Alte Kinder, kleine Erwachsene

Wenn etwas „nicht Fisch, nicht Fleisch“ ist, handelt es sich Normalfall nicht um Gemüse, sondern ein um ein konturenarmes Dazwischen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Um etwas Unent­schie­de­nes, ein Kud­del­mud­del, ein laue Wär­me, eine ver­koch­te Brü­he. Und auch der Mensch im Zwi­schen­zu­stand ist auf die Dau­er ein unan­ge­neh­mes Wesen.

Wir ken­nen einer­seits jene soge­nann­ten „Kin­der“, für die’s ab 12 bereits nicht mehr viel zu ent­de­cken gibt. Das Meis­te ken­nen sie ja schon, wenigs­tens vom Bild­schirm oder Han­dy-Dis­play. Das macht, daß sie für Fein­hei­ten des Lebens oft unemp­fäng­lich, weil abge­stumpft sind. Ande­rer­seits haben wir die die soge­nann­ten „Erwach­se­nen“, die gera­de das nicht sein wol­len (dar­über schrieb ich in der Sezes­si­on 6 ein­mal aus­führ­lich). Weder „reif“, schon gar nicht „älter“. Die Schlag­wor­te sind Legi­on. Es gilt „lebens­lan­ges Ler­nen“ und neben einer jugend­li­chen Fas­sa­de auch das „inne­re Kind“ zu bewah­ren, – drum wäh­nen sich auch 65jährige gera­de so in „der Mit­te des Lebens“ und las­sen sich von Wer­be­agen­tu­ren als Best Agers umschmei­cheln. Neil Post­man bemerk­te ein­mal tref­fend, es sei eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve, ob heu­te Kind­heit oder Erwach­se­nen­al­ter am Ver­schwin­den sei­en. Er kon­sta­tier­te eine lang­ge­streck­te drit­te Lebens­stu­fe: die des „Kind-Erwach­se­nen“.

Die Unter­hal­tungs­in­dus­trie hat das schon lan­ge begrif­fen und beför­dert. Das Zau­ber­wort ist All-Age. Im schlech­te­ren Fall heißt das Unter­schicht­fern­se­hen, im etwas bes­se­ren, daß Har­ry Pot­ter und die Biss-Roman-Ver­fil­mun­gen groß­teils von Erwach­se­nen gese­hen werden.

Ver­gan­ge­ne Woche hat sich im über­füll­ten ICE ein (kin­der­lo­ses) Pär­chen Ende drei­ßig zu mir und den Mei­nen ins Kin­der­ab­teil geknäult und sich dort, gepei­nigt von kon­vul­si­vi­schen Lach­sal­ven, auf dem mit­ge­führ­ten Lap­top einen Film ange­se­hen, der mei­nes Wis­sens Kung-Fu-Pan­da hieß. Mei­ne Kin­der reagier­ten leicht irritiert.

Die­ser Tage kam nun das Bör­sen­blatt-Spe­zi­al zum The­ma Kin­der- und Jugend­buch her­aus. Inter­es­san­ter­wei­se gehen die Ver­la­ge wie­der ver­mehrt dazu über, ihre Bücher mit Alters­emp­feh­lun­gen zu ver­se­hen – eine Pra­xis, die lang ver­pönt war, aber durch­aus lobens­wert ist. Zum The­ma Infan­ti­lis­mus / früh- alte Kin­der hab ich u.a. gefunden:

- ein Buch Dra­chen erzie­hen ist leicht, das „ab 4 Jah­ren und für Erwach­se­ne“ emp­foh­len ist – und damit ist nicht der vor­le­sen­de Erzie­her gemeint, son­dern schlicht Männer& Frau­en, die extrem auf put­zi­ge Nied­lich­kei­ten stehen.
– ein „Auf­klä­rungs­buch“ für älte­re Kin­der des eini­ger­ma­ßen renom­mier­ten Cop­pen­rath-Ver­lags. Es heißt Von wegen Licht aus, Augen zu! 200 Wahr­hei­ten über dich und die Lie­be. Das Ding ver­steht sich als „Mäd­chen­rat­ge­ber“, drum wird dar­in auch in Begriffe/Techniken wie Blo­wjob und gang­bang ein­ge­führt. Gegen­über dem Bör­sen­blatt sagt die  Lek­to­rin, „eine ver­zopf­te Spra­che und Bien­chen- und Blüm­chen-Bil­der“ lie­ßen heu­ti­ge Jugend­li­che doch „nur noch mit den Augen rollen.“

Klar. Alles, bloß das nicht! Rol­len­de Augen, wo kämen wir hin! Dann lie­ber 200 Wahr­hei­ten über das, was zählt: Ich. Und: die Spiel­ar­ten der „Lie­be“.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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