehrer gingen zwar häufig davon aus und haben gelegentlich intensiv versucht entgegenzuwirken (also gegen das, was sie sich vorstellten, das bei uns gepredigt würde), aber was bringt es, wenn Indoktrination auf ganz normal gesunde Kinderköpfe trifft? Na eben.
Ich zählte und zähle aber auch nicht zu jenen Müttern, die sich jegliche »politische Rede« vor den Kindern strikt verkneifen. Es gibt solche, auch welche, die geradezu ideologisch engstirnig sind. Ich habe dazu eine klare Meinung: Bigotterie! Meine sieben bekamen jedenfalls am Eßtisch ganz nebenbei fast alles mit, was mich so im Alltag bewegte. Daher konnte der Zwölfjährige am Rande einer Pegida den Reportern der Titanic auch haarklein erklären, was dieses Akronym bedeutet.
Ich bin als Wessi in den Osten gezogen, zum großen Glück. Dennoch sind meine Kinder (vier davon in Schnellroda geboren) von Herkunft und Erziehung her nicht von dort. Sie sagten »Stöcke« statt »Stöcker«, »dessen« statt »dem seins«, »die Mädchen« statt »die Mädchens« und »die einzige« statt »die einzigste«. Das ist natürlich kein Ost-West-Konflikt, sondern mehr die Land-Stadt-Schere. Es unterschied sich, aber zu Mißverständnissen führte es nie.
Jedoch war da noch die Sache mit dem Bauernkrieg. Die Mädchen trugen Röcke. Der Junge keine Jeans, sondern kurze oder Cordhosen. Alle trugen Lederranzen. Warum? Ich wollte diesen Kommerz mit Meerjungfrauen, Paw Patrol, Spiderman, Barbie etc. wirklich nicht. Zunächst gefiel es mir, dann ihnen.
Es gab nie einen Zwist darüber. Ich hätte niemals ein Kind überredet, Rock oder Kleid zu tragen. Oder geflochtene Zöpfe. Auch nicht, als die Armee der Spötter aufmarschierte. Und, oh ja, meine Kinder sind auf diesem Feld durch eine harte Schule gegangen! Niemand sollte sich je einbilden, kostenlos »anders« sein zu dürfen. Wer keinen Zoll zahlt für sein Anderssein, schwimmt vermutlich doch im Hauptstrom.
Was war nun der Schlachtruf derer, denen meine Kinder suspekt waren? »Hier kommen die Weiber aus dem Bauernkrieg!« »Vorsicht: Bauernkrieg!« »Die Bauern sind am Telefon: Die wollen ihre Klamotten zurück!« Meine Kinder waren also die »aus dem Bauernkrieg«. Das ist interessant, und ich habe bis heute keine Ahnung, woher die Zuweisung stammt.
Die kindlichen Spötter hätten ja auch »Mittelalter!« rufen können, »Achtziger!«, »Nachkrieg!«, »Hippies!« oder sonstwas. Es war aber stets (und ich spreche von gut 15 Jahren mit Kindern in der Grundschule) der Bauernkrieg. Aber der sollte doch in der Gemarkung Schnellroda (Frankenhausen ist recht weit entfernt) keine Traumata hinterlassen haben!
Was schließe ich aus dieser privaten Bauernkriegsgeschichte? Alle Kinder haben etliches durch an Hänseleien. Sie hätten es bequemer haben können. Ich habe für diesen Text eigens nachgefragt: Ja, alle erinnern sich sehr gut an die Bauernkriegszuschreibung. Nein, keine und keiner hat davon einen Schaden davongetragen.
Eine (mittlere) Tochter hatte folgende, längst vergessene Anekdote parat: »Wie du, Mama, dich mal als Mann verkleidet hattest. Du hast an der Bushaltestelle gesessen in Bundeswehrhose, Lederjacke, mit der Perücke von Oma Edith und Kippe im Mundwinkel. Und als Mackenzie wieder ankam, mich am Schulranzen riß und ›Bauernkrieg!‹ brüllte, hast du ihn am Kragen gepackt und mit tiefergelegter Stimme gefragt, ob er den totalen Bauernkrieg wirklich wolle. Und dann hat er geflennt.«
Ja, so war das wohl. Jason, der unserer ältesten Tochter auch abseits des Bauernkriegsschmähs wirklich heftig zugesetzt hatte (Schulkonferenzen!), fährt heute Traktor und zahlt tapfer Alimente für zwei Töchter. Die Tochter ist mittlerweile Frau Dr. und Mutter vierer Söhne. Insofern ging dieser Bauernkrieg im Grunde unentschieden aus. Wir brauchen sie heute alle. Die »Stöcker«-Sager und die Doctores. Und wenn »Pfingstbier« ist (das ist das Hochfest hier), dann kippen sie alle zusammen einen, die Bauernkrieger von damals.