Sezession
14. September 2009

Götz Aly, Gandhi und die „edlen Wilden“

Martin Lichtmesz

applethinkGötz Aly ist ein Mann, der es immer wieder versteht, von sich reden zu machen.  Neulich hat er es sogar in die britische Presse geschafft. Anlaß war seine sakrilegische Aussage, Mahatma Gandhi sei als Gegner des britischen Kolonialreichs "einer der größten Freunde Nazi-Deutschlands" gewesen.  Die Welt berichtete in einem erfreulich klarsichtigen Artikel, in welchem Zusammenhang Alys Äußerung stand. Die Geschäftsführerin der Berliner "Werkstatt der Kulturen" Philippa Ebéné, Tochter einer Deutschen und eines Kameruners, hatte eine Ausstellung als "Hommage an people of colour" (so heißen die "Farbigen" heute) geplant, die "den Beitrag der sogenannten 'Kolonialvölker' zur Befreiung Europas von Faschismus und Nationalsozialismus darstellen sollte."

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Als aber die Ausstellungsmacher ihre Arbeit präsentierten, beschäftigten sich von 96 Tafeln auch 18 mit der weniger rühmlichen Seite der Geschichte: nämlich mit der Zusammenarbeit bestimmter "antiimperialistischer" Kräfte mit den Achsenmächten.

Eine Tafel war etwa dem Großmufti von Jerusalem gewidmet, der als SS-Gruppenführer bosnische Muslime für Hitlers Holocaust rekrutierte. Das passte Ebéné nicht ins Konzept. Kurzfristig sagte sie die Ausstellung ab.
Auf einer Pressekonferenz trat die tendenziöse Absicht der Ausstellungs-Macher unmißverständlich hervor. Besonders aufschlußreich die "Argumente", die Ebéné ins Spiel brachte, um jegliche sachliche Kritik abzuwehren:

Sehr früh wurde nämlich deutlich, dass Ebéné jeden Hinweis auf die Kollaboration der Kolonialvölker mit den Deutschen deshalb ablehnt, weil das "ihre Opfer relativieren" würde. (...)

Diese "Objektivierung" sei der Versuch, Schuld zu relativieren; und der Hinweis auf die Zusammenarbeit des Muftis mit Hitler etwa diene nur dem Ziel der Selbstentlastung der Deutschen. Es gehe also bei der Ablehnung der Ausstellung durch Ebéné "nicht um Zensur, sondern um Widerstand durch eine woman of colour". Großer Jubel im kleinen Saal der Stiftung in der Linienstraße.

Es ehrt Götz Aly, daß ihm angesichts dieses jammervollen Schauspiels der Kragen platzte:

Die Einseitigkeit der Ausstellung sei "antiaufklärerisch", meinte er. Und das trotz der 18 Tafeln zur Kollaboration. So werde nicht nur verschwiegen, dass die in der Ausstellung gefeierten schwarzen Truppen der Briten und Franzosen "unfreiwillige Befreier" gewesen seien, sondern auch, dass "jedes Dorf in Südwestdeutschland von Vergewaltigungen durch schwarze Soldaten" berichten könne, die "nicht anders als die Russen" gehaust hätten.

Verschwiegen werde auch, dass "einer der größten Freunde Nazi-Deutschlands" Mahatma Gandhi gewesen sei. Und das, weil es nun einmal "gleichgerichtete Interessen" zwischen den antiimperialistischen Kämpfern und dem "Feind ihres Feindes" gegeben habe.

Die Taktik Philippa Ebénés liegt offen zutage: da benutzt eine "Afrodeutsche" die "Schuld" der (fast wäre ich versucht zu sagen: nicht-farbigen) Deutschen als Rammbock, um einen Kulturkampf der "people of color" gegen die "Weißen"  zu lancieren, wenn man so will eine "rassistische" Agenda in eigener Sache.

Was Gandhi betrifft, diese verlogenste aller politisch korrekten Ikonen, so bedürfen Alys Äußerungen einer Korrektur.  Neulich bin ich zufällig auf eine berühmte Erledigung des grob geschichtsverfälschenden Films von Richard Attenborough gestossen, verfaßt von Richard Grenier 1983 in der jüdischen Zeitschrift Commentary.  Mit diesem Film wurden schon Generationen von Schulklassen im Religions-, Englisch- oder Geschichtsunterricht gequält.

Wie Grenier genüßlich nachwies, war der reale Gandhi nichts weniger als ein "Heiliger" in unserem westlichen Sinne oder gar ein "weiser Volksführer",  sondern ein ebenso egozentrischer wie exzentrischer und privat tyrannischer Wirrkopf.  Seine "Gewaltlosigkeit" und "Toleranz" sind weitgehend hagiographische Mythen, während sich sein konjunktureller "Pazifismus" an der Grenze zum Schwachsinn bewegte.

Um das zu illustrieren, hier nur ein paar Beispiele von Gandhis Stellungnahmen während des Zweiten Weltkriegs: Den von Hitler verfolgten Juden empfahl er kollektiven Selbstmord, um die Welt wachzurütteln. Nach dem Krieg äußerte er allen Ernstes gegenüber einem Biographen, daß die Juden, da sie nun sowieso gestorben seien, dies doch auch sinnvoll gemäß seines "Ratschlags" hätten tun können. Das Müncher Abkommen, das immerhin Europa vor einem Krieg bewahrte, nannte Gandhi inkonsequenterweise einen "Ausverkauf der Seele Europas" und einen "Triumph der Gewalt".  Im März 1939 empfahl er dann den Tschechen waffenlos und dabei "ruhmvoll untergehend" der Wehrmacht entgegenzumarschieren. Den militärischen Widerstand Polens hingegen nannte er mysteriöserweise "beinah nicht-gewalttätig".

Als sich die Engländer von Dünkirchen zurückzogen, schrieb er an den britischen Vizekönig von Indien: "Dieses Gemetzel muß beendet werden. Ihr verliert; wenn ihr nicht aufgebt, wird das Blutvergießen sich nur noch vergrößern. Hitler ist kein schlechter Mensch." In einem Appell an das britische Volk rief er zur Kapitulation auf: "Überlaßt ihnen eure schöne Insel mit den schönen Gebäuden.  Das alles könnt ihr ihnen geben, aber sie werden niemals eure Seele und euren Geist besitzen können."

Als das nichts fruchtete, richtete sich Gandhi im Dezember 1941 an den "guten Menschen" himself, und beschwor seinen "lieben Freund", die Menschheit zu umarmen, "unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Glauben." Leider wollte der Gröfaz nicht auf die "große Seele" hören.

Auch die politische Rolle Gandhis beim Kampf um die Unabhängigkeit Indiens wird gewaltig überschätzt. Der indische Schriftsteller V. S. Naipaul vermutete gar, daß sich diese durch Gandhis unberechbares Verhalten eher um 25 Jahre verspätet hätte. Als schließlich die Engländer das Land räumten, stürzte Indien durch innere Unruhen in ein gewaltiges Blutbad, bei dem nach Schätzungen von Historikern über eine Million Menschen umkam - was unter der britischen Herrschaft undenkbar gewesen wäre.

Damit wären wir auch wieder bei Götz Aly und Philippa Ebéné angelangt. Nochmal die Welt:

Er habe das Gefühl, so der Autor des Standardwerks "Hitlers Volksstaat" (...) dass mit der von Ebéné gewollten "Hommage" an die people of colour, die gegen Hitler gekämpft hätten, das "Bild vom edlen Wilden" gepflegt werde. Das sei aber eine Vereinfachung, "die wir nicht brauchen". Dass aber gerade diese Vereinfachung von bestimmten Kreisen gebraucht wird, das war an diesem Vormittag mit Händen zu greifen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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