Es ist verstörend und beeindruckend, den Weg zu studieren, den Menschen gehen, die alles auf eine Karte setzen. Man denke sich in sie hinein und versuche, in jener Atmosphäre zu leben, in der es um alles oder nichts geht, begebe sich in die Stimmung eines Aufstands, einer Revolte, einer Revolutionierung der Verhältnisse – eines Unterfangens jedenfalls, bei dem es Spitz auf Knopf steht und das auf Gedeih und Verderb zum Erfolg geführt werden muß – andernfalls nämlich das Leben der Anführer einen anderen Einschnitt erfahren würde: den schnellen oder langsamen Tod, die Kerkerhaft bis ans Ende, eine harte Abrechnung jedenfalls, denn jede Epoche hat ihre Mittel, nach deren Einsatz nichts mehr so ist, wie es war.
Die Geschichte der Deutschen im Widerstand, im Aufstand muß so erzählt werden – als Ansammlung von Szenen und Epochen, zugespitzt auf eine Willensanstrengung und verdichtet auf entscheidende Momente, in denen das Zünglein an der Waage zu ruhen scheint, jedoch fein zittert wie der angespannte Bogen vor dem Schuß und die Muskeln beim Ringen, bevor der eine den anderen zu beugen beginnt.
Alles auf eine Karte: Da ist Jäcklein Rohrbach, der mit seinem Bauernhaufen im April 1525 die Feste Weinsberg bestürmte und einnahm und danach den Schloßherrn Spießrutenlaufen ließ und die Leiche schändete. Er erwies damit seinem Anliegen und seiner Bewegung einen Bärendienst: Verhandlungslösungen waren danach ausgeschlossen. Aber dennoch: Wie war es für ihn, wie für Thomas Müntzer einen Monat später bei Frankenhausen, als sich zeigte, daß man das Schlachtfeld nicht mehr als Sieger würde verlassen können und daß der Feind sucht, um Rache üben zu können?
Wie ist das, wenn man die Münze des Zahltags kennt, weil man vom Ende anderer Anführer hörte: Folter, Rädern, Vierteilen, langsames Rösten über kleiner Flamme? Welches Gemüt muß man haben, wenn man, solches vor Augen, nicht gleich in die Wälder flieht und über die Grenze, ganz egal, zu welcher Grausamkeit man selbst zuvor in der Lage war?
Da ist Stauffenberg im Bendlerblock: geschockt, daß er, gerade gelandet, seine Mittäter aus ihrer Paralyse zu reißen hat und weiß, daß er die verlorenen Stunden wird kaum aufholen können; wie dennoch zunächst Wehrkreis um Wehrkreis auf die Seite derer kippt, die einen Plan haben; wie dann aber die Katze mit sieben Leben rasant das ganze Gewicht ihrer auf sie eingeschworenen Organisation dagegenhäuft.
Wann war der Moment, in dem Stauffenberg begriff, daß seine Sache verloren war und daß er entweder den Tag nicht überleben oder aber in eine Haft genommen würde, nach deren kurzem Verlauf man alles aus ihm herausgeprügelt hätte, was er über seine »Bande« auspacken konnte?
Jenen kennt jeder, diesen niemand: Herbert Strauch wurde auch erschossen. Er starb am 18. Juni 1953, nachdem ihm ein sowjetisches Standgericht zum Vorwurf gemacht hatte, im Rahmen der Aufstände in Magdeburg als Abgesandter einer vierköpfigen Delegation die Freilassung politischer Gefangener gefordert zu haben. Strauch war nicht der Anführer einer Revolte, die ja an sich keine Anführer kannte.
Aber er konnte wohl reden, geriet in seine Rolle, trat vors Polizeipräsidium, stieg auf einen Tisch oder auf die Schultern seiner Kameraden und forderte. Wann wurde ihm klar, daß er in der Falle saß? Als man ihn noch vom Fleck weg verhaftete und die Gegenwehr seiner Mitstreiter nicht hinreichte, ihn wieder zu befreien? Womit rechnete er, als er vors Tribunal geführt wurde, an seinem so jäh gekommenen Zahltag?
Von dort kann man auf heute wechseln, auf das beispielsweise, was einer der bekannten Leitfiguren der Anti-Corona-Proteste widerfuhr, Michael Ballweg. Von Juni 2022 bis April 2023 saß er wegen »finanzieller Unregelmäßigkeiten« in Untersuchungshaft. Was noch? Gesperrte Internetplattformen, eingefrorene Konten, öffentliche Ausdeutungen angeblich fragwürdige Charakterzüge. Seither: Rechtfertigungsdruck vor den Mitstreitern, das Ziel jeder Zersetzung.
Ja, so ist es: Jede Zeit hat ihre Mittel und Methoden, das hat Ballweg am eigenen Leib erfahren, das wissen Sellner und Höcke und abgestuft so viele andere: dieses administrative, juristische, formale Rösten auf kleiner Flamme. Jedoch geht eben mancher trotz solchen Wissens immer weiter und schielt nicht auf den Zahltag. Die Sache des Vaterlands ist es wert.
Von solchen hängt alles ab!