Hans Freyers »Revolution von rechts«

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Micha­el Henkel –

Hans Frey­er (1887 – 1969) ist eine weit­hin ver­ges­se­ne Schlüs­sel­fi­gur der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts. Sein Werk war von brei­ter Wir­kung im Deutsch­land der Zwi­schen­kriegs- und der Nach­kriegs­epo­che. Aka­de­misch gehör­te er zur Gene­ra­ti­on jün­ge­rer Zeit­ge­nos­sen jener Grün­der­vä­ter, die – wie Tön­nies, Weber oder Sim­mel – die Sozio­lo­gie in Deutsch­land eta­bliert hatten.

Die jün­ge­re Gene­ra­ti­on pro­fes­sio­na­li­sier­te die aka­de­mi­sche Sozio­lo­gie, und Frey­er war hier­bei eine der her­aus­ra­gen­den Gestal­ten. Mit den Grün­der­vä­tern teil­te er den wei­ten his­to­ri­schen und inter­dis­zi­pli­nä­ren Hori­zont, doch sind für ihn dar­über hin­aus die außer­or­dent­li­che phi­lo­so­phi­sche Durch­drin­gung sei­nes Gegen­stan­des und ein stren­ger Theo­rie­an­spruch cha­rak­te­ris­tisch, die sich in die­ser Form bei kaum einem ande­ren Ver­tre­ter des Faches fin­den. Und wie kaum ein ande­rer ver­band Frey­er mit sei­ner Wis­sen­schaft zugleich einen poli­ti­schen Anspruch: Sozio­lo­gie war für ihn »poli­ti­sche Wissenschaft«.

Die­se betrieb er auch wäh­rend des Drit­ten Rei­ches, was einer sach­li­chen Beur­tei­lung in spä­te­ren Zei­ten wenig för­der­lich war. Ins­be­son­de­re nach 1968 setz­te sich das nega­ti­ve Urteil über Frey­er durch, was zu sei­ner weit­ge­hen­den Ver­drän­gung aus dem Bewußt­sein der Wis­sen­schaft führ­te. Nun genüg­te meist der Hin­weis dar­auf, daß Frey­er nicht nur das Hit­ler­re­gime aka­de­misch unbe­scha­det über­stan­den hat­te, son­dern daß er mit Schrif­ten wie der Revo­lu­ti­on von rechts (Jena 1931) ein Weg­be­rei­ter des Drit­ten Rei­ches gewe­sen sein mußte.

Auch hier führt die Ex-post-Betrach­tung nach der Metho­de der reduc­tio ad Hit­ler­um aller­dings in die Irre, setzt sie doch vor­aus, daß die­je­ni­gen, die in einer geschicht­li­chen Situa­ti­on stan­den, über das Wis­sen der­je­ni­gen ver­füg­ten, die den tat­säch­li­chen Geschichts­ver­lauf »vom Ende her« ken­nen. Für die in der Gegen­wart Han­deln­den ist die Zukunft aber offen, und sie müs­sen ihre Ent­schei­dun­gen auf der Grund­la­ge ihres gegen­wär­ti­gen Wis­sens und Wol­lens finden.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg war es ein zen­tra­les Anlie­gen Frey­ers, zur Bil­dung des­je­ni­gen Wis­sens und Wol­lens bei­zu­tra­gen, mit dem Deutsch­land den Weg in eine gedeih­li­che Zukunft fin­den könn­te. Dem dien­ten vor allem sei­ne außer­aka­de­mi­schen Schrif­ten wie Antäus (1918) oder Revo­lu­ti­on von rechts. Bei die­sen (und wei­te­ren) prak­tisch ori­en­tier­ten Wer­ken ging es Frey­er um Bewußt­seins- und Wil­lens­bil­dung in einer Epo­che, in der vie­le über­kom­me­ne Ori­en­tie­run­gen und Gewiß­hei­ten zusam­men­ge­bro­chen waren.

Wel­che Ori­en­tie­rung bot Frey­er dem­ge­gen­über in der Revo­lu­ti­on von rechts an? In den poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Zeit arti­ku­lier­te sich die Fra­ge nach dem Aus­weg aus der Kri­se der Wei­ma­rer Repu­blik. Die Schrift ist ein Bei­trag zu die­sen Debat­ten. In deren Hin­ter­grund wirk­ten die Kräf­te und Kate­go­rien des 19. Jahr­hun­derts fort, wes­halb Frey­ers Auf­merk­sam­keit in der Revo­lu­ti­on von rechts zunächst die­sem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert gilt.

Die bür­ger­li­che indus­tri­el­le Gesell­schaft und ihre poli­ti­schen Kämp­fe bil­den den Bezugs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen, wobei er die sozia­lis­ti­sche Bewe­gung als revo­lu­tio­nä­re Kraft jener Epo­che ein­dring­lich wür­digt. Deren Revo­lu­tio­nen von links haben in sei­nen Augen ihre gestal­te­ri­sche Kraft aller­dings ver­lo­ren: Die Klas­sen­kämp­fe und gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen­kon­flik­te wur­den erfolg­reich in den bür­ger­li­chen Sozi­al­staat der indus­tri­el­len Gesell­schaft inte­griert und neu­tra­li­siert. Poli­tik ist zum Inter­es­sen­aus­gleich, zur Ver­tei­lungs­po­li­tik und zum Arran­ge­ment der Grup­pen­ego­is­men, der Staat selbst Beu­te gesell­schaft­li­cher Inter­es­sen gewor­den. In die­sem Sys­tem ist

»der Mensch nicht Sub­jekt die­ser Welt, son­dern Pos­ten in ihrer Rech­nung: Kon­su­ment und Arbeits­kraft« (47).

Und der Bür­ger ist – mit Rous­se­au gespro­chen – Bour­geois, nicht Citoy­en. In der Welt der indus­tri­el­len Gesell­schaft aber geht Frey­er zufol­ge die freie poli­ti­sche Selbst­be­stim­mung des Gan­zen für das Gan­ze ver­lo­ren. Um sie wie­der­zu­ge­win­nen, muß das Prin­zip der indus­tri­el­len Gesell­schaft über­wun­den wer­den. Eben­dies leis­tet die Revo­lu­ti­on von rechts. In ihr

wird kein Inter­es­sen­kon­flikt aus­ge­tra­gen, son­dern hier wird – und das ist die posi­ti­ve Bedeu­tung des Schlag­worts ›von rechts‹ – […] der Staat aus sei­ner jahr­hun­der­te­lan­gen Ver­stri­ckung in gesell­schaft­li­che Inter­es­sen eman­zi­piert. Der Staat, der in der Epo­che der indus­tri­el­len Gesell­schaft immer nur Kampf­ob­jekt, immer nur Beu­te, bes­ten­falls der vor­sich­ti­ge Mitt­ler und Schlich­ter war, wird zu einem frei­en Wesen, das die Revo­lu­ti­on von rechts in sich auf­nimmt und des­sen Macht fort­an unter der Auf­ga­be steht, aus der Gegen­wart die­ses auf­bre­chen­den Volks sei­ne geschicht­li­che Zukunft zu bau­en (54 f.).

Der Trä­ger der Eman­zi­pa­ti­on zum Staat ist mit­hin das Volk als »neu­es Sub­jekt der Geschich­te« (52). Das Volk, das Frey­er dabei im Sinn hat, läßt er jeden­falls in der Revo­lu­ti­on von rechts reich­lich unbe­stimmt (sie­he näher Thor v. Wald­stein: »Frey­er lesen«, in: Sezes­si­on 94, S. 44 – 47). Aller­dings unter­schei­det er es von der Nati­on, die im Volk »auf­ge­ho­ben« ist, und er ver­steht das Volk als dezi­diert poli­ti­sches Sub­jekt – als Sub­jekt der poli­ti­schen Selbst­be­stim­mung im Staat, der wie­der­um durch die­se Selbst­be­stim­mung mehr wird als »die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der indus­tri­el­len Gesell­schaft« (60): Er wird frei­er, sou­ve­rä­ner Staat, getra­gen vom poli­ti­schen Wil­len des Vol­kes als der Gemein­schaft der Citoy­ens.

Man kann im Hin­ter­grund von Frey­ers Vor­stel­lung vom poli­ti­schen Volk eine Idea­li­sie­rung der atti­schen Demo­kra­tie erken­nen. Doch ist sein Kon­zept des Staa­tes kei­ne idea­lis­ti­sche und rück­wärts­ge­wand­te Uto­pie. Das ersieht man ins­be­son­de­re an sei­ner 1925 unter dem Titel Der Staat ver­öf­fent­lich­ten Staats­theo­rie. Dort zeich­net er das Bild eines moder­nen sou­ve­rä­nen Staa­tes, des­sen Ord­nung durch sei­ne Ver­fas­sung, das »Gesetz der Geset­ze«, bestimmt ist und der die Form der poli­ti­schen Selbst­be­stim­mung des Vol­kes darstellt.

Die­se Staats­vor­stel­lung geht unter ande­rem auf Hegel und Lorenz von Stein zurück. Wie die­sen gilt Frey­er der poli­ti­sche Staat als sitt­li­cher Staat, der um des guten Lebens wil­len exis­tiert. Wenn Frey­er in sei­ner Ein­lei­tung in die Sozio­lo­gie (1931) Lorenz von Steins Staats­ver­ständ­nis erläu­tert, bringt er damit auch sei­ne eige­ne Vor­stel­lung zum Ausdruck:

Der Mensch ist […] zur Frei­heit bestimm­te Per­son. Die Form­wer­dung der Gemein­schaft, sofern sie aus unver­äu­ßer­lich frei­en Per­so­nen besteht, ist der Staat. Er faßt die indi­vi­du­el­len Per­so­nen auch zu einem Gan­zen zusam­men, aber nicht so, daß er sie von­ein­an­der abhän­gig macht, son­dern so, daß er ihren Wil­len in einen höhe­ren Wil­len auf­nimmt. Aus die­ser Wesens­be­stim­mung des Staa­tes ergibt sich die Norm für sei­ne Gestal­tung. Gleich­heit des öffent­li­chen Rechts, Weg­ar­bei­tung aller gesell­schaft­li­chen Abhän­gig­kei­ten, die sich aus der Ungleich­heit des Besit­zes erge­ben, freie Ent­fal­tungs­mög­lich­keit für jeden ein­zel­nen nach sei­nen Gaben und Bestre­bun­gen, das sind die For­de­run­gen, die an den Staat zu rich­ten sind.

Die Eman­zi­pa­ti­on hin zu einem sol­chen Staat, der die indus­tri­el­le Gesell­schaft in sich auf­hebt, war es, die Frey­er von der Revo­lu­ti­on von rechts erwartete.

Waren die NS-Bewe­gung und die Macht­er­grei­fung Hit­lers die Revo­lu­ti­on von rechts? Frey­er selbst heg­te 1933/34 gewiß ent­spre­chen­de Hoff­nun­gen. Er muß­te die­se rasch ent­täuscht sehen – zu offen­sicht­lich war das Drit­te Reich kei­ne Eman­zi­pa­ti­on des Vol­kes zum Staat, viel­mehr han­del­te es sich um einen »Unstaat« (Franz Neu­mann), der mit Frey­ers Staats­kon­zept nichts gemein hat­te. Die Revo­lu­ti­on von rechts hat­te nicht stattgefunden.

Nach 1945 knüpf­te Frey­er nicht mehr an sei­ne Kon­zep­ti­on von 1931 an. Zu sehr hat­te sich die Lage Deutsch­lands gewan­delt. Die neue poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Situa­ti­on erfor­der­te eine neu anset­zen­de Dia­gno­se, die Frey­er mit sei­ner viel­be­ach­te­ten Theo­rie des gegen­wär­ti­gen Zeit­al­ters (1955) tat­säch­lich anbot.

So ist die Zeit über die Revo­lu­ti­on von rechts hin­weg­ge­gan­gen. Gleich­wohl ist das Büch­lein auch heu­te noch mit Gewinn zu lesen. Es bie­tet etwa eine kon­zi­se Inter­pre­ta­ti­on des 19. Jahr­hun­derts oder des Mar­xis­mus, offe­riert klar­sich­ti­ge Dia­gno­sen zur poli­ti­schen Dyna­mik der indus­tri­el­len Gesell­schaft oder zum Revolutionsbegriff.

Eini­ge sei­ner Pro­blem­la­gen sind in gewan­del­ter Form zudem auch heu­te aktu­ell: Nach wie vor ist es ein poli­ti­sches Pro­blem ers­ten Ran­ges, daß sich der Staat im Klam­mer­griff gesell­schaft­li­cher Inter­es­sen befin­det. Inso­weit kann Frey­ers Text das poli­ti­sche Ver­ständ­nis nach wie vor schär­fen, obgleich sich die Vor­stel­lung von der Revo­lu­ti­on des Vol­kes als illu­so­risch erwie­sen hat.

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