Sezession
11. September 2009

Lorbeer für Fernau

Götz Kubitschek

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Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

fernau_2Vor hundert Jahren, am 11. September 1909, wurde Joachim Fernau geboren. Er war einer der Bestseller-Autoren der frühen Bundesrepublik Deutschland. Es dürfte zumindest im Westen kaum einen vor 1970 geborenen Leser geben, dem Fernaus Name und die Titel seiner berühmtesten Bücher (Rosen für Apoll und Cäsar läßt grüßen) entgangen sein können. In Mitteldeutschland las man Fernau nicht, er ist dort bis heute nicht bekannt und hat auch die Wende nicht mehr erleben dürfen: Fernau starb am 24. November 1988.

Über sein Leben und Werk gibt die vorliegende Bildbiographie detailliert Auskunft, die Witwe Gabriele Fernau stellte den Herausgebern ihr gutsortiertes Archiv und ihren eigenen Entwurf einer Biographie zur Verfügung. Sie hatte in ihren Geschichten von Herr und Hund schon ein wenig die Decke gelüftet, die Fernau über sich, seine Vergangenheit und sein privates Leben gelegt hatte. Diese Decke wird nun zurückgeschlagen, und ganz sicher wird der ein oder andere Leser nun leichter erkennen, woher Fernau den Stoff, die Bilder, die Dialoge zu seinen Büchern nahm. Längst nicht alles, aber doch recht vieles ist selbst erlebt oder Teil der Beute, die macht, wer die Augen und Ohren offenhält.
Es gibt von Fernau selbst eine Aussage über die „zwei Hälften“ seines Lebens. Er gab in einem Gespräch zu Protokoll, daß ihm die Jahre bis zum Arbeitsbeginn an seiner ersten populärwissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung (Deutschland, Deutschland über alles ...) als „verlorene Zeit“ gälten. Fernau war vierzig, als er sich an seinen Schreibtisch setzte und diesen ersten Bestseller schrieb. Der Verkaufserfolg verschaffte ihm Spielraum, und spätestens mit Rosen für Apoll (1961) war er finanziell unabhängig. Er sah sich in die Lage versetzte, die er für sich und seine Frau angestrebt hatte, und bezog 1962 räumlich und geistig ein einsames „Haus auf dem Berg“ (bei Florenz), um fortan Zusetzungen jedweder Art aus der Distanz und aus einer hervorragenden Verhandlungsposition heraus begegnen zu können. Diese Menschen-Ferne entspricht zum einen schlicht dem Wesen Fernaus, zu anderen hat sie viel mit dem dringenden Wunsch zu tun, daß ihm niemand ungebeten zu nahe treten konnte.
Zusetzungen nämlich blieben nicht aus. Fernau hatte sich – um drei wichtige Beispiele zu nennen – zum einen aufgrund seines Liebes-Berichts Und sie schämeten sich nicht eines Indizierungsverfahrens zu erwehren (1963), zum andern eine Kampagne durchzustehen, die der Germanist Peter Wapnewski gegen ihn als ehemaligen SS-Kriegsberichterstatter in der Zeit 1967 lostrat. Ein Jahr später folgte dann ein langwieriger Streit mit dem neuen Besitzer des Herbig-Verlags, Herbert Fleissner, der mit harten Bandagen und letztlich mit Erfolg um den Verbleib seines erfolgreichen Autors kämpfte.
Diese für Fernau recht belastenden Streitigkeiten waren jedoch angesichts seines freien, selbstbestimmten, aller materieller Sorge enthobenen Schriftstellerdaseins nur Nebengeräusche. Die zweite Hälfte seines Lebens unterscheidet sich im Rückblick tatsächlich in einem Punkt entscheidend von den ersten vierzig, den „verlorenen“ Jahren: Fernau arbeitete und schrieb mit dem Vorsatz, niemals mehr jemanden über sich verfügen zu lassen. Das, was er fortan äußerte und tat, geschah nicht, weil er sich irgendeiner Idee oder gar einer politischen oder weltanschaulichen Partei angeschlossen hätte. Freunde, die ihm nahestanden, können deshalb von Fernaus menschlicher Wärme berichten, ohne daß dies in Widerspruch stünde zu dem knappen, stets höflichen, aber dennoch jedes Gespräch abschneidenden Ton, mit dem er zwar gutgemeinte, aber unerwünschte Anfragen oder Ehrungen zurückwies. So ist Fernau auch ein Beispiel für jenen Typ, der selbst entscheidet, welchen je Einzelnen er aus der Masse Mensch (den er als Gattung nicht hoch achtet) an sich herantreten lassen möchte. Unabhängigkeit ist die Grundvoraussetzung für diese Form der Grenzziehung.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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