Dieses BRD-Panoptikum – Köln/Berlin: Mutter, Vater, bürgerlich (mit unausgesprochenen schwarzen Löchern), drei erwachsene Kinder; eines „queer“, eines (Chris) höchst erfolgreich rechtsradikal, der Nachzügler (Benni) so hochbegabt wie hochsensibel – kaum je wurde diese nahbare Gemengelage so gültig und menschenkennerisch ausgemalt wie hier! Schönwald war ein Knaller in jeder Hinsicht.
Nun also der Nachfolgeroman: Papenburg. Ich muß ihn abermals heiß empfehlen, obwohl der Autor offenkundig immer noch Teil der SPIEGEL-Mannschaft ist.
Wir sind nun, anders als im Debüt, located in Übersee, und man sollte ein wenig diesen deutsch-us-amerikanischen Sound kennen, den polyglotte Menschen pflegen. Several passages are in english. Denn so ist das Personal hier: vielsprachig, weltoffen, in der Lage auf „andere Gepflogenheiten“ einzugehen. Mehr oder weniger jedenfalls. Man muß Schönwald nicht gelesen haben, um Papenburg genießen zu können.
Wir beginnen mit Katrin. Der Mutter von Emilia, die wir bereits als neurotische Zicken-Mom aus dem Schönwald-Kosmos kennen. Emilia ist mit Benni verheiratet. Nichts konnte er, der Zärtling, aus dem es gelegentlich jäh hinausbrach, ihr rechtmachen. Daher hat sie die Kinder nach NY entführt, wo sie nun in einem Townhouse mit gigantischen Ausmaßen plus Pool residiert. (Der Charme des Buchs besteht auch darin, daß sich hier kaum einer Gedanken über ein paar zerquetschte Millionen machen muß.)
Katrin: Einst Unterwäschemodell bei „Quelle“ (best Body von Nordrhein-Westfalen), dann Heirat mit dem pickligen Thomas, Erfinder diverser Apps für das Silicon Valley. Man zog nach Kalifornien. Thomas wurde Milliardär, sie (Ein-Kind-und Hausfrau-Syndrom) addict. (Die „Krankheit“ habe wieder „zugeschlagen“, pflegte sie später in ihren vernebelten und durchweg unbeantworteten Nachrichten an die Tochter zu schreiben.)
Thomas entzog Katrin das Kind, das seither sein Leben mit Psychoanalyse-Kuren verbringt. Die aktuelle Therapie von Emilia, in NY, ist auf sechs Jahre angelegt.
Katrin ist nun tatsächlich sober, um ihrer Tochter nach jahrzehntelangem Kontaktabbruch unter die Arme zu greifen. Ein Wunder: Emilia willigt ein! Die Enkel besuchen natürlich die teuerste Schule. Das hat sich Emilia teuer erkauft. Sie spendete nicht nur großzügig für das Woman Soccer Team, sondern auch für die Postcolonial Art Collection und das Judith-Butler-Non-Binary-Student-Scholarship und für Gaza und gegen Police Brutality. August und Otis, die kleinen Jungs, sprechen natürlich inclusive.

Dann zu Thomas. Er hat ebenfalls schon lange keinen Kontakt mehr zu Tochter Emilia. Thomas wollte sich stets verbessern: Bodybuildung, Personal Trainer, Meditation, Longevity, dann die von Elon Musk abgekupferte Idee, ganz viele Kinder zu zeugen (hat nicht gut geklappt, Kinder da, Kontakt null); nun ist er (ausgerechnet er, der woke war, bevor es alle anderen waren) darauf verfallen, mit dem deutschsprachigen Star-Philosophen Urs (den er für eine Höllensumme einkauft) und dessen hübscher Assistentin Alice einen, nunja, eher rechtsradikalen ThinkTank zu gründen.
Rechts zu denken und dabei trotzdem gut aussehen, smart und liebenswürdig, nicht hasserfüllt wie die MAGA-Leute, sondern nach vorn gewandt plus das Leben genießen.
Hier kommt Chris ins Spiel, der intellektuelle, spontan rechtsradikal gewordene und dann geschaßte Universitätsprofessor aus dem westdeutschen Schönwald-Universum. Er ist längst im Team Trump.
Die Think-Tank-Mannschaft besichtigt das Anwesen, das Thomas für ein paar dutzend Millionen Joan Baez abgeluchst hat. Er hat es mit drei Stockwerken unterkellern lassen. Dritte Unteretage: ein Atombunker, den ein Lichtarchitekt zu einem paradiesischen Raum gestaltet hat. Mit im Gefolge ist übrigens der alte, schmierige Professor Shapiro, den keiner recht leiden kann. Aber er hat „wichtige Kontakte in die jüdische Community“.
Als wäre das alles nicht genug an zünftigem Unterhaltungsstoff, tritt dann noch das mittlerweile bejahrte Ehepaar Schönwald/Köln auf. Dort glaubt man gefälligst noch, was in der aktuellen ZEIT steht und was die Tagesschau sendet. Natürlich mit Manschetten, so hat es sich immer gehört. Hans-Harald, pensionierter Oberstaatsanwalt (sein entsprechendes Badge beeindruckt die US-Grenzer nicht im Geringsten) macht im neunten Lebensjahrzehnt weiterhin auf jovial und kompromißbereit, Ruth (80) bleibt kämpferisch-konservativ-feministisch, ewige Nörglerin, passiv-aggressiv. Sie wird sich ganz gewiß nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.
Was für ein großes, misanthropisches Lesevergnügen! Papenburg ist grotesker und absurder als Schönwald - und bricht etwas rapide ab. Man fiebert Teil III entgegen.
– –
Philipp Oehmke: Papenburg, Roman, München, Piper 2026. 440 Seiten, 26 € – hier bestellen
