Götz Aly, Gandhi und die “edlen Wilden”

Götz Aly ist ein Mann, der es immer wieder versteht, von sich reden zu machen.  Neulich hat er es sogar in die britische Presse geschafft.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Anlaß war sei­ne sakri­le­gi­sche Aus­sa­ge, Mahat­ma Gan­dhi sei als Geg­ner des bri­ti­schen Kolo­ni­al­reichs “einer der größ­ten Freun­de Nazi-Deutsch­lands” gewe­sen.  Die Welt berich­te­te in einem erfreu­lich klar­sich­ti­gen Arti­kel, in wel­chem Zusam­men­hang Alys Äuße­rung stand. Die Geschäfts­füh­re­rin der Ber­li­ner “Werk­statt der Kul­tu­ren” Phil­ip­pa Ebé­né, Toch­ter einer Deut­schen und eines Kame­ru­ners, hat­te eine Aus­stel­lung als “Hom­mage an peop­le of colour” (so hei­ßen die “Far­bi­gen” heu­te) geplant, die “den Bei­trag der soge­nann­ten ‘Kolo­ni­al­völ­ker’ zur Befrei­ung Euro­pas von Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus dar­stel­len sollte.”

Als aber die Aus­stel­lungs­ma­cher ihre Arbeit prä­sen­tier­ten, beschäf­tig­ten sich von 96 Tafeln auch 18 mit der weni­ger rühm­li­chen Sei­te der Geschich­te: näm­lich mit der Zusam­men­ar­beit bestimm­ter “anti­im­pe­ria­lis­ti­scher” Kräf­te mit den Achsenmächten.

Eine Tafel war etwa dem Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem gewid­met, der als SS-Grup­pen­füh­rer bos­ni­sche Mus­li­me für Hit­lers Holo­caust rekru­tier­te. Das pass­te Ebé­né nicht ins Kon­zept. Kurz­fris­tig sag­te sie die Aus­stel­lung ab.
Auf einer Pres­se­kon­fe­renz trat die ten­den­ziö­se Absicht der Aus­stel­lungs-Macher unmiß­ver­ständ­lich her­vor. Beson­ders auf­schluß­reich die “Argu­men­te”, die Ebé­né ins Spiel brach­te, um jeg­li­che sach­li­che Kri­tik abzuwehren:

Sehr früh wur­de näm­lich deut­lich, dass Ebé­né jeden Hin­weis auf die Kol­la­bo­ra­ti­on der Kolo­ni­al­völ­ker mit den Deut­schen des­halb ablehnt, weil das “ihre Opfer rela­ti­vie­ren” würde. (…)

Die­se “Objek­ti­vie­rung” sei der Ver­such, Schuld zu rela­ti­vie­ren; und der Hin­weis auf die Zusam­men­ar­beit des Muf­tis mit Hit­ler etwa die­ne nur dem Ziel der Selbst­ent­las­tung der Deut­schen. Es gehe also bei der Ableh­nung der Aus­stel­lung durch Ebé­né “nicht um Zen­sur, son­dern um Wider­stand durch eine woman of colour”. Gro­ßer Jubel im klei­nen Saal der Stif­tung in der Linienstraße.

Es ehrt Götz Aly, daß ihm ange­sichts die­ses jam­mer­vol­len Schau­spiels der Kra­gen platzte:

Die Ein­sei­tig­keit der Aus­stel­lung sei “anti­auf­klä­re­risch”, mein­te er. Und das trotz der 18 Tafeln zur Kol­la­bo­ra­ti­on. So wer­de nicht nur ver­schwie­gen, dass die in der Aus­stel­lung gefei­er­ten schwar­zen Trup­pen der Bri­ten und Fran­zo­sen “unfrei­wil­li­ge Befrei­er” gewe­sen sei­en, son­dern auch, dass “jedes Dorf in Süd­west­deutsch­land von Ver­ge­wal­ti­gun­gen durch schwar­ze Sol­da­ten” berich­ten kön­ne, die “nicht anders als die Rus­sen” gehaust hätten.

Ver­schwie­gen wer­de auch, dass “einer der größ­ten Freun­de Nazi-Deutsch­lands” Mahat­ma Gan­dhi gewe­sen sei. Und das, weil es nun ein­mal “gleich­ge­rich­te­te Inter­es­sen” zwi­schen den anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kämp­fern und dem “Feind ihres Fein­des” gege­ben habe.

Die Tak­tik Phil­ip­pa Ebé­nés liegt offen zuta­ge: da benutzt eine “Afro­deut­sche” die “Schuld” der (fast wäre ich ver­sucht zu sagen: nicht-far­bi­gen) Deut­schen als Ramm­bock, um einen Kul­tur­kampf der “peop­le of color” gegen die “Wei­ßen”  zu lan­cie­ren, wenn man so will eine “ras­sis­ti­sche” Agen­da in eige­ner Sache.

Was Gan­dhi betrifft, die­se ver­lo­gens­te aller poli­tisch kor­rek­ten Iko­nen, so bedür­fen Alys Äuße­run­gen einer Kor­rek­tur.  Neu­lich bin ich zufäl­lig auf eine berühm­te Erle­di­gung des grob geschichts­ver­fäl­schen­den Films von Richard Atten­bo­rough gestos­sen, ver­faßt von Richard Gre­ni­er 1983 in der jüdi­schen Zeit­schrift Com­men­ta­ry.  Mit die­sem Film wur­den schon Genera­tio­nen von Schul­klas­sen im Religions‑, Eng­lisch- oder Geschichts­un­ter­richt gequält.

Wie Gre­ni­er genüß­lich nach­wies, war der rea­le Gan­dhi nichts weni­ger als ein “Hei­li­ger” in unse­rem west­li­chen Sin­ne oder gar ein “wei­ser Volks­füh­rer”,  son­dern ein eben­so ego­zen­tri­scher wie exzen­tri­scher und pri­vat tyran­ni­scher Wirr­kopf.  Sei­ne “Gewalt­lo­sig­keit” und “Tole­ranz” sind weit­ge­hend hagio­gra­phi­sche Mythen, wäh­rend sich sein kon­junk­tu­rel­ler “Pazi­fis­mus” an der Gren­ze zum Schwach­sinn bewegte.

Um das zu illus­trie­ren, hier nur ein paar Bei­spie­le von Gan­dhis Stel­lung­nah­men wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs: Den von Hit­ler ver­folg­ten Juden emp­fahl er kol­lek­ti­ven Selbst­mord, um die Welt wach­zu­rüt­teln. Nach dem Krieg äußer­te er allen Erns­tes gegen­über einem Bio­gra­phen, daß die Juden, da sie nun sowie­so gestor­ben sei­en, dies doch auch sinn­voll gemäß sei­nes “Rat­schlags” hät­ten tun kön­nen. Das Mün­cher Abkom­men, das immer­hin Euro­pa vor einem Krieg bewahr­te, nann­te Gan­dhi inkon­se­quen­ter­wei­se einen “Aus­ver­kauf der See­le Euro­pas” und einen “Tri­umph der Gewalt”.  Im März 1939 emp­fahl er dann den Tsche­chen waf­fen­los und dabei “ruhm­voll unter­ge­hend” der Wehr­macht ent­ge­gen­zu­mar­schie­ren. Den mili­tä­ri­schen Wider­stand Polens hin­ge­gen nann­te er mys­te­riö­ser­wei­se “bei­nah nicht-gewalttätig”.

Als sich die Eng­län­der von Dün­kir­chen zurück­zo­gen, schrieb er an den bri­ti­schen Vize­kö­nig von Indi­en: “Die­ses Gemet­zel muß been­det wer­den. Ihr ver­liert; wenn ihr nicht auf­gebt, wird das Blut­ver­gie­ßen sich nur noch ver­grö­ßern. Hit­ler ist kein schlech­ter Mensch.” In einem Appell an das bri­ti­sche Volk rief er zur Kapi­tu­la­ti­on auf: “Über­laßt ihnen eure schö­ne Insel mit den schö­nen Gebäu­den.  Das alles könnt ihr ihnen geben, aber sie wer­den nie­mals eure See­le und euren Geist besit­zen können.”

Als das nichts fruch­te­te, rich­te­te sich Gan­dhi im Dezem­ber 1941 an den “guten Men­schen” hims­elf, und beschwor sei­nen “lie­ben Freund”, die Mensch­heit zu umar­men, “unab­hän­gig von Ras­se, Haut­far­be und Glau­ben.” Lei­der woll­te der Gröfaz nicht auf die “gro­ße See­le” hören.

Auch die poli­ti­sche Rol­le Gan­dhis beim Kampf um die Unab­hän­gig­keit Indi­ens wird gewal­tig über­schätzt. Der indi­sche Schrift­stel­ler V. S. Nai­paul ver­mu­te­te gar, daß sich die­se durch Gan­dhis unbe­rech­ba­res Ver­hal­ten eher um 25 Jah­re ver­spä­tet hät­te. Als schließ­lich die Eng­län­der das Land räum­ten, stürz­te Indi­en durch inne­re Unru­hen in ein gewal­ti­ges Blut­bad, bei dem nach Schät­zun­gen von His­to­ri­kern über eine Mil­li­on Men­schen umkam – was unter der bri­ti­schen Herr­schaft undenk­bar gewe­sen wäre.

Damit wären wir auch wie­der bei Götz Aly und Phil­ip­pa Ebé­né ange­langt. Noch­mal die Welt:

Er habe das Gefühl, so der Autor des Stan­dard­werks “Hit­lers Volks­staat” (…) dass mit der von Ebé­né gewoll­ten “Hom­mage” an die peop­le of colour, die gegen Hit­ler gekämpft hät­ten, das “Bild vom edlen Wil­den” gepflegt wer­de. Das sei aber eine Ver­ein­fa­chung, “die wir nicht brau­chen”. Dass aber gera­de die­se Ver­ein­fa­chung von bestimm­ten Krei­sen gebraucht wird, das war an die­sem Vor­mit­tag mit Hän­den zu greifen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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