Kritik der Woche (92): Papenburg

Es ist nicht immer gut, zugleich Literaturkritikerin und Teil einer Buchhandlung zu sein. Man empfiehlt Bücher herzlich und ist dennoch nicht frei von Verkaufsstrategien. Als ich Philipp Oehmkes Debütroman Schönwald nahezu in den Himmel hob, freute mich natürlich der Nebeneffekt, daß er sich (auch bei uns!) so glänzend verkaufte. Denn: Zurecht, zurecht!

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die­ses BRD-Pan­op­ti­kum – Köln/Berlin: Mut­ter, Vater, bür­ger­lich (mit unaus­ge­spro­che­nen schwar­zen Löchern), drei erwach­se­ne Kin­der; eines „que­er“, eines (Chris) höchst erfolg­reich rechts­ra­di­kal, der Nach­züg­ler (Ben­ni) so hoch­be­gabt wie hoch­sen­si­bel – kaum je wur­de die­se nah­ba­re Gemenge­la­ge so gül­tig und men­schen­ken­ne­risch aus­ge­malt wie hier! Schön­wald war ein Knal­ler in jeder Hinsicht.

Nun also der Nach­fol­ge­ro­man: Papen­burg. Ich muß ihn aber­mals heiß emp­feh­len, obwohl der Autor offen­kun­dig immer noch Teil der SPIE­GEL-Mann­schaft ist.

Wir sind nun, anders als im Debüt, loca­ted in Über­see, und man soll­te ein wenig die­sen deutsch-us-ame­ri­ka­ni­schen Sound ken­nen, den poly­glot­te Men­schen pfle­gen. Seve­ral pas­sa­ges are in eng­lish. Denn so ist das Per­so­nal hier: viel­spra­chig, welt­of­fen, in der Lage auf „ande­re Gepflo­gen­hei­ten“ ein­zu­ge­hen. Mehr oder weni­ger jeden­falls. Man muß Schön­wald nicht gele­sen haben, um Papen­burg genie­ßen zu können.

Wir begin­nen mit Kat­rin. Der Mut­ter von Emi­lia, die wir bereits als neu­ro­ti­sche Zicken-Mom aus dem Schön­wald-Kos­mos ken­nen. Emi­lia ist mit Ben­ni ver­hei­ra­tet. Nichts konn­te er, der Zärt­ling, aus dem es gele­gent­lich jäh hin­aus­brach, ihr recht­ma­chen. Daher hat sie die Kin­der nach NY ent­führt, wo sie nun in einem Town­house mit gigan­ti­schen Aus­ma­ßen plus Pool resi­diert. (Der Charme des Buchs besteht auch dar­in, daß sich hier kaum einer Gedan­ken über ein paar zer­quetsch­te Mil­lio­nen machen muß.)

Kat­rin: Einst Unter­wä­sche­mo­dell bei „Quel­le“ (best Body von Nord­rhein-West­fa­len), dann Hei­rat mit dem pick­li­gen Tho­mas, Erfin­der diver­ser Apps für das Sili­con Val­ley. Man zog nach Kali­for­ni­en. Tho­mas wur­de Mil­li­ar­där, sie (Ein-Kind-und Haus­frau-Syn­drom) addict. (Die „Krank­heit“ habe wie­der „zuge­schla­gen“, pfleg­te sie spä­ter in ihren ver­ne­bel­ten und durch­weg unbe­ant­wor­te­ten Nach­rich­ten an die Toch­ter zu schreiben.)

Tho­mas ent­zog Kat­rin das Kind, das seit­her sein Leben mit Psy­cho­ana­ly­se-Kuren ver­bringt. Die aktu­el­le The­ra­pie von Emi­lia, in NY, ist auf sechs Jah­re angelegt.

Kat­rin ist nun tat­säch­lich sober, um ihrer Toch­ter nach jahr­zehn­te­lan­gem Kon­takt­ab­bruch unter die Arme zu grei­fen. Ein Wun­der: Emi­lia wil­ligt ein! Die Enkel besu­chen natür­lich die teu­ers­te Schu­le. Das hat sich Emi­lia teu­er erkauft. Sie spen­de­te nicht nur groß­zü­gig für das Woman Soc­cer Team, son­dern auch für die Post­co­lo­ni­al Art Coll­ec­tion und das Judith-But­ler-Non-Bina­ry-Stu­dent-Scho­lar­ship und für Gaza und gegen Poli­ce Bru­ta­li­ty. August und Otis, die klei­nen Jungs, spre­chen natür­lich  inclu­si­ve.

Par­ents, Mom and Dad sind wie Child­ren tabu. Es gibt Caretaker/Grown ups und People/Folks.  Kat­rin, nun nüch­tern und reno­viert mit „fili­gra­nen Implants und gut gemach­ten Straf­fun­gen“, gelingt es, die domi­nan­ten Cha­rak­te­re in der Eltern­schaft zu detek­tie­ren und ihrer Toch­ter zu Anse­hen im upper rich club zu verhelfen.

Dann zu Tho­mas. Er hat eben­falls schon lan­ge kei­nen Kon­takt mehr zu Toch­ter Emi­lia. Tho­mas woll­te sich stets ver­bes­sern: Body­buil­dung, Per­so­nal Trai­ner, Medi­ta­ti­on, Lon­ge­vi­ty, dann die von Elon Musk abge­kup­fer­te Idee, ganz vie­le Kin­der zu zeu­gen (hat nicht gut geklappt, Kin­der da, Kon­takt null); nun ist er (aus­ge­rech­net er, der woke war, bevor es alle ande­ren waren) dar­auf ver­fal­len, mit dem deutsch­spra­chi­gen Star-Phi­lo­so­phen Urs (den er für eine Höl­len­sum­me ein­kauft) und des­sen hüb­scher Assis­ten­tin Ali­ce einen, nun­ja, eher rechts­ra­di­ka­len ThinkTank zu gründen.

Rechts zu den­ken und dabei trotz­dem gut aus­se­hen, smart und lie­bens­wür­dig, nicht hass­erfüllt wie die MAGA-Leu­te, son­dern nach vorn gewandt plus das Leben genießen.

Hier kommt Chris ins Spiel, der intel­lek­tu­el­le, spon­tan rechts­ra­di­kal gewor­de­ne und dann geschaß­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor aus dem west­deut­schen Schön­wald-Uni­ver­sum. Er ist längst im Team Trump.

Die Think-Tank-Mann­schaft besich­tigt das Anwe­sen, das Tho­mas für ein paar dut­zend Mil­lio­nen Joan Baez abge­luchst hat. Er hat es mit drei Stock­wer­ken unter­kel­lern las­sen. Drit­te Unter­eta­ge: ein Atom­bun­ker, den ein Licht­ar­chi­tekt zu einem para­die­si­schen Raum gestal­tet hat. Mit im Gefol­ge ist übri­gens der alte, schmie­ri­ge Pro­fes­sor Sha­pi­ro, den kei­ner recht lei­den kann. Aber er hat „wich­ti­ge Kon­tak­te in die jüdi­sche Community“.

Als wäre das alles nicht genug an zünf­ti­gem Unter­hal­tungs­stoff, tritt dann noch das mitt­ler­wei­le bejahr­te Ehe­paar Schönwald/Köln auf. Dort glaubt man gefäl­ligst noch, was in der aktu­el­len ZEIT steht und was die Tages­schau sen­det. Natür­lich mit Man­schet­ten, so hat es sich immer gehört.  Hans-Harald, pen­sio­nier­ter Ober­staats­an­walt (sein ent­spre­chen­des Badge beein­druckt die US-Gren­zer nicht im Gerings­ten) macht im neun­ten Lebens­jahr­zehnt wei­ter­hin auf jovi­al und kom­pro­miß­be­reit, Ruth (80) bleibt kämp­fe­risch-kon­ser­va­tiv-femi­nis­tisch, ewi­ge Nörg­le­rin, pas­siv-aggres­siv. Sie wird sich ganz gewiß nicht die But­ter vom Brot neh­men lassen.

Was für ein gro­ßes, mis­an­thro­pi­sches Lese­ver­gnü­gen! Papen­burg ist gro­tes­ker und absur­der als Schön­wald - und bricht etwas rapi­de ab. Man fie­bert Teil III entgegen.

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Phil­ipp Oehm­ke: Papen­burg, Roman, Mün­chen, Piper 2026. 440 Sei­ten, 26 € – hier bestel­len

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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