Sezession
1. Oktober 2004

Autorenportrait Horst Lange

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_7Es gibt Menschen, die gelebt werden. Sie finden sich in Situationen wieder, in die sie wegen eines seltsamen Mangels an Widerstandskraft geraten sind, obwohl ihnen zu jedem Zeitpunkt des Weges klar war, daß sie sich einem Abgrund nähern. Das Handeln ist von Ergebenheit in ihr Schicksal bestimmt. Dieses Schicksal wird als zugewiesen aufgefaßt, im Gegensatz zum amor fati jedoch passiv erduldet, nicht als Auftrag angenommen oder als Rolle ausgestaltet. Die Frage nach der Freiheit des Willens stellt sich von der Perspektive der Fliege aus, die im Spinnennetz hängt. Themen sind: das Leiden, das Hinein- und Hinabgezogenwerden, die Verstrickung, die Ausweglosigkeit und die Lähmung. Wenn Glaube hinzutritt, stellt sich die Frage nach der eigenen Schuld, die ihren Teil zum individuellen und allgemeinmenschlichen Versinken beigetragen hat. Dies ist die depressive Seite einer Theosophie, die alles von Gott, von einem Göttlichen herleitet und von der Fliege zumindest die Einsicht verlangt, daß der Faden, an dem sie klebt, nicht zufällig dort verlaufe. Heraklit hat diese Perspektive in ein anthropologisch illusionsloses Bild gekleidet: „Alles, was da kreucht, wird mit der Geißel zur Weide getrieben.“ Diese kraftvolle Übersetzung stammt von Horst Lange, der sich „geboren in einer verlorenen Zeit und in einem verlorenen Land“ sah und gegen das Verlorensein großartige Erzählungen und Romane setzte.

Horst Lange wurde 1904 in Liegnitz / Niederschlesien geboren. Sein Vater Ernst war Regimentsschreiber und Vizefeldwebel, seine Mutter Amalia Sophia eine gelernte Putzmacherin aus der Provinz Posen. Mit Blick auf die preußisch-protestantische Atmosphäre des Elternhauses und deren Abmilderung durch schlesische und – mütterlicherseits – katholische Einflüsse, spricht die neueste Literatur über Lange wieder von einem traditionellen Gegensatz zwischen westlicher und östlicher Kultur. Das ist viel, weil es die in der Wissenschaft so intensiv betriebene Emanzipation des Individuums von Herkunft und Landschaft abtropfen läßt. Östliche Duldungsfähigkeit und Passivität werden westlichem, vor allem preußischem Organisationswillen und Aktivismus gegenübergestellt. Solche Kategorien wirken – einmal für Lange geltend gemacht – über ihn hinaus, weil sie an sich und zu Recht dem Einfluß von Kultur, Elternhaus, Landschaft, Sprache eine größere Bedeutung zurückgeben.
Die Lyrikerin Oda Schaefer, Langes spätere Frau, schreibt in einem Lebensbild über ihren Mann: „Wie ein Zwang war es, das niederzuschreiben und festzuhalten, was ihn aus Quellen, Sümpfen und Flüssen der niederschlesischen Landschaft insgeheim gespeist hatte.“ Und Lange selbst sagt in einem Brief an Alfred Kubin: „Ich konnte wieder einmal sehr klar erkennen, wie das eigentliche Urerlebnis, aus dem alles herkommt, was ich bisher gemacht habe, in einem einzigen und gar nicht einmal sehr weiträumigen Landschaftsbezirk wurzelt. Es war eine wäßrige und morastige Bruchgegend, in der ich meine Jugend verbrachte.“ Von solchen Aussagen her kann Oda Schaefer ganz undramatisch mitteilen, daß „Wasser eines seiner Elemente, das andere die Erde“ gewesen sei.
Die Landschaft spielt in Langes Werken die wichtige Rolle eines spiegelnden Hintergrunds. Den Ton der Bücher bestimmen – als regionale Siegel wahrgenommene – die niederschlesische Melancholie, die Erdschwere des Gemüts, die Vergeblichkeit der klaren Formgebung angesichts der amorphen Wasserlandschaft. Dies alles begünstigt die Willenlosigkeit, Trunksucht und Selbstaufgabe der Figuren Langes, jedoch läuft alles bewußt und in der ausgefeilten Selbstreflexion modern ab, theoretisch sozusagen auf der Höhe der Zeit: Lange schrieb seine Landschaftsromane in Berlin, gebrochen, aus der Sicht eines Wahlstädters, keinesfalls nostalgisch oder romantisierend.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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