Neues von Sellner

KUBITSCHEK: Lieber Martin, Sie sind zurück in Österreich, nachdem Sie einen Tag in Abschiebehaft in Frankreich verbracht haben. Ich will kurz erwähnen, daß mich der Umstand, Sie telefonisch in der Zelle in Frankreich erreicht zu haben, nicht mehr besonders aufregte oder gar schockierte:

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Das alles geschieht mitt­ler­wei­le stän­dig und will­kür­lich, sie­he die Ver­haf­tung Paul Bran­den­burgs ges­tern in Ber­lin am Flug­ha­fen, sie­he Hätt­asch, den der „Rechts­staat“ nach zwei Jah­ren nun auf Kau­ti­on frei­ließ, sie­he die Haus­durch­su­chung jüngst bei einem jun­gen Publi­zis­ten, dem neun Mann das Jugend­zim­mer aus­räum­ten, einer Chat­grup­pe wegen, die wäh­rend Coro­na vor sich hin wet­ter­te. (So lang­sam kom­me ich ja in Erklä­rungs­not: Bei Antai­os wur­de noch nie ein­ge­rit­ten …). Also: Was war los, konn­ten Sie die ruhi­gen Stun­den im Knast nutzen?

SELLNER: Ja, ich bin heil­froh, daß ich in einer Anwand­lung noch Mishi­mas Unter dem Sturm­gott ein­ge­packt habe – so konn­te ich mein Lieb­lings­buch erneut lesen! Dazu steht jetzt ein aus­ge­feil­ter Kam­pa­gnen­plan für unse­re „Save Europe“-Bewegung. Bis auf das Essen war es tat­säch­lich eher eine Erho­lung. Die Poli­zis­ten waren auch sehr freund­lich. Es war ihnen sicht­lich unan­ge­nehm. Grund für die­se staat­lich ver­ord­ne­te Klau­sur war eine Ein­rei­se­sper­re nach Frank­reich. Ich soll­te in einer fran­zö­si­schen Buch­hand­lung in Paris aus der fran­zö­si­schen Über­set­zung eines mei­ner Bücher lesen: Remi­gra­ti­on – Une pro­po­si­ti­on. Am Tag danach war eine gro­ße Remi­gra­ti­ons­kon­fe­renz ange­sagt, und am Sonn­tag soll­te eine Demons­tra­ti­on stattfinden.

Macron ließ die Kon­fe­renz und Kund­ge­bung ver­bie­ten, die Anti­fa ver­wüs­te­te die Buch­hand­lung, und ich wur­de am Flug­ha­fen abge­fan­gen, ein­ge­sperrt und am nächs­ten Tag abge­scho­ben. Die Ein­rei­se­sper­re wur­de, wie in Deutsch­land und der Schweiz, mit einer „Gefahr für die öffent­li­che Ord­nung“ begrün­det. Sie gilt grund­sätz­lich lebens­lang und für das gesam­te Staats­ge­biet. Nach fünf Jah­ren ist Frank­reich ver­pflich­tet, die Grün­de für mei­ne Gefähr­dung erneut zu über­prü­fen. Mir bleibt also nur der Kla­ge­weg, und den berei­te ich, zurück in Wien, gera­de vor.

KUBITSCHEK: Sie wis­sen, daß man poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht juris­tisch klä­ren kann und soll­te, nicht wahr? Urtei­le kom­men immer zu spät. Aber egal. Nicht egal hin­ge­gen ist, daß ich mit Unschö­nem ankom­me: Man hat mir mit­ge­teilt, daß man Ihre Anwe­sen­heit auf der Sei­ten­Wech­sel-Mes­se in Hal­le nicht wün­sche – aus Sicher­heits­grün­den. Nun bin ich also der Über­brin­ger einer schlech­ten Nach­richt, von der er nicht dach­te, daß ich sie in die­sem Rah­men je wür­de über­brin­gen müs­sen. Denn über­all, und gera­de in Sach­sen-Anhalt, setzt sich das, was wir, was Sie ver­tre­ten, als das “neue Nor­mal” durch, das es in den meis­ten Län­dern welt­weit längst ist. Was ist (immer noch) anders in Deutschland?

SELLNER: Die Repres­si­on. In kei­nem Land Euro­pas bedroht man die umfra­gen­stärks­te Par­tei der­art offen und rück­sichts­los mit dem Ver­bot. In kei­nem Land Euro­pas agiert eine teils staat­lich finan­zier­te Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on der­art offen und unge­hin­dert. All das erzeugt eine Droh­ku­lis­se, deren Wir­kung ich nach­voll­zie­hen kann. Daher ist die­se Ent­schei­dung zwar mut‑, aber lei­der nicht grund­los. Vor allem aber ist sie stra­te­gisch falsch. Denn sie macht die Repres­si­on nur stär­ker. Sie folgt Aus­schluß­me­cha­nis­men der Geg­ner und sen­det das fal­sche Signal: Sobald eine patrio­ti­sche, alter­na­ti­ve Ver­an­stal­tung eine gewis­se Main­stream­gro­ße erreicht, wer­den auch Main­stream­ten­den­zen sichtbar.

KUBITSCHEK: Noch vor Jah­ren war der Ver­such, ein­zel­ne Prot­ago­nis­ten zu mar­kie­ren und dann ande­re mit einer “Kon­takt­schuld” zu denun­zie­ren, eine recht wirk­sa­me Sache. Ich erin­ne­re an die Wochen und Mona­te nach dem soge­nann­ten Remi­gra­ti­on-Tref­fen in Pots­dam. Medi­en und Poli­tik kon­fron­tier­ten damals mit Ihrem Namen AfD-Poli­ti­ker und for­der­ten sie zu distan­zie­ren­de Aus­sa­gen auf. Das gelang oft genug. Heu­te ist von der Pots­dam-Lüge nichts übrig­ge­blie­ben. Den­noch ist der Name “Sell­ner” nach wie vor einer, der Refle­xe aus­löst und auf gute und nega­ti­ve Art in Stel­lung gebracht wer­den kann. In Hal­le nun: nega­tiv, nicht wahr?

SELLNER: Ja, lei­der. Hal­le ist dabei aber irgend­wie von ges­tern. Eigent­lich ist die Pots­dam-Hys­te­rie abge­flaut, und über­all kün­digt sich ein Ende der Poli­ti­cal Cor­rect­ness und der Can­cel Cul­tu­re an. Hal­le ist viel­leicht – und man darf sagen: hof­fent­lich – der letz­te Aus­schlag in die­se Rich­tung. Die Rou­ti­ne ist immer die­sel­be: Man sagt, daß ohne einen Höcke, Kubit­schek, Kickl oder Sell­ner alles viel leich­ter wäre.

Das folgt einer alten Tak­tik aus Saul Ali­n­skys Play­book: „Immer per­so­na­li­sie­ren“. Man fokus­siert die Kri­tik auf eine Per­son, statt auf eine Idee. So spal­tet man und gau­kelt dem Geg­ner vor: „Distan­ziert euch von Per­son X, und alles wird gut.“ Die­ser Druck wird dann von mut­lo­sen Rech­ten an uns wei­ter­ge­ge­ben. Manch­mal sogar mit mora­li­schen Impe­ra­ti­ven wie, man sol­le „sich für die Mann­schaft, für das Gan­ze opfern“. Dabei über­sieht man eines: Wir sind nur Platz­hal­ter. Ohne uns ist der Nächs­te dran und dann der Über­nächs­te. Wir – und in die­sem beson­de­ren Fall ich – sind ein­fach die Kana­ri­en­vö­gel im Koh­len­schacht. Und jeder weiß, was es bedeu­tet, wenn denen die Luft ausgeht.

KUBITSCHEK: Eine Grund­ein­stel­lung ist nicht tot­zu­krie­gen – ich will sie mal die “libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Ver­nunft” nen­nen. Wir alle wis­sen, daß die AfD noch immer eine Art Wer­te­uni­on wäre, hät­te man sie den Grün­dern nicht aus der Hand genom­men. Nun gibt es Medi­en­pro­jek­te und Ein­zel­per­so­nen auf unse­rer Sei­te rechts der Mit­te, die zuerst auf Lucke setz­ten, dann auf Petry, dann auf Meu­then, und die im inner­par­tei­li­chen Kampf gegen Höcke und Co. fast schon das Geschäft des Geg­ners betrie­ben. Mit Sieg­mund hat in Sach­sen-Anhalt nun ein Mann knap­pe 44 Pro­zent geholt, der vor­macht, wie still es in Sachen “Kon­takt­schuld” wird, wenn man sich nie distan­ziert. War­um macht so etwas nicht end­lich Schule?

SELLNER: Abso­lut. Die Lei­tung der AfD stand eine Zeit lang stets eini­ge Schrit­te links von der Basis. Daß sich das heu­te in den meis­ten Fäl­len geän­dert hat, liegt auch dar­an, daß das Vor­feld die­se patrio­ti­sche Basis orga­ni­siert und ihren Wil­len arti­ku­liert hat. Man darf die Unken­ru­fe nie ver­ges­sen, die uns weis­ma­chen woll­ten, daß die AfD mit einem Höcke nie über 10 %, mit der Remi­gra­ti­on nie über 15 % und ohne Distan­zie­rung von der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung nie über 20 % kom­men wür­de. Man soll­te eigent­lich mei­nen, daß mit dem Erfolg von Ulrich Sieg­mund die­se Unken­ru­fe ver­stum­men wür­den, aber das ist lei­der nicht der Fall.

Es gibt doch die­se schö­ne Drei­tei­lung der Per­so­nen, die auf unse­rer Sei­te ste­hen: Die einen waren ein­mal Teil des Estab­lish­ments und wol­len es wie­der wer­den; die ande­ren waren es noch nie, wol­len es aber sein; die drit­te Grup­pe war es bis­her nicht und legt auch kei­nen Wert dar­auf. Sie und ich gehö­ren zur drit­ten Grup­pe. Wir sind dadurch den Grup­pen 1 und 2 grund­sätz­lich ein Dorn im Auge. Es „frem­delt“ ein­fach immer, und man ist nicht „gesell­schafts­fä­hig“ in deren Sin­ne. Es spielt dabei kei­ne Rol­le, daß wir mit unse­ren Pro­gno­sen und unse­rem Weg recht behal­ten haben. Es bleibt uns wohl nicht viel ande­res übrig, als das ein­fach wie­der run­ter­zu­schlu­cken, oder?

KUBITSCHEK: Ja, wohl das, und wir bei­de wis­sen, daß es das „gro­ße Gan­ze“ gibt, das man oft genug schon schütz­te, indem man sich nicht betei­lig­te. Wir alle füh­ren Gesprä­che „in der Sicher­heit des Schwei­gens“ mit eta­blier­ter Pro­mi­nenz, die es nicht wagen kann, sol­che Gesprä­che ein­zu­ge­ste­hen. Das alles ruht auf einer Dis­zi­plin, die man sich aneig­net, wenn man im Kampf um die öffent­li­che Mei­nung Gue­ril­la-Metho­den anzu­wen­den hat. Aber bit­te, Mar­tin: Wo ist Schluß, wann ist Schluß? Und ganz klein­tei­lig: Was machen Sie nun, kom­men­des Wochenende?

SELLNER:  Die Aus­la­dung ist aus mei­ner Sicht ein ziem­li­ches Novum. Selbst­ver­ständ­lich weiß ich, was ein Tref­fen mit mir oder ein Besuch von mir aus­rich­ten kann. Ich hal­te mich des­halb oft auch zurück. Aber bei einer Mes­se mit Tau­sen­den Teil­neh­mern als einer von vie­len ein­fa­chen Besu­chern als Ein­zi­ger aus­ge­la­den zu wer­den, ist schon ein Son­der­fall, den ich nicht nach­voll­zie­hen kann. Auch hier bin ich selbst­ver­ständ­lich bereit, das hin­zu­neh­men. Ich wer­de nicht anrei­sen und dar­aus kei­nen Medi­en-Stunt machen. Aber wenn man von Sei­ten der Hal­len­be­sit­zer die­se Ent­schei­dung trifft, dann muß man auch öffent­lich dazu stehen.

Ich hat­te bereits die Rei­se­vor­be­rei­tun­gen getrof­fen und mich ver­ab­re­det, zahl­rei­che Leu­te rund um die Mes­se zu tref­fen. Ich habe ehr­lich gesagt kei­ne Lust, die­sen Leu­ten jetzt mit Not­lü­gen vor­zu­gau­keln, daß mir etwas dazwi­schen­ge­kom­men sei. Daher mache ich das jetzt öffent­lich, damit jeder weiß, war­um ich am 8. Novem­ber nicht in Hal­le sein wer­de. Alle ande­ren sol­len aber nach Mög­lich­keit unbe­dingt hin­ge­hen. Die Mes­se ist ein wich­ti­ger patrio­ti­scher Fix­punkt und mei­ne Teil­nah­me oder Nicht­teil­nah­me fällt da tat­säch­lich nicht sehr ins Gewicht. Ich nut­ze das Wochen­en­de wohl, um besag­ten Kam­pa­gnen­plan zu fina­li­sie­ren und mei­ne Kla­ge gegen den fran­zö­si­schen Staat vor­zu­be­rei­ten. Viel­leicht orga­ni­sie­ren wir am Abend in Wien auch einen impro­vi­sier­ten Lese­kreis im Cafe Eiles. Viel wahr­schein­li­cher wer­de ich aber ein­fach zu Hau­se Unter dem Sturm­gott fertiglesen.

KUBITSCHEK: Das ist jetzt also wie­der ein Bei­spiel für die­ses „pro­fes­sio­nel­le Ver­hal­ten“, das wir immer und immer an den Tag legen sol­len… Capis­co et obmu­tes­co, wie Carl Schmitt es aus­drück­te… Kein Geschrei also, aber gut, daß wir dar­über gere­det haben…

Dies aber abschlie­ßend: Susan­ne Dagen bedau­ert die­se Ver­läu­fe, aber es ist nichts zu machen. Ich selbst habe nun mei­ne bei­den Auf­trit­te als Mode­ra­tor aus dem Mes­se­pro­gramm strei­chen las­sen – ande­re über­neh­men. Neh­men Sie es als klei­ne Soli­da­ri­täts­ges­te. Ich wer­de am Stand sein und mit den Lesern spre­chen. Dies scheint mir ange­mes­sen zu sein.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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