Sezession
1. Juli 2004

Kinder an der Macht

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

sez_nr_6Sascha Z. ist Soldat. Aus Berufung, sagt er, das sei mehr noch als Überzeugung. Den Einzelkämpferlehrgang hat der ernsthafte dreißigjährige Panzergrenadier, den seine Stubenkameraden als „völlig humorlos“ bezeichneten, erstklassig bestanden. Das beste Ergebnis seit zehn Jahren, beschieden ihm die Ausbilder. Längst hält sich Sascha eine eigene Wohnung am derzeitigen Einsatzort. Ein kleines privates Fitneß-Studio mit diversen Bänken und Hanteln ergänzt das Mobiliar. Am Bettrand und auf der Toilette stapeln sich Männermagazine, Dossiers und Anleitungen zum Muskelaufbau. Sascha leidet unter seiner Schmalbrüstigkeit. Das würde der wortkarge Mann nie eingestehen. Zwischen Bücherregalen, in der penibel gerichteten Küche und über dem Bett des Junggesellen hängen große Sesamstraßen-Plakate. Ernie und das Quietsche-Entchen, Miss Piggy hysterischen Blicks, Oskar, der frech aus der Mülltonne lugt.Ganz neu ist die Klage über eine infantile und zunehmend regredierende Gesellschaft nicht. In den späten 1960ern wurde im Rahmen von Alexander Mitscherlichs Kritik und Vision einer vaterlosen Gesellschaft eine allgemein konstatierte Reifungshemmung nahezu schlagworttauglich. Später bemerkte Neil Postman in Das Verschwinden der Kindheit, daß es nur eine Frage der Perspektive sei, ob Kindheit oder Erwachsenenalter verschwänden und konstatierte zwischen Säuglingsalter und Senilität eine langgestreckte dritte Lebensstufe: die des „Kind-Erwachsenen“.
Mitte der Neunziger, im Zuge der massenhaften Versorgung deutscher Haushalte mit Privatfernsehen und den entsprechenden Blödelprogrammen und Voyeurshows, erschienen zahlreiche Bücher zur „kindlichen Gesellschaft“, und der Spiegel titelte mit dem Schreckensbild eines Morbus Infantilitatis. Vor einem halben Jahr sorgte ein Aufmacher auf den Lifestyle-Seiten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für Wirbel. Der Hohn, mit dem Matthias Heinen dort die Masse der altersmäßig längst erwachsenen „Endlospubertierenden“ bedachte, trieb den Redakteur der beachtenswerten und sonst recht nüchtern argumentierenden Internetseite www.single-dasein.de zur Weißglut und einem flammenden Manifest: „Wir Infantilisten sind nicht infantil, sondern infantilistisch!“ wurde da in Fettdruck gebrüllt, und: „Uns Infantilisten gehört die Zukunft, die Vergangenheit überlassen wir gerne euch.“ Erhellend ergänzt durch Analyse und O-Töne der infantilen Generation wurde Heinens Artikel im übrigen durch das Kursbuch „Die Dreißigjährigen“ vom Dezember 2003 – das Dilemma der gelangweilten Pop-Generation ohne „abenteuerliche Herzen“ wird hier greifbar.
Die Kritik an Infantilismusvorwürfen wiederum ist so alt wie das eigentliche Symptom: Erstens, so argumentieren gerne die Sozialdemokratie und ihre wissenschaftlichen Adepten (etwa Ulrich Beck), seien Gemeinsinn und soziales Engagement unter jungen Erwachsenen niemals stärker ausgeprägt gewesen als derzeit. Außeracht gelassen wird dabei, daß gesellschaftliches Engagement sich heute weitgehend auf vereinzelte, überindividualisierte Zusammenhänge beschränkt und das Private wie das Gemeinschaftsganze ebensowenig tangiert, wie es etwas über vollmenschliche Reife aussagt. Eine ehrenamtliche Tätigkeit für Amnesty International oder Greenpeace zieht eben nicht nach sich, daß der alten Frau oder der hochschwangeren in der U-Bahn der Platz überlassen wird. Auch schwindende Manieren sind ein Aspekt der Unreife.
Zweitens, sagen die „Infantilisten“, wurden Naivität, Verspieltheit, das enthemmte Laufenlassen der Emotionen von modernen Kunstströmungen und gesamtgesellschaftlich von den rebellierenden Achtundsechzigern geradezu eingefordert und wirkten letztlich „kulturprägend“. Rebellion aber ist heute passé, ihre Fragmente versanden in schlingensiefschem Dadaismus, im Linksspießertum der Jusos (Stimme und Rede von Niels Annen verbildlichen doch mehr einen halbkindlichen Schlipsträger denn einen jungen Mann) oder in demokratisch fest strukturierten NGOs, und vor allem mangelt es an Subjekten mit entsprechender – rebellischer – Veranlagung.
Das juvenil Aufbegehrende ist heute einer Vermeidungshaltung gewichen. Der große Studentenprotest des vergangenen Winters: Das war nicht mehr als der risikofreie Trotz pöbelnder Halberwachsener mit vollausgeprägten Nehmerqualitäten – Vater Staat hat zu sorgen und dabei größtmögliche Zwanglosigkeit zu gewähren. Fett und impotent werden: Was Winston Churchill dereinst den Deutschen wünschte, hat sich längst weltumspannend erfüllt.
Das Schwinden der „Großen Erzählung“, die Auslöschung gemeinschaftsstiftender, identitätsbildender Mythen, die im Rahmen der Postmoderne-Diskussion so begrüßt wie von anderer Seite beklagt wurde, das anything goes als Gebot wegbrechender Grenzen in jeglicher Hinsicht, hat nicht zu einem furiosen Ausgreifen des Individuums, zum beherzten und neu ermöglichten Wagen großer Schritte geführt – zumindest nicht in der Sphäre des Privaten. Die wurde um so enger geschnürt, je bedrohlicher die aus den Fugen geratene Welt den Menschen auf sich, die eigene Verantwortung und Potenz, zurückwarf. Der Zusammenbruch des „indoeuropäisch-jüdisch-islamischen Triebkontrollsystems“ (Robert Bly) hat den Menschen nicht zur Mündigkeit befreit, er hat im Gegenteil eine Rückentwicklung in kindliche Verhaltensmuster begünstigt. An die Stelle der vertikalen Orientierung – an Gott, am Mythos, an einer Ältesten-Kultur – ist der horizontale Blick, der stets unsichere Seitenblick und die Macht der peer group getreten. Die Resultate beschrieb bereits Alexander Mitscherlich treffend, heute bewahrheiten sie sich in ihrer Maximierung. Durch das Schwinden des Begriffs der Reifung als kollektiv anerkannte und geforderte Entwicklung des Individuums entstehen „Moment-Persönlichkeiten“, die ihre Impulse allein aus der situativen Bedingtheit entlehnen. Der derart angepaßte, „außengeleitete“ Mensch lebt letztlich eine kollektive Neurose – ohne den Ausgleich persönlichen Unbehagens. Denn bequem ist das Verharren in infantilen Rastern allemal. Zeiten des Friedens legen solches Verhalten nah.
Stephan Schlak nennt im Kursbuch 154 diesen freiwillig unmündigen Lebensstil im Vergleich mit dem Typus der „unbedingten“ jungen Männer der Vorvätergeneration, vor deren hochgestimmtem Idealismus „nur die letzten Fragen bestanden“ eine „flexible Kultur des Bedingtseins“: „Der Dreißigjährige von heute läuft nicht so sehr Gefahr, daß er sich wie seine unbedingten Vorgänger aus den zwanziger Jahren schuldig macht – sondern schon eher umgekehrt: daß er seine Unschuld nie verliert.“


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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